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Zeitschrift zur Aufklärung und Sörderung der geistigen und materiellen Interessen
der Bauhandwerker Deutschlands.
„Der Bauhandwerker“ erscheint einmal wöchentlich am Sonnc! end.
Herausgeber:
Ph. Thomas, Rixdorf⸗Berlin, Berg⸗Straße 162.
Verantwortlicher Redakteur:
Gustav Keßler in Berlin 8W., Mäckernftraße 79 1J.
Expedition:
»irdorf »erlin.
Berg⸗-Strake 162.
Abonnementspreis durch die Post, durch unsere Verbreiter u. Spediteur
vierteljäͤhrlich 1.00 M., durch die Expedition unter Kreuzband 1,20 Mk
AÄn zeigen finden Aufnahme: Von Vereinen und Krankenkassen 15 Pf.
von Privaten für 20 Pf. die gespaltene Petitzeile.
Der Banhandwerker“ ist unter Nr. 775 der Zeitunas-Oreislifte einaetragen
—nan 103
nust C 3.
Sonnabend.
Absterben des Handwerks in Deutschland.
Der „Verein für Sozialpolitik“ veröffent—
licht in drei Bänden eine von ihm seit dem Jahre 1892
veranlaßte Untersuchung der Zustände in einer Anzahl
der wichtigsten handwerksmäßig betriebenen Gewerbe,
und sollen diese Veröffentlichungen noch weiter fort—
gesetzt werden. Für uns Sozialdemokraten, die schon
lange als aufmerksame Beobachter an dem Kranken—
bette des Handwerks stehen, und die wir, durch kein
Vorurtheil verblendet, die einzelnen Abschnitte des
„Verwitterungsprozesses“ verfolgt haben, bringen die
Verössentlichungen absolut nichts Neues, indessen mag
es schon richtig sein, daß sie, wie Herr Professor
Bucher in einer von ihm zu den Veröffentlichungen
zeschriebenen Einleitung sagt, für Personen anderer
Anschauung vielfach neu und überraschend sein mögen.
Wir können also nur wünschen, daß sie von diesen
Kreisen mit Nutzen gelesen und durchdacht werden
nögen. Sie als irgendwelche Waffe gegen die Sozial—
demokratie zu verwenden, möchte ein ganz verfehltes
Unternehmen sein, denn sie bestätigen ohne Ausnahme
nur das, was seit Jahren in unseren Schriften und
Reden behauptet worden ist.
Das Handwerk ist ohne Streit eine lebende Or—
ganisation an dem lebenden Körper unserer wirthschaft⸗
liichen Entwickelung. Es ist nichts Festes, Beständi—
zes. Bleibendes. sondern es ist im Laufe der Ent⸗
vicklung entstanden, gewachsen, hat geblüht, Früchte
zebracht und ist jetzt in einen Zustand der Verwitte—
rung und des Absterbens eingetreten, der durch äußere
Otittel nicht merklich aufgehalten oder verzögert werden
kann. Die Untersuchungen des „Vereins für So—
zialpolitik“, die ganz gewiß nicht mit sozialdemo—
tratischer Voreingenommenheit angestellt sind, geben
hierfür die unwiderleglichsten Beweise, deren Studium
vpir den „Handwerksrettern“ nur empfehlen können.
Da das Handwerk als ein lebender Organismus
ich den Lebensbedingungen der menschlichen Gesell—
ichaft unbedingt anpassen mußte, hat es sich fort
vährend verändert. Diese Veränderungen geschaher
rüher, entsprechend dem wenig merklichen und lang
iamen Fortschritt der Volksentwickelung im Mittel—
ater — langsam un kaum merklich für die einzelnen
Benerationen, so daß das Handwerk damals eine
dauernde Organisation annehmen und in ihr seine
Blüthezeit erleben konnte. Auch damals wirkten nicht
alle Verärderunugen, die eintraten, günstig, aber die
Summe aller Kräfte, die auf das Handwerk wirkten.
war eine günstege. eine hebende Dann trat ein Still—
stand ein.
Die Zunftformen, in welchen das Handwerk seine
Blüthe erlebt, versteinerten, bis die wirthschaftlichen
sträfte die Form zerstörten und zersprengten. Seit
ver Zeit begann ein Verwitterungsprozeß, der, je
länger er dauert, je schneller sortschreitet. Das
Beringe, was am Ende dieser Entwickelung von dem
Handwerk übrig bleiben wird, wird keine Aehnlichkeit
mit dem haben, was es vor Jahrhunderten war.
Daran werden alle Bemühungen rückschrittlicher Kräfte
nichts ändern können.
Trotz der Art, wie unsere kapitalistische Herstel⸗
lungsweise den Kapitalprofit als den Zweck jeder
menschlichen Thätigkeit hingestellt hat, ist die Grund
liage einer jeden herstellenden Thätigkeit doch immer
das Bedürfniß, das sich nach den Ümständen richtet.
Es kann nichts in größeren Mengen und auf längere
Dauer erzeugt werden, was den Umitänden nach un—
nütz ist.
Als das Schießpulver erfunden war, mußten trotz
des wüthenden Widerstandes des Ritterthumes die
Ritter aus ihren Harnischen steigen und das Handwerf
der Waffenschmiede und Harnischmacher, der Plattner
und Schwertfeger erlitt theils eine Umgestaltung von
Grund aus, theils ging es ganz unter. Daran konnte
keine Zunitordnung etwas Füudern. So baben fsort.,
während bis heute neue Erfindungen die Bedürfnisse!
verändert und nach der einen Seite hin Handwerke zer—
stört oder ihnen wichtige Arbeitsfelder entzogen, nack
der andeeen Seite aber auch neue Arbeitsfelder eröffnet
und neue Handwerke entstehen lassen. Bei bestehenden
Handwerken hat sich öfter die Herstellung einzelner
Begenstände, die früher mit vielen anderen in derselben
Werkstelle gemacht wurden, so gehoben, daß sie eigen
elbstständige Handwerkszweige mit eigener Lehrlings
ausbildung darstellen; andere Erzeugnisse, ja solche
von welchen das Handwerk seinen Namen hat, sind
dafür aus den Werkstätten vollständig verschwunden
oder kommen nur noch in ganz abgeänderter Form
unter besonderen Umständen als Seltenheiten vor.
Welcher „Gürtler“ macht heute noch Beschläge
und Zubehör zu Gürtel? Wenn er noch Schnallen
derfertigt, so ist das sicherlich eine Nebensache in der
Werkstelle. Wie viele Schlosser machen noch Schlösser?
Mit Ausnahme der Fabrikation der Kunstschlösser in
einzelnen handwerksmäßig betriebenen Werkstellen und
der gelegentlichen Erzeugung ganz außergewöhnlicher
Schlösser wird man in der Mehrzahl der Schlosser
werkstellen sich vergeblich nach der Herstellung eines
Schlosses umsehen. Sie werden aus besonderen. dafür
ingerichteten Fabriken bezogen.
Seitdem der Bürgers- und Bauersmann in den
neisten Gegenden Dentschlonds nicht mehr in hocks—
ledernen Beinkleidern umherstolzirt, ist in den haupt—
ächlichsten Orten das Gewerbe des „Täschners“ kaum
mehr dem Namen nach bekannt. Die Erfindung der
Zöthbarkeit des Zinkes und der Kunst, es als bieg—
ames Blech auszuwalzen, die aus dem ersten Dritte!
ieses Jahrhunderts herrührt, hat den Kupferschmied
zu einer seltenen Erscheinung auf einem Kirchendache
zemacht. auf Privathäuser kommt er heut so gut wie
nie. Dem Nagelschmied hat die Erfindung und Ver—
vollkommnung der Drathstiftfabrikation und ähnliche
Erfindungen seine Arbeit entzogen, ihm aber in dem
nassenhaften Gebrauch von Mauerstiften, Krammen
Zaken und dergl. besonders für die Gas- und Wasser—
eitungsarbeiten einen, wenn auch nicht ausreichenden
krfatz gegeben. Die Gewerbe der Installateure für
Bas- und Wasserleitung, fur Heizungsanlagen und
lektrische Einrichtungen sind ganz neue Zweige des
handwerkes geworden, die sogar gut gedeihen und
doch längeres Gedeihen versprechen. In der Buch
hinderet haben sich ganze große Zweige vom Stamm
zeschäft vollkommen getrennt. Die Knopfdrechslerei,
ie Rauchwaarenfabrikation haben sich von der Drechs—
erei als gesonderte Handwerke abgetrennt.
Die Herstellung von Kunstschmiedearbeit, die am
Ende des Mittelalters blühte, und in der neueren Zeit
»er Rengaissance und bis in der Rokkoko hinein einer
ehr lohnenden handwerksmäßigen Betrieb ernährte,
war bis zur Mitte dieses Jahrhunderts fast vollständig
»erschwunden, ist aber durch die Mode neuerer Zei
pieder erweckt. Das Flechten und Aufstellen von
Drahtzäunen ist ein blühendes Gewerbe geworden,
essen undequemen Aufschwung mancher Besucher des
vzrunewalds bei Berlin mit herzlichem Fluchen begrüßt
jaben wird, wenn er einen alten und bequemen Weg
ines schönen Sonntags abgesperrt fand. Den Zimmer—⸗
euten ist durch diese neue Industrie manches Stüch
Arbeit genommen worden, so wie sie wohl mit eigen—
hümlichen Gefühlen die Eisengerüste sehen werden,
die die Schuppen bilden, deren Anfertigung ihnen
rüher zufiel. So verändern neue Erfahrungen und
neue Bedürfnisse den Bestand und den Umfang der
Handwerksbetriebe und beeinflussen sie theils günstig
und theils ungünstig und dies auch da, wo sie nicht
einem eigentlichenfabrikmäßigen Konkurrenzbetriebe
gegenüberstehen, sondern wo man nur aus Ursachen
der Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit von den neuen
Erfindungen Gebrauch macht, und diese neuen Er—
Adungen baben oft aenug ein neues Handwerk ber—
vorgerufen. Wir möchten hierher auch noch diese
Fälle rechnen, die wie im Falle der Schädigung der
Klempner und Töopfer durch die emaäillirten Blech—
geschirre die Arbeit beschränken. Wir sehen auch
hier als Hauptsache noch den Kampf der alten Waare
mit einer neueren Erfindung, wenn in diesem und in
einigen früher genannten Fällen auch schon der jetzt
zu betrachtende Kampf zwischen Handwerk und Groß—
Industrie hineinspielt. Das Leben formt sich eben
nicht nach einem System oder nach einer philosophischen
Schablone, es ist deshalb eine rein systematische Be
jandlung von Lebenserscheinungen eine Unmöglichleit
venn man sie nicht vergewaltigen will.
Wir haben in diesem Aufsatze die Veränderungen
zur Erkenntniß bringen wollen, die das Handwerk
erleidet, indem es unter dem Einfluß der sich ändern—
den Bedürfnissen steht, und die es auch erleiden müßte,
wenn es einen Großbetrieb nicht gebe. Unsere Leser
werden schon aus den wenigen Beispielen, die wir
hier anführen, und aus ihrer eigenen Kenntniß der
Verhältnisse einsehen, daß, wenn wir Vortheil gegen
Nachtheil für das heutige Handwerk abwägen, der
Nachtheil ein größerer ist. Das Emaille-Geschirr hält
länger als der Topf oder die Blechkanne, der Drath—
zaun erfordert viel weniger Arbeit als der Stacketen—
zaun, den er ersetzt; die Erzeugungen und Ver—
drängungen erfolgen alle aus dem Grunde der Billig—
eit, vie Gesammt-Arbeitssumme und damit der Ge—⸗—
ammtverdienst der Handwerker wird geringer.
Aber viel einschneidender wirken die Umstände,
die aus der Einführung der kapitalistischen Herstellung
herrühren, die wir in einem weiteren Artikel be—
prechen wollen.
lforrespondenzen.
Bauarbeiter.
Köln. In einer am 6. d. Mts. stattgehabten,
zahlreich besuchten Protest-Versammlung der Maurer
Zimmerer, Dachdecker, Stuckateure, Maler, Klempner
Zauorbeiter ꝛc. gegen die heutigen Mißstände im Bau—
zewerbe wurde die Absendung einer Denkschrift an
den Reichstag beschlossen. welche diesem gelegentlich
der Berathung der Arbeiterschutzgesetze Novelle vorgeled
verden sols.
Maurer.
Achtung! Aaurer!
In Braunschweig sind die Differenzen mit dem
Bauunternehmer Rosenthal beseitigt, weil die dort ar—
beitenden Kollegen es nicht der Mühe werth hielten,
für die gestellten Forderungen einzutreten. In Halle
zauert der Stretk unverändert fort. Wir bitten, den
Zuzug immer noch sfernzuhalten und dafür zu sorgen,
daß die nöthigen Mittel zur Untersttzung vorhanden
sind. Diese Gelder sind an den Kassirer der Ge—
chäftsleitung. Heinrich Wolf, Giebichenstein,
———
Mit kollegialischem Gruß
Die Geschäftsleitung der freien Organisation der
deutschen Maurer.
J. A.: August Beck, Halle a. S., Tholuckstr. 4. II.
Berlin. Am 8. d. Mts. hielt der Verein zur
Wahrung der Interessen der Maurer Berlins und
Umgegend bei Wilke eine ordentliche Mitglieder-Ver—
ammlung ab. Als ferneres Mutterlokal des Vereins
vurde aus politischen Gründen das des Kollegen
Wilke, Andreasstr. 26. bestimmt. Die Abrechnung
wurde bis zur nächsten Versammlung vertagt. Der
rste Vorsitzende theilte mit, daß am 31. August eine
Iffentliche Maurerversammlung mit einem Vortrag
äber: „Das Leben und Wirken Lassalles“ stattfindet;
rach Schluß der Versammlung ist ein gemüthliches
Reisammensein, veraustaltet vom genannten Voörein