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Volume 14. September 1895, Nr. 37

Full text: Bauhandwerker (Public Domain) Ausgabe 11.1895 (Public Domain)

sammlung ab, in der Genosse Fritz Hansen einen bei—⸗ 
ällig aufgenommenen Vortrag über: „Lassalle's 
deben und Wirken“ hielt. Hieran schloß sich ein ge— 
müthliches Kränzchen, veranstaltet vom Verein zur 
Wahrung der Interessen der Maurer Berlins und 
Amgegend, das die Theilnehmer bis zum herein— 
hrechenden Morgen beisammen hielt. 
Plauen. Der Maurerstreik in Plauen ist zu 
Ende. Der geforderte Stundenlohn von 40 Pf. wurde 
nicht erreicht, weil sich von den etwa 900 Maurern 
aur über 400 an der Bewegung betheiligten, die 
anderenfalls hätte zum Siege führen müssen, da sowohl 
in Plauen selbst wie in der Umgegend viel Arbeit 
vorhanden war. Indessen waren die Unternehmer 
doch genöthigt, den Stundenlohn weniastens etwas zu 
rhöhen. 
Steinindustrie⸗Arbeiter. 
Situations- Lexicht. 
Der Streik der Steinarbeiter in Kelheim dauert 
unverändert fort, ebenso bleibt die Sperre am Neubau 
der Kirche in Kölln b. Meißen aufrechterhalten. 
Weitere Unterstützung ist nothwendig. Zuzug ist 
treng fernzuhalten. 
Außerdem ist der Zuzug nach Helmstadt nach der 
Kunststeinfabrik fernzuhalten. Die Kollegen stehen mit 
dem Unternehmer in Unterhandlung wegen Bewilli⸗ 
zung eines Tarifs. Die Zustände sind dort durch das 
igene Verschulden einiger Kollegen sehr traurig. Eine 
zeitlang wurden dort wöchentlich 30 bis 35 Mk. ver— 
dient; damit waren aber einige Oberwuchter nicht zu—⸗ 
frieden und die 11stündige Arbeitszeit war noch nicht 
ang genug — es wurde von früh bis Abends spät 
in's Ünvernünftige hinein d'rauf los geschunden, und 
sogar der Sonntag wurde noch mit zu Hilfe ge— 
nommen, um etwas mehr zu verdienen. Diese Un— 
dernunft hat jetzt zur Folge, daß die Preise derartig 
gerabgedrückt sind, daß Keiner mehr über 20 Mik 
bro Woche verdient. Das ist wieder ein neuer Be— 
weis, daß es Unsinn ist, wenn man glaubt, um etwas 
mehr zu verdienen, müsse man recht lange arbeiten. 
Das ist Blödsinn; je länger die Arbeitszeit, desto 
niedriger der Lohn; die lange Arbeitszeit kommt weiter 
Niemandem, als dem Unternehmer, zugute, der sie zu 
seinem Vortheil weitlich ausnutzt, was wir hier an 
diesem Beispiel wieder einmal sehen. 
Differenzen bei der Firma Holzmann u. Co. haben 
sich insofern erledigt, indem sich die dortigen Kollegen 
mit ihren Forderungen bis zum nächsten Frühjahr, 
wo ihnen die Bewilligung versprochen wurde, ver—⸗ 
trösten ließen. Wir werden ja sehen, wie man das 
Versprechen halten wird, denn versprochen wird uns 
ja bekanntlich immer sehr viel, blos das Halten der 
Versprechungen wird immer zu leicht vergessen. Sollte 
dieses auch hier zutreffen, dann werden wir dem Ge— 
dächtniß der Herren etwas nachhelfen. Man soll also 
nicht glauben, daß mit dem Versprechen die Sache ans 
der Welt geschafft ist. 
Die Berliner Steinbildhauer sind wegen der sieben 
stündigen Arbeitszeit in Ausstand getreten, eine Forde— 
rung, die Jeder, der etwas menschliches Gefühl im 
Leibe hat und die ungesunde Arbeit der Steinbildhauer 
ennt, billigen muß, denn um sich die Schwindsucht 
in den Hals zu arbeiten, dazu ist die Arbeitszeit noch 
immer reichlich lang genug. Es giebt aber auch Leute 
denen das menschliche Gefühl längst abhanden ge— 
kommen ist und solche Forderungen als frivol bezeich— 
nen, die sich, mit einem Orden auf der Brust, über 
Alles erhaben dünken, und die Lippen bis auf die 
Erde hängen lassen, wenn die Arbeiter mit solchen 
Forderungen kommen. 
Wir fordern die deutschen, besonders die Berlinet 
Kollegen auf, die Streikenden thatkräftig zu unter— 
stützen und dafür zu sorgen, daß der Zuzug von 
Bildbauern nach Berlin sireng ferngehalten wird. 
Mit kollegialischem Gruß 
Die Geschäftsleitung der Steinarbeiter Deutschlands. 
J. A.: Ph. Thomas. 
Berlin. Der Vertrauensmann meldete zum Sonn— 
tag, den 8. d. Mts. eine Versammlung an und erhielt 
folagende Bescheinigung: 
Bescheinigung. 
Der Unternehmer Herr Buchmann hat angezeigt 
daß am 8. d. Mts., Vormittags 10 Uhr, in dem 
Lokale Sophienstraße 34. eine Versammlung statt— 
finden soll.“) 
Berlin, den 7. September 1895. 
Königliches Polizei-Präsidium. 
Stempel. L. S 
Nr. 6863 Pf. IIn d 
“)Die Versammlung darf, weil das Lokal für öfsent⸗ 
liche Versammlungen ungeeianet ist, nicht abgebalten 
werden. 
Alrls der Vertreter dem Polizeibeamten auseinander— 
etzte, daß es sich um keine „öffentliche“ Versammlung, 
sondern um eine Steinarbeiterversammlung handele 
durfte die Versammlung abgehalten werden“ Sie he— 
chäftigte sich in der Hauptsache mit dem Streik der 
Zteinbildhauer und die eventuelle Stellungnahme der 
Steinmetzen gegenüber den Firmen, die sich weigern 
die Forderungen der Bildhauer zu bewilligen. Hierzu 
vurde von Seiten der Bildhauer ein kurzer Ueberblick 
iber die gegenwärtige Situotion gegeben. Es handelt 
ich hauptsächlich um Durchführung der siebenstündigen 
Arbeitszeit. Auf verschiedenen Plätzen sind die For—⸗ 
derungen der Bildhauer bereits bewilligt; auf folgen 
den Plätzen ist dieses bis jetzt nicht der Fall: Wimmel 
Zeidler, Holzmann, Plöger und Schilling, in der auch 
die verschiedenen Unterfragen ventilirt wurden, präzisirte 
die Versammlung ihre Stellung zu den Forderungen 
der Bildhauer durch folgende Erklärung: „Die Ver— 
jammlung erkennt die Forderungen der Steinbildhauer 
als durchaus gerechtfertigt an, verpflichtet sich, die 
Streikenden nach Kräften zu unterstützen und ver 
oflichtet ferner die Steinmetzen, keine Bildhauer— 
Arbeiten auszuführen.“ Betreffs Stellungnahme zum 
5treik selbst erklärte die Versammlung einstimmig: 
„Sollten die Forderungen der Steinbildhauer bis 
Dienstag, den 10. September, nicht bewilligt sein, so 
jat spätestens am Donnerstag eine Versammlung statt⸗ 
zufinden behufs Stellungnahme der Steinmetzen Berlins 
u der Bewegung der Berliner Steinbildhauer.“ 
kinem Antrage gemäß wurden den Bildhauern sofort 
50 Mark aus dem Fonds der örtlichen Verwaltung 
ewilligt, welche Summe durch die auf Listen zu 
ammelnden Gelder zu decken ist. Nach Entgegen⸗ 
iahme eines kurzen Auszuges aus dem Bericht des 
Bewerbegerichts-Beisitzers nahm man von einem aus— 
ührlicheren Berichte desselben Abstand. Die Behand 
ung der Frage wegen des Unterstützungswesens wurde 
veil allein eine Versammlung ausfüllend, für heute 
zurückgestellt, und es erfolgte die Bekanntgabe der Ab— 
rechnung vom Sommervergnügen, welche eine Gesammt— 
Einnahme von 179,75 Mk. aufweist, der eine Gesammt— 
Ausgabe von 183.50 Mk. gegenübersteht, sodaß eir 
Defizit von 375 Mek. zu perzeichnen ist 
Berlin. Der Streil der Berliner Steinbildhauer 
'ommt den Berliner Steinmetz-Innungsmeistern recht 
ungelegen, wenn man nach den eifrigen Bemühungen 
derselben urtheilt, die Einmüthigkeit der Streikenden 
zum Wanken zu bringen und Streikbrecher heranzu— 
ocken. Einige Tage nach dem Ausbruch des Streike 
vurde natürlich die bei solchen Anlässen übliche 
schwarze Liste“ an die Prinzipale versandt. Die 
Kollegen werden darauf die einzig richtige Anwor— 
geben: unbeirrt, fest und entschlossen ihr Ziel im Auge 
ausharren und ihr durch die GewerbeOrdnung ge 
währleistetes Recht auszunutzen, trotz aller Maßnahmen 
der Innung, die als erstes die Aufgabe zu haben 
cheint, die Geschäfte der Großkapitalisten und Stein— 
zruchbesitzer zu besorgen. Daß die Herren bei einigen 
Baubehörden so großes Entgegenkommen finden, daf 
diese die Lieferungstermine hinausschoben, ist natürlich: 
sind doch diese Angehörige derselben Gesellschaftsklasse 
in deren Interesse es liegt, die „Begehrlichkeit“ der 
Arbeiter, die man besonders ausgeprägt bei den Bild— 
hauern zu sehen vermeint, zu bekämpfen. Gar possir— 
lich ist der Zorn der Innungsmeister darüber, daf 
sich einige Mitglieder der Innung 3 nicht 
an deren Beschlüsse gekehrt haben, sondern die Forde— 
rungen der Bildhauer sofort bewilligten und nur 
ieben Stunden arbeiten lassen. Auch die Berliner 
Steinmetzen sind von unserer Bewegung erfaßt worden 
indem sie sich auf allen Plätzen mit den Steinbild— 
hauern solidarisch erklärten und sich weigerten, ange— 
fangene Bildhauerarbeiten mit Hilfe der Poliere fertig 
zu stellen oder neue Stücke auszubossiren. Sie nah— 
men in einer öffentlichen Steinarbeiter-Versammlung 
am Sonntag Stellung zum Steinbildhauer-Streik und 
versprachen in einer Resolution die weitestgehende 
moralische und materielle Hilfe, um den Steinbild— 
hauern zum Siege zu verhelfen. In einer weiteren 
RKesolution wurde festgelegt, daß diese Bewegung unter 
ämmtlichen Steinarbeitern zur eifrigsten Agitation für 
den Achtstundentag der Steinmetzen ausgenutzt werden 
soll, und daß, falls die Prinzipale bis Dienstag nicht 
—— 
iiche bffentliche Versammlung der Steinbildhauer und 
Steinmetzen stattzufinden hat, die die Frage einer all⸗ 
gemeinen Arbeitseinstellung der Berliner Steinmetzen 
zur Erreichung des Achtstundentages in Erwägung 
ziehen soll. Ein fernerer Beweis der Solidarität war 
die Bewilligung von 150 Mek. als ersten Beitrag der 
Sleinmetzen-Organisation. Das löbliche Verhalten 
der Beruͤner Steinmetzen ist um so bemerkenswerther 
als es die Beziehungen zwischen Steinmetzen und Bild⸗ 
hauern nur fördern kann und bei ähnlichen Kämpfen 
der Steinmetzen die gleiche Solidarität der Bildhauer 
zur Folge haben wird. Die in den Steinbrüchen der 
Ferluer Steinmetzmeister beschäftigten Bildhauer Schle⸗ 
jens und Sachsens sind ebenfalls informirt und haben 
ede Hilfe zugesagt, Abgereist und anderwärts in 
Arbeit getreten find bis jetzt 11 Kollegen, so daß sich 
die Zahl der Streikenden auf 118 beläuft. Verhei⸗ 
rathet find davon 49, ledig 69. Organisirt sind alle. 
35reifi von außerbalb sind 3 Steinhildnauer. welch⸗ 
zum theil sofort abreisten, zum theil sich den Strei⸗— 
lenden anschlossen. Die Firmen, welche nicht bewil—⸗ 
ligt haben, sind: Wimmel, Schilling, Zeidler, Holz⸗ 
mann, Plöger, Lock u. Worzel, an der evangelischen 
Garnisonkirche. Kollegen, haltet unter allen Umständen 
den Zuzug fern und unterstützt uns so weit als mög— 
lich. Annonzen in auswärtigen Blättern der Firmen, 
die nicht bewilligt haben, sind uns sofort zuzusenden 
oder mit Annonzen von unseren Kollegen zu beant— 
worten. Briefe und Zuschriften an Gustav Winkler, 
Berlin 80., Wrangelstr. 135 v. J, Geldsendungen an 
Wilbelm Sandvoß, Berlin SO., Dieffenbachstr. 30 v. IV 
Kommission der Bildhauer. 
Dreyßig bei Leipzig. Sonntag, den 25. August 
iollte für Dreyßig und Umgegend eine öffentliche 
Steinarbeiter-⸗Versammlung stattfinden, welche von 
Leipziger Kollegen einberufen war. Das Lokal war 
ordnungsmäßig gemiethet und die Versammlung poli— 
zeilich angemeldet. Als aber die Leipziger Stein— 
arbeiter am Sonntag Mittag anlangten, verwehrte 
ihnen der Wirth, Herr Erler, de Eintritt. Auf die 
Frage warum herrschte er den Einberufer an: „Ich 
lasse mich nicht von Ihnen zweimal im ‚„Vollsboten“ 
herumschmieren.“ (Gemeint ist das Zeitzer Partei— 
organ). Trotz der Saalverweigerung trafen sich die 
Kollegen in einem anderen Lokal, wo bei einem Glase 
Bier das erreicht wurde, was erreicht werden sollte 
nämlich der Anschluß an die Organisation. 33 Kollegen 
wurden der Organisation gewonnen. Der saalver 
weigernde Herr Erler aber wird vor Gericht wegen 
der entstandenen Unkosten auf Schadenersatz verklagt 
und ihm so klar gemacht werden, daß man auch den 
Arbeitern gegenüber eine einmal eingegangene Ab— 
machung nicht einseitig brechen darf 
Leipzig. In der Versammlung der Steinarbeiter 
am 5. d. Mts wurden die Zustände auf dem Werk— 
platze Knorr einer scharfen Kritik unterzogen. Es 
werden dort für Stücke, die laut Tarif mit 9,52 Mk. 
hezahlt werden sollen, nur 6,70 Mk. bezahlt. Knorr 
zehört nicht der Innung an und glaubt deshalb, den 
hon uns mit den Meistern vereinbarten Tarif nicht 
zjalten zu müssen. Der betreffende Kollege, den der 
Abzug getroffen hat, will beim Gewerbegericht klagbar 
werden. 
Sehr getadelt wurde von vielen Seiten die schlechte 
und enge Aufstapelung der Steine, so daß man einen 
passenden Stein nur mit großer Mühe, unter Auf— 
wendung vieler Stunden unbezahlter Arbeit und mit 
zroßer Leibes- und Lebensgefahr sich herausschaffen 
kann. Es soll der Gewerbe-Inspektor auf diesen Uebel— 
tand aufmerksam gemacht werden. 
Die Abrechnung vom Sommerfeste ergab einen 
Ueberschuß von 16,27 Mk. Ein Antrag, die streiken⸗ 
den Steinsetzer und Maler zu unterstützen durch 
Sammellisten, wurde angenommen. 
München. Am Sonntag, den 1. September, 
tagte in der Zentralherberge eine öffentliche Stein— 
arbeiterversammlung, in welcher auch die beiden Ver— 
rauensleute von Offenstetten und Kelheim anwesend 
waren. Als Punkt 1 wurde die Angelegenheit Hoff— 
mann behandelt, welcher abermals als Denunziant 
entlarvt wurde. Nachdem ein Redner darauf hinwies 
daß es viel zu viel Ehre für diesen Menschen wäre 
venn sich die Versammlung abermals mit ihm be— 
schäftigen würde und bedauerte nur die Zahlstelle 
München von der Krankenkasse „Grundstein zur Einig— 
seit“, in welcher Hoffmann als Vorsitzender fungirt. 
Zum Punkt 2 schildert der Vertrauensmann von Kel— 
jeim in kurzen einfachen Worten die Ursache des 
Streiks, indem er auf den ungeheuren Preisunterschied 
hinwies, welcher bei den gleichen Arbeiten zwischen 
Arbeiten zwischen Offenstetten, Kelheim und München 
vbesteht. Daß in Kelheim oft bis zu 40 pCt. meniger 
bezahlt wird, als in Offenstetten, wo nach Tarif ge— 
arbeitet wird. Er mißt die Hauptschuld an dieser 
Lohndrückerei dem Werkmeister der Firma Lang und 
Holzmann zu. Vang schreibt im „Regensburger An 
zeiger“ um Steinmetze, welche nicht dem sozialdemo 
kratischen Fachverein angehören, aus und versprich 
ihnen zugleich Winterarbeit. Säulen, welche in Offen— 
stetten mit 372242 Mk. bezahlt wurden, wollte Lang 
mit 22 Mk., später 25 Mk. und abermals später mit 
27 Mk. bezahlen. Die Kollegen verlangten ursprünglich 
30 Mk. dafür, wollen jetzt aber den Tarif auch ein 
führen. Redner kommt auf die Behinderungen von Seiten 
des Bezirksamtes Kelheim den Streikenden gegenüber 
zu sprechen. Er weist auf den Druck, den das Steuer 
amt gerade jetzt auf die Streikenden ausübt, hin und 
auf den Stadtschreiber, der von Streikenden Taschen 
geld, den Inhalt ihrer Notizbücher ꝛc., sehen will 
Der Vertrauensmann von Offenstetten meint, daß der 
Streik von Lang heraufbeschworen wurde, um einer 
großen Konventionalstrafe zu entgehen. Er kritisirt das 
Verhalten des Bezitksamtes, welches zwei jungen 
Kollegen, welche auf Reklamation ihrer Eitern hin zu 
ihrer Unterstützung vom Miilitärdienst befreit wurden, 
mit Einberufung drohte und dieselben auf diese Weise 
zu Streikbrechern machte Da Herr Lana Kirchen-
	        
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