llerlei vom Fage.
De Wahlschlacht ist enischieden: in den Reichstag
wird eine knappe Mehrheit für die Militär—
»orlage einziehen. Die Stichwahlen haben der frei—
innigen Volkspartei noch etwas auf die Beine ge—
jolfen — der Minnesänger Albert Träger ist sogar
weimal gewählt worden — gleich wie Herr Rektor
Ahlwardt, der wieder einmal zu 8 Monaten Ge—
ängniß „verdonnert“ worden ist. Herr Stöcker ist
ausgefallen und ringt die Hände nach einem neuen
Wahlkreis, die Antisemiten sind eine Fraktion ge—
vorden und können ihr „Juden raus!“ in selbst—
ständigen Anträgen formuliren, der preußenfresserische
Ehren-Sigl ist ebenfalls gewählt worden und neben
hm mancher homo novus, so Herbert Bismarck
und der Kanonenkönig Krupp. Zweifellos wird
dieser Reichstag keine Politik nach dem Herzen des
Reichskanzlers Graf Caprivi, das heißt „langweilige“
reiben, es wird in ihm manchmal sehr bewegt zu—
gehen, und auch die auf 45 Mann angewachsene
ozialdemokratische Fraktion wird dafür sorgen, daß
n den heiligen Hallen in der Leipzigerstraße keine
Langeweile aufkommt. Ueberall im deutschen Reiche
iber wird man erleichtert aufathmen, denn dieser
Bahlen Qual war groß.
Unsere Agrarier, die in dem Bunde der Land—
virthe das große Wort führen, triumphiren: der
dandelsvertrag mit Rußland ist zu Wasser ge—
vorden. Hüben und drüben richtet man sich auf
zinen frischen, fröhlichen Zollkrieg ein, dessen Kosten
reilich am letzten Ende das konsumirende Volk wird
zezahlen müssen. Zu alledem noch trübe Ernte—
nachrichten — da wird sich der deutsche Michel den
Schmachtriemen etwas enger schnallen müssen.
Die Wahlen sind zu Ende und mit ihnen hat
auch die klassische Berliner Stätte für Volksver—
ammlungen aller Observanzen für immer ihre
Pforten geschlossen: der große Saal der Tivoli—
Brauerei. Gar mannigfache Erinnerungen knüpfen
ich an diese Mauern, die nun dem Untergange ge⸗
weiht sind. Das letzte Wort haben auch hier die
Sozialdemokraten behalten, die noch am verflossenen
Sonnabend hier ihr Siegesfest feierten. Denn die
dochburg des Berliner Freisinns, der zweite Berliner
Wahlkreis war endlich ihrem Ansturm erlegen, über
Birchow, den Reéector magnificus der Berliner
Universität, schritt Fischer, der sozialdemokratische
Parteisekretär hinein in das Reichstagshaus. Was
den Stöcker, Irmer und Wagner nicht gelungen,
hm ist es geglückt.
Der Tivoli-—Saal hat seine Geschichte. Hier
drängten sich gar oft freisinnige, konservative, anti—
semitische und sozialdemokratische Wähler zusammen.
Von hier aus datirt die „reinliche Scheidung“ in
der konservativen Partei, hier wurde der Bund der
Landwirthe gegründet, hier wurde auch Herrn von
helldorf das Grab gegraben. Hier feierten Berliner
riegervereine ihre Sedanfeste, hier wurden Kon—
gzresse abgehalten und fanden Hundeausstellungen
statt, kurzum, dieser Saal ließ sich zu allem ge—
brauchen.
Und nun wird er ad majorem gloriam Gam-
»rini dem Erdboden gleich gemacht. An seiner
Stelle werden Brauereigebäude entstehen, in denen
Zchultheiß⸗Bräu hergestellt werden soll. Die Luft
des nahen Biktoria-Parkes wird dadurch nicht besser
verden; man wird hier die Schultheißbrauerei auf
Livoli in Bälde schon riechen, ehe man sie sieht.
Neben den Wahlen waren in dieser Woche die
Zeitungen von jenen Katastrophen erfüllt, die bei
uins über die Stadt Schneidemühl und jenseits des
Kanals, bei unseren englischen Vettern über die
Marine hereingebrochen waren. Das erstere Un—
zlück interessirt nicht zum wenigsten seiner Neuheit
vegen. Eine ganze Stadt im Binnenlande in Ge—
'ahr, vom Wasser unterspült zu werden, das war
aoch nicht dagewesen. Glücklicherweise sah unter
Verliner Zllustrirte Deitung.
em Eindruck der ersten Schreckensnachrichten die
zache noch viel gefährlicher aus, als sie es in
virklichkeit gewesen ist. Immerhin aber ist das
inglück, daß die Stadt und ihre Bewohner be—
offen, noch groß genug, um überall das lebhafteste
Nitgefühl für die Schneidemühler wachzurufen,
in Mitgefühl, welches sich hoffentlich nicht nur in
Zorten, sondern bei den jetzt eingeleiteten Samm—
ingen auch in Thaten äußern wird. Dies gilt
uch vom Staate, der doch wohl nicht nur wieder,
ie bei den meisten elementaren Unglücksfällen
isher, lediglich der Privatwohlthätigkeit überlassen
nird, den Schaden auszubessern.
Noch erschütternder aber ist jene Katastrophe, die
is englische Kriegsschiff „Victoria“ auf der Rhede
on Tripolis betroffen. So empfindlich auch der
taterielle Schaden durch den gänzlichen Verlust des
zchiffskolosses, der der Stolz der britischen Marine
ewesen, ist, England ist reich genug, selbst diese
ersunkenen Millionen zu verschmerzen; noch in langen
ahren aber wird man dort in vielen Familien
»nen blühenden Menschenleben nachweinen, die mit
em Schiff zugleich ihr Grab in den Wellen ge—
uinden haben. Ca. 300 Menschenleben mit einem
zchlage im tiefsten Frieden vernichtet — welch' eine er—
hütternde Tragik liegt in dieser Thatsache enthalten.
Branddirektor Stude f.
Nach einer Photographie aus dem Atelier des Hof
photographen Hugo Danz in Berlin.)
Uber so hart jenes Unglück ist, es hat Vorgänger
lehabt und bei uns alte Wunden aufgerissen, die
er Untergang unseres damaligen größten Kriegs—
hiffes, des „Großen Kurfürsten“, auf der Höhe von
rolkestone im Jahre 1878 geschlagen.
So klingt der Rosenmonat Juni in einen grellen
Nißaccord aus, möchte der Juli so ereignißlos
ein, wie sein Vorgänger ereignißreich war.
Die Zeit ist nicht mehr ferne, wo Berlin der
cugendpreis unter den modernen Weltstädten wird
terkannt werden müssen. Wo die wohllöbliche
Sittenpolizei „Enthüllungen“ wittert, da ist sie auch
iuf dem Qui vive. Hat da ein Maler in der
kunstausstellung ein Bild auszustellen gewagt,
velches eine junge Dame darstellt, welche sich eben
inschickt, ein Bad im Freien zu nehmen. Der—
leichen soll ja im profanen Leben vorkommen,
ber gemalt sollte es deshalb doch noch nicht werden.
ind wenn wenigstens der Maler die Vorsicht ge—
raucht hätte, seiner Dame ein wenn auch noch so
nappes Badekostüm anzuziehen. Aber nein!
Nun, bis in die Kunstausstellung langt der
ange Arm der Polizei leider noch nicht hinein,
vohl aber in die Schaufenster der Kunsthandlungen,
velche photographische Reproduktionen jenes Bildes
Ar. 27
auszuhängen sich nicht entblödeten. Die Polizei
iefiehlt, die Bilder werden entfernt und — das
ZRriginal im Moabiter Glaspalaste ist seitdem eines
der „angesehensten“ Bilder der ganzen Ausstellung
zeworden. Und wie verlautet, soll der Maler, ein
herr Katsch, der Behörde ein Dankschreiben für die
reundliche Reklame übersandt haben.
J.
Der Eifer der Polizei in diesem Falle ließ den
Borsitzenden des „Männerbundes zur Bekämpfung
»er Unsittlichkeit“ nicht schlafen. Dieser, ein Herr
. Rothkirch, ging eines schönen Tages durch die
zehrenstraße und bemerkte dort zu seiner höchsten,
ttlichen Entrüstung, daß in dem Schaufenster einer
öchst renommirten Kunsthandlung Photographien
uslagen, auf denen Gestalten abgebildet waren,
ie ebenfalls im Zustande der Unbekleidetheit waren.
der Vorsitzende des ‚, Männerbundes zur Bekämpfung
er Unsittlichkeit“ braucht natürlich nicht zu wissen,
aß es Reproduktionen der berühmten Schöpfungen
die Nacht“ und „der Morgen“ von einem gewissen
Nichel Angelo waren. Er ging in den Laden
inein und verlangte nicht eben — er hatte ja
eine Polizei-Uniform an — sondern bat um Zu—
ȟckziehung der Bilder. Ob man seinem Wunsche
villfahrt oder ihn ausgelacht hat, wissen wir nicht
recht. Aber jedenfalls hatte Herr v. Rothkirch Recht
zu seinem Vorgehen. Denn dicht daneben befindet
ich das „Christliche Hospiz“, in dem konservative
Broßgrundbesitzer, ehrsame Landpfarrer und barm—
sjerzige Schwestern abzusteigen pflegen. Man denke
»en Schaden, den hier diese Bilder anrichten
onnten! Es ist ja schon schlimm genug, daß der
Mensch nicht in seinen Kleidern zur Welt kommt,
nuß er denn daran auch noch durch die „so—
zenannte“ Kunst erinnert werden?
Und da ist es denn gut, daß die lex Heinze in
niaher Aussicht steht. Dann werden nur noch
Madonnenbilder zur öffentlichen Ausstellung ge—
langen dürfen. Es ist gar nicht auszudenken,
vie sittlich wir dann mit einemmal werden. Der
Storch wird natürlich auch über die Landesgrenze
lerwiesen, damit durch seinen Anblick die unschuldige
dinderwelt nicht mehr zu verfänglichen Fragen ge—
reizt wird. In unseren Spezialitätentheatern werden
S„endboten der Inneren Mission allabendlich er—
zauliche Vorlesungen halten und im Circus Renz
vird das „Luther-Festspiel“ in Permanenz eingerichtet.
Es wird einfach himmlisch werden! *
Vranoͤdirektor Htude.
—* Berliner Feuerwehr genießt im In- und
B2 Auslande des Rufes, eine der nuuͤchtigsten
Irganisationen ihres Faches zu sein und ist schon
ür viele derartige Einrichtungen in anderen Groß—
iädten vorbildlich gewesen. Dieser Ruf ist begründet
ticht nur in der Vortrefflichkeit ihrer technischen
dilfsmittel, die bis in's Kleinste hinein auf der
höhe der Zeit stehen, nicht nur in der Tüchiigkeit
ind Disziplinirung der Offiziere und Mannschaften,
ondern auch in den Männern, die seit fünfund—
wanzig Jahren die oberste Leitung in Händen
jatten. Da war zuerst der alte Scabell, der Re—
xganisator der Berliner Feuerwehr, ihm folgte
Najor Witte, der auf den von Scabell geschaffenen
zrundlagen weiter baute, bis er im Jahre 1887
vegen unheilbarer Krankheit von seinem schwierigen
Losten abtreten mußte und von dem aus Bremen
serbeigerufenen Branddirektor Stude ersetzt wurde.
Stude hatte sich damals schon, trotz seiner ver—
ältnißmäßigen Jugend, den Ruf eines ausge—
eichneten Fachmannes erworben, der von der Pike
iuf gedient hatte und Staffel um Staffel empor—
eklommen war. Der Rauchhelm, der es dem
zappeur ermöglicht, den Brandheerd auch in einem
erqualmten Raum zu erreichen, in dem sonst einem
nenschlichen Wesen das Athmen unmöglich wird,
st eine Erfindung Stude's. Bald nach' seiner Be—
ufung zeigte es sich, daß er der richtige Mann an
ichtiger Stelle war. Stude stellte hohe Anforde—
ungen an seine Offiziere und Mannschaften, aber
ie höchsten doch an sich selbst; er war Tag und Nacht
luf dem Posten, die Pflicht ging ihm über Alles.
das verschaffte ihm sehr bald das unumschränkle
sertrauen und die Anerkennung der ihm vorge—