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V. Eine Rose

Full text: Im Riesennest / Kretzer, Max (Public Domain)

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von damals?“ Die Blinde tastete seitwärts und 
holte aus einem kleinen hölzernen Kasten ein 
Papier hervor, in dem sich alte, welke Blätter be⸗ 
fanden. 
„Suse,“ fuhr er fort, „Ihr Leben soll fortan 
glücklich werden, Sie sollen nicht mehr arbeiten, 
sondern gehegt und gepflegt werden, aber geben 
Sie mir diese Rose, die ein Freund von mir Ihnen 
einstens gab.“ 
Die Blinde streckte die Hände aus, griff hastig 
nach dem Papier und schüttelte mit dem Kopf. 
„Sie waren es,“ war alles, was sie sagte. 
An seiner Stimme hatte sie ihn erkannt. Der 
Assessor war tief bewegt. „Es bleibt dabei, Sie 
sollen gute Tage haben. Morgen komme ich wie— 
der,“ sagte er kurz, aber mit zitternder Stimme, 
dann drückte er ihr die Hand und ging. 
Die Suse faltete das Papier mit der weißen 
Rose wieder zusammen, kreuzte die Hände dann 
über den Schoß, starrte vor sich hin, sann und 
sann und dachte an morgen. 
Und am andern Tage kam er wirklich. 
„Suse,“ sagte er wieder, „ich habe mich einstmals 
über Sie lustig gemacht, als ich noch ein über— 
mütiger Bursche war, nicht wußte, wie bitter es 
ist, verlassen unter Menschen zu sein. Ich habe 
g⸗
	        
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