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Full text: Internationale Aufgaben der Universität / Diels, Hermann (Public Domain)

17. Jahrhundert dringt das Maskulinum vor. Genau so wird bei 
uns im Mittelhochdeutschen Karrosche bald männlich, bald weib- 
lich gebraucht, indem die ursprünglich auch in der Bedeutung 
etwas differenzierten Ableitungen von carrus (italienisch carroccto 
und carrozza) bei uns und bei den Franzosen durcheinander 
liefen. Es bleibt also dabei, daß der allmächtige König Ludwig 
nicht Herr war über die Sprache, wie sein sprachgewaltigster 
Zeitgenosse, Moliere, selbst anerkennt: 
La grammaire qui satl vegenter jusqu aux V0LS. 
Dies sollte bereits Tiberius erfahren. Als er in einem 
Erlasse ein ungebräuchliches Wort angewandt und damit Anstoß 
erregt hatte, legte er einer Sachverständigen-Kommission die 
Frage vor, ob man jenes Wort wirklich gebrauchen dürfe. Der 
Hofphilologe Ateius Capito meinte: „Wenn das Wort bisher auch 
nicht üblich war, so wird es von nun an auf Deinen Befehl 
üblich werden.“ Darauf sagte Marcellus: „O Kaiser, Menschen 
kannst Du wohl das römische Bürgerrecht verleihen, aber nicht 
Wörtern.“ 
Wie außerordentlich schwer es fällt, sprachliches Eigen- 
gewächs zum Gemeingut der Nation zu machen, ersieht man am 
besten aus den jahrhundertalten Bestrebungen der deutschen 
Sprachreiniger, deren Neubildungen nur schwer allgemeine Ver- 
breitung gewinnen, und aus dem allseitigen Widerwillen, den 
gewaltsame Sprachneuerer auf allen Seiten finden. Alte Kultur- 
sprachen wie alte Bäume lassen sich nicht am Spalier in be- 
liebige Formen zerren. Sie haben ihr eigenes Wachstumsgesetz, 
gegen das individuelle Willkür fast machtlos ist. Die Sprache 
ist eben keine bloße Funktion des Individuums, wie moderne 
Sprachforscher uns glauben machen wollen, sondern sie wurzelt 
wie alle sozialen Organisationen der Menschheit im tiefsten Grunde 
der Volksseele und sie entwickelt wie alle übrigen Organismen
	        
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