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84. bis 98. Sitzung (18. November bis 13. Dezember 1919) 89. Sitzung. Mittwoch den 3. Dezember 1919

Full text: Sitzungsberichte der Verfassunggebenden Preußischen Landesversammlung (Public Domain) Ausgabe 6.1919/21 84. bis 98. Sitzung (18. November bis 13. Dezember 1919) (Public Domain)

M5 Verfassunggebende Preußische Landesversammlung 89. Sitzung am 3. Dezember 19:9 7116 
stnterrichtShaushalt -- Ministerium, Kultus dem Herrn Minister in der Erwartung, daß er der großen 
" ziw] Verantwortung der Übergangszeit sich bewußt bleiben 
und die Überleitung in den neuen Zustand so rasch und 
sD. Rade, Abgeordneter (D. Dem.)] tapfer al3 möglich in die Hand nehmen möge. 
er auch sei, vemokrotisch oder sozialdemokratisch, von dem (Lebhaftes Bravo bei der Deutschen Demokratischen Partei) 
vollen Bürgerrecht in ihrer Mitte ausschließen soll. 
Handelt sie anders, so ist das unevangelisch, unprotestan- Vizepräsident Dr Frentel: Das Wort hat der 
tisch, unfir<lich und undristlich. N Abgeordnete D. Klingemann. 
In „diejem Sinne könnten wir uns doch wohl über 
drei Sätze einigen. Nämlich erstens: Auch die evan- . 
gelischeKir<he soll volle Selbständigkeit D. Klingemann, Abgeordneter (D.=nat. V.-P.) : 
haben. Wer irgendwie von jezt an noch sagt, daß Verehrte Frauen und Herren, Sie werden es auch mix 
unsere Demokratische Partei an dieser vollen Selbständig- nicht verdenken, wenn ich meine Ausführungen wesentlich 
feit unserer evangelischen Kirche rüttelt, daß sie etwa die beschränke auf die Lage der Kirche, das Verhältnis von 
Absicht habe, sie in dieser Hinsicht gegenüber dex Staat und Kirche. Es sind der Fragen [o viele, die sich 
fatholischen Kirche zurüzustellen, der sagt das wider in dem Haushalte zufammenschließen, der uns vorliegt, 
besseres Wissen und Gewissen. Das habe ich jett daß daraus eine gewisse Arbeitsteilung sich von vornherein 
im Namen meiner Fraktion erklärt: auch die evan- ergibt, und ich werde dem Parteifreund, der nach mir 
gelische Kirche soll ihre volle Selbständigkeit haben. redet, gern überlassen, seinerseits auf das Schulwesen ein- 
Zweitens: Zu diesem Zwe> wünschen wir, zugehen, und mich daher nur auf das Allernotwendigste, 
dus ihr iv bald wie möglich die vollesywas mit der Kirche zusammenhängt, beschränken. ; 
Kir<engewali zugeführt wird. Dies kann Wir haben es noch einmal mit einem Kirchenetat inner- 
nur geschehen durch Abstellung des jekßigen Zwischen- halb des Gesamtetats zu tun, und ich möchte auch meiner- 
zustandes: des Summepiskopat8 von drei Ministern. seits diese Tatsache mit Freuden begrüßen. Es ergibt sich 
Dritten: Dafür wollen wir mit vereinten schon aus dieser Tatsache, daß das alte Band zwischen 
Kräften die rechte Instanz suchen. Leider Staat und Kirche sich nicht ohne weiteres lösen läßt, daß 
ist der evangelischen Kirche das nicht so einfach gegeben es ganz besonders nicht löSbar ist einfach mit einem 
durch die Geschihte und ihre jeßzige Zusammensezung. Federstrih auf dem Wege irgendwelcher Verordnung, 
(3 bleibt nicht3 anderes übrig, da die Gesetze, welche die sondern daß, wenn es wirklich zu einer Trennung von 
Generalsynode beschließt, an die Lande8versammlung Staat und Kirche kommen soll, dies eine wohlerwogene 
fommen werden, daß wir da helfen. Von der kavholishen und wohlvorbereitete Sache sein muß. Wir fürchten uns 
Kirche werden wir solche Geseze nicht bekommen, die davor nicht; aber es kommt doch wesentlich darauf an, wie 
werden wir nicht zu begutachten und zu beschließen haben. diese Trennung von Staat und Kirche sich vollzieht. Es 
Von der evangelischen Kirche bekommen wir unter allen war mir ganz außerordentlich überraschend, daß heute 
Umständen solche Gesege, und darum haben wir das Reßt morgen der erste Redner des Tages, Herr Kollege Berndt 
und die Pflicht, uns gemeinsam darum zu bekümmern. von der Deutschdemokratishen Partei, gerade nach unserer 
- Wirwollen die künftige Kirche in ihrer Selbständigkeit Rechten gewendet, von einer staatsfeindlichen Gesinnung 
als eine Volkskirche, wie die anderen Kirchen hoffentlich in rechtsstehenden kirchlichen Kreisen redete. Es war mir 
auch, in der wirklich die Glieder unseres Volkes Heimat- gerade umgekehrt von vornherein Bedürfnis gewesen, zu 
te<t haben. Wir wissen genau: der Mensch lebt nicht sagen, daß, wenn nun wirklich. die Trennung von Staat 
vom Brot allein. Die materiellen Interessen, die uns und Kirche kommen soll, sie uns dadurch erschwert wird, 
an diesem Orte unausgeseßt beschäftigt haben, in allen daß die gegenseitige Gesinnung der beiden beteiligten 
Ehren, aber schließlich hat jeder einzelne eine Seele, Parteien nicht ganz die gleiche ist. I< hatte vorgehabt, 
und das Volk auch. Wir können den Kultusetat aus zu sagen, auf unserer Seite ist ja stets vorhanden gewesen 
diesem Etat herauswerfen, so bleiben doch Kultur und eine unbedingte Liebe zum Staate, die so weit geht, daß 
Nultus eine große Gemeinschaft. Wir wollen nicht, daß wir auch dem Staate in seiner gegenwärtigen, uns wahrlich 
die Entwurzelung unseres Volkes in seiner geistigen Heimat nicht erfreulichen Gestalt unsere Dienste, unsere Mithilfe 
überhand nimmt; jede falsche Behandlung des Kirchen- in keiner Weise versagen. 
problems dient dazu, Menschen zu entwurzeln, die es (Na, na! links) 
dringend nötig haben, daß sie in ihrem Heimatboden fest De ; „X 
geborgen sind. Darum wollen wir einen Zustand dur<h Auf der andern Seite haben wir zu tun mit einem 
Trennung von Staat und Kirche herbeiführen, in dem großen Maß von Gleichgültigkeit gegen die Kirche und 
die Glieder unseres Volkes ihr Vaterland und die Kirhe gegen das, was der Kir<e Inhalt ist, und diese Gleich- 
ihres Vaterlandes noch lieber haben als biSher. Wir gültigkeit istgegenwärtig sogar ziemlich weit ausgeartet. Wir 
haben feine Ursache, auf grund unserer Kirc<hengeschihte könnten auc< wohl reden von einer Verständnislosigkeit, 
pe1011 zu blicken auf die Kirc<hengeschichte der Demokraten ja von einer Kirchenfeindschaft, die uns begegnet. 
es Seiten Wenn wir hier vor einem neuen Punkt Bei den Schlagworten unserer Zeit ist besonders 
1 “ntwi&lung stehen, so wollen wir auch in Zukunft immer wieder der Fehler begangen worden, unsere 
Sh eee LeutiheRirhengesa ime hoben: Da müsse preußische Landeskirche als Staatskirche zu bezeichnen. 
T dC s n . . ' - 
Men wine de fie H Ne eie (Sehr wahr! bei der Deutschnationalen Volkspartei) 
WSeinandergehen. Nicht3 anderes dürfen Sie, verehrte Das ist sie im Grunde gar nicht gewesen, es sei denn, 
Frauen und Herren, in den Kundgebungen unserer daß sie in allerneuester Zeit durch die Einsezung des 
hraftion sehen als die ernsten Versuche, zu einer solhen Dreiministerkollegiums einigermaßen das Gepräge einer 
erständigung zu helfen. I< bitte den Herrn Kultu8- Staatskirhe angenommen hat. Von Alters her ist sie 
Ninister, sich in diesem Sinne für die Kirchenpolitik das nicht, sie ist Landeskirhe. Das preußische Staat8- 
iti zu interessieren und zuzusehen, daß wir aus der wesen ist schon seit Menschenaltern und Jahrhunderten 
vu wißheit, aus der Stagnation dieser Stunde möglichst aufgebaut auf dem Grundsaß der Parität, und eine 
aid herausfommen. So bewilligen wir den Kirhenetat Staatskirche sett voraus, daß die unbedingte Zugehörig- 
89. Sitg Lande3vers. 1919
	        
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