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Adolf Glaßbrenner. Ein Volksdichter aus der Zeit der Deutschen Revolution

Full text: Unterm Brennglas / Glaßbrenner, Adolf (Public Domain)

J Volksbewegung, Volksdichtung, Volkshumor 41 
ragt Vortreffliches hervor: Stücke des Straßburgers Arnold, des 
Frankfurters Malß schätzte ein Goethe sehr; der Datterich des 
Darmstädters Niebergall ist geradezu eine Berühmtheit bis heute 
herauf und ebenso das Schaffen des Wieners Johann Nestroy, 
und dieser Periode gehört nun auch Glaßbrenner an, dessen 
Plaudereien und Gesprächsszenen den Berliner Jargon in die 
Literatur einführten. 
Die Bewegung ist natürlich kein Spiel des Zufalls. Sie war 
zum Teil ein Anklammern an liebgewordenen alten Besitz, den die 
Erschütterungen einer neu heraufkommenden Zeit bedrohten. Die 
Bedeutung der Städte wuchs und drängte die Kultur des platten 
Landes beiseite. Die Lust an der eigenen Mundart darf aber auch 
als eins der unzähligen Zeichen gelten, in denen die wachsende 
Selbstwertschätzung der aufstrebenden bürgerlichen Masse des Volkes 
sich kundgibt. Allerorts fängt diese Masse an, auf sich selbst zu 
schauen, zu geben, was fie an eigenen Werten zu geben hat. Die 
Abhängigkeit von fremden Vorbildern lockert sich und gibt dem 
ursprünglich wachsenden schriftstellerischen Tun wieder größere Be⸗ 
deutung. Das Ende eines jahrhundertelangen eingeschnürten 
Stillstandes wirtschaftlicher, politischer und geistiger Art ist ge— 
kommen und zeigt fich in einem Ausstreuen morgenlicher, neuer 
Dämmerlichter an. Manch einer von den vielen, die volksdialektisch 
sangen, erzählten oder dramatisierten, mag nicht gewußt haben, wie 
viel es bedeutete, wenn er ein unbekanntes Stück Volk schreibend 
aus dem Dunkel hob. Einer aber wußte das ziemlich gut, und 
das war Glaßbrenner. 
In aller deutschen Volksdichtung läuft das rote Blut ur— 
gesunden Volkshumors um. Auch Glaßbrenner trank und gab aus 
diesem Quell. Er rann in ihm: seine Mutter war eine Berlinerin, 
und Kindheit und Jugend hat er ununterbrochen in Berlin ver⸗ 
lebt. Sein Vater war schwäbischer Herkunft, und vielleicht hat 
der Gegensatz in der Sprechweise von Vater und Mutter sein 
Empfinden für das Spezifisch-⸗Andere des berlinischen Idioms ge— 
schärft. Feodor Wehl sagt: „Sein Witz war der echte Berliner 
Witz, immer zur Hand, schlagend und wirksam, dabei durchaus 
gemütvoll.“ Und sein Schüler Schmidt⸗Cabanis, der junge Freund 
— 
dahin kennzeichnete: er habe dem Volkswitz — und zwar ins 
besondere dem Berliner Volkswitz — zum Worte verholfen und 
ihn in die Literatur eingeführt. Und nicht bloß in die Literatur! 
Wenn es bisher so war, wie Franz Mehring es formuliert, daß 
die „kleinbürgerliche Bevölkerungsmasse Berlins, durch ein paar 
Jahrhunderte hin von einem harten Despotismus ausgesogen und 
geknechtet, sich wohl durch ein boshaftes Mundwerk an ihren 
Drängern rächte, aber sofort in untertänigster Ehrfurcht erstarb, 
wenn es einmal die Faust außerhalb der Tasche zu ballen galt,“
	        
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