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VI. Mein Flickschneider

Full text: Im Riesennest / Kretzer, Max (Public Domain)

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alle mit einer wahrhaft rührenden Miene zu ver⸗ 
stehen wußten, die armen, unbemittelten Söhne 
der alma mater, die schlecht bezahlten Kommis und 
dito Subalternbeamten des Viertels, die mit dem 
Paket in der Hand in der Abendstunde den dunk⸗ 
len Flur betraten, die ersten Treppen äußerst er— 
hobenen Hauptes bestiegen, um plötzlich eiligst die 
Bodentreppe mit gewagten Sprüngen zu er—⸗ 
klimmen. 
Nach einiger Zeit, als wir uns bereits näher 
kannten und er gefunden hatte, daß ich sein Ver—⸗ 
trauen gleich den übrigen ständigen Kunden ver⸗ 
diene, weihte er mich dann näher in seine Lebens— 
philosophie ein, woraus ich erfuhr, daß er einst 
bessere Tage gesehen und die Scheu vor den Men— 
schen, die ihm viel Leid bereitet, ihn in die Ein— 
samkeit ohne Verkehr mit der Außenwelt getrieben 
hatte. 
„Was sind wir alle wohl? Sehen Sie sich 
diesen Berg Flicken an! Das sind wir: Stückwerk, 
ohne Zusammenhang, ohne Ganzes. Ein jeder 
denkt, was er sein könnte, prahlt mit seinen Far— 
ben, schreit, möchte zuerst ins Auge fallen und 
wartet auf die Lücke, die er ausfüllen kann, um 
einen andern zu verdrängen. So geht's den Flicken, 
so den Menschen. Nur die Berechnung führt sie
	        
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