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Volume Nummer 36, 3. September 1893

Full text : Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

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rotz dieser an sich friedlichen Konjunkturen macht
ich aber eine gewisse Unruhe in den politischen
Kreisen unseres Welttheils geltend, — eine Unruhe,
deren Ursache auf das Gerücht von der Begrün—
dung einer rusfischen Flottenstatioa im Mittel⸗
meere zurückzusführen ist. Seit dem Besuche der
ranzösischen Flotte in Kroustadt, war immer und
mmer wieder von einem Gegenbesuch einer russi—
schen Floitenabtheilung in Havre oder Brest die
Rede. Die deutsche Presse schenkte den betr. Ge⸗
rüchten keinen Glauben, bezeichncte sie vielmehr als
das Ergebniß französischer rommer Wünsche— End⸗
lich verlautete definitiv, daß die russischen Keiegs—
schiffe, welche zum Besuche der Weltausstellung in
Chikago bestimmt waren, auf, ihrer Rückkehr in
cinem“ französischen Hafsen Aufenthalt nehmen
würden. Auͤmälig fand dann sogär, das weitere
Ferücht den Weg in die Presse: dem Aufenthalt des
cussischen Geschwaders in inem nordfranzösischen,
näher bei Paris belegenen Hafen werde die
daunernde Stationirung des betr. russischen
Geschwaders im Mittelmecre folgen. — Die Russen
m' Mttelmeere! Welcher Politiker könnte sich
der Tragweite dieser Thatsache entschlagen! Sowohl
für England, wie auch für It alien und Dester—
reich liegt in dieser Maßnahme eine Herausforde⸗
rung, die kaum eine Beschönigung zuläßt. Nach—
dem' zuvor schon Rußland von der Pforte die freie
Durchfahrt russischer Kriegsschiffe durch die Meer—
inge der Dardanellen ecrlangt hatte, bekundet es
mi der Errichtung einer Flottenstation im Mittel—
meere offenbar die Absicht, im Falle eines
Zeutsch-französischen Krieges in direkte Ver—
hindung' mil Frankreich zu treten und unter
Amständen seine Hand auf Egypten, den
Suezkanal und auf Konstantinopel zu
legen, kurz sich mit Frankreich zum Herrn des
Mittelmeeres zu machen und England vor
AÄllem den Weg nach seinen indsschen Be—
sitzungen zu versperren.
Wie man sieht, ist das Vorgehen Rußlands
zinsichtlich der Errichtung einer Flottenstation
In Minelmeere nur auf das Einvernehmen mit
Frankreich gestützt, im Uebrigen aber fast
Jegen alle Staaten Europa's gerichtet,
omceit solche fuͤr die große Politik in Betracht
fommen. Insbesondere werden England und
die Türkei durch besagtes Vorgehen unwill⸗
kürlich zum Anschluß an den Dreibund gedrängt.
Das Seltsamste bei all dem ist die That—
ache, daß das republikanische Frankreich, das erst
bor cinigen Jahren die Säkularsfeier der großen
Revolutton beging, sich dazu hergiebt, dem ab—
dluͤlen Herrscher eines halbbarbarischen Reiches
and seiner Streitmacht den Weg nach dem Westen
zu bahnen, bloß in der Hoffnung, seinem Re—
banchedurst gegenüber Deutschland dadurch Ge⸗
nüge leisten zu können. Dank dieser interessanten
Verketiung der Umstände gerathen die Nach⸗
sommen Robespierre's und Danton's in Eni—
zücken, wenn sie die rufsische Flagge zu sehen be—
zommen und der Czar muß es sich zur Ehre
mnrechnen, wenn man ihm die gegen alle
Despoten wetternde „Marseillaise“ vorspielt.
ILàberté, liberté chério,
Hombats avec tes dèfenscurs!“
Wie das den Autokraten von der Nema
muuthen muß!
Die Unngatuͤrlichkeit dieser russisch-französischen
Allianz ist es eben, welche ihrer Gefährlichkeit
wvesennichen Abbruch thut. Die Sympathien der
ranzösischen und russischen Radikalen, und Sozialisten
werden weder den französischen noch den russischen
Fahnen folgen, vielmehr wird man sich im Falle
von Mißersolgen derselben in einem etwaigen Kriege
sehr bald auf eine nene Pariser Kommune und
nmöglicherweise auch auf Aehnliches in Rußland ge—
aßt machen können. Jedenfalls ist es nicht der
Geist des Fortschrittes und der Humanität, welchen
die russischaranzösische Allianz vertritt, und nur diesem
gehört die Zukunft.

Der Thronwechsel in Hachsen—
Koburg-Gotha.
Zu den Portraits auf 5. 2 u. 30*

Nun Dienstag, den 22. d. M. sd loß in Thüringen
ein deuischer Fürst die Augen, der, wenn er
ruch nach dem von ihm beherrschten territorialen
Zebiet, einer der kleinsten von allen deutschen Landes—
dälern war, doch Jahrzehnte hindurch durch seine
Perfsönlichteit in der crsten Reihe stand und ent—
schieden der geistig am Höchsten veranlagteste von
hurn war: Herzog Ernst von Sachsen-Ko—
burg-Gotha.
Herzog Ernst II. geboren am 21. Juni 1818
in Koburg, folgte am 29. Januar 1844 seinem
Vater in der Regierung und legte alsbald nach

Verliner Illustrirte Zeitung.

inem Regierungsantritt die langwerigen Zwistig
eiten mit' den koburgischen Staͤnden bei. Seit
rüher Jugend trat er der Frage der dentschen,
ationalen Einigung nahe. 1849 unternahm er im
eriege gegen Daͤnemark ein Kommando, wirkte auch
ei dem Siege von Eckernförde mit, wenn auch
icht in dem Umfange, wie er selbst in seinen Me—
ioiren darstellte. Lange Zeit hindurch erblickte
ann das liberale Deutschland in ihm den Hort der
zinheitsbestrebungen, die er überall in Wort und
'hal verfocht: auf dem Frankfurter Fürstenkongreß,
n Nationalverein, der sich seiner eifrigen Protektion
cfreute, auf den Turner- und Schützenfesten, wo er
a der Joppe des Schützen, mit dem Stutzen im
srm, erschien. Damals war er der populärste Fürst
a Deutschland. Im Jahre 1864 nahm er insofern
ne Sonderstellung ein, als er für die Uebergabe
er Schleswig-Hoisteinschen Herzogthümer an den
tuͤgustenburger eintrat. 1866 schloß er sich jedoch
in Preußen und 1870 befand er sich im großen
dauptquaärtier des Königs Wilhelm.
Daheim in seinen Herzogthümern regierte der
derzog Ernst nach den liberalen Ideen, als deren
rager er sich nach außen hin bekannte. Das Wort
om' iberalen Musterstaate“ durfte lange Zeit mit
zerechtigung auf Sachsen-Koburg-Gotha angewandt
berden.“ Auch das war in den letzten 12 Jahren
er Regierungszeit des nun Verstorbenen anders
geworden. Unter dem, Ministerium Bonin fand so
Nanche reaktipnäre Maßregel in den Herzogthümern

Alfred, Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha
in enolischer Admiralsuniform.

zingang, die geeignet war, das Bild des ehemaligen
orles des Liberalismus in Deutschland, des Herzogs
elbst, zu trüben. Wir haben, vor einiger Zeit in
inftren Blatte einige Pröbchen davon gegebeyn,
zelegentlich der Besprechung der durch den Redak—
eur'Boshardt aufgedeckten Geheimnisse der Straf⸗
nstalt zu Ichtershausen. Auch das sogenannte
überale“ Miänisterium Strenge regierte in den
zonin'schen Bahnen weiter.
Geistig war Herzog Exnst, wie schon erwähnt,
in das Nittelmaß weit überragender Fürst; er war
in wärmer Freund von Kunst und, Wissenschaft,
omponirte selbst Opern, und, auch seine Schriften,
inter denen seine Reiscbeschreibungen aus Aegypten
uid Abessinien und seine, vor cinigen Jahren her—
iusgegebenen Lebenserinnerungen obenanstehen,
cugen von seiner Begabung. Noch wenige, Wochen
vor seinem Tode wohnte er dem Opernwettbewerb
ei. den er in Gotha, freilich ohne rechten Erfolg
inbahnle. Seiner Ehe mit der Prinz ssin Alexandrine
on Vaden, welche ihn üherlebt. entsprassen keine
edinder.
Der nunmehrige Herzog von Sachsen-Ko—
urg-Gotha ist der zweite Sohn der Königin Viktoria
„on' Großbritanniein und des im Jahre 1861 ver⸗
lorbenen Prinz-Gemahls, des Prinzen Albert von
Zachsen-Koburg-Gotha, des jüngeren Bruders des
erstorbenen Herzogs Ernst, mithin, ein Neffe des
chieren. Als Sohn der Königin Biltoria und des
Zipzen Albert ist Herzog Alfred ferner ein Bruder
es Prinzen von Wales und der Kaiscrin Friedrich.
Iñ der Prinz von Wales als Thronfolger im brit:⸗

3

hen Reiche von der Erbsolge in den sächsischen
Xrzogthümern ausgeschlossen, war, so war der
Herzog Alfred der nächste berechtigte Agnat. Herzog
Ufred, geboren zu Schloß Windsor, am 6. August
844, 'ist englischer Admiral und Königlich preuüßis
her General der Infanterie à la suite des 6. Thü⸗
ingischen Infanterie-Regiments Nr. 95 und seit
em 28. Jauuar 1874 mit der Großfürstin Maria
on Rußländ, Schwester des Kaisers Alexander III,
ermählt. Ihrer Ehe sind fünf Kinder entsprossen.
Der Erbprinz Alfred ist geboren zu London am
5. Oktober 1874 und gehört zur Zeit dem Ersten
zarde-Regiment zu Fuß an, bei dem er seit dem
April d. J. als Sekonde-Lieutenant in den Dienst
setrelen ist. Nachdem er am 15. Oktober 1892 für
roßjährig erklärt worden war, vollendete er auf
ser Hochschule München seine Studien.
Herzog Alfred besaß bisher schon in Koburg ein
Zalais, in welchem er alljährlich längere Zeit mit
einer Familie wohnte. Sein Regierungsantritt ist
n der deutschen Presse, ausgehend von seiner Person
ils geborener Engländer und englischer Prinz, viel⸗—
ach kommentirt worden.

Fine RPerliner Zeitungshalle.
(Zu unserem Bilde auf 5. 4)

*
Dedem Berlin Reichshauptstadt geworden,
sich aus der ehemaligen Königlich Preußi—
schen Haupt- und Residenzstadt zur Weltstadt
Atwickelt hat, übt es einen magischen Zauber
ruf die „Provinz“ aus. Wie das Licht die
Motten, so zieht die Stadt alljährlich unge—
ahlte Schaaren Provinzmüder an sich, die, mit
heu engen und bescheidenen Verhältnissen daheim
m Dorfe oder im Städichen uͤnzufrieden sind,
ich zu „Höherem“ berufen fühlen, die da meinen,
n' der grohen Stadt ihr Glück zu machen. Da
liegt ja das Geld auf der Straße, da muß es
a immer Arbeit und lohnenden Verdienst geben.
Zo meinen sie. Aber wie die Motte sich meist die
Flügel an der strahlenden Flamme versengt oder
jar in dieselbe hineinfällt und elendiglich darin
imkommt, also ergeht es auch gar manchem,
»er mit hochfliegenden Hoffnungen den Fuß auf
das heiße Pflaster der Großstadt gesetzt hat.
Wohl dem, der noch mit nur „versengten Flügeln“
davon kommt, der rechtzeitig den Weg nach Hause
indet. Auf sie könnte man Schiller's Sinn—
pruch anwenden:
In den Ocean schifft mit tausend Masten der
Jüngling —
Still auf gerettetem Boot, kreibt in den Hafen
der Greis.
Viele andere aber gehen unter in dem brau—
senden Strudel des Großstadtlebens, die einen
sterben, die anderen — verderben.
Es ist ja wahr: Die Weltstadt bietet unend—
ich mehr Arbeitsgelegenheiten, als die Provinz;
aber so groß auch die Nachfrage sein mag,
immer wird sie vom Angebot übertroffen. Und
dies schon in normalen Zeiten, wenn Handel
und Wandel blühen. Um wieviel mehr aber
in Zeiten geschäftlichen Niederganges. Nicht,
daß nuch in der Provinz dann dieser geschäft—
uche Niedergang sich nicht bemerkbar machte; aber
die Lebensverhaltnisse sind einfachere, der Ein—
Une kann sich am Orie, wo er aufgewachsen, eher
urchhelfen, als in der Millionenstadt, wo der Kampf
cm's“ Dasein ganz andere Gestaltungen annimmt
ils dort, wo der Einzelne der Feind des Ein—
elnen ist.
Daher das ruhelose Jagen und Hasten nach
iner Stelle, nach Brod, und wenn es nur Brod
st. Daher die Massenansammlungen von Stellung⸗
uchenden vor den Zeitungsexpeditionen der viel⸗
selesenen Blätter, zur Zeit der Ausgabe der Stellen-⸗
iuzeiger, daher die — Lesehallen, eine neuere Er⸗
ungenschaft der modernen Weltstadt.
Man hat sich unter diesen Leschallen in der
zaupisache etwas anderes vorzustellen, als Orte,
denen man sich mit Behagen der Lektüre möglichst
ieler Zeitungen hingiebt. Solche Orte find die
Viener Cafés und Conditorcien. Das Publikum
er Lesehallen aber interessirt sich viel weniger für
en redaktionellen Theil der Tagesblätter, für die
‚olitischen, lokalen und Theater-Neuigkeiten, als für
en Juscraten-Theil und auch von diesem nur
ieder für die Rubrik: offene Stellen. Für 5 Pfennige
ann man hier eine große Anzahl Zeitungen durch—
öbern und kann dies zudem im geschlossenen Raum,
er im Winter gewärmt ist und Schutz gegen die
icberraschungen“ der Wilterung bietet. Auch ein
sdreßkalender ist vorhanden und wohl auch Schreib⸗
elegenheit. Allerdings muß man noch die 5 Pfennige
äglich für diesen Zweck uͤbrig haben. Hat, man
uch die nicht mehr, dann muß man sein letztes
hoffen eben auf einen glücklichen Zufall stellen.
In den Morgenstunden ist natürlich die Frequenz
            
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