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Max Kretzer.
während er sich bemühte, einen Ausweg zu finden, um
seine Frau auf das, was er zu tun die Absicht hatte, vor⸗
zubereiten. Endlich klingelte er und ließ durch Jean seine
Frau zu sich bitten.
„Ich dachte, du wärest schon fort,“ sagte sie mit un⸗
geheucheltem Erstaunen.
„Ich hatte etwas vergessen ... Willst du nicht einen
Augenblick Platz nehmen? Wie, du hast geweint? Doch
nicht etwa um mich?“ Er sah ihre geröteten Augen und
wurde dadurch gerührt. Und als sie plötzlich ihr Gesicht
abwandte, fühlte er sich bewogen, auf sie zuzutreten. Das
Mitleid für sie erfaßte ihn; er sagte sich, daß sie im Grunde
genommen an allem unschuldig sei. Aber sofort machte
er, durch eine abweisende Handbewegung dazu genötigt,
eine Seitenwendung, die Trostesworte, die er bereits auf
den Lippen hatte, unterdrückend.
„Ich geweint? Daß ich nicht wüßte. Das ist nur
Täuschung. Weshalb hätte ich's auch tun sollen? Ich
habe keine Veranlassung dazu gehabt.“ Die Rauheit ihres
Tones machte ihn betroffen.
„Ich hatte eigentlich eine Bitte an dich,“ begann er wieder
nach einer Pause, „oder ... vielmehr ...“ Er stockte, denn
er fand es unbehaglich, auf das mit allen Einzelheiten zu⸗
rückzukommen, was ihm seine Mutter gestern erzählt hatte.
„Sie wird dir erfüllt werden, soweit es in meinen
Kräften steht ... Selbstverständlich!“ gab sie ruhig zur
Antwort. Das „Selbstverständlich“ war so bestimmt
herausgestoßen, daß er sie verwundert anblickte. Zu seiner
Überraschung fuhr sie aber sogleich fort: „Ich kann mir
denken, worum es sich handelt. Mein Vater hat sich
wieder taktlos benommen.“