PYrofessor Charcot .
Eine Leuchte der medizinischen Wissen⸗
S schaft, deren Ruhm in der wissen—
chaftlichen Welt nicht nur, sondern bei
»en Gebildeten aller Länder verbreitet
var, Professor Jean Martin Charcot
n Paris, ist gestorben.
Charcot ist ein geborener Pariser;
r⁊ ist eigentlich nicht alt geworden.
Im 58. Lebensjahre hat ihn der Tod
nus seiner an Erfolgen, aber auch an
Ehren reichen Laufbahn hinweggerafft.
ẽs ist hier nicht der Ort, die wissen—
chaftliche Bedeutung des Mannes zu
vürdigen. Für jeden Gebildeten ist
zer Name Charcot unauflöslich ver—
zunden mit dem Gedanken an die
Fortschritte der modernen Nerven—
»athologie, die ja eigentlich den
üngsten Zweig medizinischer Wissen—
chaft bildet. Und Charcot ist es zu
danken, wenn dieser jüngfte Zweig
n den letzten Jahrzehnten immer
chöner grünt und immer neue Blüthen
ind Früchte trägt. Hysterie und
Rückenmarksschwindsucht sind erst
zurch die Forschungen Charcot's klar—
zelegt worden. Auf dem Gebiete des
hypnotismus sind die Untersuchungen
Tharcot's weltbekannt, und gerade auf
diesem heute mehr denn je umstrittenen
—S
(2. Fortsetzung.
WMoodn begann Fürst Anatal zutraulich — nur
RX das nervoͤse Zuͤtern seiner Finger verrieth
inige Erregtheit — „Wolodja, Du bist mein einziger
Sohn, auf den ich große Hoffnungen setze. Du wirst
Deinen alien Vater nicht so betrüben Siehst Du,
ch will das Geschehene, wenn es sich so verhält
„der noch etwas schlimmer, als Du gesagt — ich
neine die Strafe, die Entfernung von der Hoch—
chule — ich will das alles hingehen lassen..Ich
saͤbe Einfluß, habe die besten Verbindungen bis zu
zen höchsten Regierungskreisen hinauf — Deine
Strafe wird Dir erlassen werden, Du kannst Dein
Studium ruhig im nächsten Halbjahr beenden. Das
äßt sich machen, wenn Du es nur selber willst,
venn Du Einsicht hast.
Nur das Eine, Wolodja: gestehe ein, daß Du
erführt worden bist, daß Dein jugendlich-heißes
Blut mit Dir durchgegangen, daß Du Dich nicht
enstlich mit solchen Sachen befaßt hast, — Ver—
ührung, weiter nichts“ —
„Lieb' Väterchen“, unterbrach Wolodja mit
spitzem Lächeln, „Du hast vollkommen Recht! Ich
8 unumwunden ein, daß ich verführt worden
in“ —
„Das wußte ich ja, Wolodja“ — sein Gesicht
lellie sich wirklich auf, „das habe ich gleich gesagt!
Fugend erglüht für alles rasch, was neu und ver—
„oten erscheini, es hat Reiz, der Uebermuth sucht
usbruch.. . Dumme unzensurirte Broschüren aus
»em Auslande, phantastische Ideen unreifer Kame—
aden — ich wußie es jal. 5. Und Du wirst be—
euen und Deinen gesunden Verstand, Deine Edel—
nannswürde und aristokratische Denlweise wieder—
inden“...
Laß' Dir berichten, Väterchen, wie das ge—
ommen“, fuhr der Sohn mit heiterer Gelassenheit
ort. Du enlsinnst Dich doch jenes besonderen Auf⸗
—D Schabernaks,
den' Du dem Gastwirth von Popelnja, Deinem
holitischen Gegner spielen wolltest —?“
„Ach so — gut, daß wir darauf kommen!
ceufelsjuuge, Du hast meinen Scherz verstanden,
sast ihn ja charmant ausgeführt — o, des Alten
zochmuth hat schon viel gelitten — hm, nur schade.
daß Du selber —“
„Du bist also zufrieden mit mir — freilich bis
zu einem gewissen Grade; es freut mich ... Und
sun, weißt Du, wer mein politischer Verführer ist?
dolja Offipowitsch ist's, er hat sich nun gerächt
in mir.“
Berächt — wie das“
Perliner Sllustrirte Zeitung.
Zebiete wird das Hinscheiden des Alt—
meisters eine klaffende Lücke hinter—
lassen.
Charcot wurde im Jahre 1862
Arzt an der ursprünglich für nerven—
kranke Frauen beslimmte Salpetrioͤre,
wo er seit 1866 Vorlesungen über
Krankheiten der Greise, sowie über
Nervenkrankheiten hielt. Im Jahre
1882 wurde an der Pariser Universität
eigens für Charcot eine Klinik für
Nervenkrankheiten errichtet. Auch die
Wissenschaft anderer Völker und Länder
hat den Mann geehrt. Die Universi—
täten Würzburg, Bologna und Kiew
führen mit gerechtem Stolze den
großen französischen Arzt in der Liste
ihrer Ehrendoktoren.
Charcot war im gewöhnlichen
Leben ein großer Schweiger; nur
wenn ein Gegenstand ihn besonders
interessirte, wurde er gesprächig und
beredt. In seinen Mußestunden legte
er einen wahren Enthusiasmus für
Musik an den Tag; Beethoven war
iein Lieblings-Tondichter.
Auch in Deutschland hat der Tod
dieses ausgezeichneten Gelehrten, der
sich auf unserem Bilde im grünge—
stickten Frack eines Mitgliedes der
Französischen Akademie, eines „Un—
sierblichen“, präsentirt, allseitige Theil—
nahme erregt.
Professor Jean Martin Charcot F.
—— * I
Bojarenscherze.
Novelle aus dem russischen Leben von Eduard Wilde.
Machdruck verboten.)
„Ich gewöhnte ihm das Trinken an, — in
deinem Auftrage — er brachte mir das Protestiren
segen ministerielle Erlasse bei“...
„Du hast Humor, Junge, wenn er mir auch
rivol däucht.“ Der Fürst zauste und zerrte an seinem
gart; dabei suchte er etwas zu lächeln. „Und das
Nädchen — ?“
„Sa war die Verführung so zu sagen auch
ʒeiderseitig.“
„Ich meine: wer von Deinen Kameraden hat
ich mit der Dirne abgegeben — von einem Fürsten
zöre ich, wer ist's ?“
„Ich selbst.“
„Du selbst?“
Ja, meinst Du denn, Vater, solch ein lieb—
eizendes kleines Geschöpf wie die Lenuschka
Offipowna überlätßt man einem Andern? ... Auch
ie hat sich gerächt!“
Im Blidck des Alten tauchten zwei mißtrauisch
ordernde Fragezeichen auf.
„Gerächt hät sie sich“, wiederholte Fürst Wolodja,
ind sein Antlitz war plötzlich tiefernst, sinnend ge—
vorden.
„Ehe ich ihr laut Deinem Auftrage etwas
Blaues und Grünes vorschwatzen“ konnte —
ielleicht war meine Absicht nicht die redlichste —
a halte sie mich schon entwaffnet, unterworfen ...
ich mußie sie als meine unumschränkte Beherr—
herin anerkennen, gegen deren Verfügungen ich
uͤch bei Leibe nicht auflehnen werde. Es hat viel
ztreben und Werben gekostet, bis sie mir ihre sou—
eräne Gunst und Huld zuzuwenden geruhte. Ihre
tache war eine glänzende.“
Junge, Du bist wohl ein wenig verliebt in
as simple Gewächs?
„Ein wenig? Ich will meine Lenuschka heirathen!
ind simples Gewaͤchs? Es ist die herrlichste Mädchen⸗
lüthe, die es giebt.“
„Bitte, Wolodja, laß doch dergleichen Scherze,
ie im Gespräch mit Deinem Vater nicht angebracht
»in können.“
„Scherze? Es sind keine Scherze. Dergleichen
cherze liebe ich nicht — ich nicht! Helena Ossspowna
ebeutet mein Lebensglück. Ich liebe sie und bin
—
impfen“, wiederholte er, „und der Kampf, wird
eiß sein, ich weiß es, doch ich habe Muth und
lusdauer. Kein jugendlicher Leichtsinn spricht aus
air, Vater. Das Mädchen ist heißen Kampfes und
imes ehrlichen Mannes werth, Ich fühle mich nicht
ber, sondern unter ihr stehend, gesellschaftlich und
tlich. So viel Anmuth, Geist, kindliche Seelen—
einheit vereinigt habe ich in Mädchen unserer
s„phären kaum gefünden. Wie ich ihren Bruder
I1s genialen Kopf, als lieben treuen Menschen zum
freund gewinnen mußte, so hat mich dieses Kind
ius dem Volke zur Verehrung hingerissen. Ich
nuß meine Lenuschka heirathen, Vater“...
Es lag etwas Angstvolles, Verzweifelndes, aber
ugleich eine furchtbare Drohung in dem Blick des
Iten Fürsten, mit dem er das Antlitz Wolodjas
ür einen Moment durchforschte, Angst und wüthende
hier. . In diesem Antlitz stand aber alles klar
ind hell zu lesen, gleichsamm die dokumentäre Be—
läfigung des Gesproͤchenen. Von Scherz und Spott
ind' Ironie stand da nichts mehr; entschlossener
ernst schaute aus seinen Augen und daneben wetter—
euchtete der Abglanz tiefen innigen Gefühls, be—
lückender Schwärmerei.
Eine lautlose Pause entstand; man vernahm nur
as ruckweise heisere Athemholen des alten Fürsten,
dessen Züge eine kupferrothe Färbung anzunehmen
egannen.
„Du willst also auf Erbe und Sohnesrechte ver—
ichien?“ klang es endlich wie von ferne, wie aus
inem verschlofsenen Raume heraus.
Wenn es nicht anders geht — ich bin bereit.“
Dein fester Entschluß?“
Mein fester Entschluß!“
Aber nicht meiner, mich länger beschimpfen zu
assen!“ brüllte Anatol Wassiljewitsch auf; er stand
ufrecht da, mit ausgebreiteten Armen und ge—
— —
us den Augen schillerte es grün und gelb und
ie kurzen graͤuen Haare schienen sich zu sträuben..
Ich nehme an“, röchelte er wie halb erstickt, „ich
sehine an, es sind noch immer Späße; aber diese
—päße — sie sind so gemein, so schamlos — ich
berde Dich züchtigen wie — einen leibeigenen
zauern, der Du auch zu sein scheinst“... Keuchend
ückte er Wolodja, der sich gleichfalls erhob, näher;
in glühender Athem schlüg letzterem in's Gesicht...
Widerrufen, Junge, alles widerrufen!“
„Ich widerrufe nichts, Vater.“
Es muß damals, als er dem armen leibeigenen
»ssip das eine Auge ausschlug, ebenso zugegangen
in. Man sieht ihm an, er ist seiner Sinne nicht
rehr mächtig; blitzartiges Zucken durchfährt ihn,
tan sieht die Bewegung des Armes kaum; Fürst
Solodja taumelt zurück, weniger von der Wucht
es Schlages, der seine Wange berührt und auf die
Zzchulter fällt, als vor namenloser Ueberraschung,
ils vor Entsetzen.
Vater!“