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Vorwort. Anleitung zur Benutzung des Buches

Full text: Die Nationalgalerie zu Berlin / Scheffler, Karl (Public Domain)

VORWORT 
ANLEITUNG ZUR BENUTZUNG DES BUCHES 
Dieser kritische Führer durch die Berliner Nationalgalerie will nicht ein über alle aus- 
gestellten Kunstwerke Aufschluß gebender Katalog sein. Er kann darum auch nicht benutzt 
werden wie etwa der amtliche Katalog. Es sind in diesem Führer nur die künstlerisch wichtigen 
Werke berücksichtigt, so daß der Leser, wenn er ein bestimmtes Kunstwerk nicht besprochen 
findet, annehmen darf, es sei absichtlich nicht geschehen. Die Gründe werden in den meisten 
Fällen zwischen den Zeilen oder in den allgemeinen Ausführungen dieses Buches deutlich. 
Der Besucher der Nationalgalerie findet im allgemeinen eine Anordnung der Kunstwerke 
vor, die der Disposition dieses Führers entspricht; es sind die Primitiven, die Nazarener, 
zu einer Gruppe vereinigt, die lokale Wirklichkeitskunst schließt sich in einer Reihe von 
Städtekabinetten zu einer andern Gruppe zusammen, wobei Berlin dominiert, und es bilden 
die modernen nord- und süddeutschen Wirklichkeitskünstler eine dritte geschlossene Gruppe. 
Die Deutsch-Römer wurden bisher nicht, wie es sein sollte, unmittelbar dem Nazarenertum 
angegliedert, sondern ebenfalls als Gruppe für sich gezeigt. Die Selbständigkeit und 
Bedeutung der Werke Feuerbachs, Böcklins und Marees verführt dazu. Die Bilder der 
Fremden, vor allem der modernen Franzosen, die Abteilung der Skulpturen und die der Hand- 
zeichnungen stehen ebenfalls dann als geschlossene Gruppen in der Galerie da. An eine 
bestimmte Art der Aufstellung hat dieser Führer sich im übrigen nicht gehalten, weil die 
Anordnung in vielen Einzelheiten von Jahr zu Jahr fast wechselt. Jeder neue Direktor 
beginnt ja mit einer gründlichen Neuaufstellung, weil er damit gewissermaßen sein Programm 
zeigt; und er nimmt auch sonst Veränderungen in der Gruppierung vor, wenn Neuerwerbungen, 
Raumkombinationen oder neue Erkenntnisse es ihm wünschenswert erscheinen lassen, 
Der Betrachter kann bei den Nazarenern beginnen und, der historischen Entwicklung 
folgend, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zur Gegenwart fortschreiten; er kann mit demselben 
Nutzen bei den Neueren beginnen und die Entwicklung rückwärts verfolgen; und er kann 
schließlich auf jedes System verzichten, planlos durch die Bildersäle wandeln und dort immer 
verweilen, wo ihn ein starker Eindruck trifft. In jedem Fall wird das Register dieses Buches 
ihm zeigen, auf welcher Seite das betreffende Kunstwerk behandelt ist. Jedes Bild, jede 
Skulptur trägt eine Nummer und nennt den Namen des Künstlers; dieselben Bildernummern 
sind in diesem Führer in Klammern hinter den besprochenen Werken zu finden. Beim Nach- 
lesen wird es dann immer leicht festzustellen sein, in welcher Weise die einzelnen Werke 
einer größeren Gruppe und weiterhin der Gesamtentwicklung verknüpft worden sind. Wie 
immer der Betrachter seine Wanderung aber auch beginne: er gehe in keinem Falle vom 
Begriff der historischen Folge aus, sondern immer von der Anschauung, immer vom unmittelbaren 
Erlebnis vor dem Kunstwerk. Das Geschichtliche darf nur das aus vielen solchen Augen- 
erlebnissen intuitiv Abgeleitete, es darf nicht der Ausgangspunkt sein. Und ebenso: zuerst 
das Bild, die Skulptur — dann erst dieses Buch. Dieser kritische Führer will und kann nur ein 
gebildeter Freund sein, nicht ein selbstgefälliger Mentor. Der Leser debattiere mit dem Autor, 
er kämpfe unter Umständen mit ihm und lasse sich nicht schnell besiegen. Denn es ist nicht 
eben wichtig, wer am Ende Recht behält, ob der Leser oder der Autor; wichtig ist allein, daß 
die Sache, daß die Wahrheit der Kunst Recht behält. Es gibt kein Buch über Kunst, das dem
	        
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