Ar. 4.
zieten müssen, was in unseren Kräften steht, um
der unglücklichen Mutter ihr geraubtes Kind zurück⸗
zugeben. Wie aber sollen wir diesen Bariatinski
inden, der sich möglicherweise jetzt am andern Ende
der Welt aufhält?“
„Ich werde ihn finden, sobald ich die Hülfe der
Polizei und der Gerichte gegen ihn anrufen kann“,
rwiderte Reimarus mit vollster Zuversicht. „Dieser
irmen Frau hat offenbar der Muth gefehlt, mit
illen Mitteln, die das Gesetz ihr an die Hand giebt,
eine Verfolgung aufzunehmen, denn er hätte ihr
das köstliche Gut, das er gestohlen, sonst unmöglich
o lange vorenthalten können.“
In ernstem Zweifel schüttelte Reitershofen den
dopf.
„Sie halten unsere Aufgabe doch für viel leichter,
als sie es in Wirklichkeit ist, mein lieber, junger
Freund! Ein Mann von dem Reichthume und der
Jesellschaftlichen Stellung dieses Barons dürfte sehr
schwer angreifbar sein, sobald er sich in Frankreich
oder Italien befindet — und wenn es ihm etwa
zar gefällt, sich auf seine russischen Besitzungen zu—
rückzüziehen, so werden seine heimathlichen Behörden
zewiß nicht daran denken, zu Gunsten seiner
Schwiegertochter einen Zwang auf ihn auszuüben.
Nur wenn es gelingt, ihn auf deutschem Boden zu
fassen, ist eine Befreiung des armen jungen Mädchens
zu erhoffen; aber die erste Voraussetzung dazu ist
reilich, daß man seinen gegenwärtigen Aufenthalt
in Erfahrung bringt.“
Doktor Reimarus wäre am liebsten sofort zu
der Baronin Bariatinska geeilt, um ihr Kunde von
hrem verloren geglaubten Kinde zu bringen und
um sich von ihr mit den erforderlichen Vollmachten
rusrüsten zu lassen. Aber es war tief in der Nacht,
und an den Besuch einer Dame um diese Stunde
war selbstverständlich nicht zu denken. So saßen sie
denn noch geraume Zeit bei einander, um zu Eva's
Befreiung allerlei Pläne zu schmieden, von denen
diejenigen des Doktors die kühneren, diejenigen des
Brafen die vorsichtigeren waren und denen doch
'ammt und sonders noch eine unerläßliche Vorbe—
zingung fehlte, die ihre Uebertragung in die Wirk⸗
ichkeit erst ermöglicht hätte.
Schon zeigte sich der erste fahle Schein des auf—
dämmernden Morgens am Horizont, als Doktor
Reimarus endlich in sein Hotel zurückkehrte. Er
nußte den Pförtner aus dem Schlafe klingeln, um
Finlaß zu erhalten, und er war bereits bis in den
ersten Stock hinaufgestiegen, als der Mann endlich
nunter genug geworden war, um sich zu erinnern,
daß noch näch Mitternacht ein dringendes Tele—
zramm für den Herrn Doktor eingetroffen sei.
Bei dem Scheine der flackernden Kerze, die der
Pförtner angezündet hatte, laß Reimarus die De—
»esche, die keine Namensunterschrift hatte und über
deren Absender er doch nicht einen Augenblick im
Zweifel war:
„Auf der Reise nach Rußland werden wir
zwei Tage hier verweilen. Retten Sie mich, wenn
Sie können! Doch schnell, sonst ist es auf ewiqg
zu spät.“
Wie der Vermerk des Beamten zeigte, war das
Telegramm an des Doktors Wohnort aufgegeben
worden und zwar in später Stunde des verflossenen
Abends; noch also war es nicht zu spät! Reimarus
zerbrach sich nicht lange den Kopf, auf welche Weise
xva zur Kenntniß seines gegenwärtigen Aufenthaltes
zelangt sein könnte, denn er war in einer Stim—
mung, die ihn überhaupt unfähig machte, irgend
zine nüchterne Gedankenkette zu verfolgen. In seinem
derzen war eine so unermeßliche Fröhlichkeit, und
um ihn her war trotz der nächtigen Dunkelheit alles
so licht und sonnenhell, daß er gewaltig an sich
jalten mußte, um seine Glückseligkeit nicht laut
jinauszurusen und um nicht durch seinen Jubel
ille Bewohner des Hotels aus ihrem süßesten
Morgenschlummer zu wecken. In den engen vier
Wänden aber duldete es ihn bei solcher Verfassung
aicht lange. Als sich die ersten fernen Wölkchen mit
rosigen Rändern säumten, eilte er, noch in den
Kleidern vom gestrigen Tage, hinaus in's Freie,
und nicht mit schweren Schritten wie nach einer
durchwachten Nacht, sondern leicht und elastisch, wie
wenn er ein wundersames Elixir der Verjüngung
getrunken hätte, stieg er, die herrliche Morgenluft in
iefen Athemzügen schlürfend, zu der Kapelle quf dem
Neroberge empor.
Zwei Stunden später ließ er sich bei der Ba—
ronin Bariatinska melden, die seinen Besuch trotz
der ungewöhnlichen Zeit sofort annahm, als sie die
zeiden flüchtig hingeworfenen Bleistiftzeilen auf der
chr überreichten Visitenkarte gelesen hatte.
VII.
„Ich wünsche in dringender Angelegenheit den
herrn Baron zu sprechen.“
Der wortkarge alte Diener zuckte mit den Achseln.
„Es thut mir leid, Herr Doktor, aber Seine
Bnäden sind nicht anwesend und werden voraus—
ichtlich erst nach einer Stunde zurückkehren.“
„So melden Sie mich bei dem gnädigen Fräulein!“
Der Alte rührte sich nicht vom Fleck.
Gußdiges Fräulein Baronesse sind nicht zu
Berliner Illustrirte Zeitung.
prechen, Herr Doktor! — Ihre Gnaden haben Kopf⸗
veh und wünschen nicht gestört zu sein.“
„Das lügen Sie!“ herrschte Reimarus ihn ge—
ieterisch an. „Thun Sie auf der Stelle, was ich
zhnen gesagt habe!“
Der Diener zog die Augenbrauen ein wenig in
»ie Höhe, ohne im übrigen seine Stellung oder seine
erdrossen gleichgültige Miene zu ändern.
„Mit Ihrer Erlaäubniß, Herr Doktor — mir
aben Niemand zu befehlen als Seine Gnaden der
err Baron.“
„Zum Teufel mit Ihrem Baron! — So werde
ch meine Anmeldung selber besorgen!“
Noch ehe er wußte, wie ihm geschah, fühlte sich
er Alte von einer kräftigen Faust bei Seite ge—
choben, und das Unerhörteẽ dieses Vorganges schien
hn für einen Moment nicht nur aller Widerstands—
ihigkeit, sondern sogar der Sprache zu berauben,
a er nicht einmal einen Protest gegen Doktor Rei—
tarus' eigenmächtiges Vorgehen einlegte. Unge—
indert schritt der junge Arzt durch einige der wohl⸗
ekannten Zimmer, die noch alle Merkmale langen
nbenutztseins trugen und von einem häßlichen,
umpfigen Geruch erfüllt waren; dann klopfte er an
ne mit vergoldetem Schnitzwerk verzierte Thür,
ind auf ein mit mattem Klange drinnen laut ge—
qordenes „Herein!“ trat er über die Schwelle.
In einem Sessel am Fenster ruhte Eva's schlanke
zestalt, die Hände müde in den Schooß gefaltet und
ie großen, todestraurigen Augen theilnahmlos
egen die Thür hinwendend. Da, als sie den Ein—
etenden erkannte, überfluthete eine dunkle Röthe
sre blassen Wangen, und sie preßte beide Hände
uf die Brust, wie wenn ihr im Uebermaß mächtiger
ewegung da drinnen etwas zerspringen wollte.
uch Reimarus fühlte, daß es ihm heiß aus dem
erzen emporstieg und ihm die Kehle zusammen—
ynüren wollte; nur mit dem Aufgebot seiner
anzen Willenskraft widerstand er der Versuchung,
uf sie zuzustürzen und die holde Gestalt in seine
rme zu reißen; denn nie zuvor war ihm so be—
„»ältigend zum Bewußtsein gekommen, wie tief und
nächtig seine Liebe für Eva sei, wie vollständig sie von
ll' seinem Fühlen und Denken Besitz genommen habe.
Aber er haätte auch klare Ueberlegung genug, um
ch zu sagen, daß er sie nicht auf's neue durch einen
lzu verrätherischen Ausdruck seines Empfindens
eschrecken und einschüchtern dürfe. Die Minuten
zaren zu kostbar, als daß auch nur einige wenige
on ihnen durch ein Mißverstehen seiner Absichten
ergeudet werden durften. Darum bewahrte er eine
uhig freundliche Haltung und ließ der nahezu
jassungslosen Zeit, sich in die Situation zu finden,
he sie genöthigt war, zu ihm zu sprechen.
„Sie haben mich gerufen, Fräulein Eva,“ sagte
r, „und ich danke Ihnen dafür von Herzen, denn
ch habe lange genug vergeblich auf diesen Ruf ge—
jarrt. Aber gerade in diesem Augenblicke hätte es
einer nicht einmal bedurft, denn ich war im Begriff,
nich aufzumachen und Sie zu besuchen, weil ich
ndlich imstande bin, Ihnen eine gute Nachricht zu
ringen.“
„Eine gute Nachricht?“ Sie machte einen Schritt
uf ihn zu, und ihre Augen hingen in höchster
zpannung an seinem Gesicht. „Sie haben etwas
on meiner Mutter erfahren?“
„Ja! Nicht durch mein Verdienst freilich, sondern
llein durch eine glückliche Fügung des Zufalls
abe ich ihre Spur gefunden.“
„Sie lebt also — sie lebt? — Und ich darf noch
roffen, sie wiederzusehen?“
„Sie dürfen dessen gewiß sein, Fräulein Eva,
ind Sie dürfen sich glücklich schätzen, daß Sie in
ichtigem kindlichen Gefühl niemals an die Schuld
er Frau geglaubt haben, die Ihnen das Leben
ab. Wenn Sie ihr jetzt gegenüber treten, so wird
liichts von Bitterkeit oder Beschämung in Ihrer
csten Begegnung sein.“
Die Freude, die in Eva's Zügen aufgeleuchtet
jar, wich bei seinen letzten Worten ebenso rasch
»ieder dem trüben Ausdruck einer müden Resig-
ation, den er bei seinem Eintritt auf ihrem Antlitz
vahrgenommen hatte.
„Sie sprechen von dieser Begegnung wie von
mer unumstößlichen Thatsache, woher aber soll ich
tzt noch den Muth nehmen, daran zu glauben?
»eute noch fahren wir nach Rußland weiter, und
ewisse Anzeichen lassen mich darauf schließen, daß
nein Großvater jetzt dauernd auf seinen Besitzungen
u bleiben gedenkt. Wir sind in Paris mit einem
einer Gutsnachbarn zusammengetroffen, und ich
atte das Unglück, das Gefallen dieses Herrn zu
rregen. Er bewirbt sich um meine Hand, mein
Zroßvater wünscht, daß ich ihn heirathe und —
vie schrecklich auch immer mir der Gedanke daran
ein mag — er wird mich schließlich auch dazu
wingen, wie er mich bisher noch zu allem ge—
wungen hat, was seine tyrannische Laune ihm ge—
ade eingab. Wenn es meiner Mutter ernstlich
arum zu thun war, mir zu helfen, so hätte sie
ruher kommen müffen, denn'ich fürchte, jeht ist es
u spät.“
Als sie mit jener matten Gleichgültigleit, mit
er ein Schwerkranker von seinem Tode spricht, die
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nahe Möglichkeit ihrer Verheirathung erwähnt hatte,
var es dem jungen Arzte wie ein Messerstich durch
zie Brust gefahren. Die Vorstellung, daß es im
ßrunde nur ein unvorhergesehener Zufall war, der
hn jetzt in den Stand setzte, das Fürchterliche zu
erhindern, bereitete ihm ein Gefühl bitterer Be—
chämung und steigerte seine Erregung zugleich so
ehr, daß er kaum noch imstande war seine ruhige
haltung zu bewahren.
„Nein, Fräulein Eva“, sagte er, „noch ist es nicht
u spät, vorausgesetzt, daß Sie Vertrauen zu mir
jaben und den Muth, entschlossen zu handeln. Sie
verden sich dabei keiner Gefahr aussetzen, denn Sie
ind unter meinem Schutz; aber Sie werden auch
zjicht Zeit haben, lange zu erwägen und zu
iberlegen; denn die guͤnstige Gelegenheit, welche
erade jetzt die zeitweilige Abwesenheit Ihres Groß⸗
aters darstellt, kann durch eine einzige Minute un—
hlüssigen Zauderns verscherzt werden. Würden
zie mir auf der Stelle folgen, Fräulein Eva, wenn
ch Ihnen verspreche, Sie zu Ihrer Mutter zu
ühren?“
Sie erhob beide Hände, und auf ihrem Antlitz
ämpfte noch ungläubiges Staunen mit jubelnder
zreude.
„Zu meiner Mutter? Jetzt auf der Stelle? Und
ch sollte dies Haus verlassen, um nie mehr zurück—
ukehren?“
„Ja! Kein Mensch auf Erden hätte die Macht,
„ie zu solcher Rückkehr zu zwingen. Ich verbürge
nich Ihnen dafür mit meiner Mannesehre.“
AUnd Sie fragen mich noch, ob ich Ihnen folgen
vill? Wäre es am Ende der Welt, wo ich meine
Mutter finden soll, ich würde Ihnen folgen.“
„So lassen Sie uns gehen! Sie brauchen nichts
nit fich zu nehmen, denn es wird für alles gesorgt
verden, dessen Sie bedürfen könnten, und wenn er
uuch ihre Entfernung nicht ernstlich zu hindern
ermöchte, so wird Ihnen doch jedenfalls eine pein—
iche Szene erspart bleiben dadurch, daß wir Ihres
ßroßvaters Rückkehr nicht erst abwarten.“
„Nur einen Augenblick“, sagte sie, indem sie sich
ur Thür wandte. „In weniger als fünf Minuten
in ich bereit.“ (Schluß folgt.)
Natürlich!
Skizze aus dem Leben von Paul Bliß.
(Nachdruck verboten.)
Nup Sie meinen, daß man ein Berliner Haus—
wirth werden könne, wenn man glücklicher
zesitzer von ein bis zwei Millionen Mark ist? Oh,
heit, weit gefehlt! Ein Hauswirth, ja; aber so ein
chter, rechter Berliner Hauswirth, wie er die Freude
ller chikanösen und der Aerger aller friedliebenden,
uhigen Miether ist, — oh, dazu gehört mehr, viel
nehr. So ein Mann darf kein Mann, so ein Mensch
arf kein Mensch sein — ja, ja, es ist so! Denn
väre er beides, so wäre er eben kein rechter Berliner
dauswirth.
Sehen Sie sich einmal Herrn Theodor Kuhlicke
n, den mehr oder minder glücklichen Besitzer der
jefigen Miethskaserne in der Müllerftraße Nummer
d und so, das ist so ein Exemplar von brauchbarem
Virth, wie es mehrere in der jungen Kaiserstadt
eben soll. Staunen Sie ihn nur,an, der des
Norgens der erste in seinem Hause ist, der Schlag
echs Uhr, ob Winter oder Sommer, sein Bett ver—
ißt, um Acht zu geben, daß nichts Unrechtes passirt;
er die Wasserleitungen und die Oefen bei seinen
Niethern mit derselben Sorgfalt kontrolirt, wie er
arauf achtet, daß keiner seiner zahllosen kleinen
doupons verfällt, er, der es bei Leibe nicht duldet,
»aß die Teppiche im Hofe an anderen Tagen als
im Freitag geklopft werden; der mit Argusaugen
vacht, ob auch nicht der eine oder der andere Miether
— den Vorschriften zuwider — seine „große Wäsche“
n der Küche besorgt. O, sehen sollten Sie es, wie
rufich sträubt, wenn es einem an Sauberkeit ge—
»öhnten Miether nothwendig erscheint, daß in seiner
Vohnung Reparaturen vorgenommen werden müssen,
ie Herr Theodor dann den Kopf bedenklich hin und
er wiegt, von schlechten Zeiten, schauderhaft billigen
Riethszinsen jammert und über die täglich sich stei—
ernden Ansprüche seiner Miether klagt. Der arme
Nann! Und wie er bestrebt ist, nur Familien ohne
dinder in seinem Hause zu haben, natürlich! und
nit welch' peinlicher Sorgfalt er auf die Reinhaltung
er Treppen und Korridore achtet — o, fast ist es
eispiellos. Und nun gar erst die Pünktlichkeit im
dinfordern des Miethszinses! Ja, hier erst lernt
nan seine unschätzbaren Eigenschaften kennen, hier
rst sieht man den geborenen Hauswirth! Wehe dem
lermsten, der nicht am Ersten eines jeden Monats
is zwölf Uhr Vormittags regulirt hat; Herr Theodor
duhlicke rückt ihm auf die Bude. Zuerst giebt's eine
Nahnung — und dabei macht er ein sehr ernstes
gesicht! — Dann, wenn der Unglückliche in drei
»der vier Tagen nicht Rath zu schaffen gewußt hat,
rhält er nochmals eine Mahnung, doch wird sie