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Volume Nummer 1, 2. Januar 1893

Full text: Berliner illustrierte Zeitung (Public Domain) Ausgabe 1893, II. Jahrgang, Nr. 1-53 (Public Domain)

Verliner Zllustrirte Zeitung. 
Dmonen. 
Roman von Carl Maltkthias. 
UNre. . 
(Nachdruck verboten.) 
1. Das vierblätterige Kleeblatt. 
De Wittwe Kriechel, geborene Mundelop, hatte 
W eeines ihrer Zimmer, eine große niedrige Stube 
im vierten Stockwerke, in welcher ein Flügelmann 
nicht aufrecht hätte stehen können, an ein Konsortium 
bon vier jungen Leuten vermiethet, die dort ihre 
Wohns⸗ und Schlafstube, ihr Atelier und Küche, alles 
in demselben Raum, aufgeschlagen hatten. Das 
Haus dieser Junggesellenwohnung stand auf dem 
Schweinemarkte in Hamburg. Es hatte acht Fenster 
Front und bot eine prächtige Aussicht auf das 
freundliche St. Georg. Den weitestesten Blick ge— 
währten freilich die acht Ausgucke des vierten Stockes. 
Hell und freundlich blickte die goldene Herbstsonne durch 
die Scheiben und offenbarte ein wenig rücksichtslos 
die Unordnung, welche in dem gemeinschaftlichen 
Zimmer due. 
An der rechten Seite lehnte sich ein allimodisches, 
ehr defektes Sopha, mit seinen drei übrig ge— 
»liebenen Beinen Hilfe suchend, an die mit zer— 
etzter Papiertapete bekleidete Wand. Vor demselben 
stand ein großer Tisch, welcher mit den Ueberresten 
ines frugalen Frühstücks bedeckt war. Neben dem 
Sopha war eine Staffelei aufgestellt, auf welcher 
eine Schweizerlandschaft der Vollendung entgegen— 
harrte. Verschiedene Malerutensilien umgaben das 
Gestell. In der Ecke des Zimmers befand sich noch 
rin zweiter Tisch, welcher aber nur ein einziges 
Bein sein eigen nannte. Derselbe war höchst kunst— 
voll mittelst eiserner Klammern in der Wand be— 
festigt und diente dazu, einige Bücher, Schreib— 
materialien, einen Globus und etliche Gläser und 
Flaschen zu tragen. 
Die Fensterfront des Gemaches ließ zwischen 
der vierten und fünften Maueröffnung genügend 
Platz für ein wurmstichiges tafelförmiges Klavier 
aus der ehrwürdigen Spinettfamilie. Dieses war 
theils von Musikalien, theils von Staub bedeckt, 
auch schien eine Bratpfanne und ein Borstenwisch 
sich nicht ungemüthlich auf dem Zumbalum zu 
befinden. 
Einige Stühle, weniger durch Eleganz als durch 
solide Holzkonstruktion und zerrissene Rohrbezüge 
ausgezeichnet, füllten die leeren Fensterplätze aus. 
Ihnen gegenüber standen zwei große Betten, da— 
zwischen hatte man einen Haufen Kartoffel auf— 
Jeschüttet. 
Darüber hingen zwei Geigen mit zerrissenen 
Saiten, mehrere alte Kupferstiche und etliche Del— 
bilder ohne Rahmen, eine Schwarzwälder Uhr und 
hei der Thüre einige Garderobestücke an einem 
dolzriegel. In der Ecke neben der Thüre stand 
in kleiner eiserner Kanonenofen, umgeben von 
Töpfen und Kasserollen jeglicher Art. 
Die Thurmuhr schlug zehn Uhr Morgens und 
zünf Minuten später repetirte die Schwarzwälderin 
den Schlag, großmüthig eins zugebend. Die 
Insassen der Wohnung hörten es alle, weil sie 
sämmtlich zu Hause wären, aber sie nahmen wenig 
Rücksicht darauf, da sie den Werth der Zeit leicht— 
sinnig unterschätzten. 
Der Aelteste von ihnen lag noch im Bette und 
cauchte aus einer Thonpfeife einen wenig aromatischen 
Tabak. Aufmerksam verfolgte er die Anstrengungen 
seines Freundes an der Slaffelei, welcher Himmel— 
blau und Almengrün in verschwenderischen Massen 
über die Leinewand ausbreitete. 
„Weißt Du Rafael, daß Du ein wenig lang— 
weilig bist“, sagte der im Bette Liegende lachend. 
„Streiche doch 'mal den Himmel grün und das 
GBras blau an, damit Abmechslund in die Sache 
kommt.“ ˖ 
„Wenn das Deine einzige Erfindung ist, theurer 
James“, erwiderte der Maler Felix Lebrun, genannt 
Rafael, „dann packe ein mit Deiner epochemachenden 
Findigkeit. Denke besseres, wenn Du schon aus— 
zeschlafen hast.“ 
„Du bist undankbar, Rafael. Habe ich nicht 
schon weltenstürmende Erfindungen in Eurem 
Interesse gemacht? Entdeckte ich nicht aus dem 
Nichts etwas zu gestalten, — geleerte Flaschen zu 
füllen, Kartoffeln ohne Butter zu braten, und Eure 
Sommergarderobe zu den allerhöchsten Preisen zu 
versetzen ? 
Anton Schräublein, von seinen Freunden 
James getauft, nach dem großen Regenerator der 
Dampfmaschine, James Watt, dehnte sich nach 
dieser Rede behaglich und blies dichte Rauchwolken 
in die Luft, aufmerksam ihren Ringeln folgend, 
offenbar beabsichtigte er dahei ein neues Problem 
auszuhecken. 
Der Maler arbeitete fleißig fort. Er nickte dem 
Ingenieur im Bette freundlich zu und schlug die 
bauschigen Aermel seines zweifelhaft weißen Hemdes 
zurück, um bequemer hantiren zu können. 
Du bist ein bedeutender Mensch“, wandte er 
ich zu James. „Die Welt wird dereinst über 
Deine Talente staunen, für's erste freilich ist Dir 
vie mir ihr Beifall versagt. Wir vegetieren im 
zerborgenen. Doch Geduld, ich fühle eine Welt 
n meinem Pinsel. Liege ruhig, Plinius, sonst 
sießt mein ganzer Himmel über die Diele.“ 
Lebrun Rafael sprach die letzten Worte zu dem 
ritten seiner Genossen, welcher auf dem Sopha 
ag. Sein hübsches, vornehmes Gesicht mit den 
unkelnden Augen und allerliebstem Knebelbarte 
ind Schnurrbärtchen befand sich in einem vor— 
heilhaften Kontraft mit dem Antlitz des struppigen 
zesellen auf dem Kanapee. Dieser besaß eint 
bermäßig lange Gestalt, welche weit über die 
dehne des Sophas hinausragte. Die dürren 
zeine steckten in karrirten Pantalons von un— 
efinirbarer Fagon und Farbe, die Füße in zer— 
issenen Strohpantoffeln. An einem dieser Füße 
sjatte der Maler ein Töpfchen mit Farbe gehängt, 
im so leichter zu seinem Material zu gelangen 
den Inhaber des Beines genirte dies nicht im 
beringsten. Er wühlte sinnend in seinen struppigen 
elbweißen Haaren, welche ein Gesicht von krank— 
after Blässe umrahmten und blickte träumend 
nit seinen wasserblauen Augen zu den Decken— 
nalken empor. 
Plinius, vom James meistens Spleenius ge— 
annt, hieß eigentlich Johann Faber und war 
eines Zeichens ein Poet. Er hatte allerlei im 
reben versucht, war Schauspieler, Agent, Fabrikant 
Jon Liqueuren, Zeitungs-Referent, Zigarrenhändler 
und fliegender Buchhändler gewesen, ohne es je 
n diesen Branchen zu irgend einem Erfolge gebrach 
u haben. Nun dichtete er Gelegenheits-Literatur 
nachte Nekro-, Epi- und Prologe, Hochzeits— 
dladderadatsche, Polterabend-Scherze und gereimte 
zubiläums-Glückwünsche, wohl auch ein schlechtes 
Bedicht, welches der Vierte der Genossen in Musil 
zu setzen gezwungen wurde. 
Dieser, ein kleines mageres Kerlchen mit lang— 
vallenden, schwarzen Locken, einer übergroßen 
dabichtnase und kleinen, blöden Augen, die sich hinter 
iner funkelnden Stahlbrille verbargen, saß au 
inem Schemel vor dem Klaviere und schälte mit 
ichtbarem Behagen Kartoffeln. 
Ludwig Steffens, von seinen Freunden Amorose 
jenannt, war der einzige des vierzeiligen Kleeblattes. 
zer dauernd, wenn auch bescheiden verdiente. Auf 
einen Schultern ruhte die Erhaltung des wenig 
uxuriösen Hauswesens. Die Mittel dazu erwarb 
rudurch seine musikalische Thätigkeit in einer der 
Tanzlokalitäten Hamburgs. 
„Mein Bein fängt an einzuschlafen,“ murrte der 
Dichter, „es kribbelt schon in allen Zehen. Ist das 
ine Beschäftigung für einen Fuß, der gewohnt war 
nuf dem Kothurn dahinzuschreiten?“ 
„Ruhig, mein Plinius,“ entgegnete der Maler 
Freue Dich, das Dein famoses Knochengestell dazu 
»ient, diesen Caravacchio in seiner Vollendung zu 
eschleunigen. Er soll bis morgen fertig werden, 
)amit Geld in unser Haus kommt. Darum Geduld, 
s kommt noch besser.“ 
Bei diesen Worten hing er einen zweiten Topf 
nit schwarzer Farbe an den andern, bisher freien 
Fuß des langen Poeten und begann die düstern 
Alpengründe mit Schreckniß und Schauer anzufüllen 
„Schone wenigstens meine neuen Unaussprech— 
ichen,“ murrte Plinius. „Es liebt die Welt. das 
Strahlende zu schwärzen.“ 
„Meine Farbe würde das einzig Strahlende auf 
»iesem farbenlosen Tuchchaos sein, darum fürchte 
uichts, mein Apoll,“ lachte Rafael. 
„Er hat Recht,“ rief James aus seinem Bette 
serüber. „Die Pantalöner müssen vor Himmelblau 
ind Salatgrün geschützt werden. Sie gehören zu 
inserer Sommergarderobe und diese wandert morgen 
rach Paragraph fünf unserer Verfassung in das 
ꝛeihhaus.“ J 
Es wurde kräftig an die Thür geklopft und auf 
lmoroso's „Herein⸗ schob sich eine gedrungene 
Männergestalt in das Zimmer. 
„Weh uns, er ist es, der grausame Mahner des 
Schicksals,“ schrie der Dichter und sprang entsetzt vom 
Sopha auf. Natürlich fielen beide Farbentöpft 
u Boden. Zwei liebliche Bäche, blau und schwaärz, 
rannen über die Diele und strömten in holder 
fintracht dem Kartoffelvorraihe zwischen den 
Betten zu. 
„Herr Gott, unsere Erdäpfel in Del,“ schrie 
James und sprang mit gleichen Füßen aus dem 
Bette. — Die Weite seines Satzes schlecht berechnend, 
—8 er mit den nackten Sohlen in dem farbigen 
Naß. 
„Ha, Elender, nimm das,“ rief der Maler und 
varf dem langen Poeten, welcher mit dem Kopfe 
gegen die Stubendecke gefahren war und stöhnend 
in einen Sessel sank, den farbengefüllten Pinfel in 
die strohgelben Locken, so daß diese schwarz gent 
erschienenn Dann rollte der haarige Farbenspender 
äüber den grauen Sommeranzug des Poeten und 
iel zu seinen Füßen nieder. 
„Um Gotteswillen, unser Pfandobjekt, der neue 
Sommerock,“ jammerte James und eilte zu dem 
Beklexten, die Farbe gleichmäßig auf der Stuben— 
iele vertheilend. * 
Der Fremde war durch den Lärm ganz verdutzt 
ind vermochte nur ein furchtsames „Nanu“ hervor⸗ 
ubringen. 
„Das haben Sie von Ihrer Zudringlichkeit, 
Sie Schuster,“ rief Amoroso, die Kartoffeln bei 
Zeite werfend und dem Friedensstörer mit gezücktem 
Messer zu Leibe gehend. „Fort, werft das Scheusal 
m die Wolfsschlucht,“ sang er und schlug den Takt 
nit der blitzenden Klinge. 
„Gehen Sie mir mil dem Knief weg,“ brummte 
»er Schuhmacher. „Wir Schuster sind nicht so 
ingstlich. Ich komme, mein Geld einzukassiren und 
jehe nicht eher fort, bis Sie alle bezahlt haben.“ 
„Dann nehmen Sie gefälligst Platz,“ sprach 
James, sich in seine Bettdecke hüllend. „Die Sitzung 
dürfte lange dauern.“ 
„Ich habe Zeit,“ meinte der Handwerker, und 
holte eine Rechnung aus der Tasche, „es sind vier— 
sehn Mark und zwei Pfennige.“ 
Der Dichter betrachtete traurig die Verheexung, 
welche der Pinsel auf seinem Rocke angerichtet hatte. 
„Wo rohe Kräfte sinnlos walten, 
Da kann sich kein Gebild gestalten,“ 
prach er bedächtig. 
„Von Ihnen' bekomme ich neun Mark acht 
Pfennige,“ unterbrach ihn der Schufter. „Sie meine 
ch, Herr Faber!“ 
„Das war kein Meisterstück, Octavio. Kein Schild 
ing Deinen Mordstreich auf. Du führtest ihn ruchlos,“ 
deklamirte Plinius unbeirrt fort. 
„Von Ihnen, Herr Schräublein, stehen fünf 
Mark zwei Pfennige auf der Rechnung. Darf ich 
ndlich um mein Geld bitten!“ 
„Natürlich dürfen Sie das“, entgegnete James, 
eine malerische Attitude auf dem Bettrande ein— 
nehmend. J 
„Es scheint mir, als wollten Sie mich zum 
Narren machen“, rief-der Schuhmacher, ärgerlich 
aufstehend. 
„Bitte, behalten Sie Platz,“ entgegnete James, 
„wozu dieser Luxus? Machen Sie es sich bequem 
zei uns. Es ist dieser Stuhl das Einzige, was 
vir Ihnen bicten können, denn Geld? — Unsere 
Taschen und Geld sind wie Nordpol und Südpol: 
sie kommen nie zusammen.“ 
„Wer hieß auf einen zweifelhaften Wurf 
Dich alles setzen? — ÄAlles — 
murrte Plinius. 
„Schweige Spleenius“, rief der Ingenieur, 
„störe uns nicht, wenn weise Männer zu Rathe 
itzen. Durch ihren Eintritt, Herr Runge, haben 
Sie Schrecken und Unheil verbreitet. Sehen Sie 
die kostbare Farbe auf dem Fußboden. Sie war 
zur Vollendung des Meisterwerkes nothwendig. 
Lun müssen wir neue kaufen und Sie werden 
rinsehen, daß Sie mit Ihrer Forderung warten 
nüssen, bis der Kassenausfall gedeckt ist, den Sie 
erursacht haben.“ 
„Wegen dem bischen Schmierage“, sprach der 
Schuster grob. „Fällt mir nicht ein. Sie müssen 
zahlen oder ich klage gegen beide.“ 
„Er schlachtet der Opfer zweie 
Und glaubt nicht an Liebe und Treue“, 
»eklamirte der Dichter, sich auf dem Sopha aus- 
treckend. 
„Da haben Sie Recht,“ rief der Unerschüttliche. 
„Ich glaube blos an Markwährung. Zählen Sie 
»der ich werde unangenehm. Himmeldonner ...“ 
„Was ist denn hier für Skandal“, fragte eine 
leine dicke Frau, welche nun in das Zimmer trat, 
zames' Unaussprechliche in der einen, den Haar— 
sesen in der anderen Hand haltend. 
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, 
venn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,“ ant— 
vortete Plinius seufzend. 
„Ach was“, rief der Handwerker wüthend, „ich 
din nicht Ihr Nachbar, ich bin Ihr Schuster und 
zrauche mein Geld. Aber die Herren glauben, 
Sie können mich mit gedrehten Redensarten ab— 
peisen. Dazu bin ich denn doch zu gerissen.“ 
„Das habe ich an meinen Stiefeln gemerkt,“ 
sachte James, mit seinen Pantalons kokettirend. 
MNa, bezahlen Sie doch den Mann,“ meinte 
die Wirthin. „Wenn man schuldig ist, muß man 
erappen.“ 
„Nan muß nie, wenn man nicht kann; Frau 
Kriechel, geben Sie mir gefälliast das Beinkleid,
	        
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