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Genesis 3. Eklektizismus und Tradition

Full text: Alfred Messel / Behrendt, Walter Curt (Public Domain)

ständigen Baumaterials mangelt, wird auch auf gesetzlichem Wege nichts zu erreichen 
sein. Jene Zeit, auf die die Heimatschutzbündler mit pädagogischem Eifer hinweisen, 
tat nichts anders als Messel, der seiner natürlichen Empfindung und seinem gesunden 
[nstinkt folgte und damit auch ohne Ortsstatute das Rechte traf. Er hat gezeigt, daß 
wer sich im vollen Besitz seines Könnens fühlt, nicht ängstlich um die Erhaltung 
des Alten bemüht zu sein braucht, da er im Bewußtsein eigener Stärke ein neues 
Gleichwertiges oder gar Besseres an seine Stelle zu setzen vermag. Keiner 
seiner Bauten repräsentiert für diese echte, lebensstarke und unmittelbar wirkende 
Heimatkunst und für seine tiefe ’T'raditionseinsicht besser, als das Ballenstedter Rathaus, 
das die Krone seines Werkes geblieben ist. In Ballenstedt bietet sich eine günstige 
Gelegenheit, die Wirkungskraft der Messelschen Kunst im Ensemble des historisch 
Gewordenen zu prüfen. Und es spricht für die Stärke ihres Eigenlebens, daß sie in 
unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Alten, wo sie durchaus als letztes Glied der 
Entwicklungskette gilt, als organisch-bodenständig empfunden wird. Der Reisende, 
der die mittelalterlichen Städte am Nordharz besucht und dort den imposanten Ein- 
druck gewordener, von der stillwaltenden Kraft der Jahrhunderte geschaffener Stadt- 
kultur genossen hat, gewinnt aus den Domen von Halberstadt und Hildesheim, 
Quedlinburg und Gernrode einen neuen Maßstab für die Beurteilung architektonischer 
Werte. Im Ballenstedter Rathaus findet er eine Schöpfung moderner Baukunst, die 
sich selbst solchen Meisterwerken gegenüber stolz zu behaupten vermag. Denn Messel 
ist die Kraftprobe restlos geglückt und er hat mit diesem Bau unzweifelhaft fest- 
gestellt, daß es auf dem von ihm beschrittenen Wege des Eklektizismus möglich ist, 
zu Resultaten zu gelangen, die nicht allein sich gegen die Umgebung durchzusetzen 
vermögen, sondern auch an sich neue moderne Werte darstellen. Und es ist an- 
zunehmen, daß dieses Rathaus nach hundert Jahren von Kunstfreunden wahrschein- 
lich ebenso als Sehenswürdigkeit wird aufgesucht werden, wie heute etwa Schlüters 
Landhaus Kamecke in Berlin oder Gillys Gutshaus Paretz bei Potsdam. 
Ballenstedt ist eine askanische Gründung, Stammsitz Albrechts des Bären. Die 
Stadt liegt in der Nähe von Quedlinburg und Gernrode, mitten in jener Gegend, 
die reich ist an Baudenkmälern aus der Zeit der sächsischen Kaiser. Auf einem die 
Stadt überragenden Hügel steht ein altes Schloß, ein wunderliches Konglomerat aller 
Zeiten und Stile, unter der grünen Decke dichter Efeublätter den Organismus seines 
Aufbaues verbergend. An den barocken Hofflügel mit einem Portal in bizarren 
Formen und unruhigem Lineament, das zu der glatten Fläche des alten Mauerwerks 
iebhaft kontrastiert, stößt ein kleines Theater an, ein schlichter Putzbau mit einem 
spitzen Dreiecksgiebel in der Front. Von der Auffahrt übersieht man das Städtchen, 
aus dem ein paar Türme hervorragen, einer von ‚der alten Kirche, zwei andere von 
den noch erhaltenen Toren. Die Stadt selbst ist klein und unbedeutend, an den 
winkligen Straßen stehen die niedrigen Häuser der paar tausend Einwohner, sehr 
einfach, eine Residenz in bescheidenen Verhältnissen. 
Das neue Rathaus liegt am Markt, einem kleinen Platz in der Form eines Drei- 
ecks, auf dessen Grundlinie es steht, und bildet mit seiner Front die abschließende 
Hauptwand des Platzes. Die an den beiden Schmalseiten vorbeiführenden Straßen
	        
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