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Genesis 2. Die Schule des Naturalismus

Full text: Alfred Messel / Behrendt, Walter Curt (Public Domain)

2. DIE SCHULE DES NATURALISMUS 
Is Goethe 1786 in Venedig war, schrieb er ins Tagebuch der italienischen Reise: 
Ab dieser Reise hoff ich will ich mein Gemüth über die schönen Künste be- 
ruhigen, ihr heilig Bild mir recht in die Seele prägen und zum stillen Genuß bewahren. 
Dann aber mich zu den Handwerckern wenden, und wenn ich zurückkomme, Chymie 
und Mechanik studiren. Denn die Zeit des Schönen ist vorüber, nur die Noth 
und das strenge Bedürfniß erfordern unsre Tage.“ Dieses denkwürdige literarische 
Dokument, in dem mit prophetischem Ahnen die geistigen Tendenzen des neun» 
zehnten Jahrhunderts vorausgesagt sind, wurde geprägt auf dem durch "Tradition 
geheiligten Boden Italiens, im Anblick einer klassischen Kunst, deren innerstes Wesen 
dem Reisenden sich offenbarte als seltenes Produkt einer hochgearteten Kultur, hervor- 
gebracht aus der schönen Harmonie eines großgesinnten Wollens und gleich- 
bedeutenden Könnens. Goethe war es in der Kraft seines höheren Menschentums 
gelungen, diese große Synthese von Leben und Wollen, die er in der Kultur der 
italienischen Renaissance verkörpert fand, für seine Person noch einmal zu vollziehen 
and aus dieser reinen Quelle für sein Werk die Möglichkeit der Klassizität zu 
gewinnen. Was er für sich unmittelbar noch aus dem realen Leben zu entwickeln 
vermochte, suchte die folgende Generation vergeblich abseits vom Leben, in 
einer mystischen Vergangenheit oder dunklen Zukunft. Nach dem Wort Goethes 
glaubten die Romantiker, nach dem Reich des Schönen in der Gegenwart umsonst 
zu forschen, wo ihm die Herrschaft des Bedürfnisses Krone und Thron geraubt 
hatte. Aber sie diskreditierten die Autorität des Satzes, indem sie ihm einen falschen 
Sinn unterlegten. Was Goethe meinte, konnte immer nur heißen, daß Zeiten 
werdender Kultur die Schönheit der Kunst nicht gleich zu reifer Frucht zu 
bringen vermögen und kommender Strahlenglanz erst im Werdenden, im frischen 
Umlauf der jungen Säfte vorgeahnt werden kann; daß nicht Vollkommenheit, nicht 
Schlußbildungen gefordert, sondern überall nur Keime und Blüten erwartet werden 
dürfen. 
Erst den Modernen war es vorbehalten, zu solcher Erkenntnis zu gelangen. Sie 
ahnten die Schönheit des Werdenden und entschlossen sich, das nur sehr bedingt 
tragisch zu nennende Schicksal der Zeit zu ihrem eigenen zu machen. In über- 
zeugtem Glauben an eine aus sich selbst getriebene Entwicklung der Kunst unter- 
warfen sie sich der ungeheuren wollenden Lebenskraft, die sie ringsum erblühen 
und erstarken sahen, um von ihr das neue Gesetz der Gestaltung zu empfangen. 
Sie kehrten sich bewußt von aller Synthese ab, um sich ganz mit den neugewonnenen 
Werten zu erfüllen und sie in eigene, wenn auch noch unvollkommene Formen zu 
bringen. Sie ergaben sich freudig der Herrschaft der Notwendigkeit, um für ihre 
ernste Arbeit bestimmte Richtlinien zu finden. So fühlen sie sich wahrhaft lebendig 
nur da, wo sie ein Neues schaffen und den Drang und die Ahnung in sich tragen 
„Zu und von etwas Schönem, das dargestellt werden muß“.
	        
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