„Du vergißt, daß sie unsern Kreisen angehört.‘
„Was folgt daraus?“
„Daß man sie nicht kompromittieren darf.“
„Seit wann kompromittiert sich eine Frau unserer
Kreise dadurch, daß sie einen Liebhaber hat? Das
ist mir neu!“
„Der Fall bei ihr liegt anders“, erwiderte Henri.
„Ja, wenn sie den Rückhalt hätte und in der Gesell-
schaft verkehrte, dann bliebe sie Dame, auch wenn
jeder wüßte, daß sie einen Geliebten hat; so aber,
wo sie auf sich selbst angewiesen ist, darf sie sich
den Luxus eines Liebhabers nicht gestatten; oder sie
hört eben auf, eine anständige Frau zu sein.“
„Das hat sie in dem Augenblick aufgehört zu sein,“
erwiderte Marcel, „in dem sie die Familie ohne Be-
gleitung und ohne Empfehlung nach Paris expedierte.
Sie ist nun einmal komprimittiert. Und ob sie sich hier
nun sittsam und tugendhaft aufführt, indem sie Stun-
den gibt und hungert, oder ob sie die Dame spielt und
das große Leben mitmacht: daran, daß sie kompro-
mittiert ist, ändert das eine so wenig wie das andere.
Sie ist und bleibt eine von denen, auf die man mit
Fingern zeigt, voll Verachtung, wenn es ihr schlecht
geht und sie sich abquält; voll Neugier und Interesse,
wenn sie sich vormittags zu Pferde im Bois und abends
in großer Toilette in der Loge zeigt. — Wer ihr
wohl will, wie ich, wird ihr zu dem letzten raten.‘
„Willst du ihr das alles sagen?‘ fragte Henri.
„Nein,“ erwiderte Marcel, „oder doch nur, wenn es
unbedingt nötig ist. Sie wird sich meiner Logik so
wenig verschließen wie du. Zunächst aber versuche
ich es mit der Gefühlsseite. Seitdem die Mädchen
unserer Kreise die Liebe als ‚der Neuzeit nicht mehr
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