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Der Heimgang

Full text: Erinnerungen an Heinrich Seidel / Seidel, Heinrich Wolfgang (Public Domain)

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Programmentwurfe vorgemerkt, der für eine Vor— 
lesung in der Gottsched-Gesellschaft bestimmt war. 
Er selber hatte auch den Tag dieser Vorlesung 
darüber geschrieben: den 7. November 1906. Es 
war sein Todestag. 
Sodann erinnere ich mich an den Sylvesterabend 
1900, der den Anbruch des neuen Jahrhunderts 
brachte. Alle unsere Zimmer in dem kleinen Lichter⸗ 
felder Hause waren erleuchtet und glänzten von Har⸗ 
monie und Freude. Von den Wänden und überall- 
her sprach die Erinnerung vergangener Menschen und 
Zeiten, und auch mein Vater empfand sie in dieser 
Stunde. Er hatte sich vor einigen Wochen erkältet, 
fühlte sich unwohl und war zunächst gegen seine Ge— 
wohnheit schweigsam und nachdenklich. Beim Essen 
fuhr er zuweilen aus dumpfem Bruten auf und rief: 
„Wie schrecklich, wenn man von ganz erwachsenen 
Zeiten schon sagen kann, sie sind sechsunddreißig 
Jahre her! Damals war ich in Güstrow.“ Ein anderes 
Mal machte er uns mit ganz hoher und seltsamer 
Stimme den Herbstgesang der Amsel vor, dem er im 
Garten nachzuspüren pflegte: „Die Jugendzeit, die 
schöne Zeit .. sie liegt so weit, so weit.. die Jugend— 
zeit ..“ Dann wieder lachte er und wünschte sich 
zum nächsten Weihnachten Müffchen — mit einer 
weißen Krause — damit ihm der Wind nicht immer 
so in die Armel hineinwehen könne. Denn er sei 
ein alter Mann übers Jahr, wir sollten es nur ab— 
warten. Unsere Mutter lachte mit ihm und ging in 
ihrer Gebrechlichkeit ruhelos hinter ihm her — mir
	        
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