Ein massgebender Beurteiler von damals erzählt uns überdies, dass im
Nationaltheater bei der Aufführung verdeutschter französischer Operetten
aus einem Allegro ein lahmes Moderato, aus einem Andante ein Adagio,
aus einer Anglaise ein Menuett wurde. „Liegt das nun,“ so fragt er, „an
der Unfähigkeit der Sänger, an der Zähigkeit deutscher Soprane oder
an dem gravitätischen Phlegma eines kleinen deutschen Orchesters?“
Wir, die wir gar manche Germanisierung fremder Opern miterlebt
haben, können diesem Kritiker die rechte Antwort auf seine Frage geben.
Das romanische Kunstwerk lässt sich überhaupt nicht rein in eine deutsche
Sphäre übertragen. Nur dann erliegt ein Bühnenwerk fremder Nationa-
lität auch der Verpflanzung in eine Treibhausluft nicht, wenn es durch
seinen gemeingültigen inneren Wert den Wall der Nationalität durch-
bricht. Damals gab es nichts, was sich solcher eingeborenen Kraft rühmen
durfte. Glucks Zeit ist noch nicht angebrochen. Was früher einmal, 1783,
am Beschauer vorübergezogen war, wie „Der betrogene Kadi“ oder „Die
Pilgrime von Mekka“, lässt seines klassischen Geistes noch keinen Hauch
verspüren und weckt kein dauerndes Echo. Gluck ist es nicht gegeben,
mit starken Reizen zu locken, durch den Zauber der Sinnlichkeit zu ver-
führen. Auch ein Reichardt, dem Meister Gluck von seinem Geiste mit-
geteilt hatte, war doch zu sehr nur sprühender Intellekt, um die Masse aus
ihrem Stumpfsinn zu erwecken. Die Werke, die er für die italienische
Oper und für das Nationaltheater schuf, werden im Kampf ums Dasein
im Reiche der musikalischen Bühnenkunst zerrieben und zu einem
papierenen Leben verurteilt. Was natürlicher, als dass jetzt die Herzen
sich der schmeichelhaften Sprache Mozarts ergaben? Ihm, der ein
Deutscher und doch kein Deutscher war, der die höchste Unvernunft des
Wohlklanges und die reinste Vernunft des Dramas mit gleicher Meister-
schaft vertrat?
So ward Mozart das Bindeglied zwischen fremder und deutscher Oper
in Berlin. Zuerst eingeschmuggelt und von argwöhnischen Blicken ver-
folgt, weiss er der Masse Liebe und Vertrauen zu gewinnen. Man hält
sich an dies und jenes, man klammert sich daran, aber man versteht ihn
selbst nicht. Nichtsänger lassen ihn ahnen, Sänger werden ihm Erfüllung
bringen. Die Musik, die bisher die Dienerin des Singspiels gewesen war,
rückt in die Stellung seiner guten Genossin auf. Und diese wird kraft
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