Pfad:
Band Nr. 47, 20.08.1892

Volltext: Der Bär (Public Domain) Ausgabe 18.1892 (Public Domain)

<3 556 
staunten bei dem Anblick ihrer Befreier. Sie trauten der 
Sache nicht recht, wenn sie auch wußten, daß Brandenburg 
seit hundert Jahren schon in deutschen Händen war. 
Der Edle von Jspandowe ritt inzwischen vor, hielt neben 
den beiden deutschen Rittern und sprach seinerseits die Bürger 
an: „Für Euch, Konrad Ryke, und für Euere Brüder ist 
dieser Tag wirklich ein Tag der Freude und des Triumphs. 
Ich muß der Wahrheit die Ehre geben und zeige Euch an, 
daß dies Land seinen Herrn gewechselt hat. Herzog Barnim 
ist fort, die Markgrafen Johann und Otto sind wirklich Euere 
Herrscher." 
Noch standen die 
Bürger zweifelnd, 
und die deutschen 
Ritter wollten schon 
ungeduldig werden, 
da ritt Markgraf 
Johann selbst zu 
ihnen heran, leutselig 
nach allen Seiten 
grüßend, und rief: 
„So grüße ich Euch 
zuerst, Ihr Bürger 
von Collne und rufe 
mit Euch: Hoch lebe 
Markgraf Otto! Hoch 
lebe Sankt Peter, 
der Schutzheilige 
dieser wehrhaften 
Stadt! Hoch leben 
meine treuen Bürger, 
die ersten Deutschen 
im schönen Teltow, 
und möge ihr Handel 
und Gewerbe auf 
blühen unter dem 
Schutze meiner 
Waffen." 
Auch Markgraf 
Otto ritt vor, um 
armte den Bruder 
und rief: „Hoch lebe 
Markgraf Johann, 
der Städtegründer!" 
Da war das Eis geschmolzen, und jubelnd warfen die 
Bürger Collnes ihre Kappen in die Luft und riefen ein Hoch 
über das andere. 
Herr Konrad Ryke trat zuerst heran, küßte beiden fürst 
lichen Brüdern die Hand und lud sie unter sein schlechtes 
Dach, da der Ort weder Schloß noch Halle besäße, würdig für 
den Empfang der hohen Gäste. 
„Noch nicht, Konrad Ryke," sprach Johann, tief bewegt 
von den schlichten Worten der Bürger, „gern will ich später 
Euere Schwelle überschreiten, und ausruhen unter dem ersten 
deutschen Dache, das ich in Mitte dieser Wälder und Sümpfe 
gefunden, zuerst aber führt uns in die Kirche; am Altar wollen 
wir dem Ewigen danken für seine Hilfe." 
Darauf lenste er sein Roß der Kapelle zu, die in nächster 
Nähe mit offenen Thüren winkte, während die Glocke alle 
Gläubigen herbeirief. Unter der Kirchthür trat den Fürsten 
imd Rittern ein Geistlicher in vollem Ornate, von den Chor 
knaben umgeben, entgegen, sie im Namen Gottes zu begrüßen 
und ihren Eingang zu segnen. Auf eine Frage des Herrn 
Heinrich, Abt zu Lehnin, nannte er sich Symeon, Plebanus 
zu St. Petri, und schloß mit den tiefernsten Worten: „Herr, 
nun laß Du Deinen Diener in Frieden fahren, denn diese 
Augen haben die Befreier des Landes gesehen." 
Alles drängte in die Kirche hinein, die fast zu klein war, 
um die Menge zu fassen; denn jedermann wollte die neuen 
Landesherren und Befreier sehen, die da an dem kleinen Altar 
auf denKnieen lagen, 
dem Höchsten für 
seine weise Führung 
Dank zu sagen. 
Nur einer konnte 
nicht diese allgemeine 
Freude mit feiern, 
das war Heinz, der 
jüngere Bruder von 
Konrad Ryke, der 
flog auf Weisung 
des Bruders über 
die lange Brücke nach 
dem Berlin hinüber, 
um dem Schulzen 
des Orts, Herrn 
Marsilius, die 
frohe Kunde zu 
bringen, daß die 
Brandenburger 
Fürsten soeben 
drüben angelangt und 
mit dem Bruder sofort 
den Altar des Herrn 
aufgesucht. Das 
Ereignis selbst hätte 
den Burschen wohl 
nicht allein zu der 
Eile getrieben, wenn 
es auch vielleicht das 
größte und auf 
regendste seines 
jungen Lebens war; 
aber er hatte damu Gelegenheit, die schöne Ursula wieder zu 
sehen, die es ihm angethan, seit er den Reigen mit ihr 
gesprungen am Tage des Abzugs der Wenden. 
Sonst war damals trotz der langen Brücke der Verkehr 
noch schwach zwischen den beiden Flecken, und Heinz, der den 
ganzen Tag in des Bruders Schmiede beschäftigt war, kam 
selten dazu, den Berlin zu betreten. Heut aber schwang er 
die Sohlen, denn mit einer solchen Botschaft mußte er drüben 
ja willkommen sein. Nie war ihm die lange Brücke so lang 
erschienen wie heute. Ueber zwei mächtige Flußarme, die 
durch eine breite Sanddüne getrennt, zog sich die niedrige 
Brücke, auf dicken Eichenpfosten und aus rohen Planken zu- 
sanunengenagelt, hin, und gewährte nach Ost und West freien 
Ausblick über das breite Wasser. Ueber dem hohen Ufer auf 
beiden Seiten zog sich dichter Wald ringsum, und nur hie 
Tischplatte, von König Friedrich Withettn IV. während seiner 
Schulzeit wit Federzeichnungen dedecttt.
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.