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Der Allgemeine deutsche Reimverein (Doktor Havelmüller)

Full text: Erinnerungen an Heinrich Seidel / Seidel, Heinrich Wolfgang (Public Domain)

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in seiner Klasse mit null Fehlern den ausgesetzten 
Preis, die fein in Pergamentpapier gebundenen Ge— 
dichte unseres verstorbenen Hinzpeter, gewann. In 
eine höhere Klasse aufgerückt, wo die jungen Leute 
schon Roman haben, zeichnete er sich besonders im 
Schnelldichten aus; für einen zukünftigen Roman— 
schriftsteller natürlich die wichtigste Eigenschaft bei 
der großen Konlkurrenz in diesem beliebten Fache. 
Herr Ballheim hat bekanntlich für solchen Zweck in 
der diesbezüglichen Klasse ein sogenanntes wöchent⸗ 
liches Meterschreiben eingerichtet, wobei die jungen 
Leute, selbstredend über ein gegebenes Thema, sich 
im schnellen Anfertigen von Romankapiteln üben. 
Es läßt sich denken, daß die Fortgeschritteneren in 
den dafür angesetzten drei Stunden etwas Umfang— 
reiches leisten, und daß es Herrn Ballheim keine 
geringe Zeit kostet, alle die Arbeiten dieser und der 
anderen Klassen nachzusehen und zu korrigieren. Er 
pflegt deshalb seine besseren Schüler dazu heranzu—⸗ 
ziehen und fand besonders in Herrn Schwengel eine 
geeignete Kraft für diesen Zweck. Dabei fiel es ihm 
auf, daß dieser zuweilen scheinbar höchst treffende 
Bemerkungen über die Charaktereigenschaften von 
Schülern der unteren Klasse machte, die ihm persön— 
lich gar nicht bekannt waren. Zum Beispiel sagte er 
eines Tages plötzlich, als er die Arbeit eines jungen, 
erst sechzehnjährigen Menschen Namens Käsemeier 
nachsah, der trotz seiner Jugend eine gute Hand für 
die Behandlung der heimlichen Freuden einer verbor⸗ 
genen Liebe zeigte: „Dieser junge Mensch pflegt heim⸗
	        
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