Als der Geheimrat wieder ins Bureau kam, fand
er unter anderem einen Rohrpostbrief von dem Pro-
fessor vor, der schrieb:
„Lieber Theodor! Du hast mich vor eine schwere
Entscheidung gestellt. Nach reiflichem Erwägen bin
ich bereit, Deinen Wunsch zu erfüllen. Luise soll
rehabilitiert werden. Ich muß dies Opfer meiner
persönlichen Überzeugung bringen, weil es im Inter-
esse der Allgemeinheit liegt. Bin ich mir auch
bewußt, in diesem Einzelfalle gegen die Moral zu
verstoßen, so geschieht’s, weil ich mir dadurch die
Möglichkeit schaffe, als Volksvertreter meine ganze
Persönlichkeit für die Befestigung der sittlichen
Grundlagen des deutschen Volkes einzusetzen.
Vergiß nicht Marienwerder, Friedberg-Büdingen.
Beste Grüße
Dein Onkel.‘
Der Geheimrat lächelte, dann nahm er einen Rot-
stift und unterstrich dick die Worte: „Luise soll
rehabilitiert werden“.
Er schloß den Schreibtisch auf, nahm einen Brief-
bogen und schrieb an Berthe de Cyliane, daß. er alles
ihrem Wunsche gemäß geregelt habe und voller Sehn-
sucht die Einlösung ihres Versprechens erwarte.
LU,
Liane stürzte sofort nach Empfang des Briefes zum
Geheimrat; vorher hatte sie Werner verständigt und
sich zum Lunch mit ihm ein Rendezvous gegeben.
Als sie diesmal den kleinen Vorraum, der in Walthers
Privatbureau führte, betrat, lächelte ihr der junge
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