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Vom Weine

Full text: Alt-Berlin / Consentius, Ernst (Public Domain)

Mineralwasser. Frühlingskuren. 
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Krug“, also gewiß in keiner Wirtschaft ersten Ranges, wurde er zu Ganzen⸗, 
Halben⸗ und Vierteltonnen verkauft. Noch sehr viel billiger als russischer 
Branntwein waren selbstverständlich die einheimischen Brennereiprodukte; 
das Quart guten Kornbranntweins kostete 3 Groschen und 6 Pfennige. 
Gin⸗ der Winter zu Ende, die kalte Jahreszeit, in der gewiß nie mand 
aus Neigung, sondern nur um sich zu wärmen, hier und da ein Glas 
„Aquavit oder weiß Magen-Wasser“ getrunken und von den feurig-süßen 
Weinen eine und die andere Flasche geleert, auch wohl einen kleinen Schluck 
Wein regelmäßig vor der Mahlzeit nicht verachtet, weil so ein Glas „gar 
gesund, denn der Appetit zum Essen dadurch befördert wird“ — dann 
meldeten sich mitunter im Frühjahr doch allerlei Beschwerden und Un— 
bequemlichkeiten. Das Blut war zu dick geworden und der Magen ziemlich 
verdorben. In Berlin waren die Weine und Liköre zwar bekanntermaßen 
sämtlich unverfälscht und rein. Trotzdem konnten eine vorsichtige Diät 
und gänzliche Enthaltsamkeit vom süßen Weine nach den Anstrengungen 
des Winters im Frühjahr nötig werden. Die Liebhaber des Weines wurden 
zuzeiten wahre Verehrer des sonst gehaßten Wassers; sie verschrieben sich 
direkt aus Pyrmont als stärkende Purganz eine Portion Brunnen oder 
verschafften sich um zivilen Preis „gut frisch Sältzer-Wasser“, um gemeinsam 
mit einem Freunde Buße zu tun und recht zurückgezogen in der Stille 
eines Gartenhauses, frei „pvon allen Chagrin oder Gemühts-Bewegung“, 
andächtig achtzehn große Bouteillen Brunnen zu trinken. 
Das Erwachen der Liebe zur Natur, das Bedürfnis nach ländlicher 
Ruhe verbunden mit wirklicher, starker Neigung zu reinigendem Wasser, 
das den Magen gründlich ausspülte und den zähen Schleim löste, war 
im Frühjahr so auffällig, daß es lohnte, für die vielen, die sich plötzlich 
zum Wasser bekehrten, zu sorgen. Wie billig, taten das die einundzwanzig 
Apotheker Berlins. Im Mai jedes Jahres trafen bei dem Apotheker Jampert 
z. B. die verschiedensten, heilkräftigen Wässer ein; und zwar ein so starker 
Vorrat, der es ihm erlaubte, auch nach auswärts, sobald eine Bestellung 
franko bei ihm einging, prompt zu expedieren. War es grühling geworden, 
dann lasen die Freunde des Weines im Intelligenzblatte: „Denen Liebhabern 
derer mineralischen Wässern oder Gesund-Brunnens dienet zu beliebter 
Nachricht, daß wiederum frisch angekommen Pyrmonter-⸗ Egersches⸗ Seltzer
	        
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