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Volume Nummer 9

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1894, III. Jahrgang, Nr. 1-52 (Public Domain)

. Verliner Illustrirte Zeitung. 
Die Zugstücke der jüngsten Berliner Theatersaison. 
Mit Illustrationen, von C. Wedenmeper. 
E⸗ sind ihrer nicht gar viele — recht betrachtet 
nur drei, und das Berliner Theater, vdas 
Lessing⸗Thegater und das Adolf-Erust-Theasler 
heilen sich darin. Die Autoren sind ein Deusscher, 
ein Franzose und, ein Engländer, von ihnen haben 
die beiden ersten bekannte Namen: Ernst Wichert 
und Victorien Sardou, der Engländer Brandon 
Thomas ist dem Berliner Theaterpublikum ein 
nomo novus. Und so verschieden diese Autoren, so 
verschieden auch ihre Stücke; das erste, Nus eigenem 
Recht“, ist ein vaterländisches Schauspiel in e 
das zweite, „Madamo sans géêno?“, ein Lusispiel, 
dem man das Prädikat „historisch“ geben könnte; 
und das dritte, „Charléy's Tante“, ift ein 
Schwank, ja, mehr als das: eine Farce von derber, 
altenglischer Komik. 
Dem ersten und dem dritten Stück haftete zudem 
zoch ein besonderes Interesse dadurch an, daß der 
Kaiser sie besonders protegirte, Grund genug fuͤr 
weite Kreise des Publikums, sich auch ihrerseits dafür 
zu erwärmen. Bei dem englischen Schwank hätte es 
war dieses kaiserlichen Interesses kaum bedurft, um 
hn zum Zugstück zu machen; einmal hieß der Theater⸗ 
direktor, der es zur Aufführung brachte, Adolph Ernst, 
der sein Publikum so dressirt hat, daß er jedes Stück 
mindestens 100 Mal aufführen kann, und dann liebt 
dieses Publikum den höheren Blödsinn, ob er nun 
aus England kommt doder heimisches Gewächs ift; 
aber indem „Charley's Tante“ b geworden 
ist, hielt es nun auch die sogenannte Gesellschaft“ 
zicht unter ihrer Würde, mit der kuͤriosen Bame 
Bekanntschaft zu schließen, wodurch den üblichen 
100 Aufführungen VBereits ein weitereshalbes Hundert 
zefolgt ist. 
Anders steht es mit dem Wichert'schen Schauspiel 
„Aus eigenem Recht“. Obgleich es in der 
Qualität den anderen beiden Stücken vorangeht, hat 
es doch in der Première nur einen sogenannten 
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Cessing⸗ Theater: Madamo Sans-géôéné, Scene aus dem 3. Akt. 
unter die Staatsraison. Die Seele der polenfreundlichen Partei ist der Schöppen⸗ 
neister von Königsberg, Rohde — die besie Figur des Stückes, in der ein Zug 
ragischer Größe steckt. Im Kampfe mit dem Kurfürsten zieht er den Kürzeren; ver 
assen von den Polen und seinen Mithürgern muß er in den Kerker wandern, aber 
x beugt sich nicht dem neuen Rechte, er pocht auf das alte, verbriefte und ver— 
iegelte, und selbst bei einer letzten Zusammkunft mit dem Kurfürsten, als sich 
er, Fürst zur Huldigungsfeier in die Kirche begeben und ihn auf Bitlen seiner, 
Rohde's, Tochter begnadigen will (fiehe Illustration), wenn er fich beugen würde, 
»eugt er sich n icht und kehrt erhobenen Hauptes, nachdem er Abschied von feinem 
dinde, die dem Erwählten ihres Herzens in die Walder Litthauens als Gattin 
olgen wird, genommen, in den Kerker zuruück. Es fehlt dem Stück nicht an spannenden, 
ꝛirksamen Momenten; aber wer sich nicht schon allein von der patriotischen Tendenz des 
Schauspiels begeistert fühlt, den wird das Stuͤck als solches sicher nicht begeistern, 
oieviel auch immer mit Worten und Säbeln darin gerasselt wird. — Die Auf— 
ührung inm „Berliner Theater“ dagegen ift eine vortreffliche. 
Madame Sans-géne“ im „Lessing⸗Theater“ wie verschieden ist doch dieses 
geueste Werk des alten Routiniers Vickorien Sardou von dem des preußischen 
Tammergerichtsraths. In jenem die Verherrlichung des Gottesgnadenthums, hier 
nit tändelndem Witz die Entkleidung des kaiserlichen Emporkömmlings von der Majestät. 
Es ist eigentlich ein Napoleon in Hemdaärmeln, der hier dargestellt wird, der von 
J— 7/* 
Berliner Theater: Aus eigenem Recht, Schlußscene aus dem 5 Akt. 
Achtungserfolg errungen, den die Kritik sogar noch um ein wenig ver— 
singerte, und es wäre wohl kaum über die üblichen Anstandsaufführungen 
hinausgekommen, wenn der Kaiser nicht gerade für diese Bühnenarbeit 
ein Interesse so stark und so dauernd bekundet hätte, daß dadurch auch das 
große Publikum auf das Stück, das übrigens von der nächsten Saison ab in 
das königliche Schauspielhaus überfiedelt aufmerksam wurde und es gesehen 
jaben wollte. 
„Aus eigenem Recht“ lebt und webt in derselben Ideensphäre wie 
die Wudenhruch'schen Hohenzollern⸗ Dramen, nur daß Wildenbruͤch auch 
Ils Königlich Preußischer Hof-Theaterdichter nicht ganz den Dramatiker, den 
Dichter verleugnen kaun, der er einstmals durchaüs war. Wichert aber ist 
veder Dramatiker noch Dichter; er ist ein fleißiger, ehrlich strebender, aber 
twas nüchterner⸗Schriftsteller, der mit feiner Prosa manch schönen Erfolg 
rxzielt hat. „Aus eigenem ARecht“ fuͤhrt uns rin Stück ostpreußischer Ge⸗ 
chichte vor: Die Lostrennung Ostpreußens von Poslen durch den Großen 
Kurfürsten, die inging der vollen Souveränilät für die Hohenzollern. 
Adel und Bürger in Östpreußen halten es mit den Polen, weil sie fuͤrchten. 
daß Brandenbuͤrg ihre —— nicht wahren wird, der Kurfuͤrst vertriti 
hnen gegenüber die Selbstherrlichkeit. die Unterdrückung der Einzelinteressen 
Adolf ErnsteTheater: Charleves Tante. 
Schlußscene aus dem J. Akt
	        
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