Ein Flehen, ein sterbenswehes Bedauern tönt
aus dem matten Ausruf.
„Vater, das hättest Du nicht thun sollen! Ich
in ein Edelmann, kein leibeigener Bauer.“
Gesenkten Hauptes verläßt der junge Mann das
Gemach.
Schlaff, mit kaltem Schweiß auf der Stirne,
sinkt Anaiol Wassiljewitsch auf seinen Sitz. Seine
zitternden Finger nesteln an den Westenknöpfen, die
Augen irren üumher. Ein paar Mal suchte er sich
zu erheben, fällt aber zurück. Plötzlich richtet er
seinen Blick starr auf einen Punkt und —
„Wolodja!“ schreit er laut.
Er spriugt auf; etwas Innerliches scheint ihn
gewaltsam zu drängen; er eilt hinaus, durch die—
selbe Thüre. „Wolodja! Komme zurück, Wolodja!“
Mehrere Gemächer durchschreitet er; sein Gang
ist schleppend, der Nacken tiefer gebeugt als sonst.
In keinem Zimmer findet er Wolodja, auch nicht
nn dessen Kabinet; die Thüre steht halbgeöffnet, wie
venn Jemand soeben hinausgeeilt... „Wolodja!“
ruft er dringender. Ein Bedienter erscheint.
„Hast Dü meinen Sohn nicht gesehen?“
„Zu Diensten, Durchlaucht; seine Erlaucht der
junge Knjäs sind soeben die Freitreppe hinunter—
geschritten“.
„Ihm nacheilen — zurückbitten, rasch!“
„Zu Befehl, Durchlaucht!“
Anatol Wassiljewitsch streckt die Arme-aus wie
Femand, der den Boden unter sich schwanken fühlt.
Er lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand. —
Am Abend des folgenden Tages saßen im Po—
pelnja'schen Wirthshaus mehrere zechende Bauern,
darunter zwei Gutsarbeiter von Wolkonskje. Sie
prachen ziemlich erregt untereinander, aber mit ge—
dämpften Stimmen, von Zeit zu Zeit verstohlen—
neugierige Blicke nach dem Wirthe werfend, der
mnürrisch hinter dem Ladentisch saß, den Kopf in
zeide Hände gestützt, finster grübelnd.
„Er muß es doch schon erfahren haben“, raunte
Maxim, einer der Gutsarbeiter, den Dörflern zu;
„er muß es schon erfahren haben, wenn er auch
hut, als wüßte er von nichts.“
„Natürlich“, nickte ein Bauer, nach Ossip Petro—
witsch hinüberschielend; „zwei Stunden nach dem
Freigniß ging es schon durch das ganze Dorf; so
vas läßt sich nicht geheim halten.“
„Möchte mit ihm aber doch ein Gespräch an—
angen darüber“, flüsterte Maxim lächelnd; „wie
zesagt, ich habe über die Sache das allerbeste er—
ahren, von Dmitry selbst, dem Bedienten; die Le—
ruschka soll ja dahinter stecken und viel ist auch von
Kolja gesprochen worden. Ich möchte den alten
Fisbär selbst fragen.“
„Gieb Acht, er wirft Dich hinaus!“
„Dummheit! Ich möchte den Griesgram etwas
irgern.“
„Ossip Petrowitsch, Wirth —“ wandte sich Maxim
nach dem Alten.
„Was willst Du?“
„Hat Dir Gevatter Matwei noch nichts erzaͤhlt?
Weißt Du schon von dem blutigen Unglück, welches
inserm jungen Gutsherrn, dem Fürsien Wolodja,
gestern passirt ist?“
„Nein; was soll's, was ist's denn?“
„Nun — oben im Schloßpark — mit dem Re—
olver?“
„Ich weiß von nichts“, knurrte Ossip Petrowitsch
tirnrunzelnd; „hat er auf Jemand geschossen, der
flende?“
Die Zecher lachten, am lautesten Maxim. „Ja,
ruf sich selbst!“ rief er dann und wieherte.
„Auf sich selbst?“
Maxim verstummte plötzlich und machte eine
urchtsame Geberde.
„Pst! das will ich nicht behauptet haben, ich
nicht““ Die Sache wird geheim gehalten, der Bojar
vill, daß ein einfaches Unglück geschehen ist — aus
Bersehen — bei einer Schleßprode, ich habe nichts
rzählt, die Leute, die Bedienten munkeln nur so;
wer seltsam bleibt die Geschichte doch, was meinsi
Du, Wirth?“
„Geht mich nichts an“, stieß dieser rauh hervor;
aber seinem forschenden Blick sah man es an,
aß er nicht abgeneigt sei, noch mehr darüber an—
uhören.
„Die Leute, die Bedienten also — ich nicht“,
entschuldigte sich Maxim. „Er soll vorher Streit
zehabt haben mit dem Knjäs, gleich nachdem er
ius Moskau mit den Postpferden angekommen war;
inen furchtbaren Streit, wobei der Alte — na,
vir kennen ja alle seine Raserei, wenn er wüthend
vird; Du, Ossip Petrowitsch, denke nur an Deinen
Augapfel —
Die Bauern lachten wieder im Chor.
„Also kurz und gut, einen Streit —“ fuhr der
Zutsarbeiter fort, „und dabei hat er den Sohn —
ia, wir wissen ja, wie lose seine Arme am Körper
haumeln — er hat dem jungen Mann eine Ohr—
eige gewischt! Und wie das bei den Bojaren ist
so was beleidigt sie furchtbar, nach so was muß
Berliner Illustrirle Zeitung.
leich Blut fließen, ganz einerlei, wessen Blut ...
ind da er unmöglich auf den eigenen Vater schießen
onnte, so ist er in den Park gelaufen und, wit
chon gefagt, man meint nun, er habe — Ihr ver⸗
teht doch. Der Alte hat die Bedienten hinterher
seschickt, die haben ihn so blutend am Boden ge—
unden und ins Schloß transportirt. Traurig und
hrecklich, nicht?“
„Na, aber er lebt ja noch.“
„Er soll noch am Leben ,sein — gottlob, er ist
ein schlechter Junge, sonst wär mir nichts um ihn,
in guter Herr, waͤre er geworden, das sagen alle.
) weh, dem Alten soll es aber in alle Glieder ge—
ahren sein! Ueber Hals und Kopf ist er nach der
rreisstadt gefahren — zwei Aerzte auf einmal, die
ollen gemeint haben, es sei nur wenig Hoffnung —
n die Brust, mitten in die Brust —“
„Ja und weshalb? wegen der Maulschelle, der
bater hat doch das Recht —“
„Du, Michail, bist dumm“, sagte der Berichtende,
nachte ein verschmitztes Gesicht und lauerte nach
dem Ladentisch hinüber.
„Es soll dahinter etwas stecken, hinter dem
streit — wir müssen hier fragen, weßwegen der
ztreit kam — das müssen wir fragen.“
„Natürlich, das müssen wir fragen“, bekräftigten
die Bauern.
Da Ossip Petrowitsch zu bemerken glaubte, daß
alle ihn dabei anschauten, brummte er gleichgültig
„Wird wohl in Moskau Schulden ß
haben, der junge Sausewind.“
„Mag auch sein“, meinte Maxim und blinzelte
den Bauern zu. „Du, Gastwirth“, wandte er sich
wieder zum Alten; „ist Dein Sohn noqh nicht ge—
ommen?“
„Mein Sohn? Was soll's mit ihm?“
„Ich frage nur so. Siehst Du, der junge Fürst
oll gelacht und gesagt haben, daß man ihn von
»er Hochschule in Moskau fortgejagt habe, aber
nicht ihn allein, sondern ihn und viele andere Stu—
»enten, weil sie Unfug getrieben hätten, sozusagen
guprung gegen die Gesetze. Aus dem Gefängniß
ei er gekommen, er hat's gesagt und Bediente
saben's gehört ...“
Ossip Petrowitsch hob den Kopf. „Was? Der
fürst Wolodja aus dem Gefängniß?“
„So hätte er's gesagt.“
„Also daher der Streit mit Anatol Wassiljewitsch?“
Marxim lächelte geheimnißvoll und blickte unter
en Tisch. „Hm, ich weiß noch mehr, ich weiß alles
das ist's nicht, nicht allein. .. So'n Bedienter, solche
ztubenmädchen, die haben Ohren, wie die Iltisse..
S5age Gastwirth, weshalb hast Du denn Deine
zenuschka von Moskau zurückgeholt, was?“
„Was geht Dich meine Lenuschka an, Schafs—
'opp!“ brauste Ossip Petrowitsch auf.
„Ich habe doch nichts gesagt, Alter,“ schrie
Maxim entgegen. „Ich habe Dich nicht beleidigen
vollen; ich spreche nur, was ich von anderen gehört
jabe. Sei kein Narr, Alter!“
Maxim schwieg. Der Warner von vorhin flüsterte
hm zu: „Gieb Acht, er wirft Dich hinaus!“
Ehe Maxim antworten konnte, ging die Thür
tuf und ein älterer städtisch gekleideler Mann mit
gepflegten Bartkoteletten, frifirt und pomadisirt, mit
einer weißer Wäsche und einem goldenen Klotzring
im rechten Zeigefinger, trat grüßend herein.
Draußen hörte man ein Pferd schnaufen und mit
»en Hufen scharren.
Der feine Herr wandte sich, ohne die Bauern
im Schenktisch eines Blickes zu würdigen, sogleich
Afip Petrowitsch zu; er trat über die hohe Thür⸗
chwelle in den Ausschankraum und zog die mit
inem Schalter versehene Thür hinter sich zu. Der
Wirth erhob sich und beide wurden für die Zecher
in der Vorderstube unsichtbar.
„Das ist ja Peter Kinjew, der Oberkammerdiener
des Fürsten,“ flüsterte Maxim dem anderen zu;
möchte gerne wissen, was der hier will. ..“
„Hängt wohl mit der Geschichte zusammen,“
agte der zweite Gutsarbeiter.
„Das ist klar,“ flüsterte Maxim. „Soll ich
lauschen?“
„Wenn er's merkt, wirft er Dich hinaus.“
„Na, mas soll ich auch lauschen, ich weiß ja doch
alles, und was ich nicht weiß, erfahre ich morgen!“
„Ossip Petrowitsch,“ begann der Kammerdiener
m Büffetzimmer; er näselte und sprach freundlich
jerablafsend, wie man wohl daheim mit ihm zu
prechen pflegte. „Ich bhringe einen eigenhändigen
Zzrief Seiner Durchlaucht des Fürsten — hier, —
du mußt ihn sofort lesen und darnach handeln.
dannst Du lesen? Wo nicht — ich werde ihn Dir
orlesen, obgleich ich ganz genau weiß, was darin
teht... werde ihn erbrechen und lesen, wenn
Du willst.“
„Vom Fürsten? ein Brief? Was will er denn
von mir?“ schnarrte Ossip Petrowitsch.
„Das wirst Du schon sehen! Nur erst lesen.“
„So lies mir vor, habe meine Brille nicht —“
Der Kammerdiener, augenscheinlich von Neugier
eplagt, erbrach rasch das Couvert und überflog
ie dicken schwarzen Zeilen, schüttelte das frisirte
daupt, lächelte und mächte erst Anstalten laut vor—
Ur. 36
zulesen, als der Alte ein ungeduldiges Knurren
vernehmen ließ.
„Ossip Petrowiilsch! Schicke Deine Tochter mit
Peter Semenowitsch, meinem Kammerdiener, sofort
auf's Schloß. Mein schwerkranker Sohn verlangt
nach ihr; Lenuschka ist seine Freundin, er spricht
sehr viel von ihr im Traum. Sei unbesorgt um
Deine Tochter. In der Nacht wird sie nicht zurück—
kehren, sie bleibt unter Sophie Nikolajewnas Obhut.
— Anatol Wassiljewitsch Wolkonsty.“
„Hast Du verstanden, Ossip Petrowitsch?“ fragte
der Kammerdiener, den Briefbogen wieder zusammen—
faltend.
„Nein,“ antwortete der Alte trocken.
„Wie?“
„Ich habe es nicht verstanden, ich will es auch
nicht verstehen; fahre zurück, Peter Semenowitsch,
und sage dem Fürsten, ich hätte nichts verstanden.“
Der Lakai betrachtete ihn verwundert und be—
leidigt.
Was sprichst Du da, Alter? Weigerst Du Dich
ztwa, Deine Tochter zu schicken, wo der Fürst Dir
zigenhändig schreibt und sagt, sein schwerkranker
Sohn verlange nach dem jungen Mädchen? Bedenke,
Ossip — das geht doch nicht, sei nicht närrisch!“
„Mache, daß Du fortkommst, Peter Semeno—
vitsch!“ Ofsips Auge glühte. „Was soll's über—
haupt mit dem Brief, hat der alte Bojar sein
bischen Vernunft verloren? Was will der junge
Büstling von meinem Kind? Was hat mein Kind
nit diesem hochgeborenen Fant zu thun? Wie wagt
ꝛr, wie wagt es der Alte, wie wagst Du, mit solch
nem Brief hierher zu kommen! Fort Kammerdiener,
ort, ehe ich wüthend werde!“
Er war es schon, denn er schrie, blauroth im
Besicht, daß es durch's ganze Haus schallte; dabei
rieb er die geballten Fäuste aneinander.
„Gehe, Lakai, sage dem Fürsten, er möge fürderhin
nein Haus meiden, denn sonst könnte ich ihn dieses
Zriefes wegen, — ja wohl, nur allein dieses Briefes
vegen, — ich könnte ihm die Knochen im Leibe
„ermalmen. .. Der Büstling, der Wicht schwerkrank
— was es für eine Krantkheit ist, das erzählen
insere Bauern, ist mir gleichgültig; aber was
ümmert mich sein Sohn, was kümmert es mein
dind? Mein Kind hat nie mit ihm etwas zu thun
zehabt; wer das behauptet, ist ein elender Ver—
äumder, ein Lügner — mein Kind kennt ihn gar
nicht, verstanden! ... Ich habe nichts mehr zu
agen“. ..
„So gehe ich“, bemerkte Peter Semenowitsch wie
drohend. „Ist das Dein letztes Wort, Alter?“
Der Gastwirth drehte ihm verächtlich den Rücken
und nahm am Ladentisch seinen Siß ein. Ein
dauscher sprang hinter der Schalterthüre abseits,
die Bauern vorn auf den Bänken saßen mit zu—
ammengesteckten Köpfen. Der Kammerdiener trat
ichselzuckend heraus, schnitt eine vornehm-alberne
Zrimasse über den stinkenden Tabaksqualm, der
hmeentgegenschlug, und verließ mit großen Schritten
die Wirthsstube. —
Ossip Petrowitsch hielt es nicht lange auf seinem
Platz. Er war gereizt, unruhig, und es ärgerte ihn,
daß die Bauern nun hir ihn unver—
vandt anglotzten. Er erhob sich und rief Matwei
herbei, der in der Küche Holz spaltete. Schüchtern
und verzagt — die Ereignisse der letzten Tage
nußten maͤchtig auf ihn eingewirkt haben — nahm
ieser den Wirthssitz ein, während Ossip Petrowitsch
»as Wohnzimmer aufsuchte, nachdem er zuvor den
Zrief des Fürsten aufgehoben. Hier suchte er seine
Brille hervor und las das Schreiben ein, zwei mal
nit Bedacht durch. In seine stechende Unruhe
nischte sich nun ein Gefühl von Genugthuung, ein
Befühl, das aber nichts Befriedigendes oder An—
zenehmes haite.
„Der Fürst schreibt mir — weshalb schreibt er
mir?“ dachte er, die dämmernde Stube auf— und
abschreitend.
„Wie erlaubt ihm sein Stolz, mir zu schreiben?
Oder soll es Hohn sein? Will er meiner spotten?
om, aber es ist doch Thatsache, daß sein Sohn,
wie er nun selber eingesteht — also schwerkrank —
da spottet man nicht, er ist doch Vater.
Ich bin ein Dummkopf — anstatt den Diener
auszuforschen, um alles zu erfahren, gerieth ich in
Wuth und warf ihn hinaus. Ich weiß nichts, bin
vie im Dunkeln. Getobt und geflucht und geschimpft
jabe ich die Tage — habe ich eine einzige ver—
iünftige Frage an das Mädchen gestellt, damit sie mir
illes erklären könnte? — nein, gerast habe ich nur ...
Was ist's denn mit dem Fant da drüben, was
vill er denn von meiner Tochter, wenn er schwer⸗
rank, was ist's mit dem Revolverschuß, mit dem
Streit, mit der Hochschule? ...
Teufel, ich verstehe es doch! Weßhalb soll man
das Liebchen nicht auch wirklich lieb haben können
— vielleicht liegt er obendrein im Sterben — und
veßhalb soll man die Närrin da nicht nochmals
ehen wollen!? Ha, Elender, welch ein Verlaͤngen
ind wie beschimpfend für mich!“
Für einen Moment gerieth er wieder in zornige
Aufwallung; darauf laäs er den Brief zum dritten
Mal im Schein der Abendröthe.