62
Politische Typen
verlörpert ist, so wie er es von seinem politisch⸗radikalen Stand-
punkte aus sah⸗ Er hat die politische Sphäre nicht ĩn dem Maße
satirisch ausgeschöpft wie der geniale Giusti, aber was er sah
und gab, ist, von der Auslese des Besten gesprochen, rund und ganz.
Natürlich kommen bei ihm jene Typen am besten zu Fleisch
und Blut, denen er in der Gesinnung und Klassenstellung am
nächsten war. Figuren wie den Guckkästner und den Rentier Buffey,
also den armen Proletarier mit dem Groll der getäuschten politifchen
Hoffnungen der Befreiungskriegzeit und, den bildungseifrigen
materiell gesicherten Kleinbuͤrger mit dem erwachenden politischen
Arteilsbedürfnis und Widerspruchstrotz, solche Typen lebte er
unmittelbar aus sich heraus. Die Typen aber, die den politischen
Gegner kennzeichnen sollten, sah er so, wie der Jäger ein Wild
einzig auf die beste Schußstelle hin bespäht und todbringend an—
zielt. All diese schnell erfaßten Typen waren zeitlich wichtig
genug, daß er sie durch anderthalb Jahrzehnte hin in seinen
Schriften immerfort wiederkehren lassen durfte. Sie griffen sich
nicht ab, wurden nicht leer; der Tag und Kampf und vollkräftige
Humor, aus dem sie lebten, erhielt ihre Linie stark, ihre Farbe
frisch, und lachend haben die Volksschichten, denen fie entstammten,
fie als Wortführer und Kampfplänkler gelten lassen. Einstweilen
war ja der Opposition unter dem herrschenden Druck nichts anderes
als ein plänkelndes Kämpfen möglich. Varnhagen von Ense hat
gesagt, Glaßbrenners Schriften seien „von unberechenbarer Wirkung
auf die Volksstimmung“ gewesen.
Jener Tag ist nun längst verrauscht, und die Volksschichten,
die Glaßbrenner beobachtete, haben sich unter dem Einfluß neuer
Zeiten in ihren Grundlagen, Eigenschaften und Formen gewandelt.
Aber die Sprache des Berliner Volkswitzes hat ihre Eigenart
nicht eingebüßt, fie ist gesund vererbt worden. Von den Kampf-
zielen, denen fie einst diente, ist manches bedeutsame Stück bis
heute herauf unerledigt geblieben, und wenn auch Glaßbrenners
kernige Lust, den Gegner mit Ohrfeigen und Prügeln, Büchsen und
Barrikaden zu berennen, heute von wirkungsvolleren Kampf⸗
mitteln abgelöst worden ist, so paßt doch auf manches aus dem
neuen Kampfe wenigstens bildlich das, was damals dagewesen ist.
Immer noch haben wir unser pralles Bündel fühlbarer Er—
innerung an den Absolutismus zu tragen, immer noch hockt der
heilige Bureaukratius auf dem ledernen Schreibbock in dunstigen
Amtsstuben, und der Polizeirock leistet sich am hellen Tage immer
neue Auffärbungen seiner alten Büttelmontur. In urwüchsigen
Satiren und Karrikaturen typischer Figuren versinnlicht sich das
Volk in Zorn, Spott und Hohn diesen kulturwidrigen, mottenreifen
Befitz, und da eben gibt's für den alten Brennglashumor, für
seine grobherrlichen Derbheiten der Vollkssprache, für seinen
Kalauerwitz sogar, noch heute genug aufzudecken, anzukitzeln und
mit Brennmarken zu bestempeln. Wie von den Gebrechen,