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Aus der Werkstatt

Full text: Erinnerungen an Heinrich Seidel / Seidel, Heinrich Wolfgang (Public Domain)

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viele Dichter. Lenau, der alles durch die dunklen 
Gläser seiner Melancholie betrachtet, Heine, der bald 
durch das feurige Glas der Sinnlichkeit, bald durch 
den Zerrspiegel die Welt ansieht; Goethe jedoch ist 
der reine klare Spiegel, der objektiv wiedergibt in 
dichterischer Verklärung, was dem unbefangenen Blick 
sich darbietet. 6. 8. 1869. 
Von gewaltigem Einflusse ist der augenblickliche 
Zustand der Witterung auf das Gemüt und die Ent— 
schließungen der Menschen. Nicht mit Unrecht bildet 
darum das Wetter einen so wichtigen und doch oft 
geschmähten und belächelten Teil unserer Unterhal⸗ 
tungen. Der lähmende Einfluß langer trüber Tage 
hat gewiß manche Entschließung verhindert, während 
ein frischer, sonniger Frühlingstag mit seinem Hoffnung 
weckenden, belebenden Einfluß manchen Gedanken zur 
Tat gekräftigt hat, der sich sonst wohl als Gedanke 
überlebt hätte. Merkwürdig verschieden ist die Wir— 
kung auf verschiedene Charaktere. Mich stimmt es 
immer freudig, wenn ich Morgens beim Erwachen 
den Regen ans Fenster klatschen höre. 7. 8. 1869. 
Es gibt viele Menschen, welche im Augenblick der 
Verzweiflung im Ernst gewünscht haben, sie wären 
tot, aber sehr wenige unter diesen, welche in dem— 
selben Augenblick, von einer Todesgefahr bedroht, 
nicht mit allen Dräften versucht hätten, sich zu retten. 
7. 8. 1860.
	        
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