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Volume Nummer 27, 2. Juli 1893

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

llerlei vom Fage. 
De Wahlschlacht ist enischieden: in den Reichstag 
wird eine knappe Mehrheit für die Militär— 
»orlage einziehen. Die Stichwahlen haben der frei— 
innigen Volkspartei noch etwas auf die Beine ge— 
jolfen — der Minnesänger Albert Träger ist sogar 
weimal gewählt worden — gleich wie Herr Rektor 
Ahlwardt, der wieder einmal zu 8 Monaten Ge— 
ängniß „verdonnert“ worden ist. Herr Stöcker ist 
ausgefallen und ringt die Hände nach einem neuen 
Wahlkreis, die Antisemiten sind eine Fraktion ge— 
vorden und können ihr „Juden raus!“ in selbst— 
ständigen Anträgen formuliren, der preußenfresserische 
Ehren-Sigl ist ebenfalls gewählt worden und neben 
hm mancher homo novus, so Herbert Bismarck 
und der Kanonenkönig Krupp. Zweifellos wird 
dieser Reichstag keine Politik nach dem Herzen des 
Reichskanzlers Graf Caprivi, das heißt „langweilige“ 
reiben, es wird in ihm manchmal sehr bewegt zu— 
gehen, und auch die auf 45 Mann angewachsene 
ozialdemokratische Fraktion wird dafür sorgen, daß 
n den heiligen Hallen in der Leipzigerstraße keine 
Langeweile aufkommt. Ueberall im deutschen Reiche 
iber wird man erleichtert aufathmen, denn dieser 
Bahlen Qual war groß. 
Unsere Agrarier, die in dem Bunde der Land— 
virthe das große Wort führen, triumphiren: der 
dandelsvertrag mit Rußland ist zu Wasser ge— 
vorden. Hüben und drüben richtet man sich auf 
zinen frischen, fröhlichen Zollkrieg ein, dessen Kosten 
reilich am letzten Ende das konsumirende Volk wird 
zezahlen müssen. Zu alledem noch trübe Ernte— 
nachrichten — da wird sich der deutsche Michel den 
Schmachtriemen etwas enger schnallen müssen. 
Die Wahlen sind zu Ende und mit ihnen hat 
auch die klassische Berliner Stätte für Volksver— 
ammlungen aller Observanzen für immer ihre 
Pforten geschlossen: der große Saal der Tivoli— 
Brauerei. Gar mannigfache Erinnerungen knüpfen 
ich an diese Mauern, die nun dem Untergange ge⸗ 
weiht sind. Das letzte Wort haben auch hier die 
Sozialdemokraten behalten, die noch am verflossenen 
Sonnabend hier ihr Siegesfest feierten. Denn die 
dochburg des Berliner Freisinns, der zweite Berliner 
Wahlkreis war endlich ihrem Ansturm erlegen, über 
Birchow, den Reéector magnificus der Berliner 
Universität, schritt Fischer, der sozialdemokratische 
Parteisekretär hinein in das Reichstagshaus. Was 
den Stöcker, Irmer und Wagner nicht gelungen, 
hm ist es geglückt. 
Der Tivoli-—Saal hat seine Geschichte. Hier 
drängten sich gar oft freisinnige, konservative, anti— 
semitische und sozialdemokratische Wähler zusammen. 
Von hier aus datirt die „reinliche Scheidung“ in 
der konservativen Partei, hier wurde der Bund der 
Landwirthe gegründet, hier wurde auch Herrn von 
helldorf das Grab gegraben. Hier feierten Berliner 
riegervereine ihre Sedanfeste, hier wurden Kon— 
gzresse abgehalten und fanden Hundeausstellungen 
statt, kurzum, dieser Saal ließ sich zu allem ge— 
brauchen. 
Und nun wird er ad majorem gloriam Gam- 
»rini dem Erdboden gleich gemacht. An seiner 
Stelle werden Brauereigebäude entstehen, in denen 
Zchultheiß⸗Bräu hergestellt werden soll. Die Luft 
des nahen Biktoria-Parkes wird dadurch nicht besser 
verden; man wird hier die Schultheißbrauerei auf 
Livoli in Bälde schon riechen, ehe man sie sieht. 
Neben den Wahlen waren in dieser Woche die 
Zeitungen von jenen Katastrophen erfüllt, die bei 
uins über die Stadt Schneidemühl und jenseits des 
Kanals, bei unseren englischen Vettern über die 
Marine hereingebrochen waren. Das erstere Un— 
zlück interessirt nicht zum wenigsten seiner Neuheit 
vegen. Eine ganze Stadt im Binnenlande in Ge— 
'ahr, vom Wasser unterspült zu werden, das war 
aoch nicht dagewesen. Glücklicherweise sah unter 
Verliner Zllustrirte Deitung. 
em Eindruck der ersten Schreckensnachrichten die 
zache noch viel gefährlicher aus, als sie es in 
virklichkeit gewesen ist. Immerhin aber ist das 
inglück, daß die Stadt und ihre Bewohner be— 
offen, noch groß genug, um überall das lebhafteste 
Nitgefühl für die Schneidemühler wachzurufen, 
in Mitgefühl, welches sich hoffentlich nicht nur in 
Zorten, sondern bei den jetzt eingeleiteten Samm— 
ingen auch in Thaten äußern wird. Dies gilt 
uch vom Staate, der doch wohl nicht nur wieder, 
ie bei den meisten elementaren Unglücksfällen 
isher, lediglich der Privatwohlthätigkeit überlassen 
nird, den Schaden auszubessern. 
Noch erschütternder aber ist jene Katastrophe, die 
is englische Kriegsschiff „Victoria“ auf der Rhede 
on Tripolis betroffen. So empfindlich auch der 
taterielle Schaden durch den gänzlichen Verlust des 
zchiffskolosses, der der Stolz der britischen Marine 
ewesen, ist, England ist reich genug, selbst diese 
ersunkenen Millionen zu verschmerzen; noch in langen 
ahren aber wird man dort in vielen Familien 
»nen blühenden Menschenleben nachweinen, die mit 
em Schiff zugleich ihr Grab in den Wellen ge— 
uinden haben. Ca. 300 Menschenleben mit einem 
zchlage im tiefsten Frieden vernichtet — welch' eine er— 
hütternde Tragik liegt in dieser Thatsache enthalten. 
Branddirektor Stude f. 
Nach einer Photographie aus dem Atelier des Hof 
photographen Hugo Danz in Berlin.) 
Uber so hart jenes Unglück ist, es hat Vorgänger 
lehabt und bei uns alte Wunden aufgerissen, die 
er Untergang unseres damaligen größten Kriegs— 
hiffes, des „Großen Kurfürsten“, auf der Höhe von 
rolkestone im Jahre 1878 geschlagen. 
So klingt der Rosenmonat Juni in einen grellen 
Nißaccord aus, möchte der Juli so ereignißlos 
ein, wie sein Vorgänger ereignißreich war. 
Die Zeit ist nicht mehr ferne, wo Berlin der 
cugendpreis unter den modernen Weltstädten wird 
terkannt werden müssen. Wo die wohllöbliche 
Sittenpolizei „Enthüllungen“ wittert, da ist sie auch 
iuf dem Qui vive. Hat da ein Maler in der 
kunstausstellung ein Bild auszustellen gewagt, 
velches eine junge Dame darstellt, welche sich eben 
inschickt, ein Bad im Freien zu nehmen. Der— 
leichen soll ja im profanen Leben vorkommen, 
ber gemalt sollte es deshalb doch noch nicht werden. 
ind wenn wenigstens der Maler die Vorsicht ge— 
raucht hätte, seiner Dame ein wenn auch noch so 
nappes Badekostüm anzuziehen. Aber nein! 
Nun, bis in die Kunstausstellung langt der 
ange Arm der Polizei leider noch nicht hinein, 
vohl aber in die Schaufenster der Kunsthandlungen, 
velche photographische Reproduktionen jenes Bildes 
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auszuhängen sich nicht entblödeten. Die Polizei 
iefiehlt, die Bilder werden entfernt und — das 
ZRriginal im Moabiter Glaspalaste ist seitdem eines 
der „angesehensten“ Bilder der ganzen Ausstellung 
zeworden. Und wie verlautet, soll der Maler, ein 
herr Katsch, der Behörde ein Dankschreiben für die 
reundliche Reklame übersandt haben. 
J. 
Der Eifer der Polizei in diesem Falle ließ den 
Borsitzenden des „Männerbundes zur Bekämpfung 
»er Unsittlichkeit“ nicht schlafen. Dieser, ein Herr 
. Rothkirch, ging eines schönen Tages durch die 
zehrenstraße und bemerkte dort zu seiner höchsten, 
ttlichen Entrüstung, daß in dem Schaufenster einer 
öchst renommirten Kunsthandlung Photographien 
uslagen, auf denen Gestalten abgebildet waren, 
ie ebenfalls im Zustande der Unbekleidetheit waren. 
der Vorsitzende des ‚, Männerbundes zur Bekämpfung 
er Unsittlichkeit“ braucht natürlich nicht zu wissen, 
aß es Reproduktionen der berühmten Schöpfungen 
die Nacht“ und „der Morgen“ von einem gewissen 
Nichel Angelo waren. Er ging in den Laden 
inein und verlangte nicht eben — er hatte ja 
eine Polizei-Uniform an — sondern bat um Zu— 
ȟckziehung der Bilder. Ob man seinem Wunsche 
villfahrt oder ihn ausgelacht hat, wissen wir nicht 
recht. Aber jedenfalls hatte Herr v. Rothkirch Recht 
zu seinem Vorgehen. Denn dicht daneben befindet 
ich das „Christliche Hospiz“, in dem konservative 
Broßgrundbesitzer, ehrsame Landpfarrer und barm— 
sjerzige Schwestern abzusteigen pflegen. Man denke 
»en Schaden, den hier diese Bilder anrichten 
onnten! Es ist ja schon schlimm genug, daß der 
Mensch nicht in seinen Kleidern zur Welt kommt, 
nuß er denn daran auch noch durch die „so— 
zenannte“ Kunst erinnert werden? 
Und da ist es denn gut, daß die lex Heinze in 
niaher Aussicht steht. Dann werden nur noch 
Madonnenbilder zur öffentlichen Ausstellung ge— 
langen dürfen. Es ist gar nicht auszudenken, 
vie sittlich wir dann mit einemmal werden. Der 
Storch wird natürlich auch über die Landesgrenze 
lerwiesen, damit durch seinen Anblick die unschuldige 
dinderwelt nicht mehr zu verfänglichen Fragen ge— 
reizt wird. In unseren Spezialitätentheatern werden 
S„endboten der Inneren Mission allabendlich er— 
zauliche Vorlesungen halten und im Circus Renz 
vird das „Luther-Festspiel“ in Permanenz eingerichtet. 
Es wird einfach himmlisch werden! * 
Vranoͤdirektor Htude. 
—* Berliner Feuerwehr genießt im In- und 
B2 Auslande des Rufes, eine der nuuͤchtigsten 
Irganisationen ihres Faches zu sein und ist schon 
ür viele derartige Einrichtungen in anderen Groß— 
iädten vorbildlich gewesen. Dieser Ruf ist begründet 
ticht nur in der Vortrefflichkeit ihrer technischen 
dilfsmittel, die bis in's Kleinste hinein auf der 
höhe der Zeit stehen, nicht nur in der Tüchiigkeit 
ind Disziplinirung der Offiziere und Mannschaften, 
ondern auch in den Männern, die seit fünfund— 
wanzig Jahren die oberste Leitung in Händen 
jatten. Da war zuerst der alte Scabell, der Re— 
xganisator der Berliner Feuerwehr, ihm folgte 
Najor Witte, der auf den von Scabell geschaffenen 
zrundlagen weiter baute, bis er im Jahre 1887 
vegen unheilbarer Krankheit von seinem schwierigen 
Losten abtreten mußte und von dem aus Bremen 
serbeigerufenen Branddirektor Stude ersetzt wurde. 
Stude hatte sich damals schon, trotz seiner ver— 
ältnißmäßigen Jugend, den Ruf eines ausge— 
eichneten Fachmannes erworben, der von der Pike 
iuf gedient hatte und Staffel um Staffel empor— 
eklommen war. Der Rauchhelm, der es dem 
zappeur ermöglicht, den Brandheerd auch in einem 
erqualmten Raum zu erreichen, in dem sonst einem 
nenschlichen Wesen das Athmen unmöglich wird, 
st eine Erfindung Stude's. Bald nach' seiner Be— 
ufung zeigte es sich, daß er der richtige Mann an 
ichtiger Stelle war. Stude stellte hohe Anforde— 
ungen an seine Offiziere und Mannschaften, aber 
ie höchsten doch an sich selbst; er war Tag und Nacht 
luf dem Posten, die Pflicht ging ihm über Alles. 
das verschaffte ihm sehr bald das unumschränkle 
sertrauen und die Anerkennung der ihm vorge—
	        
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