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Volume Nummer 2, 9. Januar 1893

Full text : Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

Der Großfürst-Fhron⸗
folger von Rußlano.

In der politischen Presse ist jetzt viel
die Rede von einem Besuche des russi—
schen Thronfolgers am deutschen Kaiser—
hofe, der aus Anlaß der Vermählungs—
seier der Prinzessin Margarethe, jüngsten
Tochter der Kaiserin Friedrich, mit dem
Prinzen Friedrich Carl von Hessen,
zegen Ende dieses Monats stattfinden
soll. Man munkelt aber hier und da, daß
diese Reise, neben dem oben erwähnten
iußeren Anlaß, auch noch andere, pikantere
Ursachen habe, die in den angeblich libe—
calisirenden Neigungen des Thronfolgers
zu suchen sein sollen. Danach solle die Reise
mehr den Charakter einer — wie sagen
wir nur — einer zeitweiligen Verbannung
oom russischen Kaiserhofe tragen. Un—
wiedersprochen ist ja die Zeitungsnachricht
zeblieben, nach welcher der Großfürst seine
Zimmer mit den Portraits des verstor—⸗
benen Kaiser Wilhelm, Bismarcks und
Moltkes geschmückt habe. Ob man hierin
„liberale“ Neigungen erblickt, oder auch
aur deutschfreundliche, bleibe dahingestellt
Bekannt ist, daß der Großfürst auf

——

GFortsetzung.)

Megwtudigerwois weigerte sich der Gerettete zu
* konstatiren, ob ein Unglück oder ein Verbrechen
vorliege und bat den Kommissär, sich keine Muͤhe
bei der Verfolgung des Dieners zu geben, da er
gesonnen sei, unter keiner Bedingung einen Straf⸗—
intrag zu stellen. Nachdem die Feuerleute die
Wohnung verlassen hatten, kleidete sich Oerens
rgam an und bestand darauf, mit mir zu früh—
ñücken.“
„Ihr frühstücktet also zusammen,“ fragte James,
reinen Cognac schlürfend.
„Errathen, wir tranken einige Gläser Wein im
nächsten Restaurant, und verzehrten dazu eine
Schüssel Wildpret und einige Austern. Derens aß
mit bewunderungswürdigen Appetite, verhielt sich
sedoch schweigsam, da das Sprechen ihm augenschein—
lich beschwerlich fiel. Ich verzehrte den Lohn meiner
iebensretterlichen Thätigkeit ohne Skrupel, da ich
meinen Patienten in gesegneter Arbeit sah.“
„Wie ich diesen Mann von Eisen beurtheile, ist
er nach dem Frühstücke an der Alster spazieren ge—
zangen,“ meinte Amoroso lachend.
„Das nicht, er fühlte sich plötzlich doch ein wenig
matt. Eine gewisse Reaktion konnte nicht ausbleiben.
Während unseres Frühstückes war eine gründliche
Reinigung der Wohnung vorgenommen worden.
Ein Tapezier hatte sich mit ausreichenden Arbeitsräften
 an's Werk gemacht, die Zimmer wohnlich
zu machen. Als ich den Doktor in sein Heim be—
gleitete, fanden wir außer einem penetranten Brand—
jeruche die Räume durchaus komfortable und die
daushälterin damit beschäftigt, auch die letzten
Spuren des Unglückes zu verwischen. Ich verließ
den Herrn, um mich selbst von den Strapazen der
Arbeit und des Frühstücks zu erholen, doch be—
urlaubte er mich nicht, ohne daß ich das Ver—
—DD
mal vorzukommen.“
„Herrlich, etwas dunkel zwar, doch es klingt
recht wunderbar,“ deklamirte der Poet. „Ich werde
dem Manne ein Epos auf die glücklich abgewendete
Lebensgefahr widmen. Ihr sagt doch, er sei reich?“
„Er ist es zweifelsohne“, erwiderte der Arzt. „Der
—A
manns Larsen, dessen Wechsel an der Börse Gold
sind, kann kein armer Schlucker sein.“
„Dann wird er mich fürstlich honoriren“, rief
Plinius begeistert aus. „Wenn ich nur wüßte,
vie ich die Verse scandiren soll. Jamben oder
Trochäen, das ist die Frage! Doch mein Genius
wird mir treu bleiben.“
„Hoffen wir es,“ spöttelte der Doktor. „Sonst
zeht es Euch doch gut! Kein Fieber, keine Magen—
überladung, kein sybaritisches Leiden zu verzeichnen,
'n Folge von übermässigem Genusse der Gänseleber—
dasteten, getrüffelten Fasanen und Champagner—
räuschen?“

Berliner ZIllustrirte Zeitung.

85.

seiner vor etwa 2 Jahren erfolgten Welt—
reise Gegenstand eines Attentats gewesen,
welches ein japanischer Polizist gegen ihn
verübte; er wurde damals durch die
Geistesgegenwart des ihn begleitenden
Prinzen Georg von Griechenland vor dem
Tode, resp. schweren Verletzungen behütet.
Der Großfürst war früher häufig
kränklich gewesen, vor allem sehr nervös,
gesundete aher mit der Zeit durch die
sorgsame Pflege des Kaiserlichen Leib—
arztes Dr. Hirsch und durch häufigeren
Klimawechsel; namentlich die erwähnte
Weltreise hat viel zu seiner Kräftigung
beigetragen. Diese frühere Kränklichkeit
soll auch der Grund sein, daß der heute
äußerlich stattliche Prinz bisher unver—
heirathet geblieben, obgleich sein Name
schon des öfteren in Verbindung mit den
abenteuerlichsten Heirathsprojekten ge—
naunt wurde.
Nicolaus Alexandrowitsch, ist geboren
am 18. (6.) Mai 1868 zu Petersburg,
Hetmann aller Kosacken, außerdem Chef
des Volhynieschen Garderegiments in
Moskau und des 84. russischen Infanterie—
regiments, ferner des 5. österreichischen
Ulanenregiments und steht à la suite
des preußischen Kaiser-Alexander-Garde—
Brenadier-Regiments in Berlin.

Der Großfürst-Thronfolger von Rußland.

Daämonen. VB
Roman von Carl Makfkhias.

ö— —

„Dein Spott ist bitter,“ entgegnete James, „aber
8— nicht wehe. Auch wir werden bessere Zeiten
ehen.“
„Ich gönne fsie Euch von Herzen,“ lachte
»er Arzt. „Doch nun will ich zu meinem Patienten
urückkehren.
„Nicht ohne einen Cognac genossen zu haben“,
sat Rafael und schenkte das einzig vorhandene
ziqueurglas voll.
„Ich trinke es auf eine bessere Zukunft leer,“
agte Werner, ohne Bedenken das Dargebotene
iehmend. „Es wäre jammerschade, wenn mein
Zunsch nicht in Erfüllung ginge. Rafael malt so
zübsche Sachen, Amoroso ist ein so vortrefflicher
MNusiker, James hat den Kopf so voll genialer
sedanken, von Spleenius gar nicht zu reden.“
„Bitte Plinius“, korrigirte der Poet, den letzten
ropfen Bier ausschlürfend.
„Auch Spleenius hat Talent — er kann es
uur nicht offenbaren. Euch fehlt der Name, das
st alles.“
„Wie dem auch sei,“ erklärte James, „in unserer
zage muß eine Aenderung eintreten. Amoroso darf
rnicht ferner unser alleiniger Ernährer sein. Irgend
twas muß geschehen.“
„Dieser Ausspruch ist eines Weisen würdig und
m Vertrauen darauf will ich weiter wandern,“
agte Werner und nahm seinen Hut. „Vor allem
u meinem Rauchgiftpatienten. Trotz seiner Früh—
tücksbereitwilligkeit traue ich der robusten Natur
ieses Afrikaforschers nicht. Außerdem muß ich mir
zie noble Praxis sichern. Also Gott mit Euch allen
ind Du mein Sohn Brutus,“ wandte er sich an
blinius, „dichte nicht zu viel, es könnte Dein Ge—
irn affiziren.“
Als der Doktor fort war, kleidete sich auch James
um Ausgehen an.
„Komm Raphael,“ sagte er, „wir wollen uns in
»er Stadt umthun. Ich habe eine Stelle als Zeichner
»ei Rauwasser in Aussicht, Du magst zu Hoffmann
ind Campe wegen der Illustration zum französischen
doman gehen. Du, Spleenius sorgst indessen für
ie Säuberung des Zimmers und des Geschirres.
das Wasser im Topfe ist noch warm und genügt
ür Reinigung der Tassen und Teller. Den eisernen
kopf mußt Du mit Soda auswaschen. Mache Deine
Zache gut, Spleenius.“
Amoroso sah nach seiner Uhr, einem Deckelchrono—
neter von urweltlicher Façon.
„Ich werde zum Alcazar gehen, es ist allmälig
Zeit geworden,“ sagte er seufzend.
„AÄrmer Junge,“ meinte James, seine kräftige
zand auf die dürftigen Schultern des Musikers
egend. „Deine zarte Constitution ist dieser auf—
eibenden Klavierpaukerei nicht gewachsen, diese
ächtliche Arbeit untergräbt Deine Gesundheit. Aber
abe Geduld. Wir werden bald zu einem anständigen

Machdruck verboten.)
Frwerbe gelangen und dann sollst Du nicht mehr
um Tanze aufspielen. Behüt Dich Gott, Amoroso.“
„Auf Wiedersehen James. Adieu Raphael
Blück auf den Weg!“
„Leb wohl Spleenius. Wasch mir den Topf
recht rein aus. Vergiß das Soda nicht und scheure
die Stube, mein Sohn.“
Die Dreie gingen. Der Poet blieb allein zurück.
Unter Kochtöpfen die einzige fühlende Seele,“
eufzte er, die Hände ringend. „Geschirr waschen,
Diele scheuern, Soda nehmen und verzweifeln.
) Vaterland, wie mißhandeltest du deine großen
Beister,“ rief er wild emporspringend aus und stieß
nit dem gelbhaarigen Schädel wieder an die Zimmer—
7 daß er fast betäubt auf den Klaviersessel zurück—
ank.

3. Alte Schuld.

Der Name Larsen hatte in Hamburg einen guten
dlang. Die Firma Larsen und Kompagnie galt an
der Börse als erstes Papier. Der Träger der
Firma, Wilhelm Larsen, war ein durchaus ange—
ehener Kaufmann.
Er hatte mit der Firma ein bedeutendes Vermögen
»on seinem Vater geerbt und dieses in sehr geschickten
Zpekulationen zu vergrößern gewußt. Allerdings
jehauptete Dieser und Jener, Larsen sei nicht allzu
»enibel in der Wahl der Mittel, Reichthümer zu
rwerben. Aber der wohlrangirte Kaufmann ver—
ichtete diese Lästerer. Wie konnten auch diese Leute
ich mit ihren Gedanken zu der Stellung eines
rarsen erheben, wie konnten sie in ihrer beschränkten
Sphäre den Maßstab für die Manöver eines VBörsen—
ürsten finden?
Wilhelm Larsen war eine Perfönlichkeit von ge—
vinnendem Aeußern. Er besaß ein hübsches, ziemlich
richtssagendes Gesicht, jene müde Verschwommenheit
»er Züge, welche man uͤnverständigerweise oft aristo—
ratisch nennt. Sein Auftreten verrieth weltmännische
Sicherheit, seine Haltung war reservirt, abwartend,
ines Börsendiplomaten würdig. Der Kaufmann
onnte sehr liebenswürdig sein, aufrichtig war er nie.
Von frühester Jugend an durch den Reichthum
»erwöhnt, war er nicht der Mann, sich irgend einen
ßenuß zu versagen, gleichviel ob er die Erlangung
esselben mit der Moräl in Einklang bringen konnte
»der nicht. Seine Moral war das Geld, mit welchem
r alles bezahlen zu können glaubte; was darüber
sinaus war, machte ihm durchaus kein Kopfzerbrechen.
Nach dem Willen seines Vaters hatte er sich früh
„erheiräthet. Seine Gattin, die Tochter des Senators
Derens, war eine schöne, geistreiche Frau gewesen
ind hatte ein großes Vermögen in die Spekulations—
asse der Firma mitgebracht. So lange die Dame
»es Hauses das Haus repräsentirte, war Larsen ein
nusterhafter Ehemann gewesen. Die schöne Louise
ränkelte aber sehr bald, zog sich bald von allen
            
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