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Der deutsche Reichsnarr

Full text: Unterm Brennglas / Glaßbrenner, Adolf (Public Domain)

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Der deutsche Reichsnarr 
Der Staat und die Kirche können sich sehr gut vertragen, sich gegen— 
seitig unterstützen. Es sind sozusagen Eure Eltern, und wenn auch 
der Papa ein wenig unter dem Pantoffel steht und einmal ge— 
scholten wird, daß er die Kleinen zu viel mit dem Licht spielen läßt, 
was geht das die Kinder an? Doch ich will nicht weiter davon 
reden, denn von dem Lebenswandel mancher Frau sagt man nicht 
viel Gutes, und es steht einem Hagestolz wie mir sehr schlecht, sich 
in Familienangelegenheiten zu mischen. Aber von der Schule will 
ich sprechen. Wie, Ihr wollt fie von der Kirche unabhängig machen? 
Ist die Kirche nicht die eigentliche Schule der Menschheit? Hat 
ihr nicht die Menschheit das Schulgeld bezahlen müssen? Seht 
unfre ganze schöne Geschichte näher an: sie ist von den Pfaffen ge— 
macht. Alles, was wir bisher genossen haben, verdanken wir den 
Pfaffen. Und zum Lohn dafür, und zu unserm, zu unsrer Fürsten 
Anheil, wollen wir ihnen die Schule nehmen? Wißt Ihr, was das 
heißt? Das heißt, wenn auch nicht die Religion — denn die nimmt 
uns kein Gott! — die ganze Theo- oder Pfaffologie aus der Welt 
bringen! Das heißt, alle die heiligen Männer, welche Eure Kinder 
für einen Taler acht Groschen taufen und Eure Liebe für zwei 
Taler sechzehn Groschen im Namen des Herrn segnen, nach und 
nach um allen Einfluß, an den Bettelstab oder zu einem nützlichen 
Handwerk bringen! Seid gescheit, wenn Ihr auf einen Narren 
hören wollt, und tut es nicht. Der Kaiser, unser Allerhöchster Herr, 
läßt Euch darüber noch nichts Gewisses sagen. Er wird sich die 
Sache noch mit seinem Beichtvater überlegen. Seid überzeugt, er 
wird das Rechte wählen, denn der Beichtvater ist einer von den 
Heiligen und weiß Bescheid, und der Kaiser ist ein Mann, der in 
seinem kleinen Finger mehr Verstand hat als sonstwo. 
UAeber die sozialen Fragen wird Seine Majestät erst mit Euch 
sprechen, sobald er mit seinen Militärangelegenheiten fertig ge— 
worden und ein sicheres, festes Reichsheer geschaffen hat. Schließ⸗ 
lich freut es mich, Euch versichern zu können, daß allen Euren 
Wünschen in Beziehung auf gleiche Münze, gleiches Maß und Ge— 
wicht keine geringen Hindernisse entgegenstehen. Daß niemand 
mehr auf Lebenszeit eingesperrt wird, der die schwarz⸗rot-⸗goldene 
Kokarde trägt, versteht sich von selbst, da aus dem Schwarz Eurer 
Vergangenheit und dem Rote Eures Blutes der Kaiser hervor⸗ 
gegangen ist und sich durch Euer Gold halten und befestigen wird. 
Auch kann fortan jeder Deutsche zu jedem Deutschen, welcher niest: 
Helf Gott! sagen. 
Am nun endlich auch von mir zu reden, so bin ich der Allerhöchst 
ernannte deutsche Reichsnarr, weder stolz noch hoffärtig, sondern 
betrachte jeden von Euch als meinen Bruder. Der Himmel beschütze 
uns und unser Vaterland! Amen!
	        
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