Path:
Mendelssohn, Bach und Berlin

Full text: Berlin als Musikstadt / Weissmann, Adolf (Public Domain)

den. Einige Vorsteherinnen empfinden das als schwere Zumutung. Man 
macht ihnen das Zugeständnis, dass der Weinchor weggelassen wird. So 
darf denn am 2. April 1830 die Aufführung vonstatten gehen. Es kommt 
noch schlimmer. Im Oktober 1830 wird das Oratorium „David“ von 
Bernhard Klein, ein nur für Musiker berechnetes Werk, zum ersten Male 
aufgeführt. Bei dieser Gelegenheit berichtet Rellstab: An einer Stelle 
entstand ein edler Wettstreit, ob man C oder Cis greifen sollte. Die Par- 
teien fochten erbittert. Keiner wich, und beide Töne machten sich gleich 
stark geltend. Die Krone von allem aber sei ein Duett gewesen, in dem 
die Sängerin hartnäckig Es-dur sang, während das Orchester E-dur ge- 
spielt habe. „Es klang,“ sagt der Referent, „wie ein Stückchen aus der 
berühmten Katzenorgel.“ Gewiss ein recht lebendiges Momentbild aus 
der Singakademie. 
Damit wenden wir uns vom hohen Bachschen und Beethovenschen 
Pathos wieder zur Alltäglichkeit zurück. Die Besserung freilich, die er- 
zielt ist, lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Wer nicht in sich ge- 
gangen ist, hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn er der Verachtung der 
Gebildeten preisgegeben wird. Wir kennen Bernhard Romberg, den aus- 
gezeichneten Cellisten, wir wissen, dass seine Kapellmeistertätigkeit durch 
Spontinis Eintritt ein Ziel gesetzt wurde. Wir erinnern uns aber auch 
jener Szene mit Spohr, dem gegenüber der Virtuose den Quartettkompo- 
nisten Beethoven in Grund und Boden verdammte. Sein Horizont hatte 
sich in mehr denn zwei Jahrzehnten nicht erweitert. Und so trifft ihn denn 
der Bannstrahl des Redakteurs der Musikalischen Zeitung. Dieser be- 
zeichnet es als künstlerische Perfidie, dass Romberg seine Abendunterhal- 
tungen zum Schauplatz leerster Virtuosenmusik mache, dass Haydn, Mo- 
zart, Beethoven nicht ein einziges Mal aufgeführt worden seien. Wer 
jetzt noch als Virtuose den Zulauf der Menge haben will, muss seine Be- 
rechtigung dazu durch Zauberkünste erweisen. 
Und der Dämon, der mit solchen Künsten verführt, erscheint in 
Niccolö Paganini. Gerade in den Tagen, da die Matthäus-Passion die 
tiefste Erregung der Gemüter hervorruft, schart der Hexenkünstler alles 
um sich, was nach Erneuerung der Catalanitage dürstet. Dort ein Triumph 
der Innerlichkeit, hier ein Triumph der Sensation, Seltsame Mär ist ihm 
voraufgegangen, die abenteuerlichsten Gerüchte versetzen die Masse in 
atemlose Spannung. Und als er am 4. März 1829 auftritt, weiss er durch 
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