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XXVIII. Stoecker als Theologe, als Pfarrer, als Kirchenpolitiker

Full text: Adolf Stoecker / Oertzen, Dietrich von (Public Domain)

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weise auch an ihm nicht spurlos vorüber. Es gab eine Zeit, wo 
seine natürliche Liebenswürdigkeit zurücktrat gegen eine gewisse 
immerhin naive Tendenz, überall den Mittelpunkt abzugeben, 
in Gesellschaften nur selbst zu reden und sonst niemandem das 
Wort zu lassen. Aber die göttliche Pädagogik nahm ihn in 
schwere Schule. Wenn er es gelegentlich nicht allzu genau mit 
den Anforderungen eines priesterlichen Wesens genommen hatte, so 
nahm Gott es mit ihm sehr genau, und im Laufe der Jahre und 
der Prüfungen wurde er vorsichtiger, ernster, genauer, reifte er 
heran zu einer geheiligten Persoönlichkeit. 
Die Vorwürfe der Gegner waren fast durchweg vom Haß 
erzeugte Torheiten. Den Vorwurf der Unaufrichtigkeit hat nie— 
mals ein Freund erhoben, oder auch nur ein Mensch, der Stoecker 
wirklich kannte. Alle bezüglichen Behauptungen und Beweis— 
versuche zerstieben bei ernstlicher Prüfung des Tatbestandes wie 
Spreu im Winde. Nicht besser steht es mit dem oft erhobenen 
Vorwurf der Eitelkeit. Stoecker hatte ein starkes Gefühl seines 
Wertes und seiner Persönlichkeit, aber von niederer Eitelkeit war 
er frei. Er sah die Menschen an und nicht ihre äußere Stellung. 
Wenn ein altes Mütterchen ihn um eine Ansprache in ihrem 
Nähverein bat, so sagte er mit gleicher Freundlichkeit zu, wie zu 
der Volksrede vor Tausenden. Im Grunde seines Herzens wohnte 
die Königin aller christlichen Tugenden, die Demut. 
Mustergültig war seine Stellung zu Geld und Gut und 
Besitz. In seinen eigenen Ansprüchen war er von größter Ein— 
fachheit und Sparsamkeit. An Reisetagen half er sich mit Brot 
und Wurst durch den Tag. Seinen Handlkoffer trug er selbst. In 
seinem Hause wurde, trotzdem er vermögend war, der einfache 
Charakter des Pfarrhauses konsequent festgehalten. Schmause— 
reien in Pfarrhäusern verurteilte er. War er aber sparsam für 
sich selbst, so war er freigebig und uneigennützig im höchsten Maße, 
wo es die Interessen des Reiches Goͤttes galt, mochte sich's um 
sachliche Notstände bedrohter Werke handeln, oder um die persön— 
liche Bedürftigkeit einzelner. Große Summen hat Stoecker fort— 
gegeben, auch Kapitalien als Darlehen, wo von Sicherheit keine 
Rede mehr sein konnte. Jeder Parteigenosse, der in Not geriet, 
wandte sich an ihn, und oft genug nicht vergebens. 
Stoeckers Uneigennützigkeit wurde denn auch von Gott 
reichlich gesegnet, insofern sich ihm ungezählte Herzen und Hände 
zum Geben öffneten. Es ist geradezu staunenswert, welche 
Summen ihm in den Schoß fielen. Allein der Etat der Stadt— 
mission, der aus kleinen Anfängen erst in die Zehntausende, dann 
in die Hunderttausende ging, ist ein Wunder. Das Baukapital 
für eine Stoecker-Kirche (250 000 Mark) kam schnell zusammen.
	        
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