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Band Nummer 45, 5. November 1893

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

Ar. 458 
Berliner Illustrirle Zeitung. 
ozialdemokraten, den Wunsch 
aach einem persönlichen 
Kennenlernen dieses merk— 
würdigen Mannes rege 
werden zu lassen. 
Und sehr schnell ist dieser 
Wunsch in Erfüllung ge— 
zangen. Theodor v. Wächter 
st vor etwa 14 Tagen nach 
Berlin gekommen uͤnd hat 
reitdem sast allabendlich in 
zen verschiedensten Partei— 
und Gewerkschaftsversamm— 
ungen vor Tausenden von 
Zzuhörern sein politisches 
und religiöses Glaubens— 
zekenntniß abgelegt. Er hat 
ich als ein überzeugter So— 
ialdemokrat, aber auch als 
in ebenso überzeugter Christ 
dekannt. Freilich, sein 
xhristenthum ist himmelweit 
erschieden von dem Landes— 
irchen⸗Christenthum. Ihm 
st es das Evangelium der 
Enterbten, Christus der erste 
Sozialist. Er versteht es 
aicht, wie man einen Gegen— 
atz zwischen der Sozial— 
demokratie und dem Christen⸗ 
hum konstruiren könne, er 
bekämpft den Satz, daß ein 
zielbewußter Sozialdemokrat 
eine Religion haben dürfe. 
Ihm sind Sozialdemokratie 
uind Christenthum keine un— 
oereinbaren Gegensätze, son— 
dern etwas zusammenge— 
höriges, die nur vereint 
iegen werden. Er ist?ein unbedingter Gegner des 
Staats-Christenthums, der Staats-Geistlichen: man 
sabe das Christenthum seines ursprünglichen Geistes 
nikleidet und es in den Dienst des Staates gestellt, 
»essen vornehmste Stütze es jetzt ist. 
Daß ein Mann, der nach rechts und links hin 
—tellung nimmt, dafür auch von rechts und links 
ingefeindet wird, ist einleuchtend. Die kirchlich ge— 
innten Kreise nennen ihn schlechtweg einen Atheisten, 
vährend ihn 
ie Masse der 
Sozialdemo⸗ 
kraten als 
inen Ideolo⸗ 
en a la Egydi 
etrachtet. 
Und in der 
That, zwischen 
Egydi und 
. Wächter be⸗ 
teht eine ge⸗ 
visse Aehnlich⸗ 
eit. Beide 
ämpfen gegen 
as Staats⸗ 
irchenthum; 
ber während 
er erstere das 
rhristenthum 
nit der Mo— 
archie sich un⸗ 
rennbardenkt, 
vill v. Wächter 
as Christen⸗ 
hum über⸗ 
haupt vom 
ztaate losge⸗ 
öst wissen und 
n seinem Na⸗ 
nen ein Vor— 
kämpfer der 
Sozialdemo—⸗ 
ratie sein. 
Theodor v. 
wächter steht 
twa in der 
Nitte der drei⸗ 
iger Jahre u. 
ziebt in seinem 
Leußeren nicht 
gerade den 
cheologen zu 
rkennen. Er 
st zwar kein 
hervorragen⸗ 
er Redner, 
ber was er 
'richt, klingt 
berzeugt; er 
t kein Mann 
der Phrase, 
»ndern ein 
Bedankenar⸗ 
„eiter, der das, 
pas er sagt. 
iicht anderen nachbetet. Und wie man sich auch zu 
einen Anschauungen stellen möge: Der ehrlich Den—⸗ 
ende wird ihm das Zeugniß eines ungewöhnlichen, 
einstrebendes Mannes nicht versagen. 
Unser Bild stellt ihn in einer in der vorigen 
WVoche stattgehabten Versammlung der Fachvereine 
er Schneider und Schneiderinnen in „Martens 
Salon“ dar. 
Der Wasserfall im VickoriuPark. 
Neg vor Einbruch des Winters ist nun endlich 
der Wasserfall im Victoria⸗-Park am Kreuzberge 
u Berlin fertiggestellt worden und damiüt der 
—„chlußstein zu der ganzen prächtigen Anlage, an 
delcher sechs Jahre hindurch gearbeitet worden. 
venn man das Einst, wie es uns in der Erinne— 
ung vorschwebt, den kahlen, hier und da mit 
ümmerlichem Grün bewächsenen Sandkegel, der 
cch des stolzen Namens „Kreuzberg“ rühmnte, mit 
ein Jetzt, dem prächtigen, bei jedem Schritt und 
rritt neue Schönheiten erschließenden Park ver— 
leicht, so muß man in der That Bewunderung 
mpfinden für das schöpferische Genie des Mannes, 
er hier aus der Sandwüste in verhältnißmäßig 
urzer Zeit ein entzückendes Gartenparadies ge— 
haffen. Wir haben im vorigen Jahrgang unseres 
zlattes bereits in Wort und Bild den Victoria— 
jark eingehender behandelt und ebenso auch, ge— 
egentlich des Attentats auf ihn, den Schöpfer der 
anzen Anlage, Herrn Garten⸗Direktor Mächtig, im 
bortrait unseren geschätzten Lesern vorgeführt. 
Der Wasserfall, den unser Bild von halber 
döhe aus aufgenommen, darsiellt, dürfte im nächsten 
zrühling und Sommer den Hauptanziehungspunkt 
es Parkes bilden. Von der Höhe des „Berges“ 
erab ergießt er in mächtiger Breite seine Fluihen 
iber eine künstliche Kascadenbildung in ein breites 
iach der Großbeerenstraße hin gelegenes Sammel— 
ecken. Schon jetzt, in der stark herbstlich gefärbten 
Imgebung, macht er einen imponirenden Eindruck, 
ioch mehr aber wird dies der Fall sein, wenn der 
bark erst wieder in frischem Frühlingsgrün prangt. 
Theodor v. Wächter, 
der Verfechter des Christenthums in der Socialdemokratie. 
Nach der Natur gezeichnet von R. Coßmann— 
Ansere Porkraits. 
Graf Taaffe. 
Seit dem 10. Dktober ds. J., dem Tage, an 
velchem der österreichische Ministerpräsident dem 
Abgeordnetenhause eine Gesetzes vorlage über die Ein— 
ührung des allgemeinen Wahlrechts vorlegte, ist 
ein Name einer der vielgenanntesten unter den 
zuropäischen politischen Celebritäten geworden. 
Man weiß, daß sich die drei maßgebenden Parteien 
des österreichischen Reichsrathes einmüthig gegen 
diesen Gesetzentwurf, der in seiner Ausführung 
namentlich dem liberalen Bürgerthum in den Städten 
einen schweren, vielleicht unverwindbaren Schlag 
versetzen würde, gewendet haben. Andererfeits aber 
darf nicht verkannt werden, daß dieser Entwurf der 
erste Schritt auf dem Wege ist, Millionen von 
sͤsterreichischen Staatsbürgern, die bis heute des 
Wahlrechts verlustig waren, in den praktischen 
Bereich des Verfassungslebens zu ziehen. 
Infolge des Widerstandes, den das Abgeordneten— 
haus der Wahlreform entgegenstellt, ist Minister— 
präsident Taaffe in eine schwierige Lage gerathen, 
in der schwierigsten vielleicht, in der er seit den 
14 Jahren seiner Amltsthätigkeit sich befunden, und 
aus der er sich durch sein Demissionsgesuch heraus— 
zuwinden versuchte. Bis heut ist die Krisis noch 
in der Schwebe, da der Kaiser Franz Josef das 
Demissionsgesuch seines ersten Rathagebers noch nicht 
acceptirt hat. 
Eduard Graf Taaffe, geboren am 24. Februar 
1833 zu Prag, entstammt einem irischen Adels— 
geschlecht und ist mit dem jetzigen Kaiser zusammen 
erzogen worden. Er machte sehr schnell Carrière, 
war zu verschiedenen Malen Minister des Innern 
und bereits einmal auf kurze Zeit Ministerpraͤsident, 
oom Herbst 1869 bis Januar 1870. Im Februar 
1879 übernahm Graf Taaffe abermals das Ministerium 
)es Innern und wurde am 17. August desselben 
Jahres zum Ministerpräsidenten ernannt, als welcher 
rrals die vornehmste Aufgabe seines Programms: 
Die Versöhnung der Nationalitäten, verkündete. Diese 
Bersöhnung ist ihm nun aber keineswegs geglückt, 
m Gegentheil, die Gegensätze zwischen den Natio— 
zalitäten der österreichsschen Monarchie haben sich, 
Dank dem Regime Taaffe, mehr und mehr verschärft. 
Das österreichische Volk in seiner großen Mehrheit 
würde daher den Rücktritt dieses Staatsmannes 
von der obersten Leitung der inneren Politik mit 
Genugthuung begrüßen. 
Thendor von Wächter. 
Unter der überaus großen Zahl der Kandidaten, 
velche die sozialdemokralische Partei bei den jüngsten 
seichsstagswählen aufgestellt hatte, erregte durch 
einen Stand ganz besonderes Interesse der in 
inem württembergischen Wahlkreise aufgestellt ge— 
vesene evangelische Theologe Theodor von Wächter. 
Die Nachrichten, die über ihn durch die Zeitungen 
nach der Reichshauptstadt gelangten, waren ganz 
geeignet, in Vielen, Sozialdemokraten und Nicht« 
Der Wasserfall im Victoria-Park zu 
Nach einer Moment-Ohotographie von B. Rudolphy 
Berlin
	        
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