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Band Nummer 32, 6. August 1893

Volltext: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

RVerliner Illustrirte Zeitung. 
Fürst Bismarck ist nach Kissingen gegangen und 
Allerlei vom Tage. sjsat auf der Reise dahin auf den verschiedenen 
J— zahnhöfen verschiedene Reden vom Stapel gelassen 
ind Händedrücke an Gerechte und Ungerechte ver— 
jeilt. Er ist jetzt damit so freigebig, wie früher mit 
einen hektographirten Strafanträgen. Interessant 
var sein Geständniß in Hannover: daß er jetzt nur 
noch von Zeit zu Zeit eine „wohlwollende“ Kritik 
in gewissen Regierungsmaßnahmen übe. „Daß 
du die Näs' in's Gesicht behältst!“ Wohlwollende 
tritik! Wir möchten da erst einmal eine weniger 
vohlwollende von ihm hören. 
Na, schadet nicht, er hilft so den Zeitungen die 
Ss5palten in dieser ereignißlosen Zeit füllen. Der 
ussisch-deutsche Zollkrieg und der französisch-siamesische 
donflikt machen allein den Kohl noch nicht fett. Es 
verden noch einige Wochen in's Land gehen, bis 
die Ferienruhe auch in der inneren Politik ausgeruht 
at. Noch weilen unsere Staatsmänner in den 
zädern und schwitzen neue Steuerprojekte aus. 
denn einmal kommt ja doch der Herbst und mit 
hm wird die Deckungsfrage für die glücklich unter 
dach und Fach gebrachte Militairvorlage akut 
Was dabei wohl herauskommen wird! Mich dünkt, 
Aern Agrarier frohlocken: der Handelsvertrag 
X mit Rußland ist vor der Hand zu Wasser 
zeworden, statt dessen haben wir den Zollkrieg mit 
dem Nachbar jenseits der Ostgrenze. Rußland hat 
uns gegenüber den Maximaltarif eingeführt, was 
einer Sperre gegen deutsche Erzeugnisse gleichkommt. 
dierdurch wird unsere Maschinenindustrie schwer 
getroffen. Deutschland seinerseits hat den Einfuhr— 
zoll auf russisches Brodkorn auf 50 Prozent erhöht, 
was ebenfalls einer Sperre gegen dasselbe gleich— 
tommt. Unsere Landwirthschaft wird sich natürlich 
diese günstige Conjunctur zu nutze machen und mit 
dem Preis für das Getreide aufschlagen; das Facit 
heißt: theures Brot. Müßig sind die Erwägungen 
darüber, ob die Reichsregierung den von Rußland 
ihr hingeworfenen Handschuh hätte aufheben oder 
sich dadurch zu weiteren Zugeständnissen in Betreff 
des Handelsvertrages verstehen sollen, was natürlich 
der „nationalen Ehre“ zuwider gewesen wäre. Die 
Thatsache bleibt bestehen: der Konsument trägt hüben 
wie drüben den Schaden. Und auch der Produzent. 
Bei uns die Industrie, in Rußland der Bauer, 
der sein Getreide entwerthet sieht. Aber wie 
immer: wenn zwei sich zanken, freut sich der 
Dritte. In diesem Falle Oesterreich-Ungarn, 
das nun für sein Getreide bei uns hinreichen— 
den Absatz findet. 
Die Dinge stehen so, daß man schließlich 
doch zu einer Verständigung kommen muß. 
Unsere Industrie ist durchaus nicht so ge— 
stellt, daß sie für längere Zeit auf eines 
ihrer lohnendsten Absatzgebiete verzichten 
kann und ebensowenig der russische Bauer. 
Es wäre frivol, es darauf ankommen zu 
lassen, wer es länger aushält. Die Zeiten 
sind wahrhaftig nicht danach angethan das 
Brod zu vertheuern. Noch sieht ja auch 
der „genialste“ Finanzkünstler das Brod nicht 
für einen Luxusartikel an. Die Verhältnisse 
werden bald entschieden dazu drängen, nicht 
nur bei uns, sondern auch in Rußland, daß 
man die abgebrochenen Verhandlungen 
wieder aufnimmt. Schließlich dürfen bei 
uns die Rücksichten auf die Landwirthschaft 
nicht gradezu ausschlaggebend sein. 
Der französisch-siamesische Konflikt hat noch 
ein Nachspiel gehabt. Die Siamesen hatten 
klein beigegeben, bedingungslos das famose 
französische Ultimatum angenommen. Aber 
das war dem Ministerium Dupuy, das vor 
den Wahlen steht, durchaus nicht ange— 
nehm. Da hatte man sich so auf das Aben— 
teuer mit Siam gefreut, um die französische 
Nationaleitelkeit mit einigen billigen kriegerischen 
Erfolgen kitzeln zu können und sich dadurch 
auch nach den Wahlen noch über Wasser halten zu 
können, und nun machen die unvernünftig fried— 
fertigen Siamesen durch ihre Nachgiebigkeit einen 
dicken Strich durch die Rechnung? Ist das eine 
Art? Und man fand einen Ausweg, vielleicht doch 
noch die Siamesen auf die Hinterbeine zu zwingen 
und verlangte „Garantien“ für die Einhaltung der 
gestellten Bedingungen. Aber auch dadurch hat 
man seinen Zweck nicht erreicht. Die Siamesen 
haben auch in die Garantien eingewilligt. Die 
Engländer schienen sich schon der kläglichen Rolle, 
die sie in jener Angelegenheit spielten, zu schämen 
und sieclten ob der neuesten französischen Forderung 
ein finsteres Gesicht auf. Man hat sich aber schließ— 
lich in London damit begnügt, in einem Tingel⸗ 
tangel die französische Fahne auszupfeifen und dafür 
die deutsche stürmisch zu applaudiren, was in Frank— 
reich belächelt wurde und bei uns keinem Menschen 
das Herz vor Wonne höher schlagen ließ. Nicht 
einmal die „Norddeutsche Allgemeine“ hat darüber 
geleitartikelt 
P. K. Rosegger. 
Zum 50. Geburitstag des Dichters. (Text 5. 5.) 
s werden da Zeichen und Wunder geschehen. 
Streckte doch dieser Tage ein officiöses Blatt einen 
orsichtigen Fühler aus: ob man in der in Aussicht 
ehenden Luxussteuer, bei der doch nun einmal 
orhandenen Schwierigkeit den Begriff „Luxus“ 
est zu fixiren, nicht auch den Taback einbegreifen 
önne? Na, wer sagt's denn? Was für Gesichter 
vohl die Herren Böckel und Rickert geschnitten 
zaben mögen, als sie das gelesen haben? Und 
om Taback bis zum Branntwein ist nur ein Schritt 
Bir werden mit dieser Luxussteuer noch unser blaues 
bunder erleben. Ueberhaupt, es giebt ja so viel 
zuxus um uns herum, daß man nur zuzugreifen 
raucht, um ihn, zu besteuern. Luxus sind die 
⸗ommerüberzieher, Schlafröcke, Handschuhe, Monocles 
nit Fenstergläsern, sauber gehaltene Fingernägel. 
dühneraugen, Wachsstreichhölzer, Gummischuhe, 
zpazierstöcke, die Zeitungen für den „gemeinen 
Nann“ und andere höchst überflüssige Dinge. Wer 
hrer dringend benöthigt zu sein glaubt, mag auch 
gjehörig dafür blechen. 
Aus den militärischen Ferienkolonien ist jüngst 
iine Neuigkeit an die Deffentlichkeit gedrungen, 
velche geeignet war, das Herz jedes Thierschutz— 
ereinlers mit ungemessener Freude zu erfüllen. 
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denn sie beweist, in wie hohem Ansehen dort das 
Pferd steht. Wurde da neulich ein Artillerist dis— 
plinarisch bestraft, weil er sein Pferd, das heißt 
in Königlich Preußisches Dienstpferd, welches er die 
ẽhre hatte reiten und versorgen zu dürfen, in einer 
nbegreiflichen Verkennung des edlen Thieres 
Schwein“ titulirt hatte. Wenn er noch wenigstens 
Schweinehund“ gesagt hätte, wofür er sich auf 
sohe Beispiele berufen konnte. Und dort waren es 
iur, was doch bedeutend mildernd in's Gewicht fällt, 
Nenschen gewesen, die mit jenem Kosewort belegt 
»urden. Aber ein Königlich Preußisches Dienst- 
jjerd! So ein Thier hat doch Ehre im Leibe. Der 
derl hätte zum mindesten ein Jahr Festung ver— 
ient. Und da rede man noch vom Kasernenton. 
zon Soldatenmißhandlungen. Alles verlogenes 
)emokratengeschwätz! Denn auch dem blödesten 
rivilistenauge muß es jetzt klar werden: wenn derart 
m Reiche Militaria die Ehre der Pferde gewahrt 
vird, wie erst die der Soldaten. Es gehört nur 
in bischen Pferdeverstand dazu, um das zu begreifen. 
Unser sensationshungriges Weltstadtpublikum 
ist um einen schönen „Fall“ gekommen. Ein 
anscheinender Raubmord im Grunewald hat 
sich als ein simpler Selbstmord und Todt—⸗ 
chlagsversuch entpuppt. Die Helden: ein 
unger Mann aus hochachtbarer Familie und 
ein junges, genußsüchtiges Ladenmädchen. 
Sie hatten sich beide auf dem Potsdamer 
Bahnhof kennen gelernt, er hatte Geld, sie 
wollte ein sogenanntes „Abendbrot“-Verhält- 
niß mit obligatem Naturgenuß — auf dieser 
Basis fand man sich bald zusammen. Der 
Brunewald mit seinen Gartenrestaurants und 
Tanzsälen wurde der Schauplatz ihrer jungen 
Liebe, der Schauplatz auch des „Knalleffektes“ 
mit dem das zum Drama umgewandelte 
Volksstück endete. Der junge Mann war 
schließlich mit seinen Kenntnissen, mit seinem 
Gelde, zu Ende gekommen, fürchtete die 
Vorwürfe seiner Eltern — was war auch 
an dem bischen Leben gelegen? Und der 
gemeinsame Tod mit der Geliebten im Grune— 
wald — wie romantisch! Er zielte nicht 
sicher genug, um das „Verhältniß“ zu tödten, 
immerhin verwundete er es, zu seinem Herzen 
fand aber die Kugel den Weg. Das Ende 
yom Liede: ein trostloses Elternpaar. 
Und die alten Weiber beiderlei Ge— 
chlechts schlagen entsetzt die Hände über 
den Köpfen zusammen: Ja, die Jugend, 
die Jugend von heute! Die große Stadt 
mit ihren Lockungen und Verführungen! 
Als ob es nur die wäre! Es sind die 
Zerhältnisse, die solche Jugend schaffen, der 
clles zersetzende Pessimismus, der auch schon die 
zugend anfrißt. Die Parole heißt: Genießen, 
zleichviel wie lange; ist der Genuß abgeschnitten, 
dann ade Welt! Keine Reden und kein Morali— 
iren helfen gegen diese Lebensanschauung, gegen 
iese Auffassung von der Bestimmung des Menschen 
X. 
Kin RPesuch in den Rüders— 
dorfer Kalkbergen. 
E⸗ gab eine Zeit, in der die Umgebung Berlins 
draußen im Reiche und über die Grenzen des— 
elben hinaus als direkt arm an Naturschönheiten 
zezeichnet wurde; wo sollten diese auch in der „Sand— 
treubüchse“, der Mark, herkommen! Heut ist das 
inders. Nicht, daß sich die Natur geändert hätte 
— wenn auch die Kunst des Menschen gegen früher 
iel hinzugethan und veredelt hat — wohl aber 
jat sich das Urtheil geändert. Man ist dahinter 
sekommen, daß auch die Umgebung Berlins wohl 
hre Reize hat, keine blendenden, im Sturm die 
Zinne gefangen nehmenden Reize, sondern solche, 
ie in ihrem Ernst — ernst ist der Charakter der
	        
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