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Volume Nummer 17, 23. April 1893

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

Staatsanwalt in seinem Arbeitszimmer auf und 
meder, als ihm Herr von Willstätt gemeldet wurde. 
„Ich lasse bitten.“ 
Gleich darauf trat der Genannte ein, bleich und 
verstört. 
„Bringen Sie neuere Nachrichten, Herr von 
Willstätt?“ 
„Nur schlimme,“ versetzte dieser, indem er sich auf 
dem angebotenen Stuhle niederließ. „Ich komme 
soeben von meinem Schwiegervater, dem Bankier 
Walbert.“ 
„Wie ertrug er die Nachricht?“ 
Ich kam zu spät. Eine halbe Stunde vorher 
fand man ihn in seinem Privat-Comptoir am 
Boden. Der Schlag hatte ihn gerührt. Die Nachricht 
muß ihm doch zu Dhren gekommen sein.“ 
„Er ist todt?“ rief der Stagtsanwalt. 
Nein, doch nicht viel besser. Er verlor die 
Sprache vollkommen und ist außerdem gelähmt. 
Nur die Augen sprechen, möchten eiwas sagen, 
fragen — und Niemand versteht dies.“ 
„Entsetzlich!“ 
IIch habe den Eindruck erhalten, als quäle den 
Gelähmten irgend ein schrecklicher Gedanke, etwas, 
das nedas Verbrechen dieser Nacht Bezug hat.“ 
„Wie?“ 
IIch weiß selbst nicht, wie ich gerade nur daran 
und an nichis Anderes zu denken vermochte. Aber 
ich konnte diese stumme entsetzliche Frage im Auge 
des Armen nicht mehr länger ertragen und — dann 
ist es auch noch etwas Anderes, das mich zu Ihnen 
drängte.“ 
„Sprechen Sie!“ 
Herr von Willstätt bat um ein Glas Wasser. 
Der Athem kam schwer aus seiner Brust. Ein 
Gerichtsdiener brachte das Verlangte, welches Will⸗ 
tätt mit bebenden Händen trank. 
„Bei dem Dunkel, das über der so traurigen 
Angelegenheit liegt, kann möglicherweise jede 
kleinigkeit nützlich werden. Sie verlangten heute 
früh zu wissen, welcher Art die Aussprache war, 
die ich mit meiner Gemahlin hatte. Ich muß etwas 
zurückgreifen, bitte Sie jedoch, das Mitgcetheilte als 
Amtsgeheimniß zu bewahren.“ 
Der Staatsanwalt nickte mit gespannter Miene. 
„Als ich vor fünf Monaten meine Gattin in 
mein Haus führte, geschah es, weil ich sie aus 
vollem Herzen liebte. Ich hatte ihre Bekanntschaft 
auf einem Balle gemacht und obwohl sie selbst mir 
auf keine Art enlgegenkam, suchte ich doch Zutritt 
zum Hause ihres Vaters. Ihr Ruf war fleckenlos 
uͤnd ich vermochte meine Leidenschaft nicht mehr zu 
unterdrücken. Ich selbst bin sehr vermögend, nach 
der Mitgift meiner Braut that ich keine Frage. 
Erst zu spät mußte ich einsehen, daß mir meine 
Gattin nicht die Zuneigung entgegenbrachte, wie ich 
ihr. Vergebens war mein heißestes Bemühen 
anfänglich. Da — vor mehreren Tagen, kam Bankier 
Walbert in mein Haus und hatte mit seiner Tochter 
eine längere Unterredung. Gleich darauf trat meine 
Battin vor mich hin, bleich, mit einem verzweifelten 
Entschlusse im Antlitz. Sie sagte mir, daß sie 
mein Weib wurde, weil ihr Vater vor dem 
Bankerott stände, daß er ihr gedroht sich zu tödten, 
sich und Maria's Mutter. Nun wäre er draußen, 
um mich zu bitten, ihm eine Summe von 100 000 Mk. 
zur Verfügung zu stellen. Eine Katastrophe stand 
hevor. Meine Gattin fühlte wenig Liebe, doch um 
o mehr Achtung für mich. Alles wagend, enthüllte 
sie mir alles, ihr Urtheil erwartend. Das Mit— 
zetheilte warf mich nieder, ich glaubte sterben zu 
müssen. Kein Erbarmen erwaäartend, stand Maria 
oor mir. Doch ich hatte den Entschluß bereits 
zefaßt. Eine Stunde später ertheilte ich meinem 
Bankier in A. den Auftrag, 100 000 Mk. an meinen 
Schwiegervater abzusenden, ja ich that noch mehr; 
ich veranlaßte, daß meine Gelder in die Verwaltung 
Walbert's gelangten, der sich nur durch unglückliche 
Spekulationen ruinirte, wie ich glauben mußte 
Dies der Grund meiner geschäftlichen Reise vor 
zwei Tagen. Kurz vorher hatte ich meiner Gattin 
mitgetheilt, was ich that. In dem Danke den sie 
mir gab, fand ich die erste sonnige Hoffnung auf 
ein kommendes Glück. Zum erstenmale ruhten ihre 
Blicke mit einem unaussprechlichen Empfinden auf 
mir. Mit der Gewißheit, daß endlich die starre 
Rinde schmolz, reiste ich ab. In einigen Tagen 
wollte ich mit ihr nach der Riviera. Und nun ich 
komme, finde ich — es ist furchtbar!“ 
Herr von Willstätt hielt erschüttert inne. 
Ich danke Ihnen für diese Mittheilungen,“ 
sagte der Staatsanwalt. „Wenn es Ihnen genehm, 
begeben wir uns sogleich zu Ihrem Schwieger— 
vater —“ 
„Gewiß; es ist ja keine Zeit zu verlieren.“ 
Willstätt erhob sich. „Indem ich Ihnen diese 
Familiengeschichte erzählte, wollte ich eigentlich nur 
beweisen, daß keinerlei Annahme vorliegt, meine 
Gattin hätte vielleicht gar mit einem andern Mann 
ein heimliches Verhältniß unterhalten. Nach unserer 
letzten Unterredung durfte ich auf das Beste hoffen.“ 
Der Staatsanwalt sagte nichts darauf. In 
seinem Kopfe arbeitete eine neue Idee, hervorge— 
bracht durch eben die letzten Worte Herrn von 
Verliner Illustrirle Zeitung. 
willstätt's. Es war kein Raubmord, aber vielleicht Und er ist todt?“ 
einer aus Rache, aus Erbitterung. „Nein — er lebt, liegt jedoch in Fieber⸗ 
Indefsen fuhren die Herren nach dem Bankhause hhantasien, thut Aeußerungen, die ihn verdächtig 
Valbert. Medizinalrath Dr. Burgmüller empfing machen. Außerdem —“ 
ie. Mit dem Kranken war keine Veränderung „Nun —“ 
»orgegangen. Aussicht auf Hoffnung war nicht IIch selbst untersuchte seine Fußbekleidung und 
orhanden, doch befand sich Walbert zeitweise bei and, daß die Sohle den Abdruck im Garten hervor⸗ 
‚ollem Bewußtfein. Als der Staats anwalt zu vrachte. Die kleinen Nägelstifte fehlen an der rechten 
hmutrat und mehrere Fragen an ihn stellte, machte Seite, Breite und Länge stimmen bis auf ein Haar. 
»er Kranke einen verzweifelten Versuch zu ant— xs ist der nächtliche Vesuch.“ 
vorten, doch vergebens. Beide Arme waren gelähmt. „Wir hätten ihn also!“ rief der Staatsanwalt 
der Staalsanwalt sah die Unmöglichkeit ein, hier erregt. „Und daß nun dieser Mensch tödtlich ver⸗ 
twas zu erfahren, er wendete sich — zwar ebenso vundet sein muß! Wenn er nicht vernehmungs⸗ 
ergeblich — an die jammernde Gattin Walbert's. ähig ist, bleibt das sonderbare Dunkel bestehen; 
der Gatlle und ihr Kind! Es war zu viel des »s iist im höchsten Grade fatal. Was sagt der 
Anglücks für die Arme. Arzt⸗“— 
Das Bureaupersonal ging nur mecchanisch seinen „Es ist keine Hoffnung mehr. Der Schwerver— 
geschaͤftigungen nach. Als der Staatsanwait unter wundete dürfte kaum mehr zum Bewußtsein zurück— 
ie trat, ging ein leises Flüsiern durch das Zimmer lehren.“ 
ẽr stelite auch hier einige Fragen, wollte indessen Der Staatsanwalt drückte auf eine Glocke. 
chon gehen, als ihm der alte Diener des Bankier „Hut und Ueberrock!“ befahl er dem eintretenden 
nigegenirat und eine Wahrnehmung mittheilte, diener, gab sodann den Auftrag ein Gerichtsschreiber 
velche den Beamten interefssiren mußte. Dieser möge sich bereit halten. 
satte nach den Personen sich erkundigt, welche im „Wir wollen dennoch einen Versuch machen,“ 
aufe der letztvergangenen Tage den Bankier in agle er. „Bei der Wichtigkeit des Falles darf man 
einem abgeschlossen Privat-Komptoir aufsuchten. nicht verzagen. Vielleicht —“ Der eintretende 
die mitgetheillen Daten befriedigten den Staats- polizeibeamte unterbrach die Rede des Staats— 
inwalt nicht, bis ihm endlich der alte Diener mit uinwaltes. 
twas scheuer Miene mittheilte, daß er gegen Abend „Was giebt es?“ 
»es zweitletzten Tages eine Person hästig in das „Der im Inquisitenhospital liegende Schwerver— 
Privatzimmer Walbert's treten sah. Sehr verwundert vundete ist zum Bewußtsein zurückgekehrt und ver— 
jätte er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie Herr angt nach den Staatsanwalt.“ 
Adolph, der Neffe Walbert's, so plötzlich wieder in FAlso doch! Sehen Sie! Lassen Sie uns eilen, 
»ie Stadt kam, nachdem ihn der Bankier ach derr Kommissar!“ 
Monate zuvor nach New⸗NYork schickte, wo Jedermann Zwei Minuten später rollte der Wagen mit den 
»en jungen Herrn noch vermuthete. Der Diener Zerichtsbeamten im schnellen Lauf davon, dem 
nußte jedoch gleich darauf einen Ausgang machen dospital entgegen. 
ind als nach seiner Rückkehr von keiner Seite etwas 
erlautete, daß Herr Adolph seinen Vormund, 
velcher auch dessen beträchtliches Vermögen im Ge— 
chäfte hatte, aufsuchte, nahm der Alte an, daß er 
ich täuschte. Er hielt es jedoch für dienlich, diesen 
Imstand nicht zu verschweigen. Niemand vom 
Zgureaupersonal hatte den jungen Mann gesehen, 
em allseitig nur das besie Lob ertheilt wurde 
der Staatsanwalt ließ sich den jungen Mann be— 
hreiben bis auf das Kostüm, welches er vor zwei 
Lagen trug. Hierüber vermochte der Diener nur 
nangelhafte Auskunft zu geben; für den erfahrenen 
ßeamten war es jedoch genug. In den klugeu, 
zrauen Augen blitzte es auf. 
„Guten Abend, meine Herren!“ 
Er wollte sich rasch enftfernen. Herr von Will— 
tätt kam von den oberen Räumen herunter. 
„Herr Staatsanwalt, soeben ist mein Schwieger- 
vater gestorben.“ 
„Ah! —“ 
Herr von Willstätt wandte sich tiefernst an den 
ersten Prokuristen. 7 
„Herr Frank, Sie haben wohl die Güte, bis 
auf Weiteres die Geschäfte zu führen. Ich werde 
auf Wunsch Ihrer Prinzipalin sodann Einsicht in 
die Bücher nehmen.“ 
Während die Angesiellten in tiefem Schweigen 
zerharrten, verließ der Staatsanwalt das Haus. 
derr von Willstätt blieb. 
Langsam sank die Dunkelheit herunter. 
In seine Arbeitsräume zurückgekehrt, ließ der 
Staatsanwalt den Kommissar Fresenius rufen. 
Sofort erschien der Beamte. 
„Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, um jenen 
ungen Mann in unsere Gewalt zu bekommen 
»essen Signalement Ihnen bereits bekannt ist. 
dier noch eine Vervollsiändigung. Allem Anscheine 
iach haben wir in ihm den Thäter zu suchen. Er 
nuß noch in der Stadt sein. Unsere ganze ver⸗ 
ügbare Kriminalpolizei soll Jagd auf ihn machen 
kreignet sich etwas von Belang, bitte es mir so— 
zleich zu rapportiren und wäre es mitten in der 
dacht. Ich bin in der Lage eine Prämie von 
00 Mark für Ergreifung dieses Mannes aussetzen 
u können.“ 
Der Kommissar entfernte sich und gab seine 
Zefehle. 
„Ein höchst interessanter Fall!“ murmelte der 
urückbleibende Staatsanwalt. 
Oer Schwerverwundete lag, kaum sichtbar athmend 
in den Kissen. Er war bei vollem Bewußtsein, 
Dank den wirksamen Mitteln des Arztes. Ueber 
ein Gesicht, das bereits den Stempel des Todes 
rug, ging eine leichte Bewegung als er den Staats- 
anwalt erkannte, der an das Bett trat. 
Ein Blick des Arztes genügte, um dem Beamten 
zu sagen, daß der Verwundete nur kurze Zeit noch 
zum Leben habe. 
„Herr Staatsanwalt,“ sprach kaum vernehmbar 
der Kranke, „Sie suchen den Mörder Maria von 
Willstätt's — ich bin es!“ 
Er schloß die Augen und schon vermeinten die 
Anwesenden, es wäre das Ende, als der Verwun— 
dete noch einmal die Lippen öffnete und einige 
Worte sprach. 
„Der Geistliche hörte meine Beichte; er besitzt 
ius meiner Hand die Niederschrift meiner ganzen 
Schuld. Es war für Sie bestimmt — wenn ich —“ 
Die Worte stockten plötzlich, ein Zucken lief über 
)en Körper. Der Mörder Frau von Willstätt's war 
gestorben. 
Der Staatsanwalt nahm aus den Händen des 
Zefängnißgeistlichen einen verschlossenen Brief ent⸗ 
zegen, der die Aufschrift trug: 
ozu Händen des Staatsanwaltes nach meinem 
ode. 
Als man den Schwerverwundeten im Grauen 
des Morgens einlieferte und der Geistliche sogleich 
an sein Lager eilte, streckte ihm dieser mit zuckender 
dand den Brief entgegen. Eine Viertelstunde später 
verfiel der Kranke in Bewußtlosigkeit. 
Die Zeilen lauteten: 
„Seit gestern irre ich durch die Stadt; ich weiß, 
nan verfolgt mich, meine Spur ist gefunden. Ich 
ann nicht mehr entweichen, will es auch nicht und 
ennoch graut mir vor dem Selbstmord. Es muß 
ein — —21 
Ich gestehe meine That ein; ich ermordete Maria 
von Willstätt, doch kein gemeiner Beweggrund leitete 
nich. Jetzt, wo ich weiß, daß ich sterben muß, daß 
s keinen Ausweg mehr giebt, will ich sagen, was 
nich zum verabscheuuungswürdigen Mörder machte. 
Bankier Walbert ist mein Verwandter und 
Lormund; ich arbeitete früher zu seiner vollsten 
Zufriedenheit in seinem Geschäfte und — verliebte 
nich in seine Tochter. Anfänglich schien diese 
Vahrnehmung meinen Vormund nicht zu erzürnen; 
ch fand Gegenliebe und schwelgte in einem Meer 
yon Glück. Trotz Allem hielten wir unsern Herzens— 
zund geheim, obwohl wir wußten, daß der Vater 
Maria's Kenntniß davon hatte, ohne jedoch dergleichen 
u äußern. Ein Jahr verging; ich wollte erst meine 
Stellung festigen, ehe ich üm die Geliebte warb. 
Dda, wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich 
neines Vormundes Anerbieten, in ein Newyorker 
daufhaus zur weiteren Ausbildung einzutreten. 
ẽEs war mir unmöglich, abzuschlagen — aber ich 
nachte noch vor der sehr beschleünigten Abreise 
Walbert mit meinem Hoffnungen vertraut, Maria 
u erringen. Er hatte nur die Frage, ob irgend 
Jemand außer ihm, Maria und mir von diesem 
Lerhältniß wüßte. Ich antwortete mit Nein. Er 
ieß mich in quälender Ungewißheit, machte Alles 
on meinem Erfolge abhängig. Ich schied mit 
IV. 
Am nächsten Morgen in 'aller Frühe ließ sich 
Fresenius bei dem Staatsanwalt anmelden. 
Mit gespannter Miene ward er empfangen. 
„Nun — was bringen Sie in der Angelegenheit!“ 
„Der Gesuchte ist in unseren Haänden, Herr 
Ztaatsanwalt!“ lautete die Antwort. 
„Sie haben ihn? Bitte, berichten Sie!“ ersuchte 
jastig der Beamte. „Sein Name?“ 
„Man weiß ihn nicht!“ 
Nicht?“ 
„In demselben Augenblick, da er verhaftet werden 
ollte, schoß er sich eine Kugel durch den Kopf!“ 
„Ach! Wo geschah die Verhaftuͤng?“ 
„Im Thiergarten und erst gegen den grauen 
Morgen. Unsere Leute spannten ein undurchdring⸗ 
iches Netz über die ganze Stadt.“
	        
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