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Volume Nummer 36, 3. September 1893

Contents: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

PYrofessor Charcot . 
Eine Leuchte der medizinischen Wissen⸗ 
S schaft, deren Ruhm in der wissen— 
chaftlichen Welt nicht nur, sondern bei 
»en Gebildeten aller Länder verbreitet 
var, Professor Jean Martin Charcot 
n Paris, ist gestorben. 
Charcot ist ein geborener Pariser; 
r⁊ ist eigentlich nicht alt geworden. 
Im 58. Lebensjahre hat ihn der Tod 
nus seiner an Erfolgen, aber auch an 
Ehren reichen Laufbahn hinweggerafft. 
ẽs ist hier nicht der Ort, die wissen— 
chaftliche Bedeutung des Mannes zu 
vürdigen. Für jeden Gebildeten ist 
zer Name Charcot unauflöslich ver— 
zunden mit dem Gedanken an die 
Fortschritte der modernen Nerven— 
»athologie, die ja eigentlich den 
üngsten Zweig medizinischer Wissen— 
chaft bildet. Und Charcot ist es zu 
danken, wenn dieser jüngfte Zweig 
n den letzten Jahrzehnten immer 
chöner grünt und immer neue Blüthen 
ind Früchte trägt. Hysterie und 
Rückenmarksschwindsucht sind erst 
zurch die Forschungen Charcot's klar— 
zelegt worden. Auf dem Gebiete des 
hypnotismus sind die Untersuchungen 
Tharcot's weltbekannt, und gerade auf 
diesem heute mehr denn je umstrittenen 
—S 
(2. Fortsetzung. 
WMoodn begann Fürst Anatal zutraulich — nur 
RX das nervoͤse Zuͤtern seiner Finger verrieth 
inige Erregtheit — „Wolodja, Du bist mein einziger 
Sohn, auf den ich große Hoffnungen setze. Du wirst 
Deinen alien Vater nicht so betrüben Siehst Du, 
ch will das Geschehene, wenn es sich so verhält 
„der noch etwas schlimmer, als Du gesagt — ich 
neine die Strafe, die Entfernung von der Hoch— 
chule — ich will das alles hingehen lassen..Ich 
saͤbe Einfluß, habe die besten Verbindungen bis zu 
zen höchsten Regierungskreisen hinauf — Deine 
Strafe wird Dir erlassen werden, Du kannst Dein 
Studium ruhig im nächsten Halbjahr beenden. Das 
äßt sich machen, wenn Du es nur selber willst, 
venn Du Einsicht hast. 
Nur das Eine, Wolodja: gestehe ein, daß Du 
erführt worden bist, daß Dein jugendlich-heißes 
Blut mit Dir durchgegangen, daß Du Dich nicht 
enstlich mit solchen Sachen befaßt hast, — Ver— 
ührung, weiter nichts“ — 
„Lieb' Väterchen“, unterbrach Wolodja mit 
spitzem Lächeln, „Du hast vollkommen Recht! Ich 
8 unumwunden ein, daß ich verführt worden 
in“ — 
„Das wußte ich ja, Wolodja“ — sein Gesicht 
lellie sich wirklich auf, „das habe ich gleich gesagt! 
Fugend erglüht für alles rasch, was neu und ver— 
„oten erscheini, es hat Reiz, der Uebermuth sucht 
usbruch.. . Dumme unzensurirte Broschüren aus 
»em Auslande, phantastische Ideen unreifer Kame— 
aden — ich wußie es jal. 5. Und Du wirst be— 
euen und Deinen gesunden Verstand, Deine Edel— 
nannswürde und aristokratische Denlweise wieder— 
inden“... 
Laß' Dir berichten, Väterchen, wie das ge— 
ommen“, fuhr der Sohn mit heiterer Gelassenheit 
ort. Du enlsinnst Dich doch jenes besonderen Auf⸗ 
—D Schabernaks, 
den' Du dem Gastwirth von Popelnja, Deinem 
holitischen Gegner spielen wolltest —?“ 
„Ach so — gut, daß wir darauf kommen! 
ceufelsjuuge, Du hast meinen Scherz verstanden, 
sast ihn ja charmant ausgeführt — o, des Alten 
zochmuth hat schon viel gelitten — hm, nur schade. 
daß Du selber —“ 
„Du bist also zufrieden mit mir — freilich bis 
zu einem gewissen Grade; es freut mich ... Und 
sun, weißt Du, wer mein politischer Verführer ist? 
dolja Offipowitsch ist's, er hat sich nun gerächt 
in mir.“ 
Berächt — wie das“ 
Perliner Sllustrirte Zeitung. 
Zebiete wird das Hinscheiden des Alt— 
meisters eine klaffende Lücke hinter— 
lassen. 
Charcot wurde im Jahre 1862 
Arzt an der ursprünglich für nerven— 
kranke Frauen beslimmte Salpetrioͤre, 
wo er seit 1866 Vorlesungen über 
Krankheiten der Greise, sowie über 
Nervenkrankheiten hielt. Im Jahre 
1882 wurde an der Pariser Universität 
eigens für Charcot eine Klinik für 
Nervenkrankheiten errichtet. Auch die 
Wissenschaft anderer Völker und Länder 
hat den Mann geehrt. Die Universi— 
täten Würzburg, Bologna und Kiew 
führen mit gerechtem Stolze den 
großen französischen Arzt in der Liste 
ihrer Ehrendoktoren. 
Charcot war im gewöhnlichen 
Leben ein großer Schweiger; nur 
wenn ein Gegenstand ihn besonders 
interessirte, wurde er gesprächig und 
beredt. In seinen Mußestunden legte 
er einen wahren Enthusiasmus für 
Musik an den Tag; Beethoven war 
iein Lieblings-Tondichter. 
Auch in Deutschland hat der Tod 
dieses ausgezeichneten Gelehrten, der 
sich auf unserem Bilde im grünge— 
stickten Frack eines Mitgliedes der 
Französischen Akademie, eines „Un— 
sierblichen“, präsentirt, allseitige Theil— 
nahme erregt. 
Professor Jean Martin Charcot F. 
—— * I 
Bojarenscherze. 
Novelle aus dem russischen Leben von Eduard Wilde. 
Machdruck verboten.) 
„Ich gewöhnte ihm das Trinken an, — in 
deinem Auftrage — er brachte mir das Protestiren 
segen ministerielle Erlasse bei“... 
„Du hast Humor, Junge, wenn er mir auch 
rivol däucht.“ Der Fürst zauste und zerrte an seinem 
gart; dabei suchte er etwas zu lächeln. „Und das 
Nädchen — ?“ 
„Sa war die Verführung so zu sagen auch 
ʒeiderseitig.“ 
„Ich meine: wer von Deinen Kameraden hat 
ich mit der Dirne abgegeben — von einem Fürsten 
zöre ich, wer ist's ?“ 
„Ich selbst.“ 
„Du selbst?“ 
Ja, meinst Du denn, Vater, solch ein lieb— 
eizendes kleines Geschöpf wie die Lenuschka 
Offipowna überlätßt man einem Andern? ... Auch 
ie hat sich gerächt!“ 
Im Blidck des Alten tauchten zwei mißtrauisch 
ordernde Fragezeichen auf. 
„Gerächt hät sie sich“, wiederholte Fürst Wolodja, 
ind sein Antlitz war plötzlich tiefernst, sinnend ge— 
vorden. 
„Ehe ich ihr laut Deinem Auftrage etwas 
Blaues und Grünes vorschwatzen“ konnte — 
ielleicht war meine Absicht nicht die redlichste — 
a halte sie mich schon entwaffnet, unterworfen ... 
ich mußie sie als meine unumschränkte Beherr— 
herin anerkennen, gegen deren Verfügungen ich 
uͤch bei Leibe nicht auflehnen werde. Es hat viel 
ztreben und Werben gekostet, bis sie mir ihre sou— 
eräne Gunst und Huld zuzuwenden geruhte. Ihre 
tache war eine glänzende.“ 
Junge, Du bist wohl ein wenig verliebt in 
as simple Gewächs? 
„Ein wenig? Ich will meine Lenuschka heirathen! 
ind simples Gewaͤchs? Es ist die herrlichste Mädchen⸗ 
lüthe, die es giebt.“ 
„Bitte, Wolodja, laß doch dergleichen Scherze, 
ie im Gespräch mit Deinem Vater nicht angebracht 
»in können.“ 
„Scherze? Es sind keine Scherze. Dergleichen 
cherze liebe ich nicht — ich nicht! Helena Ossspowna 
ebeutet mein Lebensglück. Ich liebe sie und bin 
— 
impfen“, wiederholte er, „und der Kampf, wird 
eiß sein, ich weiß es, doch ich habe Muth und 
lusdauer. Kein jugendlicher Leichtsinn spricht aus 
air, Vater. Das Mädchen ist heißen Kampfes und 
imes ehrlichen Mannes werth, Ich fühle mich nicht 
ber, sondern unter ihr stehend, gesellschaftlich und 
tlich. So viel Anmuth, Geist, kindliche Seelen— 
einheit vereinigt habe ich in Mädchen unserer 
s„phären kaum gefünden. Wie ich ihren Bruder 
I1s genialen Kopf, als lieben treuen Menschen zum 
freund gewinnen mußte, so hat mich dieses Kind 
ius dem Volke zur Verehrung hingerissen. Ich 
nuß meine Lenuschka heirathen, Vater“... 
Es lag etwas Angstvolles, Verzweifelndes, aber 
ugleich eine furchtbare Drohung in dem Blick des 
Iten Fürsten, mit dem er das Antlitz Wolodjas 
ür einen Moment durchforschte, Angst und wüthende 
hier. . In diesem Antlitz stand aber alles klar 
ind hell zu lesen, gleichsamm die dokumentäre Be— 
läfigung des Gesproͤchenen. Von Scherz und Spott 
ind' Ironie stand da nichts mehr; entschlossener 
ernst schaute aus seinen Augen und daneben wetter— 
euchtete der Abglanz tiefen innigen Gefühls, be— 
lückender Schwärmerei. 
Eine lautlose Pause entstand; man vernahm nur 
as ruckweise heisere Athemholen des alten Fürsten, 
dessen Züge eine kupferrothe Färbung anzunehmen 
egannen. 
„Du willst also auf Erbe und Sohnesrechte ver— 
ichien?“ klang es endlich wie von ferne, wie aus 
inem verschlofsenen Raume heraus. 
Wenn es nicht anders geht — ich bin bereit.“ 
Dein fester Entschluß?“ 
Mein fester Entschluß!“ 
Aber nicht meiner, mich länger beschimpfen zu 
assen!“ brüllte Anatol Wassiljewitsch auf; er stand 
ufrecht da, mit ausgebreiteten Armen und ge— 
— — 
us den Augen schillerte es grün und gelb und 
ie kurzen graͤuen Haare schienen sich zu sträuben.. 
Ich nehme an“, röchelte er wie halb erstickt, „ich 
sehine an, es sind noch immer Späße; aber diese 
—päße — sie sind so gemein, so schamlos — ich 
berde Dich züchtigen wie — einen leibeigenen 
zauern, der Du auch zu sein scheinst“... Keuchend 
ückte er Wolodja, der sich gleichfalls erhob, näher; 
in glühender Athem schlüg letzterem in's Gesicht... 
Widerrufen, Junge, alles widerrufen!“ 
„Ich widerrufe nichts, Vater.“ 
Es muß damals, als er dem armen leibeigenen 
»ssip das eine Auge ausschlug, ebenso zugegangen 
in. Man sieht ihm an, er ist seiner Sinne nicht 
rehr mächtig; blitzartiges Zucken durchfährt ihn, 
tan sieht die Bewegung des Armes kaum; Fürst 
Solodja taumelt zurück, weniger von der Wucht 
es Schlages, der seine Wange berührt und auf die 
Zzchulter fällt, als vor namenloser Ueberraschung, 
ils vor Entsetzen. 
Vater!“
	        
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