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Volume Nummer 25, 18. Juni 1893

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

4J— 
Todfeinde, von dem ich momentan abhängig war. 
Was sollte ich thun? Lohnte es sich wirklich, ihret⸗ 
wegen solch einem gefährlichen Menschen, wie Grossi 
var, entgegenzutreten? 
Meine Vernunft sagte Nein, meine Sinnlichkeit 
prach Ja, denn Zephyra war eine liebreizende 
herson, der zu Liebe ich nicht nur einen dummen 
Streich, fondern auch eine gute That ausführen 
onnte. 
Nach langem Schwanken entschloß ich mich, 
hrem Rufe Folge zu leisten, mochte daraus ent— 
tehen, was da wollte. 
Alis ich mich zu ihr auf den Weg machte, traf 
cch Pietro in der Nähe meines Hauses. Ob er auf 
mich gelauert hatte? 
Er grüßte mich mürrisch und ging in der mir 
entgegengefehten Richtung weiter. Ich begab mich 
in din Restaurant und verweilte dort in Gesellschaft 
weler Agenten, noch in letzter Stunde bemuht, 
inen Erfolg für den unangenehmen Partner zu 
änden. 
Dann schlug ich den Weg nach der Chaussee— 
traße ein, wo —— wohnte. 
Vor ihrer Thür stand Pietro. Ich konnte also 
nicht daran denken, hinaufzugehen und mußte un— 
derrichteter Sache umkehren. 
Darüber wäar ich sehr ärgerlich und ganz un— 
chlüssig, wie ich helfen sollte. 
Für das Mädchen gab es nur eine Rettung: 
Flucht. Ich beschloß, ihr dies zu schreiben, da ich 
ie nicht sprechen konnte. 
Mit allerlei Plänen für ihre Befreiung beschäftigt, 
lanirte ich durch die Straßen, ging dann in einen 
Arlistenklub und kehrte erst spät Abends nach 
dause zurück 
Als ich die Hausthüre aufschließen wollte, huschte 
in Schatlen vorbei und berührte meine Schulter. 
Erschrocken wandte ich mich um. 
DZephyra,“ rief ich. „Sie hier um diese Zeit?“ 
Ja, ich bin's,“ flüsterte sie. „Da Sie nicht zu 
nir kamen, mußte ich zu Ihnen gehen. Ich wollte 
Sie noch heute sprechen, darum habe ich auf Sie 
zewartet.“ 
„Wenn man Sie zu Hause vermißte?“ 
Wer?“ 
Nun Pietro. Er bewachte Sie bei Tage, daß 
s uͤnmöglich ist, zu Ihnen zu gelangen, wie ich 
die Absicht hatte, er wird auch jetzt“ — 
„Sie sehen, bei Nacht schlage ich ihm, ein 
Schnippchen. Aber ich bin seiner Kontrolle über— 
hauͤpt satt und entschlossen, nicht mehr in meine 
WVohnung zurückzukehren.“ 
Wo wollen Sie bleiben?“ 
Bei Ihnen, bis morgen nur, dann werden 
vir weiter sehen.“ 
„Bei mir? Zephyra, das ist unmöglich.“ 
„Warum. Ich vertraue Ihnen.“ 
Pietro wird Sie zuerst bei mir suchen, und Sie 
haben nicht die Kraft, ihm erfolgreichen Widerstand 
zu leisten.“ 
„Sie haben Recht, Bealeiten Sie mich in ein 
dotel.“ 
„Und Ihre Garderobe, Ihre Werthsachen?“ 
„Letztere, sowie mein baares Geld trage ich 
hei mir. Die Kleider werde ich später reklamiren. 
Meine Wirthin ist eine zuverlässige Person, aber 
Pietro gegenüber auch schwach, Sie würde mich 
zegen ihren Willen verrathen. Nur Sie sind stark. 
Sie werden mich retten.“ 
„Ich werde es! Halten wir uns nicht auf. 
stommen Sie!“ 
Ich fuhr mit Zephyra nach einem Hotel in der 
stöniggrätzerstraße. Mit Absicht wählte ich eine ent— 
ferntere Gegend, da ich mir sagte, daß der Italiener 
fsie vor allen anderen Orten in der Nähe meiner 
Wohnung suchen würde. 
Auf der Fahrt saß das süße Mädchen liebevoll 
vertrauend neben mir. Es lehnte das Köpfchen an 
meine Schulter und erzählte mir leise, was sie er— 
sebt und erlitten. 
In der That war Pietro danach angethan, 
aervenstärkere Personen als dieses Kind von Sinnen 
zu bringen. Selbst wenn sie den Mann geliebt 
zätte, mußte seine Rede, sein Thun und Treiben, 
eine Eifersucht ihn verhaßt machen. 
Und nun gestand mir das Mädchen abermals, 
daß sie nicht ihn, sondern mich liebe. 
Mein Herz flog Dir an jenem Tage zu, als 
ich Grossi zur Ballonfahrt begleitete,“ flüsterte sie mir 
n's Ohr. „Er hatte mich stets abgehalten, mit 
Dir zusammen zu treffen, denn er wußite wohl, 
daß Du schön, er selbst aber häßlich, daß Du edel, 
er aber gemein sei. Seine Drohungen indeß schüch— 
terten mich ein, ich wagte ihm nicht zu sagen, wie 
es mir um's Herz sei. Nun werde ich ihn nicht 
mehr sehen, aber auch keinen andern Mann, bis 
Du zu mir kommst, um mich als die Deine ab— 
zuholen.“ 
Und ihre Stimme umschmeichelte mein Herz, der 
Duft, der von ihr zu mir herüberwehte, berauschte 
meine Sinne. Ich versprach, was sie wollte und 
küßte sie, als wir uns trennten. 
Dann kehrte ich zu Fuß nach meiner Wohnung 
urück. Dort alaubte ich den eifersüchtigen Ver— 
Berliner ZIllustrirle Zeitung. 
olger bereits anzutreffen. Jedoch ich irrte mich. 
Die Straße war oͤde und leer. Niemand kümmerte 
ich um meine Heimkehr. 
Ich schlief wenig oder gar nicht, denn schon 
in frühen Morgen glaubte ich auf Pietro's stürmi— 
chen Besuch rechnen zu müssen. Aber er kam nicht, 
zis Mitiag nicht, und Nachmittag mußte ich nach 
der Charlottenburger Flora, um Alles für die 
aächste Auffahrt zu richten. 
Der Ballon, gründlich reparirt und sorgsam 
zeordnet, war bereits zur Stelle. Ich sorgte für 
zie nöthigen Gasvorräthe in der Charloitenburger 
zasfabrik und fuhr nach Berlin zurück. 
Grossi war nicht in meiner Wohnung gewesen. 
das beängstigte mich fast. Sollte er unser Ge— 
banp erxrkundet, Zephyra's Aufenthalt gefunden 
aben 
Am Abend traf ich ihn endlich im Pilsner. Er 
ah fuxchtbar aus, um zehn Jahre gealtert, bleich, 
bgetrieben. Der Mensch mochte wohl den ganzen 
Tag auf der Suche gewesen sein. Als er mich ein— 
reten sah, blickte er wild empor und erwiderte 
neinen unbefangenen Gruß durch ein Kopfschütteln. 
Er that mir leid, aber wie konnte ich ihm 
selfen, ohne die Dame zu schädigen, die sich mir 
invertraut und die ich selbst — fast gegen meinen 
Villen — von Herzen liebte? 
Nach langem Zöoͤgern erhob er sich und trat an 
neinen Tisch. 
„Zephyrä ist fort,“ raunte er in heiserem Tone 
gir zu. „Du weißt, wo sie ist. Sage es mir!“ 
„Du irrst Dich, ich weiß nichts,“ antwortete 
ch schnell und ungeduldig. „Das erste, was ich 
8 Ir höre. Wie kommst Du auf den Gedanken, 
a i —“ 
„Ich habe sie den ganzen Tag gesucht, vergebens 
5s ist, als ob ich mein Leben verloren hätte! Gieb 
nir Zephyra zurück!“ 
„Ich weiß nichts von ihr. Laß mich, quäle 
nich nicht! Vielleicht erfahren wir etwas. Komme 
norgen zu mir.“ 
„Gieb mir Zephyra zurück!“ 
„Genug, Du bist ein Narr!“ 
Nun denn, auf morgen,“ sagte Pietro dumpf 
ind drohend und schlich auf seinen Platz, von 
velchem aus er mich unheimlich anstarrte. 
Es war, als ob Wahnsinn auf seiner Stirne 
geschrieben sei. 
Ich mußte mich mit Gewalt von diesem abscheu— 
ichen Anblicke befreien. Meine Nerven begannen 
örmlich zu schmerzen, Entschlossen sprang ich auf, 
varf mich eine Droschke und fuhr nach Hause. 
Dort suchte ich Ruhe und fand sie, Dank meiner 
zuten Konstitution. Ich brauchte meine Kräfte für 
en nächsten Tag, den ich ohne den eifersüchtigen 
stebenbuhler zu verleben hoffte. 
Trotzdem es noch früh im Jahre, so zwischen 
Istern und Pfingsten, war es doch sehr warm 
Vir hatten eine Reihe trockener, heißer Tage ge— 
sjabt, an diesem Sonntage hingen jedoch schon 
Nittags schwere Wolken am Himmel, und ich 
nußte mich darauf vorbereiten, daß diese Auf— 
ahrt nicht so ungefährlich als die ersten beiden 
ein würde. 
In dem Garten der Flora drängte sich ein über— 
ahlreiches Publikum. Das heiße Frühlingswetter 
atte die Berliner in Schaaren herausgelockt, unsere 
krics, von denen die ganze Stadt sprach, thaten das 
lebrige. Schon um zwei Uhr Nachmittags war es 
o voll, daß ich nur mit Mühe zum Ballon ge— 
angen konnte, den man am Vormittage vor das 
grohr gelegt hatte und der sich bereits stattlich 
ällte. 
Meine Ankunft wurde mit allgemeinem Jubel 
zegrüßt. Ich verbeugte mich und ging an die Arbeit. 
Da tauchte neben mir ein Mann in Matrosen⸗ 
racht auf, der tüchtig beim Ordnen der Seile zu— 
zriff. Es war Pietro. 
„Du,“ rief ich faft erschrocken. „Ich glaubte 
licht, daß Du kommen würdest.“ 
„Haben wir nicht fünf Fahrten ausgemacht? 
zch halte meinen Vakt“ knirschte er zwischen den 
zähnen. 
„Schon recht,“ erwiderte ich boshaft, da mich 
eine Redeweise ärgerte. „Indessen, ich dachte, Du 
ättest Nothwendigeres zu thun.“ 
„Etwa Zephyrä zu suchen? Ich werde sie morgen 
inden, verlasse Dich darauf.“ 
„Thorheit, den Menschen noch mehr zu reizen,“ 
prach ich zu mixr und wandte mich von ihm ab. 
Indessen verfinsterte sich der Himmel. Es drohte 
iun heftiges Gewitter. Einen Augenblick hatte ich 
ie Absicht, das Wetter abzuwarten, aber wo sollten 
ie Massen der Zuschauer Unterkunft finden? Der 
rosbruch konnte sich stundenlang hinzögern, und 
o beschloß ich im Gegentheil, die Füllung des 
zallons zu beschleunigen, um wo möglich vor 
rintritt des Gewitters zu steigen. 
Endlich war Alles fertig. Um fünf Uhr sollte 
ie Auffahrt stattfinden. Da es bereits blitzte und 
umpfer Donner in der Ferne grollte, glaubte ich 
ertreten zu können, wenn wir uns schon früher 
ort machten, uünd so gab ich bereits um halb fünt 
Ihr das Kommando Los!“ 
Ur. 26. 
Zugleich fuhr eine Windsbraut dahin und warf 
den Bällon gegen die Wipfel der Bäume, so daß 
Bietro und ich Noth hatten, uns auf dem Trapez 
zu halten. 
Wie auf Verabredung kürzten wir die Produktion 
ab. Mein Partner warf sich in die Kniebeuge, 
fraum, daß wir fünfzehn Meter hoch gestiegen waren 
and ich schlüpfte an seinem Körper hinunter, faßte 
eine Handgelenke und hing in der Wage. 
Vom Slurme gepeitscht raste der Ballon schräg 
empor. Das Orchester lärmte, die Menge schrie, 
aber der knatternde Donner übertönte Alles 
Das Gewitter stand über uns, neben uns, wir 
befanden uns mit einem Rucke in den blitzerhellten, 
elektrisch gespannten, wogenden, rollenden Wolken. 
Unter mir lag das graue Nichts, unaufhörlich 
aufleuchtend in blendender, schwefelgelber Flamme. 
Ich hob meinen Körper aufwärts. 
„In die Gondel!“ befahl ich. 
Aber Pietro rührte sich nicht. Seine Finger 
hielten meine Handgelenke wie mit glühenden Rin— 
gen fest. 
„Wo ist Zephyra“, drang seine Stimme an 
nein Ohr. 
Ich antwortete nicht und versuchte emporzu— 
lettern. Aber Pietro schüttelte mich ab. 
„Du hast mir Zephyra entführt“, brüllte er. 
Wo ist Zephyra? Sprich, oder Du bist des Todes! 
zch lasse Dich fallen.“ 
Da stockte mein Herzschlag. Ein Donnerschlag 
»urchdröhnte mein Hirn, ein jäher Blitz erhellte alles 
imher mit stechender, blendender Flamme. Ich sah 
neines Feindes bluterfülltes Antlitz, sein grausam 
»ohendes Auge, ich hörte das Keuchen seines 
Mundes, fühlte den Geifer, der aus ihm auf mich 
jerabfiel und befahl meine Seele Gott. 
„Aber Gott hilft dem, der sich selbst hilft“, schrie 
s in mir und mit der letzten Anstrengung meiner 
Muskeln schling ich meine Beine um den Hals des 
Schändlichen und preßte diesen zusammen. 
Da ließ Pietro meine Hände los und ich schnellte 
in demselben Momente nach seinen Füßen empor. 
Jetzt war er in meiner Gewalt, er vermochte sich 
richt zu regen. Ein Augenblick und ich kletterte 
feilschnell in die Gondel, wo ich ermattet zusam— 
nenbrach, nachdem ich das Ventil aufgerissen hatte 
Siehe Illustration auf S. 9.) 
Der Sturm jagte den Ballon wie eine Seifen— 
lase dahin, aber wir sanken, ich fühlte es an der 
euchten Luft, die auf mich eindrang, an dem Regen, 
her meine glühende Stirn netzte und meine Lebens— 
Jeister wieder erweckte. 
Wir sanken. Ich fühlte die Nähe des Waldes 
Ich hörte sein Rauschen unter mir. 
Doch wo war pietro? 
Mit schmerzenden Gliedern richtete ich mich empor 
und beugte mich über den Rand des Korbes. 
Der Elende saß auf dem Trapez, mit Händen 
ind Füßen sich daran festklammernd und das Trapez 
treifte die wogenden Wipfel der Bäume. 
„Komm herauf“, rief ich hinunter, aber er hörte 
nicht. Er führ dahin, bis ein hoher Ast ihn ab— 
treifte und er kopfüber im Blättermeere verschwand. 
Ein furchtbarer Schrei begleitete seinen Fall, ich 
iber fuhr pfeilschnell in die Höhe, da der Ballon 
;lötzlich um siebzig Kilo leichter geworden war. 
Wieder durchschnilt ich die wetternden Wolken, wie— 
»er umtoste mich das Brüllen des Donners, das 
zucken der Blitze, aber ich jauchzte auf, denn der 
söse Feind war von mir gewichen. 
Dann verlor ich die VBesinnung und brach im 
Korbe zusammen. 
Das Aufstoßen des Ballons erweckte mich. Er 
jing fest an einem Gestrüpp der weiten Haide. Das 
Trapez hatte sich verfangen und diente als Anker. 
Ddie niedergehende Sonne sandte ihre letzten Strahlen 
»urch das zerrissene Gewölk. Der Wind hatte sich 
zelegt und der Regen das Land exquickt. 
Ich war bei Landsberg heruntergekommen. 
Bauern halfen mir den Ballon leeren und bergen. 
Erschöpft und krank kehrte ich nach Berlin zurück 
ind betrat fiebernd mein Zimmer. 
Als ich vor dem Spiegel mein Haar ordnete, 
ah ich, daß es grau geworden war. Eine Läh— 
nung meiner Nerven, ein heftiges Fieber, das mich 
oier Wochen ans Zimmer fesselte. hat es weiß 
gefärbt.“ 
„Was ist aus Pietro Grossi geworden“, fragte ich. 
„Den traf ich in der Charité wieder. Im Freien— 
valder Forste wurde er mit gebrochenem Arme auf— 
zefunden, später stellte sich eine Lähmung in Folge 
jeftiger Gehirnerschütterung ein. Die Trapezarbeit 
jat er freilich aufgeben muͤssen, trotzdem er körper— 
ich und geistig geheilt wurde. Jetzt ist er Agent“ 
„Und Zephyra?“ 
„War entflohen. Die Angst vor dem gewalt— 
hätigen Italiener trieb sie aus Berlin und dann 
iber das Weltmeer, vielleicht auch die Kränkung, 
»aß ich sie nicht aufsuchte. Aus Mexiko erhielt ich 
inen Brief von ihr. Sie hoffte immer noch, daß 
ich sie abholen wuͤrde. Ich habe mir die Sache 
iherleat. Sie wird auch ohne mich aglücklich werden“
	        
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