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eduziren, ich jedoch kann dem Arme der Gerechtig⸗
eit nicht wehren, das ginge gegen meine Pflicht
ils Bürger unserer Stadt und Vertreter ihrer
Interessen. Mir persönlich liegt ja nichts an der
Zestrafung Ihres Sohnes, aber ich bitte Sie, wohin
oll das fuͤhren, wenn derlei Verbrechen ungeahndet
leiben? Sie entschuldigen übrigens — meine Zeit
ist beschränkt. Ich bin mit Geschäften überhäuft.“
Den Schlosser packte ein heftiger Zorn.
Nun denn, so mag mein Junge sitzen bis er
chwarz wird. Aber glauben Sie jä nicht, daß ich
yhnen in diesem Falle cinen Schilling der entwendeten
Zumme ersetze.“
„Dazu wird man Sie schon zu zwingen wissen“
entgegnete der Kaufmann höhnisch. „Ihr Sohn ist
ninorenn — Sie haften für seine Streiche.“
„Darum also forschten Sie so galglatt, ob ich im
Stande sei, die Summe aufzutreiben,“ schrie Findler
sußer sich. „Nicht genug, daß Sie meinen Jungen
erderben wollen, auch mich wollen Sie ausplündern.
Das ist eine Niederträchtigkeit. Das ist ,—“
„Gehen Sie hinaus, oder ich rufe meine Leute,“
chrie der Kaufmann. Die letzere Drohung auszu—
ühren, blieb ihm indeß keine Zeit, denn die Thüre
vurde aufgerissen und Spierfeldt erschien auf der
—chwelle.
Der Unglückliche bot einen furchtbharen Anblick.
Zein Haar war gesträubt und die Augen starrten
jus dem gerötheten schweißbedeckten Antliß unheimlich
hervor. In der Hand hielt der Wahnsinnige ein
reites funkelndes Messer.
„Mörder, Brandstister, Dieb,“ schrie Spierfeldt,
den Schlosser bei Seite stoßend, „Du hast mein
Weib getödtet, jetzt, stirb Du selbst.“ Heftig drang
r mit der Tod drohenden Waffe auf Larsen ein.
Dieser war aufgesprungen und streckte dem
Wüthenden leichenblaß den Arm entgegen, da er
urch die Plötzlichkeit des Ueberfalles gußer Stande
var, eine Waffe zu ergreifen. Der Stich des Messers
urchdrang seinen Unterarm, so daß ein heller
Blutstrahl hervordrang!
Ein Schmerzensschrei entfuhr den Lippen des
daufmanns, schon holte Spierfeldt zu einem neuen
Stoße aus, der sicher lebensgefährlich gewesen wäre,
als die kräftige Faust des Schlossers den Mörder
in der Kehle paäckte und zugleich den Hieb auffing. Ein
vildes Ringen entstand zwischen den Männern.
Allein Findler war der Stärkere und warf seinen
Begner zu Boden. Mit Hilfe des Quartiersmann,
der gleichfalls blutend herbeigeeilt war, gelang es,
den Tobenden zu entwaffnen.
Nun drang auch das Personal des Komptoirs
in das Bureduzimmer und man beeilte sich, den
Wüthenden zu binden. Der jüngste Lehrling eilte
zur Polizei, ein Kommis brächte einen Arzt. Es
var Dokltor Werner, welcher auf Derens Rückkunft
jor dem Hause gewartet hatte.
Er fauͤd Spierfeldt in völliger Tobsucht. Das
Delirium tremens war bei ihm zum Ausbruch ge—
ommen. Der übermäßige Gebrauch von Spirituosen,
der Anblick seines zerschmetterten Weibes, als er
don dem Besuche bei Harms nach Hause zurück—
zekehrt war, hatten den Wahnsinn zum Ausbruch
jebracht und ihm zugleich den Mordstahl in die
Zand gedrückt. Er würde von dem Quartiersmann
bewacht, den er beim Eindringen in das Haus
gleichfalls verwundet. Ein Speicherarbeiter leistete
zem alten Denker Hilfe, bis die Polizei erschien und
Spierfeldt als Wahnsinnigen in das Kurhaus
transportirte.
Werner hatte sich beeilt, die heftig blutende Wunde
des Kaufmanns zu verbinden. Mitten in dieser
Beschäftigung sah er Derens eintreten.
„Was ist hier geschehen,“ rief dieser. „Ich höre
Mord im Hause schreien.“
„Ich bin verwundet worden,“ entgegnete Larsen
chwach, „dieser Ehrenmann hat mich gerettet.“
Er zeigte auf Findler, welcher im Begriffe war,
ich zu entfernen.
„Gehen Sie nicht fort,“ sagte er. „Mein Schwager
wird dafür sorgen, daß Ihr Sohn sofort freikommt
Sich ziehe mesne Anklagé zurück, doch das Geld
däs Geld müssen Sie mir in acht Tagen zahlen.“
Eine Stunde später herrschte wieder volle Ruhe
m Patrizierhause. Eines der Dienstmädchen säuberte
die blutbefleckte Diele im Bureau, sich mit dem alten
Denker im Flüstertone unterhaltend.
9. Ein Ehrenmann.
Auf Verwendung des Doktors Derens war der
Zohn des Schlossers Findler sofort in Freiheit ge—
etzt worden. Da sich der Vater indessen weigerte,
»en Ungerathenen in seinem Hause aufzunehmen,
uchte Felix Findler die vollkommene Heilung seiner
Wunde im Krankenhause. Es war beschlossen
vorden, daß er alsdann nach England gehen solle.
Findler war es sogar gelungen, ein anständiges
Abgangszeugniß für seinen Sohn von Larsen zu
rhälten.“ Nichts destoweniger forderte der wenig
rroßmüthige Kaufmann unngchsichtlich, daß für die
intwendete Summe voller Ersatz geleistet werden
nüßte. Obgleich Viktor betheuerle, daß er sich nur
echshunder„ Mark angeeignet habe, wovon noch
reihundert in seinem Besitze aufgefunden worden,
Verliner Illustrirte Zeitung.
estand Larsen darauf, daß ihm fünfzehnhundert
Nark fehlen und Findler sah sich genöthigt, das
zeld zu beschaffen, wenn er sich und seinen Sohn
on der Schmach einer Untersuchung retten wollte.
Indessen er verdrossen und halb verzweifelt in
einem Stübchen saß, ging es in der Werkstatt
röhlich her. Dort tönten lustig die Hämmer,
hnaubte der Blasebalg, knirschten die Feilen und
azwischen klang ein heiteres Lied von goldnen
Nainz am grünen Rhein, von sonniger Stromfahrt
nd kines Mädchens rosiger Wange. Der flotte
zursche, welcher das Lied sang, war ein Rhein—
änder. Seine schlanke elastische Gestalt ragte hoch
iber seine Mitarbeiter hervor. Freilich waren
hesicht und Hände von der rußigen Arbeit geschwärzt,
ber das Roth der Wangen glühte durch die Staub—
sjülle und seine Augen leuchteten lustig aus dem
erußten Antlitze.
„Du,“ unterbrach einer der Arbeiter, ein Berliner,
es Burschen Gesang, „da bei Euch am Rhein is
vohl ne schöne Gegend?
„Das will ich meinen,“ versetzte der Angeredete.
Wer einmal den Rhein sieht, vergißt ihn nie.
zmmer wieder zieht es ihn hin und glücklich ist,
ver an den Ufern des herrlichen Stromes leben
ann.“
„Na unsere Elbe ist doch auch nicht zu ver—
ichten,“ meinte der Geselle, dessen Wiege in Hamburg
zestanden hatte.
„Man nich,“ entgegnete der Berliner, „det bischen
Ulster und Elbe. Freilich die Schiffe hier sind nich
on schlechten Eltern, aber die haben wir auf der
5pree auch — ick sage propper —“
„Ja wohl, das kennen wir schon,“ lachte der
dambdurger. „Bei Euch ist alles am besten — da
bachsen die großen Kartoffeln, aber ihr kommt doch
ser und eßt uns die kleinen auf.“
Der Rheinländer lachte.
„Was Du wohl von Berlin weißt,“ meinte der
Indere erbost, „und von unsern Kartoffeln. Berlin
t der Mittelpunkt von der ganzen Welt, Da strömt
lles zusammen, was gut ünd theuer ist. Da kann
ian alles kaufen und billiger wie hier und Geld
erdient man da wie Heu.“
„Dann wundere ich mich, daß Du nicht zu Hause
eblieben bist,“ lachte der Hamburger. „Dir muß
johl unser Essen besser gefallen haben. Freilich
cnähren wir uns nicht von sauren Gurken und
aurem Weißbier. Wir haben unsere fetten Ochsen
ind so ein Hamburger Beeffteak itt nicht schlecht.
Vas, mein Junge?“
„Ja wohl, an Ochsen fehlt es Euch nicht,“ lachte
er Verliner, auf sein Eisen schlagend.
„Was willst Du damit sagen,“ fuhr der Hamburger
uf. „Hier kommst-Du mit Deinen faulen Redens—
rten nicht durch. Ich zeige Dir gleich, daß ich ein
amburger bin, der nix opn Bussen lecken lett.“
„Hitz,“ ertönte es von der schnaubenden Esse
er. Die hellaufzüngelnde Flamme beleuchtete hell
ie Streitenden. Der Berliner hatte keine Zeit zu
ntworten. Er erfaßte die schwere Eisenstange und
emeinsam schlugen die Gesellen mit wuchtigen
ztreichen zu, daß die Funken weit umherspritzten.
„Propres Mädchen, unseres Meisters Tochter,“
agte der Berliner, eine schlanke Mädchengestalt mit
en Augen verfolgend, welche an der Werkstatt
orbeischritt.
Der Rheinländer blickte rasch von der Arbeit
tiuf und sein leuchtender Blick folgte gleichfalls der
ieblichen Gestalt.
„Ja, sie ist reizend,“ sagte er. „Sie könnte die
errlichste Heimath vergessen machen.“
„Ick habe ihr schon lange uf det Korn,“ lachte
er Berliner. „Ick hatte blos noch keene Jelegen—
eit, ihr alleene zu sprechen.“
Halt Dein Maul oder ich bringe Dir Respekt
vor Deines Meisters Tochter bei. Die ist kein Futter
ir Lumpen, wie Du einer bist.“
„Drauf, drauf,“ rief der Hamburger, das Eisen
us dem Feuer ziehend, und alle Gesellen fielen
vieder über das weißglühende Metall her, um ihre
zefühle darauf auszuhämmern.
8* Meister trat in die Werkstatt und sah mürrisch
imher.
FFalkner, gehen Sie zu Ehrlich in die Katharinen—
raße; das Schloß an seinem Geldschranke ist zu
epariren. Nehmen Sie das nöthige Werkzeug mit,
enn die Thüre wird wohl noch verschlossen sein.“
Falkner, der Rheinländer, nahm sofort das
zchürzfell von den Schultern und ließ sich Wasser
on dem Lehrlinge bringen. Als er Hände und
zesicht gereinigt, auch das reiche blonde Haar ge⸗
cdnet hatte, daß die Vocken kokett in die Stirne
elen, zog er seinen Rock an, nahm das Hand—
jerkzeug und verließ kreuzfidel das Haus seines
deisiers, der mürrisch und scheltend zurückblieb.
Der Schlossergeselle schritt leichten Ganges seinen
veg dahin, der ihn über den Hopfenmarkt führte.
zeine Augen blicken keck und froh ins Weite und
in heiteres Lachen lag auf seinen frischen Wangen.
Hunderte von Landleuten hatten sich mit den
erzeugnissen ihrer Gärten und Felder hier ein—
efunden und ihr Obst in langen Reihen, das Ge—
üs⸗ in Zörben wohlveryvackt. aufgestavelt. Sie
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räsentirten sich in allerlei Nationaltrachten oft mehr
nalerisch und auffallend, als geschmackvoll, so die
Zzierländer in der alten holländischen Nationaltracht,
zie Bewohner der Elbinfeln, die Alten- und Ochsen—
verderinnen, die Bardowiekerinnen und die Milch—
eute von Moorburg. Am geräuschpollsten geberdeten
ich die Fischhändlexinnen; — sie gefallen sich darin,
en lauten Ton überall zu führen. Neben ihnen
jachte der Schlächter im rothgestreiften Hemde Auf—
hen, der sein Fleisch in den Verkaufshallen,
ichragen genannt, feilbot. Durch die Gassen des
Narktes draͤngte sich der Trödler, sein, Kuddelmuddel“,
ls getragene Herrenkleider, Eisen- und Spiel—
vaaren verschachernd. Weiber vom Harz in ihren
unten Kattunmänteln brachten Kanarienvögel,
köpfe, Holzschnitzwerk und Bäckereten zu Markt,
zierländerinnen hielten Blumen feil. Dazwischen
vogte, schrie und schwatzte die kauflustige und neu—
zierige Menge, Hausfrauen des Mittelstandes, Dienst-
nädchen, alte Junggesellen, Restaurateure und was
onst selbst einzukausen pflegt.
Es war nicht leicht für Falkner dies Gewühl
uu durchkreuzen. Endlich befand er sich vor dem
dause des Maklers Ehrlich. Dies war ein drei—
löckiges altmodisches Gebäude. In dem Parterre
efand sich das Komptoir des Maklers, der neben—
zei auch das Geschäft eines Pfandleihers betrieb.
Falkner klopfte an die Thüre und trat in das
domptoir ein.
„Kommen Sie endlich“, knurrte ihn ein langer
sagener Mensch an. „Ich warte mit Schmerzen
iuf Sie und weiß nicht, was ich anfangen soll.
Nur rasch, da steht der Schrank.“
Falkner sah dem Makler mit Grauen in das
hesicht. Eine wahre Affenphysiognomie starrte ihm
ntgegen. Ein abschreckend häßlicheres Gesicht
onnte man sich absolut nicht denken. Ehrlich besaß
ine platte Nase, weit vorgebautes Kinn, kleine,
zrünlich funkelnde Augen, eckige zurückhspringende
Stirn und absolut gar keine Lippen. Dabei war
r hochschulterig und engbrüstig, seine Hände glichen
lutlosen Geierkrallen und seine übermäßig langen
Arme den Spinnenbeinen.
„Wollen Sie mir die Schlüfssel zum Schranke
jeben“, fragte Falkner, dem es schwer wurde, seinen
bscheu zu besiegen.
„Hier“, schnarrte der Adonis und warf dem
zchlosser das Verlangte zu, „es ist ein miserables
Nachwerk, — habe erst vor einem Jahre den Schrank
on Ihrem Meister gekauft. Er soll die Stümper—
rbeit zurücknehmen und mir mein Geld wieder—
seben. Machen Sie rasch — ich will meine Bücher
aben, die darin verschlossen sind.“ I
„Gehen Sie mir aus dem Wege, sonst kann ich
berhaupt nicht anfangen“, sagte Falkner zu dem
Nakler, welcher sich selbst am Schlosse versuchte.
„Grober Mensch“, rief Ehrlich ärgerlich zurück—
retend, „ich werde doch wohl in meinem eigenen
zureau machen können, was ich will?“
Falkner antwortete nicht, sondern begann unver—
rossen seine Arbeit. Vor allem fing er an ein Loch
n die Seitenwand des Schrankes zu bohren.
Indessen trat eine einfach, aber sauber gekleidete
zrau in das Zimmer. Sie trug ein etwa zwei—
ähriges Kind auf ihrem Arme.
„Kaufen Sie Pretiosen“, fragte sie den Makler
n unsicherem Tone.
„Kaufe Alles, was Werth hat“, krächzte der Ge—
ragte, an die Barrière tretend, welche das Komptoir
n zwei ungleiche Hälften theilte, „kaufe Alles, wenn
s nicht gestohlen ist.“
Ope Frau setzte ihr Kind auf den Fußboden
rieder.
„Einen Augenblick, Carlchen“, sprach sie, „Mama
iimmt Dich gleich wieder“. Dann zog sie eine
Pappschachtel aus ihrer Tasche und entnahm der—
ꝛlben einen herrlich blitzenden Diamantring.
„Es ist der Ring meines verstorbenen Mannes“,
agte sie, das Kleinod dem Pfandleiher reichend.
„Das kann Jeder sagen“, meinte dieser, den
Stein aufmerksam prüfend, „der Ring kann auch
jestohlen sein — er paßt nicht zu Ihrem Aussehn.“
„Was sagen Sie da, Herr Ehrlich“, entgegnete
ie Frau erschrocken und gekränkt. „Ich bin eine
edliche Frau, mein Name ist Amalie Burdorf.
Bir lebten früher in guten Verhältnissen. Erst der
od meines Mannes hat mich in Noth gebracht.“
„Hm, ich werde mich erkundigen, ob Sie die
vahrheit sprechen“, meinte der Geidmann, den
ting unaufhörlich in der Hand drehend, daß die
ztrahlen der Brillanten durch das Zimmer blitzten.
Werde mich erkundigen, von Unbekannten darf ich
reine Werthsachen kaufen, der Ring könnte doch
estohlen sein.“
„So lange kann ich nicht warten“, sagte die
rme Frau ängstlich. „Der Ring ist mein Eigen—
hum, ich verkaufe ihn, weil ich kein Brot mehr im
»ause habe. Wenn Sie glauben, ihn nicht kaufen
u können, so geben Sie mir ihn zurück.“
„Das kommt mir höchst verdächtig vor“, er—
oiderte der Pfandleiher scharf. „Ich werde mich
üten, Ihnen das Werthobjekt ohne Weiteres zurück—
ugeben. Erst müssen Sie sich auf Jemand beziehen
daß Sie nicht diebstahlsverdächtig sind“