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II. 9. Gestaltwandel der Kultur bis zu unserem Heute

Full text: Das Wesen der Kultur / Frobenius, Leo (Public Domain)

Hiermit erkennen wir, dasß die Anastrophe, „Fufbau infolge 
gewaltsamen Vorgangs“, eingetreten ist! Und die Menschheit ver⸗ 
mag die Last dessen, was sich selbst geschaffen, kaum noch zu er⸗ 
tragen. Wie das Kind den Vater um Hilfe gegen die Hexe anruft, 
so schreit jetzt die Menschheit um Hilfe gegen die Hexe „Weltwirt⸗ 
schaft“! 
Die Anastrophe! Also hören wir von allen Seiten die Frage 
aufwerfen: „MWas soll nun werden?“ Sie, meine verehrten Damen 
und Herren, erwarten nun auch von Erz. Frobenius eine sog. „Pro⸗ 
gnose“. 
Wir haben oben betont, daß die Durchführung der Erdumspan⸗ 
nung ein Geschehen darstellt, an welchem alle Völker des west⸗ 
europäischen Kulturkreises teilnahmen. 
Diese Durchführung war nur dadurch möglich, daß die ganze 
Westeuropas⸗Kultur sich in bis dahin noch nie dagewesener Weise 
vereinseitigte. Cinerseits vorherrschend Naturwissenschaften, Mecha⸗ 
nik, Materialismus: andererseits Stellungnahme gegen alles ver⸗ 
standesgemäsß Unfaszbare und damit Herabminderung aller Pie— 
tätswerte; da die Westkulturen als Führer der Weltwirtschaftsgrün⸗ 
dung ihre Problematik zum Besten der Gründung des Materialis⸗ 
mus verbrauchten. Nur noch Zweck. 
Das alles gemeinsam in starrer, unbewusßßter Cinseitig— 
keit. 
Wenn wir nun scharf hinsehen, so nehmen wir wahr, daß gegen⸗ 
über dieser geradezu ungeheuerlichen Nüchternheit und Zweckmäsßig⸗ 
keit, jetzt bei allen in Betracht kommenden Völkern ein Wieder⸗ 
erwachen des Bedürfnisses nach Problematik, ein Sehnen nach Eigen⸗ 
sinn, nach Blick in die Tiefe des Lebens usw. erfolgt. Überall er⸗ 
wacht der Nationalis mus wieder; dem Verständnislosen eine 
fast krankhafte Erscheinung. Nationalismus! Wie äusßert er 
sich? Die Zeit des stummen Wettlaufs der Nationen ist vorbeil 
Ein jedes Volk sucht wieder sein Musikinstrument hervor, und jeder 
will wieder Kammermusik und Solospiel machen. 
Aber auch mit Solospiel und Kammermusik ist es zu Ende. Die 
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