„Sie wollen mir meinen Ring nicht wiedergeben“,
zief die Frau angstvoll fragend. „Sie müssen es
hun. Sie haben kein Recht an meinem Eigenthum.“
Ein satanisches Grinsen verzerrte Ehrlich's Ge—
sicht. Seine unsteten Augen weideten sich an der
Angst der Bedauernswerthen.
Habe Ordre von der Polizei, Verdächtiges an—
zuhalten, und Ihr Betragen ist mehr als verdächtig.“
„D mein Gott“, rief die gequälte Frau die
dände ringend. „Der Ring ist meine letzte Hilfe,
soll ich ihn so verlieren?“
Der Schlosser Falkner hatte dem Zwiegespräch
mit steigendem Zorne zugehört. Jetzt konnte er
einer Entrüstung nicht mehr Herr werden und
wandte sich, seine Arbeit verlassend, an Ehrlich.
„Geben Sie doch der Frau den Ring zurück“,
'agte er heftig. „Daß die keine Diebin ist, kann
doch ein Blinder merken.“
„Was fällt Ihnen ein, sich in meine Geschäfte
zu mischen“, krähte der Makler dagegen. „Unter⸗
sehen Sie fich nicht drein zu reden, sondern bleiben
Sie bei Ihrer Arbeit, guter Freund.“
„Der Teufel ist Ihr guter Freund“, entgegnete
Falkner grob. „Geben Sie der Frau den Ring
vieder oder kaufen Sie ihn, das ist Ihr Geschäft,
iber nicht die Menschen zu quälen.“
Der Pfandleiher schien den Sprecher mit einem
giftigen Blick durchbohren zu wollen, aber Falkner
nachte sich nichts daraus, sondern wandte ihm den
Rücken und sich der Arbeit zu.
„Was wollen Sie denn überhaupt für den Ring
zaben?“ schnarrte Ehrlich die Frau an.
Fortsetzung folgt).
In der Garderobe.
Berliner Sittenbild.
Ein kalter Februartag. In dem langgestreckten,
S leidlich erwärmten Garderobenraum des großen
Konzertlokals sitzen die Garderobièren in kleinen
Abständen bei einander. Ihre erste Abendarbeit ist
gethan. Sie haben den Konzertbesuchern die
Zarderobenstücke abgenommen und ihren Obolus
dafür empfangen. Nun bleibt ihnen zwei Stunden
Zeit für den grauen Strickstrumpf oder die weiße
Säkelarbeit. Nur selten, daß eine der Frauen zu
rurzer Unterhaltung in den Abschlag der anderen
huscht, oder zwischen den Nachbarinnen, die auf
dörweite von einander sitzen, ein Wort laut wird.
Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen, diese Frauen,
die da allabendlich ihre bestimmte Stundenzahl ab—
itzen, zufrieden, wenn es sich nur um ein Konzert,
und nicht um ein Ballfest handelt, das sie bis in
den grauen Morgen festhält. Eben hat der zweite
Theil begonnen. Eine berühmte Konzertsängerin
wird sich hören lassen. Die Blicke der Garderobiéren,
die sich bis jetzt noch ab und zu nach dem Eingang
derirrten, um den Zuspätkommenden hilfreich zur
dand zu sein, heben sich jetzt nicht mehr von der
dandarbeit auf. Die Frauen wissen ganz genau,
daß von dem Augenblick an, da die Franzen auf—
ritt, es kein Zuspätkommen mehr giebt.
Nur eine der Frauen, eine blasse Blondine, die
einmal sehr schön gewesen sein muß, ehe Kummer
und Sorgen sie vor der Zeit altern ließen, kann
den Blick nicht von der Eingangsthüre wenden.
Die Franzen hat ihr erstes Lied zu Ende gesungen.
Donnernder Beifall schallte bis hinaus in den
Garderobenraum, eben erklingen die ersten Töne
des zweiten Liedes, da fliegt's wie Sonnenschein
über die verhärmten Züge der Frau. Die Ein—
gangsthür hat sich zu einem kleinen Spalt geöffnet
und durch den Spalt ist ein zierliches, elfenhaftes
Geschöpf gehuscht. Es trippelt an der blassen Frau
⸗orüber, wirft ihr Kapuze und Mantel zu, legt den
Finger Schweigen heischend auf den Mund, hüpft
bis zu den Billetabnehmern an der Thür des Saales,
macht eine schmeichelnde Geberde und wirklich wird
die Saalthür zu einem Ritz geöffnet und der graziöse
Blondkopf lugt mit großen verlangenden Augen
hinein in die bunte, feenhaft erleuchtete Welt, und
auscht mit verhaltenem Athem und laut klopfendem
derzen den Tönen der berühmten Sängerin.
Die Frau aber sieht nichts mehr als das blonde,
eenhafte, kleine Geschöpf. Ihre verzückten Blicke
jaften an dem einzigen Kinde. Weit hinten, in
einem der entlegensten Garderobenstände wird fol—
gendes Gespräch geführt: „Wie die Müllern das
Kind wieder rausgeputzt hat — 's ist 'ne Schande,
»ie sauer verdienten Groschen der eitlen Kröte auf
den Leib zu hängen!“
„Eine so brave Person die Müllern, fast nicht
zu glauben, daß sie in den Balg so vernarrt ist.“
„Ganz und gar überschnappt ist sie ja wohl.
Mitten im Winter ein helles Waschkleid und bunte
Schleifen. Na, wenn das ein gutes Ende nimmt!“
Die Diva hat ausgesungen. Auf den Zehen
rippelt Grete Müller zu dem Garderobenstand ihrer
Mutter zurück
Perliner Illustrirte Zeitung.
„Nun, Grete,“ fragt die blonde Frau und streicht
anft über den goldig glänzenden Scheitel ihres
dindes, „hat die Franzen oͤn gesungen? Hast
du auch was davon gelernt?“
In —e Aber bitte, bitte Mutter,
oenn Du den rothen Plüschmantel mit dem grauen
zelzbesatz wieder unter Deinen Sachen hast, laß
hn mich mal anfühlen.“
Frau Müller schüttelte den Kopf, aber sie wider⸗
tehl des Kindes Bitte nicht. Sie öffnet die Klappen
n dem Garderobentisch, die den Zugang zu ihrer
sBiheilung bildet und weist dem Kinde den kost⸗
aren Mantel. .,
Mit begehrlichem Glanz blieben Grete Müller's
ALugen an dem Mantel haften.
Der Garderobenraum des großen Konzertlokals
ieht heut nicht viel anders aus als an jenem Fe—
ruarabend vor sechs Jahren.
Auch die das Publikum bedienenden Frauen sind
ie gleichen. Nur hie und da hat der Tod, Krank—
seit oder eine Schicksalswendung einen Platz frei
semacht, den nun eine andere behauptet.
Frau Müller sitzt an derselben Stelle. Sie hat
ich in diesen sechs Jahren wenig verändert. Sie
st in der Jugend zu schnell gealtert, dann tritt
iaturgemäß in gewissen Jahren ein Stillstand ein.
Die schlichte Tracht, die glatten, blonden Scheitel
nit dem blendend weißen Häubchen darauf — es
st alles an ihr wie es damals gewesen, als Grete
ioch ein kleines blondlockiges Mädchen war, das
en Thürstehern den Lug in den Saal abschmeichelte.
Lur der Mutter Stellung zu den Kolleginnen scheint
ine andere geworden zu sein. In ihrem kleinen
schlag und vor demselben wird es heut nicht
eer. Alles hat eine ganz besondere, eine Art ehr—
ürchtige Haltung gegen sse angenommen. Und nun
hird eine Stimme nach der andern laut:
„Aber Müllern, wie kann man so eigensinnig
in. Hier sitzen bleiben, wenn sein eignes Fleisch
nd Blut da drinnen singt!“
„Müllern, sind Sie des Teufels? Achtzehn Jahre
aben Sie sich für das Mädel geschunden, und nun
zie was davon haben könntem, sitzen Sie hier und
ehmen Garderobe ab, anstatt sich da rein auf die
rste Bank zu setzen, wohin Sie von rechtswegen
zehören, denn ohne Sie wäre doch nichts aus der
zrete geworden.“
Die Billetabnehmer gesellen sich dazu, sie ver—
inen ihre Bitten mit denen der Garderobefrauen.
„Na, Frau Müller, nun wird's aber Zeit. Gleich
ommt die Grete 'ran.“
„Sie brauchen ja nur die Haube abzustecken,
onst sehen Sie reputirlich genug aus — einfach
ind gediegen, gerade wie meine Geheimräthinnen
vei dem Abonnementconcert.“
Aber die blasse Frau, die heut vielleicht noch um
inen Schein blässer ist als sonst, schüttelt zu alledem
anft abwehrend das Haupt.
„Nein, es ist besser so. Die Grete könnte es
eniren. Auch ist's nur ein Versuch heute — bis
ch nicht weiß, ob es geglückt, bleibe ich auf meinem
zosten.“ Und für sich selbst dachte sie weiter:
„Auf meinem Posten, auf dem ich am besten er—
ahre, was an meinem Liebling ist.“
Grete Müller's Gesang — sie tritt unter dem
damen Molenari, den ihr Gesangsprofessor ihr
eigelegt, zum ersten Mal in die Deffentlichkeit —
vird mit freundlichem Beifall aufgenommen.
Frau Müller empfängt die Glückwünsche des ge⸗
immten Personals. Sie dankt freundlich, aber sie
enkt in ihrem innersten Herzen: „ich will erst hören,
»as mein Stammpublikum sagt; es hat ein gedie—
enes Urtheil und es spricht die Wahrheit; denn es
veiß nicht, wer Margarete Molenari ist.“ Die blasse
r braucht nicht lange zu warten. Das Concert
urz.
„Wieder 'mal ein nener Stern, Doktor, weiß der
zimmel, wo sie alle herkommen!“
„Aber mehr ein Stern der Schönheit und noch
azu recht bewußter Schönheit, als ein Stern am
zimmel der Kunst — bitte, liebe Frau, mein Schirm
ehlt noch — ganz recht, der da — ja der mit der
jelben Naturkrücke —“
—„Ein famoses kleines Frauenzimmer, Kamerad —
donnerwetter, ein paar Augen hat die im Kopf —“
„Weißz sie auch zu brauchen —“
„Na ob — feine Nummer — wenn die beim
cheater wäre — Friedrich-Wilhelmstadt oder so was,
vüßte ich, was ich thäte — stellte mich noch heut
Ibend vor. Schneidiger kleiner Kerl, was?“
„Schwaches Stimmchen, sehr schwach. Macht
ielleicht nur die große Jugend. Was meinen Sie,
Brofessor?“
„Glaube schwerlich, daß die Stimme mit den
zahren noch zunimmi. Auch läßt sich, ehrlich ge—
landen, das Können der Molenari nicht sehr beloben.
chut mir leid, sehr leid.“
„Haben Sie persönliches Interesse an ihr?“
„Das nicht, aber sie ist so eine Art Schmerzens⸗
ind meines Kollegen Schulze. Er hat sich viel
Nühe mit ihr gegeben, aber der Leichtsinn und die
Iberflächlichkeit des Mädchens find stärker als ihr
Ar. 5.
Talent. Er glaubt nicht, daß noch viel aus ihr zu
nachen sein wird. Er hätte das Mädchen schon
sange fortgeschickt, wenn's nicht der Mutter wegen
väre, die eine kreuzbrave Frau sein soll und alle
Erdenseligkeit von diesem Kinde erwartet — fürchte,
ãe wird nicht viel Gutes an ihr erleben. Aber
liebe Frau, Sie stehen ja da wie angewurzelt,
vollen Sie mir nicht endlich den Mantel geben, den
Sie seit einer halben Stunde in der Hand halten —“*
2*
Die Konzertsaison ist zu Ende. In dem präch—
tigen Konzertlokal wird heut ein Fruͤhlingsfest ge⸗
eiert. Der Saal ist mit Maien und grünen Kränzen
geschmückt. Blühende Topfgewächse füllen jeden
reien Winkel. Bunte Zelte mit köstlichen Er—
rischungen, Schaubuden, in denen bunte Waaren
eilgeboten werden, ziehen sich an den Wänden ent—
lang. Ein berauschender Frühlingsduft liegt über
dem weiten Raum.
So stark ist der Andrang zu dem originellen
Fest, das der linke Garderobensaal noch kurz vor
beginn in einen Nebengesellschaftsraum umgewandelt
verden mußte. Da, wo Frau Müller seit Jahren
hren Stand hat, ist ein Büffet aufgeschlagen, statt
der Garderobenriegel stehen weiche Feuteuils rings
imher.
Die Arbeit in dem nun einzig übrig gebliebenen
ßarderobenraum, in welchem die Kolleginnen von
er rechten und linken Seite sich heute in den Dienst
heilen, ist kaum zu bewältigen. Endlich bis gegen
ehn Uhr ist scheinbar alles versammelt. Duftige
Spitzengewebe, hellseidene Abendmäntel, zartge—
üiterte Plüschumhänge, Herrenüberzieher nach der
teuesten Mode bedeckten die Riegel.
Die meisten Garderobenfrauen verlassen auf
Biertelstunden ihren Stand, um verstohlen einen
8lick auf die Herrlichkeiten da drin zu werfen. Nur
Frau Müller rührt sich nicht vom Fleck. Sie strickt
— — grauen Strumpf und blickt nicht rechts
aoch links.
Nahe der Ausgangsthür stehen zwei der älteren
Frauen im eifrigen Gespräch zusammen.
„Wie schlecht die Müllern aussieht. Reineweg
vie der lebhaftige Tod. Der arme Wurm wird sich
ruch schinden bis sie ihn mal in's Sarg legen —
s ist wahrhaftig ne Schande.“
„Ich denke die Grete verdient — ist bei irgend
nem Theater angekommen — warum unterstützt sie
»enn die Mutter nicht, die sich ihr Lebelang für sie
zeplagt hat?“
Die Andere zuckt mit den Achseln, wie Jemand,
)er genauen Bescheid weiß, aber nicht gewillt ist
sein Wissen zum besten zu geben.
Nach einer kleinen Pause erst sagt siet
„Vielleicht will die Müllern nichts von der Grete
iehmen!“
„Das versteh' ein Anderer, aber es sieht ihr
ihnlich — lieber selber verhungern, als dem eitlen
Balg was abgehen lassen!“
Die Andere zuckt nochmals mit den Achseln, als
vollte sie sagen: „Wie Du klug redest. Vielleicht
zängt die Sache auch anders zusammen —“ aber
zu einer Antwort kommt sie nicht mehr, denn in
demselben Augenblick wird die Thür aufgerissen
und am Arm eines bekannten Lebemanns rauschte
ine junge blonde Schönheit in den Garderoberaum,
»ie schimmernde Balltoilette nur zum Theil noch
on einem rothen Seidenmantel mit grauem Feder—
jesatz verhüllt. Als sie die beiden Garderoben—
rauen dicht am Eingang erblickt, stutzt sie einen
Lugenblick, und sagte dann übellaunig:
„Ich bat dich doch, mich in den rechten Garde—
oberaum zu führen.“
„Dies ist die rechte Seite, Margusérite“, näselt
der Begleiter, der den Ueberrock schon abgenommen
ind einer der beiden Frauen nachlässig zugeworfen
jat. „Willst Du nicht ablegen, Mignonne?“ Die
londe Schönheit läßt, die Blicke zu Boden geheftet,
en rothen Seidenmantel mit dem grauen Feder—
sesatz in die Hände einer der beiden Garderobioren
leiten. Dann wendet sie sich hastig, schließt den
etzten Handschuhknopf über den blendend weißen
Urm, greift noch einmal nach dem Perlenhalsband
„vb es auch fest geschlossen ist, und rauscht, geführt
»on ihrem Begleiter, durch den langgestreckten
Barderobenraum. J
Nachdem die Saalthür sich hinter dem auf—
allenden Paar geschlossen, blicken die beiden Garde—
obenfrauen mit aͤngstlicher Scheu zu Frau Müller
erüber.
Sie ist aufgestanden und wendet ihnen gerade
»en Rücken zu. Sie nimmt ein dunkles Tuch um
den Kopf, einen alten verschlissenen Mantel um die
Schultern, raunt ihrer Nachbarin ein leises Wort
u und verläßt, ohne den Blick zu heben, mit lang⸗
am schlürfenden Tritten den Garderobenraum.
Die beiden andern sehen ihr nach.
„Die kommt nicht wieder“, sagt die Eine.
Und die Andere:
„Verstehst Du's nun, warum sie kein Geld von
der Grete nimmt?“