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Junkerparadies

Full text: Unterm Brennglas / Glaßbrenner, Adolf (Public Domain)

Junkerparadies 
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andern hat keiner unserer Fürsten jemals den Anspruch, Gott zu 
sein, verkündet; zum dritten leben wir gegenwärtig in zivilifierten 
Staaten, also nicht im Paradiese, und endlich sind unsere Staats- 
diener keine Engel. Dies Beispiel spielt also, wie Hegel von 
den Beispielen überhaupt meint, nicht nur beiher, es ist ein total 
falsches, unpassendes. Wir Untertanen müssen nach jedem Sünden-⸗ 
falle — namentlich wenn wir zu der Masse, zu dem Kern der Be— 
völkerung der Welt, zu dem 899 Millionen starken Pöbel und nicht 
zu der einen Million der Auserwählten gehören — stets geprügelt 
werden, weil wir uns eben niemals zu der feinen Bildung der Aus—⸗ 
erwählten aufschwingen und bei den meisten Sündenfällen, bei 
Widersetzlichkeiten, beim Streben zur Wiedererlangung entzogener 
Rechte, bei zu freier Rede usw. nur durch Prügel zu bestrafen sind. 
Denn in welcher Weise wären wir sonst wirklich zu bestrafen? 
Durch Hinrichtung meinen die Juristen. Die Hinrichtung ist aber 
nur die Form einer Strafe, im Grunde ist sie eine Belohnung. 
Denn unsere Religion sagt ganz offen, das Jenseits sei besser als 
das Diesseits, jenes Reich, trotz der vollkommenen, unverbesser⸗ 
lichen Zustände anderer irdischen Länder, sei das beste Reich, und 
Gott ein barmherziger Richter, der allen wahrhaft Reuigen ihre 
Sünden verzeihe. Mithin ist die Hinrichtung nur die Form einer 
Strafe, nicht solche selbst. Auch die Landesverweisung ist keine. 
Denn da die meisten Untertanen, wie uns die fortwährende erbärm— 
liche Opposition in fast allen Ländern zeigt, nicht mit ihren aller— 
höchstweisen und gerechten Staatseinrichtungen zufrieden sind, so 
kann die Verweisung niemals als Strafe, sondern nur als sehr 
deutlicher Fingerzeig gelten, sich ein besseres Land aufzusuchen. 
Es bliebe mithin nur die Entziehung unserer Freiheit übrig. Wie 
aber wäre diese zu bewerkstelligen? Die Freiheit, welche wir in 
zivilisierten Staaten besitzen, kann man uns nicht entziehen. Man 
kann uns allerdings in Gefängnisse setzen: dadurch wird aber unsere 
Freiheit, welche wir in zivilifierten Staaten befitzen, keineswegs 
aufgehoben, sondern es wird uns nur erlaubt, uns derselben in 
einem mehr einfachen und beschränkten, mithin in einem glück— 
licheren Raume zu bedienen. Nach allem diesem bleibt uns daher 
nur die Prügelstrafe übrig, wenn wir wirklich bestraft sein wollen, 
und wir hatten uns bisher nur zu beklagen, daß dieselbe in unsern 
glücklichen Staaten sich in einem so wenig geordneten, gesetzmäßigen 
und das große Bedürfnis erfüllenden Zustande befindet. 
Der schützende Genius Europas hat aber auch hier wieder ge— 
holfen! Er, der zur Zeit, als die langsame Verbreitung polizei— 
licher und landesherrlicher Verordnungen immer empfindlicher 
wurde, durch Johannes Gutenberg die Buchdruckerkunst erfinden 
ließ; er, der schon vor dreihundert Jahren einen Vorläufer Ronges 
in der Person des Herrn Doktor Martin Luther schickte, um die 
immer stärker um sich greifende Tyrannei der Hierarchie soviel als
	        
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