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Der „kranke Mann“ am Bosporus lebt noch
mmer, Ferdinand von Bulgarien ist noch unbe—
zzätigt, lebt dabei aber in seinem Ländchen einen
guten Tag und setzt Fett an; Alexander der Kleine
von Serbien ist ein Jahr älter geworden und der
Fürst von Monaco hat einen neuen Orden gestiftet:
den Casino-Orden am Bande mit gekreuzten Schau—
teln, zur Belohnung für pensionirte, um dem Staat
oderdiente Croupiers.
Man muß gestehen, dieser kurze Rück- und Um—
blick auf die Ereignisse des Jahres 1892 bietet nicht
oiel Erfreuliches. Wir sehen dem kommenden Jahre
mit jener Empfindung entgegen, die in dem Satz
zipfelt: Schlechter kann's nun wirklich nicht mehr
werden. Und da das einzig Dauernde der Wechsel
ist, so muß es ja wohl besser werden.
Und das ist es, was wir uns und allen unseren
Lesern wünschen. Ein Besserwerden, eine dauernde,
durchgreifende Gesundung unserer wirthschaftlichen
und socialen Verhältnisse. Sie thut uns wahr—
haftig Noth. Und noch Eins erhoffen wir vom
Gemma Bellincioni,
der neue italienische Gesangsstern,
neuen Jahr, etwas was uns auch das alte Jahr
crotz aller „Schlechtigkeit“ gewahrt hat: den Frieden!
Auf diese Basis stützen wir alle unsere Hoffnungen
und Wünsche.
Darum — trotz alledem! — den Blick vorwärts
in die Zukunft gerichtet. Prosit Neujahr!
In der Hylvesternacht Perlins.
Zu unserm Bilde auf .19
— alte Jahr liegt im Sterben. Immer weiter
2 rückt der Stundenzeiger vor; immer lebhafter
wird es auf den Straßen, und dort wieder in den
Hauptverkehrsadern; am lebhaftesten aber an dem
Kreuzungspunkte der Friedrichstraße mit den ‚Linden“,
in der „Kranzler-Ecke“, wo, alter Tradition gemäß,
der echte Berliner, der in seinen Neigungen konser—
vativ ist, das neue Jahr zu begrüßen pflegt.
Aus allen Straßenzügen kommt es herangeströmt
ind ballt sich dort zü dichten Massen zusammen
dier ist alles vertreten, vom eleganten Lebemann,
der soeben vom Souper bei Dressel oder Uhl kommt,
um einmal den „Jux“ mitzumachen, bis herab zu
den Vertretern der ehrsamen Gilde der „Ballon—
mützen“, die schaarenweise aus ihren geliebten Reh—
bergen heruniergestiegen sind, um sich wieder einmal
die Lungen in ürkräftigem Gebrüll zu weiten und
ihren geschworenen Feinden, den „Blauen“ (den
Verliner Illustrirle Zeitung.
Schutzleuten) allerlei Schabernack zu spielen. Oie
etzteren sind denn auch in beträchtlicher Stärke, zu
rzuß und zu Pferde, aufgeboten. Allenthalben
euchten die Pickelhauben aus den dunklen, sich
angsam hin⸗ und herwälzenden Massen, in denen
ruch die edle Weiblichkeit in mancherlei, allerdings
uicht durchweg „edlen“ Exemplaren vertreten ist,
ruf. Nur mühsam, Schritt für Schritt, unter
tetem Anruf der Kutscher, bahnen sich die Droschken
ind Wagen ihren Weg durch das Gewühl, über
velches die elektrischen Lampen ihre bläulichen
Schlaglichter werfen. Und weit darüber wölbt sich
der Millionengestirnte dunkle Nachthimmel ...
Ein dumpfes Summen und Brausen, wie das
ßranden des Meeres vor dem Sturme, steigt von
»en tausendköpfigen Massen auf. Aber noch ist es
derhältnißmäßig still. Und diese negative Stille
teigert sich zur fast absoluten Ruhe in den letzten
Minuten vor 12 Uhr, um dann mit dem Glocken—
chlage zwölf einem förmlichen Indianergeheul zu
veichen“ Dazwischen die gellenden Pfiffe der
„Ballonmützen“. Und alles übertönend der tausend—
ehlige Ruf: Prosit Neujahr!
Aber es bleibt nicht nuͤr allein beim Schreien
ind „Prosit Neujahr“Rufen. Hier und dort treibt
man einem Unglücklichen, der so unvorsichtig war,
sich muͤ einem Cylinder in diesen
döllenbreughel zu wagen, denselben
uͤber die Ohren. Nicht jeder läßt
sich das gutwillig gefallen, und so
entwickelt sich im Handumdrehen
zu Ehren des neuen Jahres eine
zemöthliche kleine „Holzerei“, die
damit endet, daß plötzlich derb zu—
zreifende Schutzuannsfäuste an den
dragen der ärgsten Schreier und
Skandalirer sitzen und sie aus dem
Sewühl herausschleifen, um fie nach
der nächsten Polizeiwache abzu—
führen. Eine jede solche Sistirung
wird natürlich mit hellem Hallo
„begrüßt“.
Noch aber ist die Uhr des alten
Jahres nicht abgelaufen, noch
zietet die „Kranzler-Ecke“ das oben
kizzirte Bild. Wir entrinnen dem
Bewühl und lenken unsere Schritte
»stwärts, der Altstadt entgegen.
Mehr und mehr verhallt hinter
uns das dumpfe Gebrause, wie
wir auf dem hartgefrorenem Erd—
boden der großen Mittelpromenade
uinter den kahlen Bäumen dahin—
chreiten.
„Kaiser's“⸗Palais! Noch immer
Jeißt so im Vollsmunde der schmuck—
ose Bau mit der Rampe, auf der
angsam die Wachtposten, das
Hewehr im Arm, dahinschreiten.
Das Haus, auf welches einst Jahr—
zehnte hindurch die Augen der
Welt gerichtet waren, welches den
yöchsten Glanz und die tiefste Trauer
zjeschen, in dem jeder Stein eine
hedeutsame Sprache redet — es ist
jetzt ein stilles Haus geworden
aund sein Bewohner ein stiller Mann,
der draußen im Mausoleum zu
Charlottenburg unter marmornem
Särkophag den ewiagen Schlaf
schläft ...
Und weiter gelenkt den Schritt. Vorüber am
Opernhause, an den ehernen Denkmälern der Helden
der Befreiungskriege, drüben die Universität, weiß—
seuchtend in Marmor die beiden Humboldt — ein
inderes „stilles“ Haus, in dem die Wände erzählen
»on einemin tieftragischen, groß angelegten Fuͤrsten—
Dasein, von einem glücklichen Familienleben, von
sochfliegenden Plänen und Entwürfen, von jähem
herzelesid, vom „Lerne leiden, ohne zu klagen“.
daifer Friedrich's Haus ...
Vorüber, vorüber!
Ueber die Schloßbrücke mit den weißleuchtenden
Fziguren, am breit und massig, wie für die Ewig—
eit dahingelagerten, Schloßbau, über die Kurfürsten—
zrücke in die Königstraße hinein.
Und hier umfluthet uns wieder das Leben.
lus allen Fenstern schimmert das Licht der Weih—
iachtskerzen, die man zu Ehren Sankt Sylvesters
ioch einmal angezündet, in den Restaurants buntes
deben und Treiben. Ueber das alles erhebt sich
vie ein Riefenfinger der Rathhausthurm mit den
ier hell erleuchtelen Zifferblättern der großen Uhr
in den Seiten in die dunkle Nacht hinein
Noch eine Minute ..
Der Pulsschlag der Weltstadt scheint zu stocken ...
il' die Tausende den Athem anzuhalien ... ein
zahr ist im Begriff in das Meer der Ewigkeit
inabzusinken ..“ ein neues steht an der Schwelle
es Lebens ... da — ein voller, langverhallender
röhnender Glockenschlag von St. Nicolai her ...
ioch einer ... Der Zeiger der Rathhausuhr ist auf
ie zwölf geschnellt . und nun in majestätischen
3
Akkorden der Posaunen vom gewaltigen Thurm
herab der Choral: Nun danket alle Gott!
Ein jubelnder Aufschrei gaus tausend und
ausend Kehlen. Man schüttelt sich auf der Straße
»ie Hände — die Fenster fliegen auf und fröhliche
Menschen, das dampfende Punschglas in der Hand
iegen sich hinaus — und hinauf und hinunter,
sinüber und herüber, das feierliche Glockengeläut,
zie Choralklänge übertönend, in allen Theilen der
unendlichen Staädt, bis hinein in die fernsten Aus—
äufer derselben, hallt nur der eine Ruf:
Prosit Neujahr!
Feoncavallo und Gemma
Vellincioni.
Die italienische moderne Kunst wurde in Berlin
D Win den verflossenen Wochen sehr gepflegt und
'ann sich sicher nicht über Zurücksetzung beklagen:
m Opernhause ging Leoncavallo's Musikdrama
„Bajazzi“ in Scene und erlebte nach seinem stür—
nischen Erfolge eine fast ununterbrochene Reihe von
Kuggiero CLeoncavallo,
Komponist der Oper „Bajazz3i“.
Wiederholungen, im Lessingtheater schaffte Eleonore
duse stets aüsverkaufte Häuser zu außerordentlichen
breisen, und bei Kroll sang Gemma Bellincioni,
Ftaliens größte Opernsängerin, und riß ihr
publikum hin. Die Duse halten wir unseren Lesern
chon im Bilde vorgeführt, heute bringen wir die
Portraits Leoncavallo's und der Bellincioni. Die
talienische Oper scheint berufen, eine neue Glanzzeit
zu erleben und sich die Welt zu erobern. Mascagni's
„Cavalleria“ und „Freund Fritz“ errangen die
rsten großen Erfolge, ihnen folgten alsdann
die Opern „Mala vita“ von Giordano und
Al Santa Lucia“* von Tasca, denen sich dann
2eoncavallo's „Bajazzi“ anschloß. Schon bei der
lüchtigen Vergleichung dieser fünf Opern finden
vir allen eine gewisse Familienähnlichkeit gemeinsam
ind es scheint, daß sie alle nach demselben Plane
zearbeitet sind, was ihnen naltürlich nichts von
hrem hohen musikalischen Werthe nimmt. Seine
zenossen, die ähnliche Bahnen wie er einschlugen,
iberragt Leoncavallo schon durch die Vielseitigkeit
einer Begabung. Wie Wagner, so dichtet er die
Texte zu seinen Opern selbst, es spricht sich in feinem
„Bajazzi“ außer der musikalischen auch eine be—
zeutende dichterische Kraft aus. In der Oper schil—
ert er ein Ereigniß, das sich im August des Jahres
865 bei Montato in Kalabrien wirklich zugetragen
sjaben soll und uns ein Stück italienischen Volks—
ebens vorführt. Die Handlung dreht sich, wie
neist in dem heißblütigen Italien, um Liebe und
rifersucht und endet mit einem Doppelmord der
zattin und des Nebenbuhlers durch Bajazzo. Die
5prache der Dichtung ist, wie die Uebersetzung von