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Full text: Die Nationalgalerie zu Berlin / Scheffler, Karl (Public Domain)

DÜSSELDORF 
J isseldort hat im neunzehnten Jahrhundert in Deutschland und weit über die Grenzen hinaus 
als berühmte Kunststadt gegolten. Die Akademiestadt am Rhein hat viele Künstler immer 
angezogen und beeinflußt. Doch ist es bezeichnend, daß von den Bedeutenderen nicht einer in 
Düsseldorf heimisch geworden ist. Diese Stadt ist immer mehr als Durchgangsstation genommen 
worden, und es ist, als hätten die am höchsten Strebenden am wenigsten dort gefunden, was 
sie suchten. Die eigentliche schöpferische Kraft ist während des ganzen Jahrhunderts nicht 
in Düsseldorf heimisch geworden; nur die akademische Tüchtigkeit, die bürgerlich beruhigte 
Solidität war dort zu finden. Anregende Kraft war immer mehr in Berlin. Es gibt in Düssel- 
dorf nicht einen Gottfried Schadow und nicht einen Menzel, nicht einmal Naturen wie Chodo- 
wiecki und Krüger. Es war die Kunst in dieser Stadt unpersönlicher als sonstwo im Reiche. 
Im Gegensatz zu Berlin, wo das Autodidaktentum und darum auch eine gewisse Ursprünglichkeit 
herrschten, hat in Düsseldorf stets der Akademismus geherrscht. Die Ursachen wären nur zu 
zeigen mit Hilfe einer Monographie dieser Stadt. 
Der Charakter des Düsseldorfer Realismus ist also einerseits durch den Akademismus 
bestimmt; in zweiter Linie ist er aber auch bestimmt worden durch die Nähe Hollands. Das 
bequeme Studium der alten Holländer, betrieben mit einem gewissen gleichgültigen akademischen 
Fleiß: daraus ist Das geworden, was noch heute überall als „Düsseldorfer Genre“ bezeichnet 
wird. Es erinnert diese Malerei in gewisser Weise an die gleichzeitige, aus ähnlichen Voraus- 
setzungen entstandene dilettantisch süßliche, bürgerlich korrekte und sehr konservative 
Malerei Englands. Selbst als sich in Berlin und München die deutsche Malerei modern 
erneuerte, als Leibls und Liebermanns Einfluß bemerkbar wurde, blieb die Düsseldorfer 
Malerei noch unberührt. Wie diese Akademiestadt am meisten von allen andern Kunststädten 
denn auch Begegnungen mit den Fontainebleauern und den Impressionisten gescheut hat. 
So kommt es, daß bei einer Betrachtung der Düsseldorfer Malerei über die Zeitgrenze von 
1870 etwa hinausgegangen werden muß, weil sich das Leben dieser Kunst bis heute eigentlich 
noch innerhalb der Grenzen lokaler Bedeutung abspielt. 
Es macht die Sammlung der Düsseldorfer in der Nationalgalerie darum den unpersönlichsten 
Eindruck unter allen lokalen Schulen. Dresden und Wien nehmen sich neben dem trockenen 
Begriffsnaturalismus Düsseldorfs ganz jugendfrisch aus. 
Neben dem Akademiepapst Wilhelm Schadow (1789—1862), von dem schon in dem 
Abschnitt über die Nazarener die Rede war, steht dessen Schüler Julius Hübner (1806—1882) 
als einer der Begründer der „Düsseldorfer Schule“. Er ist für Düsseldorf etwas Ähnliches 
gewesen wie Franz Krüger für Berlin — mit gehörigem Abstand. Denn er ist viel naza- 
renischer und konventioneller als Krüger; auch viel ungleichmäßiger. Die Jahrhundert- 
ausstellung zum Beispiel enthielt Gemälde von seiner Hand, die die in der Nationalgalerie 
befindlichen Werke weit überragen. Das Bildnis Gottfried Schadows (Nr. 530) wirkt trotz 
der starken Durchmodellierung und plastischen Sinnfälligkeit nicht überzeugend. Es fehlt die 
innere Beweglichkeit, die nur durch eine bewegliche Technik auszudrücken ist; Hübners 
Technik aber ist starr. Sie ist es auch in dem Drei-Maler-Bildnis (Nr. 932). trotzdem dort 
sine mehr lockere Malweise wenigstens versucht worden ist. 
Auch Karl Sohns (1805—1863) „Lautenspielerin“ (Nr. 346) füllt das Nazarenerschema 
nicht mit selbständigem Leben. Was er eibt ist eine süßlich raffaelisierte Modellmalerei,
	        
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