4
Locken, die in üppigen Fluten über den schönen, weißen
Nacken und Busen herniederrieselten, aus dem marmor—⸗
blassen Antlitz hervor. Wenn die Komteß sprach, so bebten
in der Erregung ihre Nasenflügel, und die lustigen Herren
des Hofes und der Garderegimenter schlossen aus dem
Aeußeren der Gräfin auf ein leidenschaftliches Temperament
bei ihr. Und so war es auch in der That der Fall. Die
Gräfin hatte von Kind an ein unbestimmtes Sehnen nach
Liebe und Liebeslust in sich getragen. Auf dem Lande
war sie groß geworden und dort hatte sie naturgemäß so
Manches gesehen, was sonst Mädchen nicht zu schauen be—
kommen. Sie hatte mit den Dorfkindern zusammen ge—
badet und späterhin immer noch gern im Garten getollt
oder nach Männerart auf wilden Pferden mit den Bauern⸗
burschen um die Wette geritten. Ihre Eltern sagten zu
alle dem nichts, weil sie nichts davon wußten. Späterhin
wurde dann die Komteß nach Berlin gebracht, wo sie unter
strenger Aufsicht von Verwandten ihre Erziehung vollendete.
Nun war sie Hoffräulein und hatte vor acht Tagen
ihre neue Stellung angetreten. Sofort bei ihrem ersten
Erscheinen in dem glänzenden Hofstaate waren ihr be—
wundernde Blicke in Menge genug von den vornehmen
Kavalieren gespendet worden. Mit einem gewissen Stolz
fühlte die Komteß, daß sie Aufsehen erregte, und das
machte sie eitel und kokett. Andererseits auch fühlte sie sich
durch die herrlichen Männergestalten, deren es damals am
Hofe so viele gab, ungemein angeregt. So weit sie es
konnte, ließ sie ihre Blicke über die schönen Männer hin—
schweifen und sie wußte nicht, wen sie von allen den Vor—
zug geben sollte: Dem schönen Gendamerieoffizier von L.
dort drüben, oder Herrn von H. von der Leibgarde, oder
dort dem zierlichen Pagen, der so keck drein schaute. —
Das aber wußte sie genau, ehe sie sich dem verhaßten Joch