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Zukunftsmusik

Full text: Berlin als Musikstadt / Weissmann, Adolf (Public Domain)

diesen Räumen nie so schöne Musik gehört worden. Dieser Abend wird 
unvergesslich und einzig bleiben in der Erinnerung der Teilnehmer an 
diesem Kunstgenuss, der jeden mit nachwirkender Begeisterung erfüllt 
hat. Nicht Joachim hat gestern Beethoven und Bach gespielt, Beet- 
hoven hat selbst gespielt. .. Auf den Knieen hätte man zuhören 
mögen“ ... „Jede Schilderung des Eindrucks, den Beethovens Zehnte 
Symphonie gestern erregt hat, wäre eine Entweihung.“ 
Also sprach Bülows klassische Seele. Ob sie durch die würdige Ber- 
liner Feier von Mozarts hundertjährigem Geburtstage am 27. Januar 1856 
tief bewegt wurde? Man hat keinen Grund es zu glauben. Die Neu: 
deutschen dachten kaum an Mozart. Solche Naivität vertragen sie nicht 
mehr. Erst als die Stürme der Zukunftsmusik ausgetobt und ihre Ver- 
wüstungen angerichtet hatten, kehrte man freudiger denn je zu ihm als 
dem musikalischen Wundarzt zurück. Nur Beethoven, der subjektive 
moderne Künstler, stand auch in kritischen Zeiten unerschütterlich fest. 
Noch aber ist die ganze „Missa solemnis“ nicht aufgeführt, noch 
zittert man vor den zahlreichen Klippen, die den menschlichen Stimmen 
in den Schlussanummern drohten. Alle Befürchtungen wurden hinfällig 
durch den 22. März 1856. Wie einst 1829, so löste sich auch jetzt eine all- 
gemeine Spannung in Staunen und Andacht auf. Joachim selbst, in- 
zwischen Konzertmeister in Hannover, hatte nicht nur das Violinsolo 
übernommen, sondern auch im OÖrchester mitgespielt. Und Hans 
von Bülow vereinigt sich mit einigen Berliner Musikern zu folgendem 
Schreiben an Julius Stern: „Sie haben durch die unvergleichlich 
vollendete Aufführung eines der erhabensten Werke des Genius der Ton- 
kunst, der „Missa solemnis“ von Beethoven, allen Musikern einen so reinen 
und herrlichen Genuss gewährt, dass wir uns gedrungen fühlen, Ihnen für 
Ihre edlen und geistvollen Bemühungen im Dienste des Schönen ein Wort 
innig empfundenen Dankes zu sagen. Genehmigen Sie den Ausdruck 
unserer hohen Verehrung Ihrer echt künstlerischen Wirksamkeit, einer 
Verehrung, welcher Sie in unseren Herzen eine bleibende Stätte ge: 
gründet haben.“ 
Immer und immer wieder taucht der Name Bülow auf. Wie ist der 
nur wieder nach Berlin gekommen? Mehr als nur ein Zufall hat ihn 
hierher geführt. Man darf es ruhig behaupten: Berlin und Bülow sind 
für einander bestimmt. Fr war die niehtberliner Persönlichkeit, die dem 
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