Zeitschrift zur Aufklärung und Förderung der geistigen und materiellen Interessen
der Bauhandwerker Deutschlands.
Der Banhandwerker“ erscheint einmal —E am Sonnabend. V
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— „Der Baubandwerker“ ict imter No. 847 der Zeitunas-Vreisliste eingetragen
* *
Sonnabend. den 15. Mai 1897.
13. Jahrg.
Das deutsche Handwerk.
Die handwerksmäßige Kleinindustrie in Deutsch—
and wird bekanntlich von den rückschrittlichen Parteien
tark umworben, um an ihr ein williges und billiges
Stimmenmaterial bei den Wahlen zu erhalten.
Pfaffen, Junker und Anusemiten beeiferen sich mit der
Zudringlichkeit jüdischer „Anreißer“ auf Jahrmärkten.
den Handwerker in die betreffende Bude zu verschleppen.
Wir können sagen, es geschieht das mit gutem Erfolg.
Die biederen Handwerksmeister haben freilich zum
zroßen Theil dem Hanswurstgeschrei, daß ihm die
Hebung des Handwerks“, die „Wiederherstellung der
dandwerkerherrlichkeit', die angeblich im XIV. Jahr-
undert vorhanden gewesen sein soll, ein sehr williges
Ohr geliehen. Ihre Unbildung, dank den schlechten
erpfafften Volksschulen, und ihre geistige Rückständigkeit,
ie aus dem Ausschluß vom Leben entspringt, haben sie
»eu „Handwerkerfängern“ der Reaktion zum leicht zu
rjagenden Wild gemacht. Augenblicklich bemühen sich
die pfäffischen, junkerlichen und antisemitischen Anreißer
wieder, den Handwerker eine Organisation aufzuschwatzen,
die den Zunftmeistern eigentlich garnicht recht ist. Die
Aämpfe, die jetzt nach dieser Richtung im Parlament
und in der Presse ausgefochten werden, ermangeln nich!
des volkswirthschaftlichen Interesses und werden wir
auf sie noch besonders kommen. Heut wollen wir
unsern Lesern nur einen statistischen Ueberblick über
die Lage des Handwerks seit 1882 bis 1895 geben.
Es handelt sich über die Veränderung in der Zahl
hder selbständigen Handwerker, ihre Vermehruna und
hre Verminderung.
Der „Verein für Sozialpolitik“ hat eine Untersuchung
veranstaltet über die Lage des Handwerks in Deutschland,
die in 9 Bänden jetzt beendet ist. Der „Reich Sbote“ hat
daraus folgendes ausgezogen: Die Zahl der selbständigen
Handwerker ist seit 1882 von 1551 163 auf 1434 104
gesunken; sie hat sich absolut um 7,5 pCt. und im Verhältniß
sur gestiegenen Bevölkerung um 19.2 pCt. verringert.
Diese Verminderung erstreckt sich felbstverständlich
nicht gleichmäßig über alle Gewerbe. Sie trifft am
tärksten die Gewerbe, die der Einwirkung des Groß—
tapitales am stärksten ausgesetzt sind, und die von der
Maschine am gründlichsten angefaßt werden Am
tärksten wurde die Textilindustrie angegriffen. Die
Spinner verloren 67 pCt. ihrer selbständigen Beiriebe.
die Färber, Drucker, Bleicher u. s. w., die also
zie Gewebe weiter vervollkommnen, verloren 58 pCt.
zer Selbständigen. die Weber 46 pCt. Die Tertil-
udustrie lohnt nur noch in großen Fabriken. Die
leinen Betriebe sind massenhaft erdrückt worden. Nun
ommen die Nagelschmiede, die den Maschinennägeln
interliegen, mit 40 —-50 pCt., die Mützenmacher mit
12 pCt. Die Letzteren werden durch die billigen Filz-
hzüte verdrängt. Das Tragen von Mützen ist nur
roch in kleinen Städten und Dörfern, und auch da nur
n beschränktem Umfange üblich. Die Nadler haben
35 pCt. verloren, weil auch ihnen die Maschinenarbei
ie Arbeit wegnahm. Bei diesen vorgenannten Ge—
verben büßten die Selbständigen mehr als ein Drittel
hrer Zahl absolut, d. h. ohne Berücksichtigung des
Wachsthumes der Bevölkerung, ein. Zieht man diest
n Rechnung, so ist der Verlust, den die Selbständigen
litten, noch größer. Mehr als ein Fünftel büßten
in: die Müller, Gerber, Böucher, Seiler, Brauer,
Lrackierer, Vergolder und Seifensieder. Mehr als eir
Zehntel verloren die Büchsenmacher, Posamentiere,
Kürschner, Grobschmiede, Glaser, Hutmacher, Drechsler
ind die Bildschnitzer. Im ganzen umfaßten diese 20
dandwerke 1882 mehr als eine halbe Million Selbst—
tändiger, also den dritten Theil der Gesammtzahl: bis
1895 sind sie auf etwa 330 000 zurückgegangen,
vährend sie der Bevölkerungsvermehrung entsprechend
ich auf 600 000 Köpfe hätten vermehren sollen. —
eniger als ein Vehntel verloren die Tönfer (ein—
chließlich Ofensetzer), Kupferschmiede, Schlosser, Zeug⸗
Sensen- und Messerschmiede, Feilenhauer, Scheren
chleifer ꝛc, Stellmacher, Tischler und Schuhmacher.
Diese Gewerbe zusammen haben sich von 462 000 auf
45 000 verringert, anstatt sich auf 530 000 zu ver—
nehren. — Bei einer dritten Gruppe haben sich die
Zelbständigen absolut etwas vermehrt, doch bleibt bei
inigen der Zuwachs relativ hinter der Bevölkerungs—
»ermehrung zurück. Das Letztere ist der Fall bei der
zteinmetzen, Goldschmieden, Buchbindern, Sattlern,
dorbmachern, Schneidern und bei der Verfertigung von
Metalllegierungen. Bei den Maurern, Zimmerern, In
trumentenmachern und Klempnern hält die Zunahme
»er Selbständigen mit dem Anwachsen der Bevölkerung
uinnähernd gleichen Schritt oder eilt ihr sogar voran
Im Ganzen umfassen diese Gewerbe zusammen etwa
360 000 Selbständige. Nur in der vierten und letzten
vruppe, die von den Uhrmachern, Tapezierern, Bäckern
Fleischern, Barbieren und den kleineren Baugewerber
besonders den Malern, Dachdeckern und Schornstein
egern) gebildet wird und im Ganzen 280 000 Selbst
tändige ausmacht, hat sich der handwerksmäßige Klein
»etrieb nicht nur in der Hauptsache gehalten, sonderr
iich auch weiter entwickelt. Wenn man die letzteren
Bewerbe der vierten Gruppe betrachtet, so erkennt man
ofort, das es Gewerbe sind, die eine Zusammenziehung
m Großgewerbe nicht vertragen, weil dies der Kund—
chaft zu unbequem sein würde. Die kleinen selbständigen
Uhrmacher bauen natürlich keine Uhren, sondern handeln
zamit und machen die Reparaturen, Den Bäcker,
-„chlächter und Barbier will besonders der Arbeiter
ind die Arbeiterfrau nicht weit suchen. Die kleinere
Zundschaft kauft beim Nachbarn, wenn auch meistens
veniger gut und billig, als im großen Geschäft, es ist
iber bequemer. Die kleineren Bauhandwerker machen
ebenfalls nur Reparaturen und die Schornsteinfeger sind
in Preußen, wie der Apotheker, privilegirte Meister,
Das ist das Bild der Lage des Handwerkes, der
kleinindustrie, die ohne größeres Kapital arbeitet
Sprechen diese Zahlen nicht deutlich genug? glaubt man
einer solchen sozialen Revolution, einem solchen Umsturz,
der die Verknechtung und Verelendung des „Mittel⸗
tandes“ nach Hunderttausenden in etwas mehr als
zehn Jahren, fertig brachte, durch einige Paragraphen der
Reichsgewerbeordnung wirksam entgegen treten zu können?
O, Ihr Narren! Ob freie Innung, ob Zwangs—
nnung, ob freie Zwangsinnung, ob Befähigungsnachweis,
b Meisterrecht, ob Lehrlingsausbeutung mehr oder
veniger, ob Innungskrankenkassen und Innungsschieds—
erichte, das Kapital hat seinen Befähigungsnachweis
ur Beherrschung der Industrie bereits erbracht, die
deichen der „Selbständigen“, die auf der Strecke
iegen, zeigen seine Macht. Das Kapital wirft der
janzen Zunftplunder, um den man sich im Reichstage
inter einander und mit der Regierung streitet, auf den
dehrichthaufen. Mit solchen Mittelchen kommt man dem
dapital nicht bei. Man heilt ein Krebsgeschwür nicht
nit Zinksalbe oder kühlenden Tränkchen, da hilft nur
Ausschneiden. So lange der Privatbesitz das Kapital
)es Volkswohlstandes verwaltet, wird eine Aenderung
zu Gunsten der Schwachen nicht zu erreichen sein. Es
st auch garnicht zu wünschen, daß die Bestrebungen der
zünftler von Erfolg wären, den eine Rückkehr zur Klein—
dustrie, wenn es überhaupt möglich sein sollte, wäre
in Rückschritt in der Kultur, ein Schritt zur Barbarei
zur Rohheit, zur Wildheit, den nur Junker und Pfaffen
ür ihre Ziele vortheilhaft finden können. Für die
äbrige Menschheit gilt das Ziel vorwärts zu schreiten,
der die Vortheile der Errungenschaften des Menschen—
geistes aus den Händen der Einzelnen zu reißen und
sie der ganzen Menschheit zum Nutzen zu machen, das
isi das Ziel der Sozialdemokratie. Sie allein hat das
Messer des geschickten Chirurgen, der das Krebsgeschwür
des Privatkapitals zum Nutzen der Gesundheit der mensch
en Gaͤelllschagit aus ihren Kärver herausschneiden kann
Der Ausschuß des Verbandes der
deutschhen Gewerbegerichte
giebt den berechtigten Bedenken in der Zeitschrift „Das
Gewerbegericht“ Ausdruck, die durch den „Entwurf eines
Gesetzes, betreffend die Aenderung der Gewerbe—
ordnung“ (die Zünftler-Vorlage) besonders in Bezug
auf Schädigung der bestehenden Organisation der
Gewerbegerichte hervorgerufen werden. Wir haben
früher ebenfalls diesen Punkt schon besprochen und auf
die Gefahr hingewiesen, durch die wieder einmal ein
sozialpolitisches Gesetz bedroht ist, dessen gute Wirkung
von den Arbeitern einstimmig anerkannt wird. Die
Aeußerung des Ausschusses hebt ganz richtig hervor, daß
die in dem Gesetzentwurf vorgesehenen Innungs—
schiedsgerichte den Arbeitern trotz ihres formlosen
und doch umständlichen Verfahrens, das jedesmal noch
einen Prozeß vor dem ordentlichen Gericht nach sich ziehen
kann, durchaus keine Bürgschaft für die Unparteilichkeit
bietet, da ein Innungsmeister Vorsitzender sein kann, die
Meister also von vorne herein über eine Stimmen Mehr—
Jeit verfügen. Es ist auch richtig, daß die Recht-⸗
prechung der Innungsschiedsgerichte in grundsätzlichen
Fragen durchaus keine Gewähr dafür giebt, daß sich
eine einheitliche Rechtsprechung herausbildet und also
Rechtssicherheit eintritt, daß man erwarten kann, es
weéde ver gleiche Fall inmer gleich entschieden werden.
Es werden die Urtheile der Innungsschiedsgerichte bald
'o, bald so aber schwerlich jemals zum Vortheil der
Arbeiter ausfallen. Der Arbeitervertrag, der heute schor
biele Unsicherheit in Form und Auslegung aufweist
wird dadurch noch mehr zu Streitiakeiten Veranlassund
geben.
Dem Gewerbegericht bliebe dann nur die
Hroßindustrie mit ihren Arbeitern. Ganz mit Recht
)ebt der Ausschuß d. V. d. G. hervor, daß die Arbeiter
venn sie Arbeit suchen, wie bei ihren Bestrebungen in der
Arbeiterbewegung zwischen Großindustrie und Hand—
verk nicht unterscheiden. Es würde also auch die
Thätigkeit des Gewerbegerichtes als Einigungsamt unter⸗
hunden sein, da sie sich nur auf einen Theil der Betriebe
erstrecken könnte. Der Ausschuß beantragt daher, daß
eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen werde,
iach welcher die Statuten von Innungsschiedsgerichten
iur dann genehmigt werden dürfen, wenn für die
Streitigkeiten, die dem Innungsschiedsgericht überwiesen
verden sollen, nicht schon ein Gewerbegericht zuständig ist.
Es trifft diese Forderung mit der zusammen, die
wir schon früher in diesem Blatte gestellt haben. Wir
möchten sie noch dahin erweitern, daß die Innungs—
schiedsgerichte immer den Gewerbegerichten zu weichen
haben, auch wenn die letzteren später errichtet werden
als die ersteren
Korrespondenzen.
Maurxer.
Berlin. Einen „einheitlichen“ Arbeitsnachweis
für Maurer und Zimmerer soll der berüchtigte Bund
der Bau-, Maurer- und Zimmer meister Berlins
das sind die Zünftler des Berliner Bauhandwerkes, ins
Leben gerufen haben. Unseres Wissens nach besteht
dieser „Arbeitsnachweis“, dessen Hauptzweck war,
remde Maurer nach Berlin zu locken, um hier
ein künstliches Ueberangebot von Arbeitskräften hervor—
zurufen, schon seit 1885. Er ist ohne größere Be—
deutung geblieben und die neue Reklame soll ihn wohl
rur aufmuntern. Der „Bund“ hat für den Berliner
Baumarkt nicht gerade hervorragende Bedeutung, da ein
zroßer Theil seiner Mitglieder nicht mehr baut, und die
Hdehrzahl der thätigen Bauunternehmer ihm nicht an—
gzehört. Die Gesellen werden sich natürlich ablehnend
segen den Arbeitsnachweis ihrer wüthendsten Feinde
erhesten So wird erpran den hedauerlichen Nuständen