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Kistemachers überschüttete, war doch immer eine
Schranke, kaum gesehen, kaum gefühlt, und doch war
sie da. Hier war keine.
Sie reichten einander die Hände mit einem herz⸗
lichen Druck
„Glück auf, Fräulein Reinharz!“ sagte Heider
frisch. „Ich weiß es, Sie schreiben gut, ich lese es
auf Ihrem Gesicht. Sie haben einen Mund, ein
Kinn, so energisch, wie ich's noch bei keinem Frauen⸗
zimmer gesehen habe. Und in Ihren Augen ist
Lyrik, viel warme Empfindung — Mund und
Augen, eine glückliche Vereinigung!“ Er zog
den Hut von der schwarzen Mähne und schwenkte
ihn mit einer komischen Galanterie. „Alle Achtung,
ich bin noch keinem Mädchen begegnet, das mir so
gut gefallen hätte! Und ich bin Kenner.“
„Danke!“ sagte sie heiter, hob das frische Gesicht
zu ihm auf und lachte ihn aus freundlichstrahlenden
Augen an. „Sie gefallen mir auch sehr gut!“
Er küßte nicht ihre Hand, aber er hielt sie eine
ganze Weile in der seinen. Seine Augen ruhten
mit einem warmen Blick auf dem Mädchen; die
Vorübergehenden mochten sie wohl für ein Liebes—
paar halten.
„Wir wollen uns wiedersehen. Ist es Ihnen
recht, Fräulein Reinharz, wenn ich Sie besuche?“