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Der alte Andres

Full text : Berliner Sittenbilder / Kretzer, Max (Public Domain)

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Minuten glaubte, er wäre es nicht. Herr, sehen
Sie mich an, ich komme wegen meiner Tochter und
wegen des Ringes, den die junge Dame eben in
der Hand hält. Ist Ihr Gewissen rein?“
Ein paar Sekunden lang war es still. Dann
fragte die junge Dame mit erregter Stimme: „Benno,
was ist das mit dem Ring und der Tochter des
Mannes? Antworte doch, Benno!“
Lehmann wollte Ruhe heucheln. „Ja, liebes
Kind, da fragst du mich zuviel; ich weiß von nichts.
Ich glaube, der Mann spricht irre.“
Ich erschrak, als ich das Wort „irre“ hörte,
denn ich wußte, daß es den alten Andres tödlich
verwunden mußte. Aber er blieb merkwürdig ruhig.
Dann machte er ein paar Schritte und sprach mit
schneidender Stimme:
„Herr, seit zwanzig Jahren bin ich in dieser
Fabrik beschäftigt. Brennend heiß war der Schweiß
oft, der von meiner Stirn rann. Ich bin alt und
grau geworden in Ehren, ich habe Ihren Vater
schon gekannt, als er eben nicht mehr war wie ich,
das heißt die Bluse trug, und durch Fleiß und
Sparsamkeit es so weit gebracht hatte, diese Fabrik
zu gründen. Ich habe Sie als Kind auf meinen
Armen getragen, damals freilich waren Sie noch
nicht das, was Sie heute sind: ein junger, ein⸗
gebildeter Geck. Aber ich sage Ihnen, noch hat es
niemand gewagt, den alten Andres für irrsinnig
zu halten, und wenn ich dafür nicht Rechenschaft
            
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