Staatsanwalt in seinem Arbeitszimmer auf und
meder, als ihm Herr von Willstätt gemeldet wurde.
„Ich lasse bitten.“
Gleich darauf trat der Genannte ein, bleich und
verstört.
„Bringen Sie neuere Nachrichten, Herr von
Willstätt?“
„Nur schlimme,“ versetzte dieser, indem er sich auf
dem angebotenen Stuhle niederließ. „Ich komme
soeben von meinem Schwiegervater, dem Bankier
Walbert.“
„Wie ertrug er die Nachricht?“
Ich kam zu spät. Eine halbe Stunde vorher
fand man ihn in seinem Privat-Comptoir am
Boden. Der Schlag hatte ihn gerührt. Die Nachricht
muß ihm doch zu Dhren gekommen sein.“
„Er ist todt?“ rief der Stagtsanwalt.
Nein, doch nicht viel besser. Er verlor die
Sprache vollkommen und ist außerdem gelähmt.
Nur die Augen sprechen, möchten eiwas sagen,
fragen — und Niemand versteht dies.“
„Entsetzlich!“
IIch habe den Eindruck erhalten, als quäle den
Gelähmten irgend ein schrecklicher Gedanke, etwas,
das nedas Verbrechen dieser Nacht Bezug hat.“
„Wie?“
IIch weiß selbst nicht, wie ich gerade nur daran
und an nichis Anderes zu denken vermochte. Aber
ich konnte diese stumme entsetzliche Frage im Auge
des Armen nicht mehr länger ertragen und — dann
ist es auch noch etwas Anderes, das mich zu Ihnen
drängte.“
„Sprechen Sie!“
Herr von Willstätt bat um ein Glas Wasser.
Der Athem kam schwer aus seiner Brust. Ein
Gerichtsdiener brachte das Verlangte, welches Will⸗
tätt mit bebenden Händen trank.
„Bei dem Dunkel, das über der so traurigen
Angelegenheit liegt, kann möglicherweise jede
kleinigkeit nützlich werden. Sie verlangten heute
früh zu wissen, welcher Art die Aussprache war,
die ich mit meiner Gemahlin hatte. Ich muß etwas
zurückgreifen, bitte Sie jedoch, das Mitgcetheilte als
Amtsgeheimniß zu bewahren.“
Der Staatsanwalt nickte mit gespannter Miene.
„Als ich vor fünf Monaten meine Gattin in
mein Haus führte, geschah es, weil ich sie aus
vollem Herzen liebte. Ich hatte ihre Bekanntschaft
auf einem Balle gemacht und obwohl sie selbst mir
auf keine Art enlgegenkam, suchte ich doch Zutritt
zum Hause ihres Vaters. Ihr Ruf war fleckenlos
uͤnd ich vermochte meine Leidenschaft nicht mehr zu
unterdrücken. Ich selbst bin sehr vermögend, nach
der Mitgift meiner Braut that ich keine Frage.
Erst zu spät mußte ich einsehen, daß mir meine
Gattin nicht die Zuneigung entgegenbrachte, wie ich
ihr. Vergebens war mein heißestes Bemühen
anfänglich. Da — vor mehreren Tagen, kam Bankier
Walbert in mein Haus und hatte mit seiner Tochter
eine längere Unterredung. Gleich darauf trat meine
Battin vor mich hin, bleich, mit einem verzweifelten
Entschlusse im Antlitz. Sie sagte mir, daß sie
mein Weib wurde, weil ihr Vater vor dem
Bankerott stände, daß er ihr gedroht sich zu tödten,
sich und Maria's Mutter. Nun wäre er draußen,
um mich zu bitten, ihm eine Summe von 100 000 Mk.
zur Verfügung zu stellen. Eine Katastrophe stand
hevor. Meine Gattin fühlte wenig Liebe, doch um
o mehr Achtung für mich. Alles wagend, enthüllte
sie mir alles, ihr Urtheil erwartend. Das Mit—
zetheilte warf mich nieder, ich glaubte sterben zu
müssen. Kein Erbarmen erwaäartend, stand Maria
oor mir. Doch ich hatte den Entschluß bereits
zefaßt. Eine Stunde später ertheilte ich meinem
Bankier in A. den Auftrag, 100 000 Mk. an meinen
Schwiegervater abzusenden, ja ich that noch mehr;
ich veranlaßte, daß meine Gelder in die Verwaltung
Walbert's gelangten, der sich nur durch unglückliche
Spekulationen ruinirte, wie ich glauben mußte
Dies der Grund meiner geschäftlichen Reise vor
zwei Tagen. Kurz vorher hatte ich meiner Gattin
mitgetheilt, was ich that. In dem Danke den sie
mir gab, fand ich die erste sonnige Hoffnung auf
ein kommendes Glück. Zum erstenmale ruhten ihre
Blicke mit einem unaussprechlichen Empfinden auf
mir. Mit der Gewißheit, daß endlich die starre
Rinde schmolz, reiste ich ab. In einigen Tagen
wollte ich mit ihr nach der Riviera. Und nun ich
komme, finde ich — es ist furchtbar!“
Herr von Willstätt hielt erschüttert inne.
Ich danke Ihnen für diese Mittheilungen,“
sagte der Staatsanwalt. „Wenn es Ihnen genehm,
begeben wir uns sogleich zu Ihrem Schwieger—
vater —“
„Gewiß; es ist ja keine Zeit zu verlieren.“
Willstätt erhob sich. „Indem ich Ihnen diese
Familiengeschichte erzählte, wollte ich eigentlich nur
beweisen, daß keinerlei Annahme vorliegt, meine
Gattin hätte vielleicht gar mit einem andern Mann
ein heimliches Verhältniß unterhalten. Nach unserer
letzten Unterredung durfte ich auf das Beste hoffen.“
Der Staatsanwalt sagte nichts darauf. In
seinem Kopfe arbeitete eine neue Idee, hervorge—
bracht durch eben die letzten Worte Herrn von
Verliner Illustrirle Zeitung.
willstätt's. Es war kein Raubmord, aber vielleicht Und er ist todt?“
einer aus Rache, aus Erbitterung. „Nein — er lebt, liegt jedoch in Fieber⸗
Indefsen fuhren die Herren nach dem Bankhause hhantasien, thut Aeußerungen, die ihn verdächtig
Valbert. Medizinalrath Dr. Burgmüller empfing machen. Außerdem —“
ie. Mit dem Kranken war keine Veränderung „Nun —“
»orgegangen. Aussicht auf Hoffnung war nicht IIch selbst untersuchte seine Fußbekleidung und
orhanden, doch befand sich Walbert zeitweise bei and, daß die Sohle den Abdruck im Garten hervor⸗
‚ollem Bewußtfein. Als der Staats anwalt zu vrachte. Die kleinen Nägelstifte fehlen an der rechten
hmutrat und mehrere Fragen an ihn stellte, machte Seite, Breite und Länge stimmen bis auf ein Haar.
»er Kranke einen verzweifelten Versuch zu ant— xs ist der nächtliche Vesuch.“
vorten, doch vergebens. Beide Arme waren gelähmt. „Wir hätten ihn also!“ rief der Staatsanwalt
der Staalsanwalt sah die Unmöglichkeit ein, hier erregt. „Und daß nun dieser Mensch tödtlich ver⸗
twas zu erfahren, er wendete sich — zwar ebenso vundet sein muß! Wenn er nicht vernehmungs⸗
ergeblich — an die jammernde Gattin Walbert's. ähig ist, bleibt das sonderbare Dunkel bestehen;
der Gatlle und ihr Kind! Es war zu viel des »s iist im höchsten Grade fatal. Was sagt der
Anglücks für die Arme. Arzt⸗“—
Das Bureaupersonal ging nur mecchanisch seinen „Es ist keine Hoffnung mehr. Der Schwerver—
geschaͤftigungen nach. Als der Staatsanwait unter wundete dürfte kaum mehr zum Bewußtsein zurück—
ie trat, ging ein leises Flüsiern durch das Zimmer lehren.“
ẽr stelite auch hier einige Fragen, wollte indessen Der Staatsanwalt drückte auf eine Glocke.
chon gehen, als ihm der alte Diener des Bankier „Hut und Ueberrock!“ befahl er dem eintretenden
nigegenirat und eine Wahrnehmung mittheilte, diener, gab sodann den Auftrag ein Gerichtsschreiber
velche den Beamten interefssiren mußte. Dieser möge sich bereit halten.
satte nach den Personen sich erkundigt, welche im „Wir wollen dennoch einen Versuch machen,“
aufe der letztvergangenen Tage den Bankier in agle er. „Bei der Wichtigkeit des Falles darf man
einem abgeschlossen Privat-Komptoir aufsuchten. nicht verzagen. Vielleicht —“ Der eintretende
die mitgetheillen Daten befriedigten den Staats- polizeibeamte unterbrach die Rede des Staats—
inwalt nicht, bis ihm endlich der alte Diener mit uinwaltes.
twas scheuer Miene mittheilte, daß er gegen Abend „Was giebt es?“
»es zweitletzten Tages eine Person hästig in das „Der im Inquisitenhospital liegende Schwerver—
Privatzimmer Walbert's treten sah. Sehr verwundert vundete ist zum Bewußtsein zurückgekehrt und ver—
jätte er sich den Kopf darüber zerbrochen, wie Herr angt nach den Staatsanwalt.“
Adolph, der Neffe Walbert's, so plötzlich wieder in FAlso doch! Sehen Sie! Lassen Sie uns eilen,
»ie Stadt kam, nachdem ihn der Bankier ach derr Kommissar!“
Monate zuvor nach New⸗NYork schickte, wo Jedermann Zwei Minuten später rollte der Wagen mit den
»en jungen Herrn noch vermuthete. Der Diener Zerichtsbeamten im schnellen Lauf davon, dem
nußte jedoch gleich darauf einen Ausgang machen dospital entgegen.
ind als nach seiner Rückkehr von keiner Seite etwas
erlautete, daß Herr Adolph seinen Vormund,
velcher auch dessen beträchtliches Vermögen im Ge—
chäfte hatte, aufsuchte, nahm der Alte an, daß er
ich täuschte. Er hielt es jedoch für dienlich, diesen
Imstand nicht zu verschweigen. Niemand vom
Zgureaupersonal hatte den jungen Mann gesehen,
em allseitig nur das besie Lob ertheilt wurde
der Staatsanwalt ließ sich den jungen Mann be—
hreiben bis auf das Kostüm, welches er vor zwei
Lagen trug. Hierüber vermochte der Diener nur
nangelhafte Auskunft zu geben; für den erfahrenen
ßeamten war es jedoch genug. In den klugeu,
zrauen Augen blitzte es auf.
„Guten Abend, meine Herren!“
Er wollte sich rasch enftfernen. Herr von Will—
tätt kam von den oberen Räumen herunter.
„Herr Staatsanwalt, soeben ist mein Schwieger-
vater gestorben.“
„Ah! —“
Herr von Willstätt wandte sich tiefernst an den
ersten Prokuristen. 7
„Herr Frank, Sie haben wohl die Güte, bis
auf Weiteres die Geschäfte zu führen. Ich werde
auf Wunsch Ihrer Prinzipalin sodann Einsicht in
die Bücher nehmen.“
Während die Angesiellten in tiefem Schweigen
zerharrten, verließ der Staatsanwalt das Haus.
derr von Willstätt blieb.
Langsam sank die Dunkelheit herunter.
In seine Arbeitsräume zurückgekehrt, ließ der
Staatsanwalt den Kommissar Fresenius rufen.
Sofort erschien der Beamte.
„Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, um jenen
ungen Mann in unsere Gewalt zu bekommen
»essen Signalement Ihnen bereits bekannt ist.
dier noch eine Vervollsiändigung. Allem Anscheine
iach haben wir in ihm den Thäter zu suchen. Er
nuß noch in der Stadt sein. Unsere ganze ver⸗
ügbare Kriminalpolizei soll Jagd auf ihn machen
kreignet sich etwas von Belang, bitte es mir so—
zleich zu rapportiren und wäre es mitten in der
dacht. Ich bin in der Lage eine Prämie von
00 Mark für Ergreifung dieses Mannes aussetzen
u können.“
Der Kommissar entfernte sich und gab seine
Zefehle.
„Ein höchst interessanter Fall!“ murmelte der
urückbleibende Staatsanwalt.
Oer Schwerverwundete lag, kaum sichtbar athmend
in den Kissen. Er war bei vollem Bewußtsein,
Dank den wirksamen Mitteln des Arztes. Ueber
ein Gesicht, das bereits den Stempel des Todes
rug, ging eine leichte Bewegung als er den Staats-
anwalt erkannte, der an das Bett trat.
Ein Blick des Arztes genügte, um dem Beamten
zu sagen, daß der Verwundete nur kurze Zeit noch
zum Leben habe.
„Herr Staatsanwalt,“ sprach kaum vernehmbar
der Kranke, „Sie suchen den Mörder Maria von
Willstätt's — ich bin es!“
Er schloß die Augen und schon vermeinten die
Anwesenden, es wäre das Ende, als der Verwun—
dete noch einmal die Lippen öffnete und einige
Worte sprach.
„Der Geistliche hörte meine Beichte; er besitzt
ius meiner Hand die Niederschrift meiner ganzen
Schuld. Es war für Sie bestimmt — wenn ich —“
Die Worte stockten plötzlich, ein Zucken lief über
)en Körper. Der Mörder Frau von Willstätt's war
gestorben.
Der Staatsanwalt nahm aus den Händen des
Zefängnißgeistlichen einen verschlossenen Brief ent⸗
zegen, der die Aufschrift trug:
ozu Händen des Staatsanwaltes nach meinem
ode.
Als man den Schwerverwundeten im Grauen
des Morgens einlieferte und der Geistliche sogleich
an sein Lager eilte, streckte ihm dieser mit zuckender
dand den Brief entgegen. Eine Viertelstunde später
verfiel der Kranke in Bewußtlosigkeit.
Die Zeilen lauteten:
„Seit gestern irre ich durch die Stadt; ich weiß,
nan verfolgt mich, meine Spur ist gefunden. Ich
ann nicht mehr entweichen, will es auch nicht und
ennoch graut mir vor dem Selbstmord. Es muß
ein — —21
Ich gestehe meine That ein; ich ermordete Maria
von Willstätt, doch kein gemeiner Beweggrund leitete
nich. Jetzt, wo ich weiß, daß ich sterben muß, daß
s keinen Ausweg mehr giebt, will ich sagen, was
nich zum verabscheuuungswürdigen Mörder machte.
Bankier Walbert ist mein Verwandter und
Lormund; ich arbeitete früher zu seiner vollsten
Zufriedenheit in seinem Geschäfte und — verliebte
nich in seine Tochter. Anfänglich schien diese
Vahrnehmung meinen Vormund nicht zu erzürnen;
ch fand Gegenliebe und schwelgte in einem Meer
yon Glück. Trotz Allem hielten wir unsern Herzens—
zund geheim, obwohl wir wußten, daß der Vater
Maria's Kenntniß davon hatte, ohne jedoch dergleichen
u äußern. Ein Jahr verging; ich wollte erst meine
Stellung festigen, ehe ich üm die Geliebte warb.
Dda, wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich
neines Vormundes Anerbieten, in ein Newyorker
daufhaus zur weiteren Ausbildung einzutreten.
ẽEs war mir unmöglich, abzuschlagen — aber ich
nachte noch vor der sehr beschleünigten Abreise
Walbert mit meinem Hoffnungen vertraut, Maria
u erringen. Er hatte nur die Frage, ob irgend
Jemand außer ihm, Maria und mir von diesem
Lerhältniß wüßte. Ich antwortete mit Nein. Er
ieß mich in quälender Ungewißheit, machte Alles
on meinem Erfolge abhängig. Ich schied mit
IV.
Am nächsten Morgen in 'aller Frühe ließ sich
Fresenius bei dem Staatsanwalt anmelden.
Mit gespannter Miene ward er empfangen.
„Nun — was bringen Sie in der Angelegenheit!“
„Der Gesuchte ist in unseren Haänden, Herr
Ztaatsanwalt!“ lautete die Antwort.
„Sie haben ihn? Bitte, berichten Sie!“ ersuchte
jastig der Beamte. „Sein Name?“
„Man weiß ihn nicht!“
Nicht?“
„In demselben Augenblick, da er verhaftet werden
ollte, schoß er sich eine Kugel durch den Kopf!“
„Ach! Wo geschah die Verhaftuͤng?“
„Im Thiergarten und erst gegen den grauen
Morgen. Unsere Leute spannten ein undurchdring⸗
iches Netz über die ganze Stadt.“