historisch Gewordenen zu vermitteln. Es war bei seiner vorwiegend Iyrischen Ver-
anlagung selbstverständlich, daß er auf dem radikalen Standpunkt nicht stehen bleiben
konnte, den die erste Bauperiode des Wertheimhauses bezeichnet. Er hatte das Prinzip
erkannt, seine Wahrheit begriffen und ahnte wohl auch seine Tragweite, aber er dachte
nicht daran, sich wie van de Velde zu seinem Sklaven zu machen. Seinen Mängeln,
die zugleich seine Tugenden sind, ist es zuzuschreiben, daß er auf diesem Wege
seine Mission, wenn er sie überhaupt je als solche erkannt hat, schon als erfüllt ansah.
Der akademisch Erzogene fühlte in dem primitiven Naturalismus des Pfeilersystems
nur Starrheit und Härte und vermißte darin den poetischen Reiz des Gewordenen,
den er in den Denkmälern alter Kulturen genoß. Die unvollkommene Schönheit,
die der modern Empfindende in der bejahenden Tendenz dieser sachlich nüchternen
Architektur dankbar erkennt, konnte ihm nicht genügen, weil gerade das, was er
gleichzeitig auf der anderen Seite darin verneinen mußte, ein integrierender Bestand-
teil seines Wesens war: die Sehnsucht nach innerer Harmonie. Die Empfindungen,
die ihn Jleiteten, sind die aller von Grund aus künstlerisch determinierten Naturen.
Schinkel, der gewohnt war, sich über seine Gefühle mit der Feder in der Hand
Rechenschaft abzulegen und, indem er sie schriftlich formulierte, wertvolle Beiträge
zur Philosophie der von ihm geübten Kunst geliefert hat, empfand nichts anderes, als
er sich notierte: „Schr bald geriet ich in den Fehler der rein radikalen Abstraktion,
wo ich die ganze Konzeption für ein bestimmtes Werk der Baukunst aus seinem
nächsten trivialen Zweck allein und aus der Konstruktion entwickelte; in diesem Falle
entstand etwas Trockenes, Starres, das der Freiheit ermangelte und zwei wesentliche
Elemente, das Historische und das Poetische, ganz ausschloß. Ich forschte weiter, sah
mich aber bald in einem großen Labyrinth gefangen, wo ich erwägen mußte, wie weit
das rationale Prinzip wirksam sein müsse, um den Trivialbegriff des Gegenstandes fest-
zustellen, und wie weit andererseits jenen höheren Einwirkungen von geschichtlichen,
artistischen und poetischen Zwecken der Eintritt dabei gestattet werden dürfe, um das
Werk zur Kunst zu erheben. Es war nicht schwer, hierbei zu erkennen, daß das Verhältnis
des Einflusses so verschiedener Prinzipien in jedem konkreten Fall ein anderes werden
würde, und durch einen leichten Schluß ward es mir anschaulich, daß ich auf den Punkt
in der Baukunst angekommen sei, wo das eigentlich artistische Element seinen Platz in
dieser Kunst einnähme, die in allem übrigen ein wissenschaftliches Handwerk sei und
oleibe, daß auf diesem Punkte, wie überall in der schönen Kunst, das Wesen einer
wirklichen Lehre schwer sein müsse und sich am Ende auf die Bildung des Gefühls
reduziere, eines Gefühls, das freilich in der Architektur einen schr weiten Umkreis in
sich begreife und in demselben aufs mannigfaltigste und verschiedenartigste ausgebildet
sein müsse, wenn von seinen Produktionen günstige Erfolge erwartet werden sollen.“
Schon bei dem nächsten Auftrag für Wertheim, dem Hause in der Rosenthaler-
straße, das chronologisch dem ersten Teil in der Voßstraße folgt, tritt die Absicht
noch bewußter hervor, den Fehler der „rein radikalen Abstraktion“ zu vermeiden und
durch Anwendung artistischer Mittel das Werk „zur Kunst zu erheben“. Die nüchterne
Sachlichkeit des Pfeilersystems vermochte die zur Synthese drängende Künstlernatur
nicht zu überzeugen, daß damit der adäquate Ausdruck für die Aufgabe schon