„Komme her zu mir, Georg, sieh mich an und
rede die Wahrheit, denn soeben hast Du die Un⸗
wahrheit gesprochen. Dir fehlt nichts. Sage mir
offen, warum Du nicht in die Schule gehen willst.
dast Du Furcht, will Dir wieder Jemand etwas zu
Leide thun?“
Nein, das nicht“, antwortete er mit Thränen
in den Augen, „aber mir ist so bange, da heute in
her Schule eine große Schlacht geliefert werden soll.
Mitthun kann ich ja nicht, und es werden wieder
iUle über mich herfallen, sich über mich lustig machen
ind mir obendrein noch Püffe geben.“
Ein Gefühl halb des Mitleides, halb der Bitter⸗
keit stieg in Fran Schredow auf,
„Daͤs ist eben Knabenart. Aber die Schule zu
versäumen, nein, das geht nicht an. Fasse Dir ein
derz, es wird wohl nicht so schlimm werden, und
spfern man Dir ernstlich zusetzen dollte, beschwerst
Du Dich beim Lehrer.“
Es war in der großen Pause. In dem Schul⸗
zimmer sah es in der That wie auf einem Schlacht⸗
elde aus dDie Knabenschaar stand sich in zwei
parteien gegenüber, Muth blizte ihnen aus den
zlugen, und ihre Wangen erglühten höher in Rauf—
und Kampfeslust. Wie sie zusammen rangen, auf⸗
nander einhieben, sich bekriegiten und besiegten,
und wie jeder, den kleinsten Vortheil wahrnehmend,
hen Gegner zu überwältigen und zu Boden zu
verfen suchte. Plötzlich ließen sich auf der Treppe
Schritte vernehmen, im Nu flogen die Knaben ge⸗
cheuchten Tauben gleich, auseinander und sfuchten
vieder Friede und Ordnung herzustellen. Trotzdem
hre Angst unnöthig oder verfrüht gewesen, fühlten
die jugendlichen Helden keine Lust, den vorzeitig be⸗
endeten Kampf wieder aufzunehmen, überboten sich
indeß in den lebhaftesten und leidenschaftlichsten
Auseinandersetzungen über den möglichen Ausgang
desselben. Der „tleine Jörg“ nahm keinen Theil
aran, trotzdem man ihn in erstere hineingezogen
hatte; er stand weinend in einer Ecke und unter—
uchte die Beulen, welche er davongetragen.
„Heule doch nicht, Jörg, Du wirst uns mit
Deinen dummen Thränen noch verrathen“, sagte
riner der Kameraden.
Georg gab keine Antwort, sondern weinte immer
weiter; da kum ein großer vierzehnjähriger Bursche
auf ihn zu, faßte ihn derb unter den Armen, hob
ihn auf die Schulter und rief jubelnd in den Tumult
inein: „Er muß 'ne Redé halten. Zur Strafe
nuß er 'ne Rede halten. Hört! Hört!“ Und mit
Halloh⸗ und Hurraruͤfen umgaben die wilden Jungen
den armen, gequälten Jörg, dem Schmerz, Wuth
ind Aerger Thränen auspreßten und der sich zwischen
den ihn' wie mit Eisenklammern packenden Händen
eines Gewalthabers zu drehen, zu winden versuchte
und nicht loszukommen vermochte. Er zitterte vor
Aufregung am ganzen Leibe und vernahm zorn⸗
bebend, wie eine jede seiner fruchtlosen Bemühungen
ein neues, homerisches Gelächter entfesselte. Jetzt
— jetzt wußte er sich nicht mehr zu helfen, seine
zrausame Lage hatte ihren Höhepunkt erreicht, da
am ihm ebenso unerwartet als unverhofft die
Rettung. Kurt Freiberg, der Held der Klasse, „der
ljange Kurt“ genannt, von Allen geschätzt und ge—
ürchtet, sprang für den kleinen Jörg ein, riß ihn
herab und vertheidigte ihn mit all' der geistigen
uind körperlichen Üeberlegenheit, welche ihm zu Gebote
and. Georg fühlte sich wie aus Todesnoth erlöst.
Wie athmete er auf, befreit zu sein, wie dankte er
einem großherzigen Beschützer! Wie schloß er sich
hm begeistert an für jetzt und für immer in freund⸗
chaftlicher, verehrungsvoller Ergebenheit! Um die
Tiefe der Gefühle ermessen und begreifen zu können,
die der „kleine Jörg“ dem „langen Kurt“ entgegen—
brachte, muß man sich sein liebeleeres Dasein, sein
verbittertes Gemüth vergegenwärtigen. Von dem
Tage an trat eine völlige Wandlung in Georgs
Leben ein. Man sah ihn nie mehr allein, immer
nur an Kurts Seite, der die Rolle des freundschaft—
lichen Beschützers und wohlwollenden Gönners in
liebenswuͤrdigster Weise spielte. In der Schule
war Georg jetzt gegen jeden Angriff gefeit, Keiner
wagte mehr ihm zu nahe zu treten. Aber auch
außer der Schule war er mit Kurt zusammen, machte
bei ihm zu Hause die Schularbeiten, war sein Be—
gleiter auf den Spaziergängen, sein Genosse auf
hem Spielplatz, sein Gefährte bei den Wasserfahrten.
Kurt war' das Kind reicher Eltern, und diese
ießen dem Freunde ihres Sohnes nicht nur ihren
Schutz angedeihen, sondern sie dehnten denselben
auch auf seine Mutter aus. Sie wußten die arme
Frau mit leichter Arbeit, welche lohnenden Verdienst
brachte, zu beschäftigen und bannten die grinsende
Bestalt der Sorge von ihrer Schwelle, an der sie
so lange gekauert hatte.
Die Jaͤhre kamen und gingen, vermochten aber
das freundschaftltche Verhältniß nicht zu lockern, und
die Jünglinge hielten, was sie sich als Knaben ver⸗
prochen hatten. Kurt und Georg hatten die Schule
ängst verlassen und bereiteten sich auf ihren künftigen
Beruf vor, welcher entsprechend ihren verschiedenen
ꝛebensstellungen ein sehr verschiedener war.
Kurts Vater, ein großer Kaufherr, der den über⸗
eeischen Handel in ausgedehntem Maße betrieb,
Berliner Illustrirle Zeitung.
vollte sich zur Ruhe setzen und den Sohn an seiner
zlelle jsehen. Zuvor aber sollte dieser einige Jahre
eisen, die großen Städte des In⸗ und Auslandes
esuchen, um Welt und Menschen kennen zu lernen.
luch Georg blieb den Ueberlieferungen seines Hauses
Areu und ergriff den väterlichen Beruf. Das
chifferhandwerk, welches in ruhigen Zeiten keine
esonderen Anforderungen an große Körperkraft
ellt, sagte ihm zu und ernährte ihn ausreichend.
xr uͤnternahm keine großen und kühnen Fahrten,
ie das sein Vater gelhan, aber so klein sein Wir—⸗
ungskreis auch war, er behagte ihm vollkommen,
ud' er war so zufrieden, wie er es niemals zu
Jerden gehofft halte. Von den Eltern des Freundes
rhielt er die angenehmsten Berichte aus London,
Zaris, aus Lissabon und Madrid, aus New⸗Yorl
ind Philadelphia, und es erfüllte Georg mit stolzer
freude, daß er ihn nicht vergaß und ihm jedesmal
zrüße bestellen ließ.
Endlich, nachdem Kurt fünf Jahre draußen ge⸗
esen, kehrte ex in die Heimath zurück. Eine präch⸗
ge Männererscheinung, der manches Weiberauge
pundernd und verlangend nachblickte. Kein
eibliches Wesen aber konnte ihn mehr bewundern
ls sein Freund, der „kleine Jörg“. Dieser Bei—
ame war an ihm haften gebleben und er trug
yn noch immer mit, voller Berechtigung, denn er
jar klein und unansehnlich und hatte nichts, was
u seinen Gunsten sprach, als sein treues, goldenes
»erz. Vielleicht war Kurt in dem Weltgetriebe, das
rennen zu lernen reichlich Gelegenheit gehabt,
ie Erkenntniß geworden, wie selten ein solcher
zchaß sei und wie sehr er gewürdigt zu werden
erdiente. Er schloß sich wieder mit der alten Wärme
n den Jugendfreund an, erfreute ihn mit inter⸗
fsanten und ungeheuerlichen Reiseberichten, lud ihn
u sich in's Haus und zechte wacker mit dem kleinen
zesellen, der bei Trinkgelagen mehr zu leisten ver⸗
nochte, wie manch ein kraftvoller Recke. Wie glücklich
ühlle sich Georg! Wie staunte er den Freund an
ind wie suchte ex dies auf jede Weise zu bethätigen!
deider bot sich dazu nurx wenig Gelegenheit, und
och hätte der „kleine Joörg“ — wir wissen, daß er
veder ein Held noch ein Riese war — keine Gefahr
sescheut, wenn es gegolten hätte, Kurt zu dienen
hu zu erfreuen. Sein Herz hatte nur eine Empfin⸗
ung und die war ein enthüsiastisches Gefühl der
zerehrung für den Jugendfreund.
Und doch — es kam eine Zeit, wo sich noch ein
nderes Empfinden seiner bemaͤchtigte, wo ein süßes,
eliges Gefühl von seinem Herzen Besitz nahm, wo
ie Viebe bei ihm Einzug hielt. Sie erfaßte den
rmen Georg mit unwidexrstehlicher Gewalt, sie
ackte ihn sturmwindartig, sie nahm ihn gefangen,
im ihn nicht wieder loszulassen. Wie unsagbar er
tt, unter dem Einflusse dieser Leidenschaft, für die
rkeine Erwiderung hoffte und nicht zu hoffen be—
echtigt war! Er, der kleine, schmächtige, häßliche
örg und sie, das große, schöne Mädchen, welches
aillem Jugendreize prangte. Denn war sie auch
ur eine Schifferstochter, die Natur selbst, hatte ihr
en Adelsbrief ausgestellt, welcher sie weit über ihren
ztand erhob. Das verhehlte sich Georg nicht, er
iederholie es sich unter den größten Schmerzen in
en schlaflosen Nächten, die er in seinem Boote ver—
rachte, wenn es ihn zu Hause nicht mehr litt,
Zeun es ihn hinaustrieb unter Gottes freien Himmel.
ier, ganz allein, die ewigen Wasser und die eilenden
volken als einzige Zeugen seines Schmerzes, ließ
r demselben freien Lauf. Er weinte, wie er so oflt
18 Knabe geweint, bittere, heiße Thränen. Er
ünkte sich wieder ebenso elend, so hülflos und ver—
assen wie damals in den fernen Kindertagen, als
er große Bursche ihn in die Höhe geschleudert und
ie mit eisernen Klammern umfangen hielt. War
r nicht auch emporgeschleudert worden, heraus aus
inem ruhigen pflanzenartigen Dasein, aus seiner
unschlosen Beschaulichkeit, und durchtobte nicht
asende Leidenschaft und wahnsinniges Verlangen
in heißes Herz? Und hielt es ihn nicht wie mit
zisenklammern darnieder, das Bewußtsein seiner
»hnmacht, die Ueberzeugung daß er nicht geschaffen
i, um geliebt zu werden, geliebt von einem so
hönen Mädchen?
„Allerbarmer, nimm mich hinauf zu Dir oder
hleudere mich hinab in die Tiefe des Meeres, nur
ꝛeg von dieser Erde, weg von dieser Stelle, wo ich
ie täglich sehen muß, die ich liebe und niemals
esitzen darf.“
So betete Georg in einem Augenblicke der
zerzweiflung und der höchsten Noth. Es war dies
iner jener Augenblicke, die in keinem Menschen—
eben fehlen, die ein Jeder, wenn auch nur ein
inziges Mal, kennen lernt, einer jener Augenblicke,
‚o man vermeint, tief unter der Erde zu liegen,
ingesargt und begraben, aber nicht ohne das
öllenbange Bewußtsein alles Erdenleidens und
ller Erdenschwere.
Sie ging vorüber, die dunkle Stunde mit ihrem
hweren Ringen, ihren harten Kämpfen, und Georg
laubte den Vämon der Leidenschaft besigt zu haben.
ẽr wußte kaum selbst noch, daß er litt und wie er
itt, einem Anderen aber, dem Freunde, konnte sein
ummes Leid nicht entgehen.
—A
Nicht vergeblich war es, daß er sich der Knaben⸗
eit erinnerl des glücklichen Augenblickes, als ihn
durt von seinem Ängreifer befreite, um ihn für's
deben an sich zu knuͤpfen. Was ihm damals der
dnabe gewesen, war ihm heute der Mann: ein
selter, din guter Geist, ein segenspendendes Schicksal.
,„Tod und Teufel, Junge, gib Deine Leichen⸗
zittermiene auf und lege mir eine unumwundene
Beichte ab. Daß Du verliebt bist, sehe ich, ebenso,
zaß der Pfeil sehr tief eingedrungen. Jetzt aber
nußt Du mir sie nennen, die Dein Herz getroffen
jat, denn so weit, geht mein Ahnungsvermögen
ucht, daß ich auch ihren Namen errathen kann.“
Georg war es zu Muthe wie einem ertappten
Zerbrecher, als er den Freund im Besitze seines
Zeheimnisses sah.
„Ich begreife Dich nicht —
Aber ich begreife Vich, begreife Dich voll—
fommen,“ fiel Kurk dem wie entgeistert Dastehenden
's Wort. Er that ihm leid, der „kleine Jörg,“
er von einer so großen Leidenschaft erfaßt war,
eren Wucht ihn niederdrückte, den hülflosen Menschen,
as große Kind.
„Das ist doch eine sehr natürliche Sache in
deinen Jahren, Du zählst jetzt vierundzwanzig.
Wohlan, rede, nenne ihren Namen.“
7Ich kann es nicht,“ erwiederte Georg halblaut.
Dů kannstes nicht? Possen! Er wird doch
aicht unaussprechlich sein. Sei vernünftig, sage
nir, wer sie ist.“
„Ich bin unvernünftig, wenn ich es sage.“
So sei unvernünftig in drei Teufels Namen,
nur nenne sie mir.“
* „Hertha Hellmers,“ kam es zögernd von seinen
dippen.
Kurt erwiderte nichts. Die beiden jungen
Nänner gingen eine Weile stumm neben einander
ser. Er schweigt,“ sagte Georg, „weil er mir
licht in's Geficht lachen, mir nicht sagen will, daß
r mich für einen Narren hält, der näch Unerreich⸗
arem sirebt, weil er mich bedauert.“ Ein tiefer
ZSeufzer entrang sich seiner Brust.
Da brach Kurt das Schweigen.
„Du hast gut gewählt, Jörg.“
Spotte nicht, Kurt. Alles, nur das nicht.“
Das ist auch nicht meine Absicht. Ich wieder—
sole Dir, Du haäͤst gut gewöhlt.“
„Zu gut für mich.“
nsinn! Welches Mädchen ist zu gut für einen
reuen, ehrlichen Menschen, wie Du einer bist? Dein
Aeußeres allerdings —“
„Rede nur aus, schone mich nicht, schelte mich
inen Narren.“
„Ein Narr? Nein, das bist Du ebenso wenig,
vie Du ein Adonis bist, aber nichts destoweniger
nuß Dich ein Mädcheu lieben, wenn es Dich kennt,
vie ich Dich kenne. Sprich mit Hertha, frank und
rei, wie Dir's um's Herz ist, und sie wird nicht
nein sagen.“
„Es geht nicht, Kurt, ich kann es nicht wagen.“
Gut' denn, so rede für Dich, laß mich Dein
Brautwerber sein.“
Und Kurt war ein glücklicher Brautwerber, der
as rechte Wort zu sinden gewußt hatte, denn schon
im nächsten Tage konnte er dem „kleinen Jörg“
zertha's Einwilligung überbringen.
Der fiel dem Freunde um den Hals und küßte
hm die Hände; reden konnte er nicht, ein innerer
zubel durchzitterte den ganzen Menschen und ver—
lärte feine Züge. Nach zwei Mongaten war die
zochzeit und die Leute meinten, die schöne aber
rme Hertha habe sehr klug gethan, den „kleinen
zörg“ zu heirathen, der so vornehme und reiche
zönner habe, die ihn in jeder Weise förderten und
eschützten. Sie rüsteten denn auch das Hochzeits-
nahl im eigenen Hause, und bei Tische verkündete
durt den hoch aufhorchenden Gästen, daß er das
leine Straͤndhäuschen habe herrichten und frisch
iusbauen lassen, als Hochzeitsgabe für seinen
freund. Welch ein Jubel, welch eine freudige
jeberraschung! Gläserklingen und Danksagungen,
stührung, Tischreden und Trinksprüche, alles wogte
»urcheinander, um sich schließlich in Tanz und
Musik aufzulösen. — —
Georg lebte seit Monaten in seinem kleinen
zäuschen am Strande die glücklichsten Tage an der
Seite seiner jungen Frau. Nach einem Jahre
chenkte sie ihm einen Sohn. Wie er ihn liebte
iesen prächtigen, kleinen Buͤrschen, wie stolz er auf
hn war! Wiẽ kam nur der häßliche, „kleine Jörg“
u einem so herrlichen Knaben! Ja — er war eben
sanz die Mutter, so zart und fein die Züge, ihr
zbenbild. Und oft stand er an der Wiege des
zchlummernden, legte segnend die Hand auf das
leine Haupt, blickte feuchten Auges auf sein Weib
ind sein Kind, und leise Worte des Gebetes drangen
hm über die Lippen. Man muß dem Schöpfer
ruch dankbar sein, damit er einem sein Glück erhält,
agie er sich in der frommen Einfalt seines
ßemüthes.
(Schluß folgt.)