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Erster Teil. Auf dem Wege zu einer nationalen Galerie Die Geschichte der Sammlung von 1861-1911

Full text: Die Nationalgalerie zu Berlin / Scheffler, Karl (Public Domain)

DIE GESCHICHTE DER SAMMLUNG 
von 1861—1911 
sffentliche Kunstsammlungen entstehen immer halb zu- 
fällig. Das ist eine der Wunderlichkeiten des aus Kom- 
promissen sich aufbauenden modernen Kulturlebens. 
Der Zweckbestimmung des Öffentlichen Museums 
würde es, so argumentiert die Vernunft, allein ent- 
sprechen, wenn die Regierung eines Staates oder einer 
Stadt sich frei und auf Grund vorbestimmter Pläne 
entschließt, die ihr notwendig erscheinenden Kunst- 
sammlungen zu begründen, sie mit Hilfe der besten 
und unabhängigsten Kenner auszubauen und mit 
kluger Voraussicht zweckmäßig schöne Ausstellungs- 
häuser dafür zu errichten, wenn eine öffentliche Samm- 
lung, die dem Volke zu einer Stätte edler Kunstbildung 
und idealer Feiertagsgenüsse werden soll, von vorn- 
herein so angelegt wird, daß sie in jedem Augenblick 
ain Ganzes darstellt, und, ebenso wie die Kunst selbst, einer steten lebendigen Entwicklung 
Äähig bleibt. 
Keine namhafte deutsche Kunstsammlung ist aber so entstanden. Überall, wo wichtige 
Museumsgründungen vorgenommen wurden, ist freilich auch eine gewisse Bereitschaft vor- 
handen gewesen, in dem angedeuteten Sinne gründlich vorzugehen; aber es scheint, als wären 
in der neueren Zeit weder die öffentliche Meinung noch die Regierenden der energischen 
Willensanstrengung, der gesammelten Tatfreude fähig, die zu einem ganz planvollen Vorgehen 
nötig sind. Es ist immer gewartet worden, bis der Zufall einen festen Kern geschaffen hat, 
am den sich der unbestimmte Wille kristallisieren konnte. 
Das Bedenkliche bei solcher Entstehungsweise ist, daß den Kunstsammlungen dadurch 
von vornherein eine bestimmte Richtung, ja eine Tendenz gegeben wird, die später nur mit 
Mühe zu überwinden und niemals wieder ganz zu verwischen ist. In der Regel tritt der 
organisierende Zufall in der Form auf, daß entweder Fürsten oder Privatsammler eine größere 
Zahl von Kunstwerken der Öffentlichkeit überweisen, und daß diese naturgemäß immer 
irgendwie beschränkten Ergebnisse fürstlicher oder bürgerlicher Sammelinteressen damit zu 
Keimzellen von Museen werden, In dieser Weise ist die berühmte Dresdener Gemäldegalerie 
aus fürstlichem Bilderbesitz entstanden —, wurde der Grundstock der Münchener Pinakothek 
zur Hälfte durch Schenkungen bayerischer Fürsten seit dem sechzehnten Jahrhundert und zur 
anderen Hälfte durch die Sammlung Boisseree geschaffen —, ist die Kölner Sammlung Wallraf- 
Richartz durch die Initiative zweier Kölner Bürger entstanden — und sind die Berliner Museen 
ür alte Kunst auf die Hergabe von Kunstwerken aus königlichem Besitz zurückzuführen. 
Entstehen nun Sammlungen alter Kunstwerke sogar auf solchen unsicheren Grundlagen, 
am wieviel mehr muß es der Fall sein, wo es sich um neuere Kunst handelt. Der alten Kunst 
gegenüber sind sich die Maßgebenden im wesentlichen einig, so daß die Sammlungen selbst 
auf Grund von Zufallsstiftungen gleich bewußt geordnet und konsequent organisiert werden
	        
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