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an Leib und Seele; er hat uns wunderbar behütet und, wenn
es nach dem Willen der Feinde zu Ende gehen sollte, immer
wieder neue Kraft geschenkt, daß wir wie die Adler mit Flügeln
auffahren konnten, sei es auch mit einigen ausgerissenen
Schwungfedern. Und das Beste war und ist, daß er uns in
dieser zweifelvollen Zeit im Glauben erhielt ohne Anfechtung.
So sei denn ihm, ihm allein alle Ehre für den 20. und den
22. September, diese Tage unvergänglichen Segens für mich.
Und er geleite Dich frisch und fröhlich in Dein altes Heim
zurück, das sich freut, Dich wiederzusehen.
Es ist heute eine gewaltige Gebetsepistel; der Herr soll sie
uns ins Herz schreiben, auf Nievergessen und Immerhalten.“
Die Notwendigkeit des Feierabends machte sich in der Tat
immer stärker fühlbar. Und die Tage des Alters gefielen auch
Stoecker nicht. Ein Arzt wurde konsultiert. Stoecker erklärte ihm,
er sei bereit, alle wünschenswerten Verhaltungsmaßregeln zu be—
folgen. „Nur ein Spittelweib will ich nicht werden.“ Aber
er hat auch das noch lernen und sich in den Gedanken finden
müssen, der ihm anfangs unerträglich schien: da zu sein auf
der Erde, und doch nicht mehr zu wirken und zu arbeiten für
Gottes Reich.
Die Diagnose des Arztes lautete übrigens noch nicht un—
günstig. Er habe noch starke Reserven in seinem von Natur
so gesunden Körper. Eine hygienisch richtige Lebensführung
sei aber durchaus vonnöten. Mit der Befolgung der ärztlichen
Vorschriften hat es dann freilich manchesmal gehapert. Das be—
hutsame Haushalten mit den Körperkräften wollte erst gelernt
sein von dem, der 70 Jahre lang seinem Körper alles hatte zu—
muten können.
Im Sommer 18906 hatte Stoecker noch eine freundliche und
glückliche Zeit auf dem Raintaler Hof. Pastor D. Fr. v. Bodel—⸗
schwingh berichtet darüber: „Es war im Hochsommer des Jahres
1906. Der Abend nach heißem Tag war bereits kühl geworden
und die Sonne schien nicht mehr über die Tiroler Berge in das
tiefe Tal der Partnach hinein. Da begegneten sich zwei alte
Freunde, die im Leben nicht eben sehr viel Muße gehabt, ihre
innersten Geheimnisse voreinander auszutauschen. Jetzt an ihrem
Spätabend wollten sie miteinander einige stille Feierabendwochen
zubringen und das Versäumte nachholen.
Bruder Stoecker kam, damals schon seit einiger Zeit recht
leidend, mit seiner Frau in das tiefe Tal hinuntergestiegen, um
mich persönlich in sein Tuskulum abzuholen. Ich hatte das
Bedürfnis, nachdem unsere Wege nicht immer ganz miteinander
gestimmt hatten, einmal in voller Ruhe mich mit ihm auszu—