Ar. 458
Berliner Illustrirle Zeitung.
ozialdemokraten, den Wunsch
aach einem persönlichen
Kennenlernen dieses merk—
würdigen Mannes rege
werden zu lassen.
Und sehr schnell ist dieser
Wunsch in Erfüllung ge—
zangen. Theodor v. Wächter
st vor etwa 14 Tagen nach
Berlin gekommen uͤnd hat
reitdem sast allabendlich in
zen verschiedensten Partei—
und Gewerkschaftsversamm—
ungen vor Tausenden von
Zzuhörern sein politisches
und religiöses Glaubens—
zekenntniß abgelegt. Er hat
ich als ein überzeugter So—
ialdemokrat, aber auch als
in ebenso überzeugter Christ
dekannt. Freilich, sein
xhristenthum ist himmelweit
erschieden von dem Landes—
irchen⸗Christenthum. Ihm
st es das Evangelium der
Enterbten, Christus der erste
Sozialist. Er versteht es
aicht, wie man einen Gegen—
atz zwischen der Sozial—
demokratie und dem Christen⸗
hum konstruiren könne, er
bekämpft den Satz, daß ein
zielbewußter Sozialdemokrat
eine Religion haben dürfe.
Ihm sind Sozialdemokratie
uind Christenthum keine un—
oereinbaren Gegensätze, son—
dern etwas zusammenge—
höriges, die nur vereint
iegen werden. Er ist?ein unbedingter Gegner des
Staats-Christenthums, der Staats-Geistlichen: man
sabe das Christenthum seines ursprünglichen Geistes
nikleidet und es in den Dienst des Staates gestellt,
»essen vornehmste Stütze es jetzt ist.
Daß ein Mann, der nach rechts und links hin
—tellung nimmt, dafür auch von rechts und links
ingefeindet wird, ist einleuchtend. Die kirchlich ge—
innten Kreise nennen ihn schlechtweg einen Atheisten,
vährend ihn
ie Masse der
Sozialdemo⸗
kraten als
inen Ideolo⸗
en a la Egydi
etrachtet.
Und in der
That, zwischen
Egydi und
. Wächter be⸗
teht eine ge⸗
visse Aehnlich⸗
eit. Beide
ämpfen gegen
as Staats⸗
irchenthum;
ber während
er erstere das
rhristenthum
nit der Mo—
archie sich un⸗
rennbardenkt,
vill v. Wächter
as Christen⸗
hum über⸗
haupt vom
ztaate losge⸗
öst wissen und
n seinem Na⸗
nen ein Vor—
kämpfer der
Sozialdemo—⸗
ratie sein.
Theodor v.
wächter steht
twa in der
Nitte der drei⸗
iger Jahre u.
ziebt in seinem
Leußeren nicht
gerade den
cheologen zu
rkennen. Er
st zwar kein
hervorragen⸗
er Redner,
ber was er
'richt, klingt
berzeugt; er
t kein Mann
der Phrase,
»ndern ein
Bedankenar⸗
„eiter, der das,
pas er sagt.
iicht anderen nachbetet. Und wie man sich auch zu
einen Anschauungen stellen möge: Der ehrlich Den—⸗
ende wird ihm das Zeugniß eines ungewöhnlichen,
einstrebendes Mannes nicht versagen.
Unser Bild stellt ihn in einer in der vorigen
WVoche stattgehabten Versammlung der Fachvereine
er Schneider und Schneiderinnen in „Martens
Salon“ dar.
Der Wasserfall im VickoriuPark.
Neg vor Einbruch des Winters ist nun endlich
der Wasserfall im Victoria⸗-Park am Kreuzberge
u Berlin fertiggestellt worden und damiüt der
—„chlußstein zu der ganzen prächtigen Anlage, an
delcher sechs Jahre hindurch gearbeitet worden.
venn man das Einst, wie es uns in der Erinne—
ung vorschwebt, den kahlen, hier und da mit
ümmerlichem Grün bewächsenen Sandkegel, der
cch des stolzen Namens „Kreuzberg“ rühmnte, mit
ein Jetzt, dem prächtigen, bei jedem Schritt und
rritt neue Schönheiten erschließenden Park ver—
leicht, so muß man in der That Bewunderung
mpfinden für das schöpferische Genie des Mannes,
er hier aus der Sandwüste in verhältnißmäßig
urzer Zeit ein entzückendes Gartenparadies ge—
haffen. Wir haben im vorigen Jahrgang unseres
zlattes bereits in Wort und Bild den Victoria—
jark eingehender behandelt und ebenso auch, ge—
egentlich des Attentats auf ihn, den Schöpfer der
anzen Anlage, Herrn Garten⸗Direktor Mächtig, im
bortrait unseren geschätzten Lesern vorgeführt.
Der Wasserfall, den unser Bild von halber
döhe aus aufgenommen, darsiellt, dürfte im nächsten
zrühling und Sommer den Hauptanziehungspunkt
es Parkes bilden. Von der Höhe des „Berges“
erab ergießt er in mächtiger Breite seine Fluihen
iber eine künstliche Kascadenbildung in ein breites
iach der Großbeerenstraße hin gelegenes Sammel—
ecken. Schon jetzt, in der stark herbstlich gefärbten
Imgebung, macht er einen imponirenden Eindruck,
ioch mehr aber wird dies der Fall sein, wenn der
bark erst wieder in frischem Frühlingsgrün prangt.
Theodor v. Wächter,
der Verfechter des Christenthums in der Socialdemokratie.
Nach der Natur gezeichnet von R. Coßmann—
Ansere Porkraits.
Graf Taaffe.
Seit dem 10. Dktober ds. J., dem Tage, an
velchem der österreichische Ministerpräsident dem
Abgeordnetenhause eine Gesetzes vorlage über die Ein—
ührung des allgemeinen Wahlrechts vorlegte, ist
ein Name einer der vielgenanntesten unter den
zuropäischen politischen Celebritäten geworden.
Man weiß, daß sich die drei maßgebenden Parteien
des österreichischen Reichsrathes einmüthig gegen
diesen Gesetzentwurf, der in seiner Ausführung
namentlich dem liberalen Bürgerthum in den Städten
einen schweren, vielleicht unverwindbaren Schlag
versetzen würde, gewendet haben. Andererfeits aber
darf nicht verkannt werden, daß dieser Entwurf der
erste Schritt auf dem Wege ist, Millionen von
sͤsterreichischen Staatsbürgern, die bis heute des
Wahlrechts verlustig waren, in den praktischen
Bereich des Verfassungslebens zu ziehen.
Infolge des Widerstandes, den das Abgeordneten—
haus der Wahlreform entgegenstellt, ist Minister—
präsident Taaffe in eine schwierige Lage gerathen,
in der schwierigsten vielleicht, in der er seit den
14 Jahren seiner Amltsthätigkeit sich befunden, und
aus der er sich durch sein Demissionsgesuch heraus—
zuwinden versuchte. Bis heut ist die Krisis noch
in der Schwebe, da der Kaiser Franz Josef das
Demissionsgesuch seines ersten Rathagebers noch nicht
acceptirt hat.
Eduard Graf Taaffe, geboren am 24. Februar
1833 zu Prag, entstammt einem irischen Adels—
geschlecht und ist mit dem jetzigen Kaiser zusammen
erzogen worden. Er machte sehr schnell Carrière,
war zu verschiedenen Malen Minister des Innern
und bereits einmal auf kurze Zeit Ministerpraͤsident,
oom Herbst 1869 bis Januar 1870. Im Februar
1879 übernahm Graf Taaffe abermals das Ministerium
)es Innern und wurde am 17. August desselben
Jahres zum Ministerpräsidenten ernannt, als welcher
rrals die vornehmste Aufgabe seines Programms:
Die Versöhnung der Nationalitäten, verkündete. Diese
Bersöhnung ist ihm nun aber keineswegs geglückt,
m Gegentheil, die Gegensätze zwischen den Natio—
zalitäten der österreichsschen Monarchie haben sich,
Dank dem Regime Taaffe, mehr und mehr verschärft.
Das österreichische Volk in seiner großen Mehrheit
würde daher den Rücktritt dieses Staatsmannes
von der obersten Leitung der inneren Politik mit
Genugthuung begrüßen.
Thendor von Wächter.
Unter der überaus großen Zahl der Kandidaten,
velche die sozialdemokralische Partei bei den jüngsten
seichsstagswählen aufgestellt hatte, erregte durch
einen Stand ganz besonderes Interesse der in
inem württembergischen Wahlkreise aufgestellt ge—
vesene evangelische Theologe Theodor von Wächter.
Die Nachrichten, die über ihn durch die Zeitungen
nach der Reichshauptstadt gelangten, waren ganz
geeignet, in Vielen, Sozialdemokraten und Nicht«
Der Wasserfall im Victoria-Park zu
Nach einer Moment-Ohotographie von B. Rudolphy
Berlin