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Volume 15. Mai 1897, Nr. 20

Full text: Bauhandwerker (Public Domain) Ausgabe 13.1897 (Public Domain)

Zeitschrift zur Aufklärung und Förderung der geistigen und materiellen Interessen 
der Bauhandwerker Deutschlands. 
Der Banhandwerker“ erscheint einmal —E am Sonnabend. V 
Herausgeber: s Exrpedition: 
Joh. Rönsch, Rirdorf⸗Berlin, Prinz Handjerystraße 60. RMixod orf⸗WBerlin, 
Verantwortlicher Redakteur: 
Gustav Keßler in Versin Sie. Möockernstraße 79 1J. Prinz Handiernstraße 60. 
Ar. 20. 
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vierteljaͤhrlich i,00 Mk., durch die Expedition unter Kreuzband 1,20 Mk. 
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von Privaten für 20 Pf. die gespaltene Petitzeile. 
— „Der Baubandwerker“ ict imter No. 847 der Zeitunas-Vreisliste eingetragen 
* * 
Sonnabend. den 15. Mai 1897. 
13. Jahrg. 
Das deutsche Handwerk. 
Die handwerksmäßige Kleinindustrie in Deutsch— 
and wird bekanntlich von den rückschrittlichen Parteien 
tark umworben, um an ihr ein williges und billiges 
Stimmenmaterial bei den Wahlen zu erhalten. 
Pfaffen, Junker und Anusemiten beeiferen sich mit der 
Zudringlichkeit jüdischer „Anreißer“ auf Jahrmärkten. 
den Handwerker in die betreffende Bude zu verschleppen. 
Wir können sagen, es geschieht das mit gutem Erfolg. 
Die biederen Handwerksmeister haben freilich zum 
zroßen Theil dem Hanswurstgeschrei, daß ihm die 
Hebung des Handwerks“, die „Wiederherstellung der 
dandwerkerherrlichkeit', die angeblich im XIV. Jahr- 
undert vorhanden gewesen sein soll, ein sehr williges 
Ohr geliehen. Ihre Unbildung, dank den schlechten 
erpfafften Volksschulen, und ihre geistige Rückständigkeit, 
ie aus dem Ausschluß vom Leben entspringt, haben sie 
»eu „Handwerkerfängern“ der Reaktion zum leicht zu 
rjagenden Wild gemacht. Augenblicklich bemühen sich 
die pfäffischen, junkerlichen und antisemitischen Anreißer 
wieder, den Handwerker eine Organisation aufzuschwatzen, 
die den Zunftmeistern eigentlich garnicht recht ist. Die 
Aämpfe, die jetzt nach dieser Richtung im Parlament 
und in der Presse ausgefochten werden, ermangeln nich! 
des volkswirthschaftlichen Interesses und werden wir 
auf sie noch besonders kommen. Heut wollen wir 
unsern Lesern nur einen statistischen Ueberblick über 
die Lage des Handwerks seit 1882 bis 1895 geben. 
Es handelt sich über die Veränderung in der Zahl 
hder selbständigen Handwerker, ihre Vermehruna und 
hre Verminderung. 
Der „Verein für Sozialpolitik“ hat eine Untersuchung 
veranstaltet über die Lage des Handwerks in Deutschland, 
die in 9 Bänden jetzt beendet ist. Der „Reich Sbote“ hat 
daraus folgendes ausgezogen: Die Zahl der selbständigen 
Handwerker ist seit 1882 von 1551 163 auf 1434 104 
gesunken; sie hat sich absolut um 7,5 pCt. und im Verhältniß 
sur gestiegenen Bevölkerung um 19.2 pCt. verringert. 
Diese Verminderung erstreckt sich felbstverständlich 
nicht gleichmäßig über alle Gewerbe. Sie trifft am 
tärksten die Gewerbe, die der Einwirkung des Groß— 
tapitales am stärksten ausgesetzt sind, und die von der 
Maschine am gründlichsten angefaßt werden Am 
tärksten wurde die Textilindustrie angegriffen. Die 
Spinner verloren 67 pCt. ihrer selbständigen Beiriebe. 
die Färber, Drucker, Bleicher u. s. w., die also 
zie Gewebe weiter vervollkommnen, verloren 58 pCt. 
zer Selbständigen. die Weber 46 pCt. Die Tertil- 
udustrie lohnt nur noch in großen Fabriken. Die 
leinen Betriebe sind massenhaft erdrückt worden. Nun 
ommen die Nagelschmiede, die den Maschinennägeln 
interliegen, mit 40 —-50 pCt., die Mützenmacher mit 
12 pCt. Die Letzteren werden durch die billigen Filz- 
hzüte verdrängt. Das Tragen von Mützen ist nur 
roch in kleinen Städten und Dörfern, und auch da nur 
n beschränktem Umfange üblich. Die Nadler haben 
35 pCt. verloren, weil auch ihnen die Maschinenarbei 
ie Arbeit wegnahm. Bei diesen vorgenannten Ge— 
verben büßten die Selbständigen mehr als ein Drittel 
hrer Zahl absolut, d. h. ohne Berücksichtigung des 
Wachsthumes der Bevölkerung, ein. Zieht man diest 
n Rechnung, so ist der Verlust, den die Selbständigen 
litten, noch größer. Mehr als ein Fünftel büßten 
in: die Müller, Gerber, Böucher, Seiler, Brauer, 
Lrackierer, Vergolder und Seifensieder. Mehr als eir 
Zehntel verloren die Büchsenmacher, Posamentiere, 
Kürschner, Grobschmiede, Glaser, Hutmacher, Drechsler 
ind die Bildschnitzer. Im ganzen umfaßten diese 20 
dandwerke 1882 mehr als eine halbe Million Selbst— 
tändiger, also den dritten Theil der Gesammtzahl: bis 
1895 sind sie auf etwa 330 000 zurückgegangen, 
vährend sie der Bevölkerungsvermehrung entsprechend 
ich auf 600 000 Köpfe hätten vermehren sollen. — 
eniger als ein Vehntel verloren die Tönfer (ein— 
chließlich Ofensetzer), Kupferschmiede, Schlosser, Zeug⸗ 
Sensen- und Messerschmiede, Feilenhauer, Scheren 
chleifer ꝛc, Stellmacher, Tischler und Schuhmacher. 
Diese Gewerbe zusammen haben sich von 462 000 auf 
45 000 verringert, anstatt sich auf 530 000 zu ver— 
nehren. — Bei einer dritten Gruppe haben sich die 
Zelbständigen absolut etwas vermehrt, doch bleibt bei 
inigen der Zuwachs relativ hinter der Bevölkerungs— 
»ermehrung zurück. Das Letztere ist der Fall bei der 
zteinmetzen, Goldschmieden, Buchbindern, Sattlern, 
dorbmachern, Schneidern und bei der Verfertigung von 
Metalllegierungen. Bei den Maurern, Zimmerern, In 
trumentenmachern und Klempnern hält die Zunahme 
»er Selbständigen mit dem Anwachsen der Bevölkerung 
uinnähernd gleichen Schritt oder eilt ihr sogar voran 
Im Ganzen umfassen diese Gewerbe zusammen etwa 
360 000 Selbständige. Nur in der vierten und letzten 
vruppe, die von den Uhrmachern, Tapezierern, Bäckern 
Fleischern, Barbieren und den kleineren Baugewerber 
besonders den Malern, Dachdeckern und Schornstein 
egern) gebildet wird und im Ganzen 280 000 Selbst 
tändige ausmacht, hat sich der handwerksmäßige Klein 
»etrieb nicht nur in der Hauptsache gehalten, sonderr 
iich auch weiter entwickelt. Wenn man die letzteren 
Bewerbe der vierten Gruppe betrachtet, so erkennt man 
ofort, das es Gewerbe sind, die eine Zusammenziehung 
m Großgewerbe nicht vertragen, weil dies der Kund— 
chaft zu unbequem sein würde. Die kleinen selbständigen 
Uhrmacher bauen natürlich keine Uhren, sondern handeln 
zamit und machen die Reparaturen, Den Bäcker, 
-„chlächter und Barbier will besonders der Arbeiter 
ind die Arbeiterfrau nicht weit suchen. Die kleinere 
Zundschaft kauft beim Nachbarn, wenn auch meistens 
veniger gut und billig, als im großen Geschäft, es ist 
iber bequemer. Die kleineren Bauhandwerker machen 
ebenfalls nur Reparaturen und die Schornsteinfeger sind 
in Preußen, wie der Apotheker, privilegirte Meister, 
Das ist das Bild der Lage des Handwerkes, der 
kleinindustrie, die ohne größeres Kapital arbeitet 
Sprechen diese Zahlen nicht deutlich genug? glaubt man 
einer solchen sozialen Revolution, einem solchen Umsturz, 
der die Verknechtung und Verelendung des „Mittel⸗ 
tandes“ nach Hunderttausenden in etwas mehr als 
zehn Jahren, fertig brachte, durch einige Paragraphen der 
Reichsgewerbeordnung wirksam entgegen treten zu können? 
O, Ihr Narren! Ob freie Innung, ob Zwangs— 
nnung, ob freie Zwangsinnung, ob Befähigungsnachweis, 
b Meisterrecht, ob Lehrlingsausbeutung mehr oder 
veniger, ob Innungskrankenkassen und Innungsschieds— 
erichte, das Kapital hat seinen Befähigungsnachweis 
ur Beherrschung der Industrie bereits erbracht, die 
deichen der „Selbständigen“, die auf der Strecke 
iegen, zeigen seine Macht. Das Kapital wirft der 
janzen Zunftplunder, um den man sich im Reichstage 
inter einander und mit der Regierung streitet, auf den 
dehrichthaufen. Mit solchen Mittelchen kommt man dem 
dapital nicht bei. Man heilt ein Krebsgeschwür nicht 
nit Zinksalbe oder kühlenden Tränkchen, da hilft nur 
Ausschneiden. So lange der Privatbesitz das Kapital 
)es Volkswohlstandes verwaltet, wird eine Aenderung 
zu Gunsten der Schwachen nicht zu erreichen sein. Es 
st auch garnicht zu wünschen, daß die Bestrebungen der 
zünftler von Erfolg wären, den eine Rückkehr zur Klein— 
dustrie, wenn es überhaupt möglich sein sollte, wäre 
in Rückschritt in der Kultur, ein Schritt zur Barbarei 
zur Rohheit, zur Wildheit, den nur Junker und Pfaffen 
ür ihre Ziele vortheilhaft finden können. Für die 
äbrige Menschheit gilt das Ziel vorwärts zu schreiten, 
der die Vortheile der Errungenschaften des Menschen— 
geistes aus den Händen der Einzelnen zu reißen und 
sie der ganzen Menschheit zum Nutzen zu machen, das 
isi das Ziel der Sozialdemokratie. Sie allein hat das 
Messer des geschickten Chirurgen, der das Krebsgeschwür 
des Privatkapitals zum Nutzen der Gesundheit der mensch 
en Gaͤelllschagit aus ihren Kärver herausschneiden kann 
Der Ausschuß des Verbandes der 
deutschhen Gewerbegerichte 
giebt den berechtigten Bedenken in der Zeitschrift „Das 
Gewerbegericht“ Ausdruck, die durch den „Entwurf eines 
Gesetzes, betreffend die Aenderung der Gewerbe— 
ordnung“ (die Zünftler-Vorlage) besonders in Bezug 
auf Schädigung der bestehenden Organisation der 
Gewerbegerichte hervorgerufen werden. Wir haben 
früher ebenfalls diesen Punkt schon besprochen und auf 
die Gefahr hingewiesen, durch die wieder einmal ein 
sozialpolitisches Gesetz bedroht ist, dessen gute Wirkung 
von den Arbeitern einstimmig anerkannt wird. Die 
Aeußerung des Ausschusses hebt ganz richtig hervor, daß 
die in dem Gesetzentwurf vorgesehenen Innungs— 
schiedsgerichte den Arbeitern trotz ihres formlosen 
und doch umständlichen Verfahrens, das jedesmal noch 
einen Prozeß vor dem ordentlichen Gericht nach sich ziehen 
kann, durchaus keine Bürgschaft für die Unparteilichkeit 
bietet, da ein Innungsmeister Vorsitzender sein kann, die 
Meister also von vorne herein über eine Stimmen Mehr— 
Jeit verfügen. Es ist auch richtig, daß die Recht-⸗ 
prechung der Innungsschiedsgerichte in grundsätzlichen 
Fragen durchaus keine Gewähr dafür giebt, daß sich 
eine einheitliche Rechtsprechung herausbildet und also 
Rechtssicherheit eintritt, daß man erwarten kann, es 
weéde ver gleiche Fall inmer gleich entschieden werden. 
Es werden die Urtheile der Innungsschiedsgerichte bald 
'o, bald so aber schwerlich jemals zum Vortheil der 
Arbeiter ausfallen. Der Arbeitervertrag, der heute schor 
biele Unsicherheit in Form und Auslegung aufweist 
wird dadurch noch mehr zu Streitiakeiten Veranlassund 
geben. 
Dem Gewerbegericht bliebe dann nur die 
Hroßindustrie mit ihren Arbeitern. Ganz mit Recht 
)ebt der Ausschuß d. V. d. G. hervor, daß die Arbeiter 
venn sie Arbeit suchen, wie bei ihren Bestrebungen in der 
Arbeiterbewegung zwischen Großindustrie und Hand— 
verk nicht unterscheiden. Es würde also auch die 
Thätigkeit des Gewerbegerichtes als Einigungsamt unter⸗ 
hunden sein, da sie sich nur auf einen Theil der Betriebe 
erstrecken könnte. Der Ausschuß beantragt daher, daß 
eine Bestimmung in das Gesetz aufgenommen werde, 
iach welcher die Statuten von Innungsschiedsgerichten 
iur dann genehmigt werden dürfen, wenn für die 
Streitigkeiten, die dem Innungsschiedsgericht überwiesen 
verden sollen, nicht schon ein Gewerbegericht zuständig ist. 
Es trifft diese Forderung mit der zusammen, die 
wir schon früher in diesem Blatte gestellt haben. Wir 
möchten sie noch dahin erweitern, daß die Innungs— 
schiedsgerichte immer den Gewerbegerichten zu weichen 
haben, auch wenn die letzteren später errichtet werden 
als die ersteren 
Korrespondenzen. 
Maurxer. 
Berlin. Einen „einheitlichen“ Arbeitsnachweis 
für Maurer und Zimmerer soll der berüchtigte Bund 
der Bau-, Maurer- und Zimmer meister Berlins 
das sind die Zünftler des Berliner Bauhandwerkes, ins 
Leben gerufen haben. Unseres Wissens nach besteht 
dieser „Arbeitsnachweis“, dessen Hauptzweck war, 
remde Maurer nach Berlin zu locken, um hier 
ein künstliches Ueberangebot von Arbeitskräften hervor— 
zurufen, schon seit 1885. Er ist ohne größere Be— 
deutung geblieben und die neue Reklame soll ihn wohl 
rur aufmuntern. Der „Bund“ hat für den Berliner 
Baumarkt nicht gerade hervorragende Bedeutung, da ein 
zroßer Theil seiner Mitglieder nicht mehr baut, und die 
Hdehrzahl der thätigen Bauunternehmer ihm nicht an— 
gzehört. Die Gesellen werden sich natürlich ablehnend 
segen den Arbeitsnachweis ihrer wüthendsten Feinde 
erhesten So wird erpran den hedauerlichen Nuständen
	        
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