RVerliner Illustrirte Zeitung.
Fürst Bismarck ist nach Kissingen gegangen und
Allerlei vom Tage. sjsat auf der Reise dahin auf den verschiedenen
J— zahnhöfen verschiedene Reden vom Stapel gelassen
ind Händedrücke an Gerechte und Ungerechte ver—
jeilt. Er ist jetzt damit so freigebig, wie früher mit
einen hektographirten Strafanträgen. Interessant
var sein Geständniß in Hannover: daß er jetzt nur
noch von Zeit zu Zeit eine „wohlwollende“ Kritik
in gewissen Regierungsmaßnahmen übe. „Daß
du die Näs' in's Gesicht behältst!“ Wohlwollende
tritik! Wir möchten da erst einmal eine weniger
vohlwollende von ihm hören.
Na, schadet nicht, er hilft so den Zeitungen die
Ss5palten in dieser ereignißlosen Zeit füllen. Der
ussisch-deutsche Zollkrieg und der französisch-siamesische
donflikt machen allein den Kohl noch nicht fett. Es
verden noch einige Wochen in's Land gehen, bis
die Ferienruhe auch in der inneren Politik ausgeruht
at. Noch weilen unsere Staatsmänner in den
zädern und schwitzen neue Steuerprojekte aus.
denn einmal kommt ja doch der Herbst und mit
hm wird die Deckungsfrage für die glücklich unter
dach und Fach gebrachte Militairvorlage akut
Was dabei wohl herauskommen wird! Mich dünkt,
Aern Agrarier frohlocken: der Handelsvertrag
X mit Rußland ist vor der Hand zu Wasser
zeworden, statt dessen haben wir den Zollkrieg mit
dem Nachbar jenseits der Ostgrenze. Rußland hat
uns gegenüber den Maximaltarif eingeführt, was
einer Sperre gegen deutsche Erzeugnisse gleichkommt.
dierdurch wird unsere Maschinenindustrie schwer
getroffen. Deutschland seinerseits hat den Einfuhr—
zoll auf russisches Brodkorn auf 50 Prozent erhöht,
was ebenfalls einer Sperre gegen dasselbe gleich—
tommt. Unsere Landwirthschaft wird sich natürlich
diese günstige Conjunctur zu nutze machen und mit
dem Preis für das Getreide aufschlagen; das Facit
heißt: theures Brot. Müßig sind die Erwägungen
darüber, ob die Reichsregierung den von Rußland
ihr hingeworfenen Handschuh hätte aufheben oder
sich dadurch zu weiteren Zugeständnissen in Betreff
des Handelsvertrages verstehen sollen, was natürlich
der „nationalen Ehre“ zuwider gewesen wäre. Die
Thatsache bleibt bestehen: der Konsument trägt hüben
wie drüben den Schaden. Und auch der Produzent.
Bei uns die Industrie, in Rußland der Bauer,
der sein Getreide entwerthet sieht. Aber wie
immer: wenn zwei sich zanken, freut sich der
Dritte. In diesem Falle Oesterreich-Ungarn,
das nun für sein Getreide bei uns hinreichen—
den Absatz findet.
Die Dinge stehen so, daß man schließlich
doch zu einer Verständigung kommen muß.
Unsere Industrie ist durchaus nicht so ge—
stellt, daß sie für längere Zeit auf eines
ihrer lohnendsten Absatzgebiete verzichten
kann und ebensowenig der russische Bauer.
Es wäre frivol, es darauf ankommen zu
lassen, wer es länger aushält. Die Zeiten
sind wahrhaftig nicht danach angethan das
Brod zu vertheuern. Noch sieht ja auch
der „genialste“ Finanzkünstler das Brod nicht
für einen Luxusartikel an. Die Verhältnisse
werden bald entschieden dazu drängen, nicht
nur bei uns, sondern auch in Rußland, daß
man die abgebrochenen Verhandlungen
wieder aufnimmt. Schließlich dürfen bei
uns die Rücksichten auf die Landwirthschaft
nicht gradezu ausschlaggebend sein.
Der französisch-siamesische Konflikt hat noch
ein Nachspiel gehabt. Die Siamesen hatten
klein beigegeben, bedingungslos das famose
französische Ultimatum angenommen. Aber
das war dem Ministerium Dupuy, das vor
den Wahlen steht, durchaus nicht ange—
nehm. Da hatte man sich so auf das Aben—
teuer mit Siam gefreut, um die französische
Nationaleitelkeit mit einigen billigen kriegerischen
Erfolgen kitzeln zu können und sich dadurch
auch nach den Wahlen noch über Wasser halten zu
können, und nun machen die unvernünftig fried—
fertigen Siamesen durch ihre Nachgiebigkeit einen
dicken Strich durch die Rechnung? Ist das eine
Art? Und man fand einen Ausweg, vielleicht doch
noch die Siamesen auf die Hinterbeine zu zwingen
und verlangte „Garantien“ für die Einhaltung der
gestellten Bedingungen. Aber auch dadurch hat
man seinen Zweck nicht erreicht. Die Siamesen
haben auch in die Garantien eingewilligt. Die
Engländer schienen sich schon der kläglichen Rolle,
die sie in jener Angelegenheit spielten, zu schämen
und sieclten ob der neuesten französischen Forderung
ein finsteres Gesicht auf. Man hat sich aber schließ—
lich in London damit begnügt, in einem Tingel⸗
tangel die französische Fahne auszupfeifen und dafür
die deutsche stürmisch zu applaudiren, was in Frank—
reich belächelt wurde und bei uns keinem Menschen
das Herz vor Wonne höher schlagen ließ. Nicht
einmal die „Norddeutsche Allgemeine“ hat darüber
geleitartikelt
P. K. Rosegger.
Zum 50. Geburitstag des Dichters. (Text 5. 5.)
s werden da Zeichen und Wunder geschehen.
Streckte doch dieser Tage ein officiöses Blatt einen
orsichtigen Fühler aus: ob man in der in Aussicht
ehenden Luxussteuer, bei der doch nun einmal
orhandenen Schwierigkeit den Begriff „Luxus“
est zu fixiren, nicht auch den Taback einbegreifen
önne? Na, wer sagt's denn? Was für Gesichter
vohl die Herren Böckel und Rickert geschnitten
zaben mögen, als sie das gelesen haben? Und
om Taback bis zum Branntwein ist nur ein Schritt
Bir werden mit dieser Luxussteuer noch unser blaues
bunder erleben. Ueberhaupt, es giebt ja so viel
zuxus um uns herum, daß man nur zuzugreifen
raucht, um ihn, zu besteuern. Luxus sind die
⸗ommerüberzieher, Schlafröcke, Handschuhe, Monocles
nit Fenstergläsern, sauber gehaltene Fingernägel.
dühneraugen, Wachsstreichhölzer, Gummischuhe,
zpazierstöcke, die Zeitungen für den „gemeinen
Nann“ und andere höchst überflüssige Dinge. Wer
hrer dringend benöthigt zu sein glaubt, mag auch
gjehörig dafür blechen.
Aus den militärischen Ferienkolonien ist jüngst
iine Neuigkeit an die Deffentlichkeit gedrungen,
velche geeignet war, das Herz jedes Thierschutz—
ereinlers mit ungemessener Freude zu erfüllen.
Ar. 32
denn sie beweist, in wie hohem Ansehen dort das
Pferd steht. Wurde da neulich ein Artillerist dis—
plinarisch bestraft, weil er sein Pferd, das heißt
in Königlich Preußisches Dienstpferd, welches er die
ẽhre hatte reiten und versorgen zu dürfen, in einer
nbegreiflichen Verkennung des edlen Thieres
Schwein“ titulirt hatte. Wenn er noch wenigstens
Schweinehund“ gesagt hätte, wofür er sich auf
sohe Beispiele berufen konnte. Und dort waren es
iur, was doch bedeutend mildernd in's Gewicht fällt,
Nenschen gewesen, die mit jenem Kosewort belegt
»urden. Aber ein Königlich Preußisches Dienst-
jjerd! So ein Thier hat doch Ehre im Leibe. Der
derl hätte zum mindesten ein Jahr Festung ver—
ient. Und da rede man noch vom Kasernenton.
zon Soldatenmißhandlungen. Alles verlogenes
)emokratengeschwätz! Denn auch dem blödesten
rivilistenauge muß es jetzt klar werden: wenn derart
m Reiche Militaria die Ehre der Pferde gewahrt
vird, wie erst die der Soldaten. Es gehört nur
in bischen Pferdeverstand dazu, um das zu begreifen.
Unser sensationshungriges Weltstadtpublikum
ist um einen schönen „Fall“ gekommen. Ein
anscheinender Raubmord im Grunewald hat
sich als ein simpler Selbstmord und Todt—⸗
chlagsversuch entpuppt. Die Helden: ein
unger Mann aus hochachtbarer Familie und
ein junges, genußsüchtiges Ladenmädchen.
Sie hatten sich beide auf dem Potsdamer
Bahnhof kennen gelernt, er hatte Geld, sie
wollte ein sogenanntes „Abendbrot“-Verhält-
niß mit obligatem Naturgenuß — auf dieser
Basis fand man sich bald zusammen. Der
Brunewald mit seinen Gartenrestaurants und
Tanzsälen wurde der Schauplatz ihrer jungen
Liebe, der Schauplatz auch des „Knalleffektes“
mit dem das zum Drama umgewandelte
Volksstück endete. Der junge Mann war
schließlich mit seinen Kenntnissen, mit seinem
Gelde, zu Ende gekommen, fürchtete die
Vorwürfe seiner Eltern — was war auch
an dem bischen Leben gelegen? Und der
gemeinsame Tod mit der Geliebten im Grune—
wald — wie romantisch! Er zielte nicht
sicher genug, um das „Verhältniß“ zu tödten,
immerhin verwundete er es, zu seinem Herzen
fand aber die Kugel den Weg. Das Ende
yom Liede: ein trostloses Elternpaar.
Und die alten Weiber beiderlei Ge—
chlechts schlagen entsetzt die Hände über
den Köpfen zusammen: Ja, die Jugend,
die Jugend von heute! Die große Stadt
mit ihren Lockungen und Verführungen!
Als ob es nur die wäre! Es sind die
Zerhältnisse, die solche Jugend schaffen, der
clles zersetzende Pessimismus, der auch schon die
zugend anfrißt. Die Parole heißt: Genießen,
zleichviel wie lange; ist der Genuß abgeschnitten,
dann ade Welt! Keine Reden und kein Morali—
iren helfen gegen diese Lebensanschauung, gegen
iese Auffassung von der Bestimmung des Menschen
X.
Kin RPesuch in den Rüders—
dorfer Kalkbergen.
E⸗ gab eine Zeit, in der die Umgebung Berlins
draußen im Reiche und über die Grenzen des—
elben hinaus als direkt arm an Naturschönheiten
zezeichnet wurde; wo sollten diese auch in der „Sand—
treubüchse“, der Mark, herkommen! Heut ist das
inders. Nicht, daß sich die Natur geändert hätte
— wenn auch die Kunst des Menschen gegen früher
iel hinzugethan und veredelt hat — wohl aber
jat sich das Urtheil geändert. Man ist dahinter
sekommen, daß auch die Umgebung Berlins wohl
hre Reize hat, keine blendenden, im Sturm die
Zinne gefangen nehmenden Reize, sondern solche,
ie in ihrem Ernst — ernst ist der Charakter der