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Genesis 2. Die Schule des Naturalismus

Volltext: Alfred Messel / Behrendt, Walter Curt (Public Domain)

historisch Gewordenen zu vermitteln. Es war bei seiner vorwiegend Iyrischen Ver- 
anlagung selbstverständlich, daß er auf dem radikalen Standpunkt nicht stehen bleiben 
konnte, den die erste Bauperiode des Wertheimhauses bezeichnet. Er hatte das Prinzip 
erkannt, seine Wahrheit begriffen und ahnte wohl auch seine Tragweite, aber er dachte 
nicht daran, sich wie van de Velde zu seinem Sklaven zu machen. Seinen Mängeln, 
die zugleich seine Tugenden sind, ist es zuzuschreiben, daß er auf diesem Wege 
seine Mission, wenn er sie überhaupt je als solche erkannt hat, schon als erfüllt ansah. 
Der akademisch Erzogene fühlte in dem primitiven Naturalismus des Pfeilersystems 
nur Starrheit und Härte und vermißte darin den poetischen Reiz des Gewordenen, 
den er in den Denkmälern alter Kulturen genoß. Die unvollkommene Schönheit, 
die der modern Empfindende in der bejahenden Tendenz dieser sachlich nüchternen 
Architektur dankbar erkennt, konnte ihm nicht genügen, weil gerade das, was er 
gleichzeitig auf der anderen Seite darin verneinen mußte, ein integrierender Bestand- 
teil seines Wesens war: die Sehnsucht nach innerer Harmonie. Die Empfindungen, 
die ihn Jleiteten, sind die aller von Grund aus künstlerisch determinierten Naturen. 
Schinkel, der gewohnt war, sich über seine Gefühle mit der Feder in der Hand 
Rechenschaft abzulegen und, indem er sie schriftlich formulierte, wertvolle Beiträge 
zur Philosophie der von ihm geübten Kunst geliefert hat, empfand nichts anderes, als 
er sich notierte: „Schr bald geriet ich in den Fehler der rein radikalen Abstraktion, 
wo ich die ganze Konzeption für ein bestimmtes Werk der Baukunst aus seinem 
nächsten trivialen Zweck allein und aus der Konstruktion entwickelte; in diesem Falle 
entstand etwas Trockenes, Starres, das der Freiheit ermangelte und zwei wesentliche 
Elemente, das Historische und das Poetische, ganz ausschloß. Ich forschte weiter, sah 
mich aber bald in einem großen Labyrinth gefangen, wo ich erwägen mußte, wie weit 
das rationale Prinzip wirksam sein müsse, um den Trivialbegriff des Gegenstandes fest- 
zustellen, und wie weit andererseits jenen höheren Einwirkungen von geschichtlichen, 
artistischen und poetischen Zwecken der Eintritt dabei gestattet werden dürfe, um das 
Werk zur Kunst zu erheben. Es war nicht schwer, hierbei zu erkennen, daß das Verhältnis 
des Einflusses so verschiedener Prinzipien in jedem konkreten Fall ein anderes werden 
würde, und durch einen leichten Schluß ward es mir anschaulich, daß ich auf den Punkt 
in der Baukunst angekommen sei, wo das eigentlich artistische Element seinen Platz in 
dieser Kunst einnähme, die in allem übrigen ein wissenschaftliches Handwerk sei und 
oleibe, daß auf diesem Punkte, wie überall in der schönen Kunst, das Wesen einer 
wirklichen Lehre schwer sein müsse und sich am Ende auf die Bildung des Gefühls 
reduziere, eines Gefühls, das freilich in der Architektur einen schr weiten Umkreis in 
sich begreife und in demselben aufs mannigfaltigste und verschiedenartigste ausgebildet 
sein müsse, wenn von seinen Produktionen günstige Erfolge erwartet werden sollen.“ 
Schon bei dem nächsten Auftrag für Wertheim, dem Hause in der Rosenthaler- 
straße, das chronologisch dem ersten Teil in der Voßstraße folgt, tritt die Absicht 
noch bewußter hervor, den Fehler der „rein radikalen Abstraktion“ zu vermeiden und 
durch Anwendung artistischer Mittel das Werk „zur Kunst zu erheben“. Die nüchterne 
Sachlichkeit des Pfeilersystems vermochte die zur Synthese drängende Künstlernatur 
nicht zu überzeugen, daß damit der adäquate Ausdruck für die Aufgabe schon
	        
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