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Volume Nummer 36, 3. September 1893

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

Ein Flehen, ein sterbenswehes Bedauern tönt 
aus dem matten Ausruf. 
„Vater, das hättest Du nicht thun sollen! Ich 
in ein Edelmann, kein leibeigener Bauer.“ 
Gesenkten Hauptes verläßt der junge Mann das 
Gemach. 
Schlaff, mit kaltem Schweiß auf der Stirne, 
sinkt Anaiol Wassiljewitsch auf seinen Sitz. Seine 
zitternden Finger nesteln an den Westenknöpfen, die 
Augen irren üumher. Ein paar Mal suchte er sich 
zu erheben, fällt aber zurück. Plötzlich richtet er 
seinen Blick starr auf einen Punkt und — 
„Wolodja!“ schreit er laut. 
Er spriugt auf; etwas Innerliches scheint ihn 
gewaltsam zu drängen; er eilt hinaus, durch die— 
selbe Thüre. „Wolodja! Komme zurück, Wolodja!“ 
Mehrere Gemächer durchschreitet er; sein Gang 
ist schleppend, der Nacken tiefer gebeugt als sonst. 
In keinem Zimmer findet er Wolodja, auch nicht 
nn dessen Kabinet; die Thüre steht halbgeöffnet, wie 
venn Jemand soeben hinausgeeilt... „Wolodja!“ 
ruft er dringender. Ein Bedienter erscheint. 
„Hast Dü meinen Sohn nicht gesehen?“ 
„Zu Diensten, Durchlaucht; seine Erlaucht der 
junge Knjäs sind soeben die Freitreppe hinunter— 
geschritten“. 
„Ihm nacheilen — zurückbitten, rasch!“ 
„Zu Befehl, Durchlaucht!“ 
Anatol Wassiljewitsch streckt die Arme-aus wie 
Femand, der den Boden unter sich schwanken fühlt. 
Er lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand. — 
Am Abend des folgenden Tages saßen im Po— 
pelnja'schen Wirthshaus mehrere zechende Bauern, 
darunter zwei Gutsarbeiter von Wolkonskje. Sie 
prachen ziemlich erregt untereinander, aber mit ge— 
dämpften Stimmen, von Zeit zu Zeit verstohlen— 
neugierige Blicke nach dem Wirthe werfend, der 
mnürrisch hinter dem Ladentisch saß, den Kopf in 
zeide Hände gestützt, finster grübelnd. 
„Er muß es doch schon erfahren haben“, raunte 
Maxim, einer der Gutsarbeiter, den Dörflern zu; 
„er muß es schon erfahren haben, wenn er auch 
hut, als wüßte er von nichts.“ 
„Natürlich“, nickte ein Bauer, nach Ossip Petro— 
witsch hinüberschielend; „zwei Stunden nach dem 
Freigniß ging es schon durch das ganze Dorf; so 
vas läßt sich nicht geheim halten.“ 
„Möchte mit ihm aber doch ein Gespräch an— 
angen darüber“, flüsterte Maxim lächelnd; „wie 
zesagt, ich habe über die Sache das allerbeste er— 
ahren, von Dmitry selbst, dem Bedienten; die Le— 
ruschka soll ja dahinter stecken und viel ist auch von 
Kolja gesprochen worden. Ich möchte den alten 
Fisbär selbst fragen.“ 
„Gieb Acht, er wirft Dich hinaus!“ 
„Dummheit! Ich möchte den Griesgram etwas 
irgern.“ 
„Ossip Petrowitsch, Wirth —“ wandte sich Maxim 
nach dem Alten. 
„Was willst Du?“ 
„Hat Dir Gevatter Matwei noch nichts erzaͤhlt? 
Weißt Du schon von dem blutigen Unglück, welches 
inserm jungen Gutsherrn, dem Fürsien Wolodja, 
gestern passirt ist?“ 
„Nein; was soll's, was ist's denn?“ 
„Nun — oben im Schloßpark — mit dem Re— 
olver?“ 
„Ich weiß von nichts“, knurrte Ossip Petrowitsch 
tirnrunzelnd; „hat er auf Jemand geschossen, der 
flende?“ 
Die Zecher lachten, am lautesten Maxim. „Ja, 
ruf sich selbst!“ rief er dann und wieherte. 
„Auf sich selbst?“ 
Maxim verstummte plötzlich und machte eine 
urchtsame Geberde. 
„Pst! das will ich nicht behauptet haben, ich 
nicht““ Die Sache wird geheim gehalten, der Bojar 
vill, daß ein einfaches Unglück geschehen ist — aus 
Bersehen — bei einer Schleßprode, ich habe nichts 
rzählt, die Leute, die Bedienten munkeln nur so; 
wer seltsam bleibt die Geschichte doch, was meinsi 
Du, Wirth?“ 
„Geht mich nichts an“, stieß dieser rauh hervor; 
aber seinem forschenden Blick sah man es an, 
aß er nicht abgeneigt sei, noch mehr darüber an— 
uhören. 
„Die Leute, die Bedienten also — ich nicht“, 
entschuldigte sich Maxim. „Er soll vorher Streit 
zehabt haben mit dem Knjäs, gleich nachdem er 
ius Moskau mit den Postpferden angekommen war; 
inen furchtbaren Streit, wobei der Alte — na, 
vir kennen ja alle seine Raserei, wenn er wüthend 
vird; Du, Ossip Petrowitsch, denke nur an Deinen 
Augapfel — 
Die Bauern lachten wieder im Chor. 
„Also kurz und gut, einen Streit —“ fuhr der 
Zutsarbeiter fort, „und dabei hat er den Sohn — 
ia, wir wissen ja, wie lose seine Arme am Körper 
haumeln — er hat dem jungen Mann eine Ohr— 
eige gewischt! Und wie das bei den Bojaren ist 
so was beleidigt sie furchtbar, nach so was muß 
Berliner Illustrirle Zeitung. 
leich Blut fließen, ganz einerlei, wessen Blut ... 
ind da er unmöglich auf den eigenen Vater schießen 
onnte, so ist er in den Park gelaufen und, wit 
chon gefagt, man meint nun, er habe — Ihr ver⸗ 
teht doch. Der Alte hat die Bedienten hinterher 
seschickt, die haben ihn so blutend am Boden ge— 
unden und ins Schloß transportirt. Traurig und 
hrecklich, nicht?“ 
„Na, aber er lebt ja noch.“ 
„Er soll noch am Leben ,sein — gottlob, er ist 
ein schlechter Junge, sonst wär mir nichts um ihn, 
in guter Herr, waͤre er geworden, das sagen alle. 
) weh, dem Alten soll es aber in alle Glieder ge— 
ahren sein! Ueber Hals und Kopf ist er nach der 
rreisstadt gefahren — zwei Aerzte auf einmal, die 
ollen gemeint haben, es sei nur wenig Hoffnung — 
n die Brust, mitten in die Brust —“ 
„Ja und weshalb? wegen der Maulschelle, der 
bater hat doch das Recht —“ 
„Du, Michail, bist dumm“, sagte der Berichtende, 
nachte ein verschmitztes Gesicht und lauerte nach 
dem Ladentisch hinüber. 
„Es soll dahinter etwas stecken, hinter dem 
streit — wir müssen hier fragen, weßwegen der 
ztreit kam — das müssen wir fragen.“ 
„Natürlich, das müssen wir fragen“, bekräftigten 
die Bauern. 
Da Ossip Petrowitsch zu bemerken glaubte, daß 
alle ihn dabei anschauten, brummte er gleichgültig 
„Wird wohl in Moskau Schulden ß 
haben, der junge Sausewind.“ 
„Mag auch sein“, meinte Maxim und blinzelte 
den Bauern zu. „Du, Gastwirth“, wandte er sich 
wieder zum Alten; „ist Dein Sohn noqh nicht ge— 
ommen?“ 
„Mein Sohn? Was soll's mit ihm?“ 
„Ich frage nur so. Siehst Du, der junge Fürst 
oll gelacht und gesagt haben, daß man ihn von 
»er Hochschule in Moskau fortgejagt habe, aber 
nicht ihn allein, sondern ihn und viele andere Stu— 
»enten, weil sie Unfug getrieben hätten, sozusagen 
guprung gegen die Gesetze. Aus dem Gefängniß 
ei er gekommen, er hat's gesagt und Bediente 
saben's gehört ...“ 
Ossip Petrowitsch hob den Kopf. „Was? Der 
fürst Wolodja aus dem Gefängniß?“ 
„So hätte er's gesagt.“ 
„Also daher der Streit mit Anatol Wassiljewitsch?“ 
Marxim lächelte geheimnißvoll und blickte unter 
en Tisch. „Hm, ich weiß noch mehr, ich weiß alles 
das ist's nicht, nicht allein. .. So'n Bedienter, solche 
ztubenmädchen, die haben Ohren, wie die Iltisse.. 
S5age Gastwirth, weshalb hast Du denn Deine 
zenuschka von Moskau zurückgeholt, was?“ 
„Was geht Dich meine Lenuschka an, Schafs— 
'opp!“ brauste Ossip Petrowitsch auf. 
„Ich habe doch nichts gesagt, Alter,“ schrie 
Maxim entgegen. „Ich habe Dich nicht beleidigen 
vollen; ich spreche nur, was ich von anderen gehört 
jabe. Sei kein Narr, Alter!“ 
Maxim schwieg. Der Warner von vorhin flüsterte 
hm zu: „Gieb Acht, er wirft Dich hinaus!“ 
Ehe Maxim antworten konnte, ging die Thür 
tuf und ein älterer städtisch gekleideler Mann mit 
gepflegten Bartkoteletten, frifirt und pomadisirt, mit 
einer weißer Wäsche und einem goldenen Klotzring 
im rechten Zeigefinger, trat grüßend herein. 
Draußen hörte man ein Pferd schnaufen und mit 
»en Hufen scharren. 
Der feine Herr wandte sich, ohne die Bauern 
im Schenktisch eines Blickes zu würdigen, sogleich 
Afip Petrowitsch zu; er trat über die hohe Thür⸗ 
chwelle in den Ausschankraum und zog die mit 
inem Schalter versehene Thür hinter sich zu. Der 
Wirth erhob sich und beide wurden für die Zecher 
in der Vorderstube unsichtbar. 
„Das ist ja Peter Kinjew, der Oberkammerdiener 
des Fürsten,“ flüsterte Maxim dem anderen zu; 
möchte gerne wissen, was der hier will. ..“ 
„Hängt wohl mit der Geschichte zusammen,“ 
agte der zweite Gutsarbeiter. 
„Das ist klar,“ flüsterte Maxim. „Soll ich 
lauschen?“ 
„Wenn er's merkt, wirft er Dich hinaus.“ 
„Na, mas soll ich auch lauschen, ich weiß ja doch 
alles, und was ich nicht weiß, erfahre ich morgen!“ 
„Ossip Petrowitsch,“ begann der Kammerdiener 
m Büffetzimmer; er näselte und sprach freundlich 
jerablafsend, wie man wohl daheim mit ihm zu 
prechen pflegte. „Ich bhringe einen eigenhändigen 
Zzrief Seiner Durchlaucht des Fürsten — hier, — 
du mußt ihn sofort lesen und darnach handeln. 
dannst Du lesen? Wo nicht — ich werde ihn Dir 
orlesen, obgleich ich ganz genau weiß, was darin 
teht... werde ihn erbrechen und lesen, wenn 
Du willst.“ 
„Vom Fürsten? ein Brief? Was will er denn 
von mir?“ schnarrte Ossip Petrowitsch. 
„Das wirst Du schon sehen! Nur erst lesen.“ 
„So lies mir vor, habe meine Brille nicht —“ 
Der Kammerdiener, augenscheinlich von Neugier 
eplagt, erbrach rasch das Couvert und überflog 
ie dicken schwarzen Zeilen, schüttelte das frisirte 
daupt, lächelte und mächte erst Anstalten laut vor— 
Ur. 36 
zulesen, als der Alte ein ungeduldiges Knurren 
vernehmen ließ. 
„Ossip Petrowiilsch! Schicke Deine Tochter mit 
Peter Semenowitsch, meinem Kammerdiener, sofort 
auf's Schloß. Mein schwerkranker Sohn verlangt 
nach ihr; Lenuschka ist seine Freundin, er spricht 
sehr viel von ihr im Traum. Sei unbesorgt um 
Deine Tochter. In der Nacht wird sie nicht zurück— 
kehren, sie bleibt unter Sophie Nikolajewnas Obhut. 
— Anatol Wassiljewitsch Wolkonsty.“ 
„Hast Du verstanden, Ossip Petrowitsch?“ fragte 
der Kammerdiener, den Briefbogen wieder zusammen— 
faltend. 
„Nein,“ antwortete der Alte trocken. 
„Wie?“ 
„Ich habe es nicht verstanden, ich will es auch 
nicht verstehen; fahre zurück, Peter Semenowitsch, 
und sage dem Fürsten, ich hätte nichts verstanden.“ 
Der Lakai betrachtete ihn verwundert und be— 
leidigt. 
Was sprichst Du da, Alter? Weigerst Du Dich 
ztwa, Deine Tochter zu schicken, wo der Fürst Dir 
zigenhändig schreibt und sagt, sein schwerkranker 
Sohn verlange nach dem jungen Mädchen? Bedenke, 
Ossip — das geht doch nicht, sei nicht närrisch!“ 
„Mache, daß Du fortkommst, Peter Semeno— 
vitsch!“ Ofsips Auge glühte. „Was soll's über— 
haupt mit dem Brief, hat der alte Bojar sein 
bischen Vernunft verloren? Was will der junge 
Büstling von meinem Kind? Was hat mein Kind 
nit diesem hochgeborenen Fant zu thun? Wie wagt 
ꝛr, wie wagt es der Alte, wie wagst Du, mit solch 
nem Brief hierher zu kommen! Fort Kammerdiener, 
ort, ehe ich wüthend werde!“ 
Er war es schon, denn er schrie, blauroth im 
Besicht, daß es durch's ganze Haus schallte; dabei 
rieb er die geballten Fäuste aneinander. 
„Gehe, Lakai, sage dem Fürsten, er möge fürderhin 
nein Haus meiden, denn sonst könnte ich ihn dieses 
Zriefes wegen, — ja wohl, nur allein dieses Briefes 
vegen, — ich könnte ihm die Knochen im Leibe 
„ermalmen. .. Der Büstling, der Wicht schwerkrank 
— was es für eine Krantkheit ist, das erzählen 
insere Bauern, ist mir gleichgültig; aber was 
ümmert mich sein Sohn, was kümmert es mein 
dind? Mein Kind hat nie mit ihm etwas zu thun 
zehabt; wer das behauptet, ist ein elender Ver— 
äumder, ein Lügner — mein Kind kennt ihn gar 
nicht, verstanden! ... Ich habe nichts mehr zu 
agen“. .. 
„So gehe ich“, bemerkte Peter Semenowitsch wie 
drohend. „Ist das Dein letztes Wort, Alter?“ 
Der Gastwirth drehte ihm verächtlich den Rücken 
und nahm am Ladentisch seinen Siß ein. Ein 
dauscher sprang hinter der Schalterthüre abseits, 
die Bauern vorn auf den Bänken saßen mit zu— 
ammengesteckten Köpfen. Der Kammerdiener trat 
ichselzuckend heraus, schnitt eine vornehm-alberne 
Zrimasse über den stinkenden Tabaksqualm, der 
hmeentgegenschlug, und verließ mit großen Schritten 
die Wirthsstube. — 
Ossip Petrowitsch hielt es nicht lange auf seinem 
Platz. Er war gereizt, unruhig, und es ärgerte ihn, 
daß die Bauern nun hir ihn unver— 
vandt anglotzten. Er erhob sich und rief Matwei 
herbei, der in der Küche Holz spaltete. Schüchtern 
und verzagt — die Ereignisse der letzten Tage 
nußten maͤchtig auf ihn eingewirkt haben — nahm 
ieser den Wirthssitz ein, während Ossip Petrowitsch 
»as Wohnzimmer aufsuchte, nachdem er zuvor den 
Zrief des Fürsten aufgehoben. Hier suchte er seine 
Brille hervor und las das Schreiben ein, zwei mal 
nit Bedacht durch. In seine stechende Unruhe 
nischte sich nun ein Gefühl von Genugthuung, ein 
Befühl, das aber nichts Befriedigendes oder An— 
zenehmes haite. 
„Der Fürst schreibt mir — weshalb schreibt er 
mir?“ dachte er, die dämmernde Stube auf— und 
abschreitend. 
„Wie erlaubt ihm sein Stolz, mir zu schreiben? 
Oder soll es Hohn sein? Will er meiner spotten? 
om, aber es ist doch Thatsache, daß sein Sohn, 
wie er nun selber eingesteht — also schwerkrank — 
da spottet man nicht, er ist doch Vater. 
Ich bin ein Dummkopf — anstatt den Diener 
auszuforschen, um alles zu erfahren, gerieth ich in 
Wuth und warf ihn hinaus. Ich weiß nichts, bin 
vie im Dunkeln. Getobt und geflucht und geschimpft 
jabe ich die Tage — habe ich eine einzige ver— 
iünftige Frage an das Mädchen gestellt, damit sie mir 
illes erklären könnte? — nein, gerast habe ich nur ... 
Was ist's denn mit dem Fant da drüben, was 
vill er denn von meiner Tochter, wenn er schwer⸗ 
rank, was ist's mit dem Revolverschuß, mit dem 
Streit, mit der Hochschule? ... 
Teufel, ich verstehe es doch! Weßhalb soll man 
das Liebchen nicht auch wirklich lieb haben können 
— vielleicht liegt er obendrein im Sterben — und 
veßhalb soll man die Närrin da nicht nochmals 
ehen wollen!? Ha, Elender, welch ein Verlaͤngen 
ind wie beschimpfend für mich!“ 
Für einen Moment gerieth er wieder in zornige 
Aufwallung; darauf laäs er den Brief zum dritten 
Mal im Schein der Abendröthe.
	        
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